Im Mai 2022, wenige Wochen nach Beginn der groß angelegten Invasion Russlands in der Ukraine, nahm der Musiker Bulat Chalilow an einer Demonstration in Naltschik teil, einer Stadt im Süden Russlands am Fuße des Kaukasus. Als er sich einer Gruppe anschloss, die sich um das Denkmal für die tscherkessischen Opfer des russisch-tscherkessischen Krieges versammelt hatte, wurde Chalilow von einem Polizisten angesprochen. Er befürchtete Ärger. Zu seiner Überraschung aber fragte der Polizist: „Sind Sie der von Ored Recordings? Ich folge Ihnen auf Instagram. Was Sie machen, ist großartig.“

Die Versammlung wurde trotzdem aufgelöst, aber die Begeisterung, die Ored Recordings selbst bei den Ordnungshütern auslöst, spricht Bände über die Kraft dessen, was Chalilow und sein Freund Timur Kodzoko, Mitbegründer des Labels, als „Punk-Ethnografie“ bezeichnen: Um gegen die Auslöschung der tscherkessischen Kultur zu kämpfen, nehmen sie bei Familienfeiern, lokalen Festen und in den Küchen der Menschen die religiösen Gesänge, Klageliedern und Vertriebenenlieder auf, die gesungen und gespielt werden.

Als Land erstreckte sich Tscherkessien einst von der Schwarzmeerküste im Westen bis zu den Ausläufern und hohen Bergrücken des Großen Kaukasus im Osten, vom Kuban-Flussbecken im Norden bis zu den Bergtälern an der Grenze zum heutigen Georgien im Süden. Mitte des 18. Jahrhunderts marschierte Russland in Tscherkessien ein. Im Anschluss wurden rund 95 Prozent der Bevölkerung systematisch getötet oder vertrieben. Heute ist Tscherkessien ein fragmentiertes, auf mehrere Regionen der Russischen Föderation aufgeteiltes Gebiet, mit Diaspora-Gemeinschaften, die weiter über die Türkei, den Nahen Osten und Europa verstreut sind.

Die eigenen Traditionen wurden zu etwas Exotischem erklärt

Während die russische Kultur im orthodoxen Christentum verwurzelt ist, ist der vorherrschende Glaube der Tscherkessen heute der sunnitische Islam. Sie haben ihre eigenen Tanztraditionen, Hochzeitsbräuche und ethischen Grundsätze, die ihre Musik beeinflussen. „Innerhalb Russlands wurde die tscherkessische Kultur häufig zu etwas Exotischem gemacht. Wir trugen eine Art internalisierten Selbstzweifel mit uns herum, geprägt von sowjetischen und postsowjetischen Einstellungen, die die lokale Kultur als rückständig darstellten“, erklärt der 1987 in Naltschik geborene Chalilow, der tscherkessischer Abstammung ist.

Inspiriert von „Field Recordings“, Vorort-Aufnahmen wie sie der Klangforscher Chris Watson und der Klangkünstler BJ Nilsen machten, begannen Chalilow und Kodzoko damit, die Musik des Nordkaukasus zu dokumentieren. Das Label Ored gründeten sie 2013. Ein Jahr später veröffentlichten sie ihr erstes Album: die Dokumentation eines Musikfestivals zum 100. Geburtstag des virtuosen Volksmusikers Aslanbek Chich.

Die Musik der Tscherkessen und des gesamten Nordkaukasus ist in erster Linie von Stimme, Erinnerung und sozialer Funktion geprägt und weniger von Aufführung oder Spektakel. Der Schwerpunkt liegt auf Solo- und Kleingruppengesang, darunter Klagelieder, Trauerlieder, historische Erzählungen, rituelle Gesänge und Lieder über Arbeit, Widerstand und Vertreibung. Diese Traditionen basieren auf modalen Melodien, lang gehaltenen Tönen und subtilen Verzierungen, wobei westliche harmonische Entwicklungen vermieden werden.

Die Entdeckung der Klänge eines uralten Landes

Die Musik ist von Zurückhaltung und Verdichtung geprägt; es gibt wenig Chorharmonien oder dramatische Ausbrüche. Emotionen werden dabei eher durch Atmung, Klangfarbe und Phrasierung als durch Lautstärke vermittelt. Instrumente wie Pkhachich (Perkussionsklatscher) oder Shichepshin (Streichlaute/Flöte) unterstützen in der Regel eher den Gesang, als dass sie ihn anführen.

Viele Instrumente haben verschiedene Namen in der Region – der französische Filmemacher Vincent Moon hat diese Vielfalt in seinem Dokumentarfilm eingefangen: Circassia: Sonic Exploration of an Ancient Land (deutsch in etwa: Tscherkessien: Klangliche Entdeckung eines uralten Landes) entstand aus Material, das er 2011 während einer Reise mit Chalilow und Kodzoko gedreht hat.

Seit seiner Gründung hat Ored Recordings jedes Jahr um den 21. Mai herum, dem Tscherkessischen Trauertag, ein Album herausgebracht. Dieser Tag markiert das Ende des russisch-tscherkessischen Krieges im Jahr 1864 und den Beginn der Massenvertreibung. Oreds Veröffentlichungen stellen die Stimmen der Diaspora als integralen Bestandteil der tscherkessischen Geschichte in den Vordergrund. Durch die Verknüpfung von Archivaufnahmen, historischem Kontext und zeitgenössischer Reflexion macht das Label den 21. Mai zu einem lebendigen Ritual, bei dem Musik zu einem Mittel wird, die erlittenen Verluste zu betrauern und darüber hinweg eine Kontinuität zu pflegen.

„Als Kinder waren wir oft skeptisch gegenüber unserer Kultur. Traditionelle Musik fanden wir altmodisch oder irrelevant. Gleichzeitig hatten wir das starke Gefühl, dass wir keine Russen waren, auch wenn wir nicht klar definieren konnten, was es bedeutete, Tscherkesse zu sein“, erinnert sich Chalilow. „Das Ziel ist nicht, Rache zu nehmen, oder eine Form der Vorherrschaft durch eine andere zu ersetzen, sondern eine Zukunft zu imaginieren, in der verschiedene Gemeinschaften sicher und frei koexistieren können.“

Der russische Imperialismus damals und heute

Nach Februar 2022 sind Parallelen zwischen Russlands historischen Eroberungen im Kaukasus und seinem aktuellen Krieg offensichtlicher geworden – es ist aber auch gefährlicher geworden, das in Russland offen auszusprechen.

In den ethnischen Republiken der russischen Föderation werden Stimmen gegen Krieg und Imperialismus schnell unterdrückt, während staatliche Institutionen Narrative der Loyalität und Einheit rund um den Krieg in der Ukraine fördern. Da sie sich durch die zunehmende Isolation ihrer Region von der Außenwelt eingeschränkt fühlten, beschlossen Chalilow und Kodzoko, ihre Heimat zu verlassen.

Im ersten Schritt zogen sie mit ihren Familien nach Georgien, wo sie fast zwei Jahre auf ein Visum für Deutschland warteten. Heute leben sie in Göttingen. Ende des Monats (Januar) wird das Düsseldorfer Musiklabel TAL Music from the Caucasus – The Archive of Ored Recordings 2013–2023 herausbringen, eine Zusammenstellung verschiedener Aufnahmen mit Geschichten über Kampf, Unabhängigkeit und die Rolle des historischen Gedächtnisses in der Gegenwart.

Neue Projekte, nun in Deutschland

Der Umzug nach Deutschland hat die Beziehung der beiden Label-Macher zur tscherkessischen Diaspora verändert. Die Nähe zu anderen Künstlern und Musiklabels eröffnet neue experimentelle Möglichkeiten, darunter ein elektronisches Projekt mit der in Berlin lebenden Komponistin und experimentellen Cellistin Martina Bertoni und TAL-Gründer Stefan Schneider, der früher Teil des Berliner Elektronika-Trios To Rococo Rot war.

Ored setzt seine regionale Schwerpunktarbeit mit Musikern aus dem Nordkaukasus und Archivprojekten fort. Die karatschaische Band Gollu bereitet ein neues Album vor, während Kodzokos eigene Band Jrpjej mit der in Berlin lebenden Sängerin Swetlana Mamreschewa zusammenarbeitet. Zudem entwickelt das Label Archivprojekte mit Musiker:innen der turksprachigen ethnischen Minderheit Nogai, die im ganzen Nordkaukasus, der Wolga-Region und Zentralasien verstreut ist.

„Mit der Zeit ist uns klar geworden, dass es nicht Trauma oder eine Opfer-Narrative sind, die den Wert der Musik ausmachen – es sind die Geschichten dahinter“, erzählt Khalilov. „Die Traurigkeit dieser Lieder ist nicht abstrakt; sie sind verbunden mit Völkermord, Vertreibung, Verlust der Sprache und alltäglichen kolonialen Bedingungen, die auch heute noch existieren. Historische Probleme prägen weiterhin die Gegenwart. Wenn wir etwas daran ändern wollen, müssen wir darüber sprechen.”

Music from the Caucasus – The Archive of Ored Recordings 2013–2023 erscheint am 30. Januar.

cht Bände über die Kraft dessen, was Chalilow und sein Freund Timur Kodzoko, Mitbegründer des Labels, als „Punk-Ethnografie“ bezeichnen: Um gegen die Auslöschung der tscherkessischen Kultur zu kämpfen, nehmen sie bei Familienfeiern, lokalen Festen und in den Küchen der Menschen die religiösen Gesänge, Klageliedern und Vertriebenenlieder auf, die gesungen und gespielt werden.Als Land erstreckte sich Tscherkessien einst von der Schwarzmeerküste im Westen bis zu den Ausläufern und hohen Bergrücken des Großen Kaukasus im Osten, vom Kuban-Flussbecken im Norden bis zu den Bergtälern an der Grenze zum heutigen Georgien im Süden. Mitte des 18. Jahrhunderts marschierte Russland in Tscherkessien ein. Im Anschluss wurden rund 95 Prozent der Bevölkerung systematisch getötet oder vertrieben. Heute ist Tscherkessien ein fragmentiertes, auf mehrere Regionen der Russischen Föderation aufgeteiltes Gebiet, mit Diaspora-Gemeinschaften, die weiter über die Türkei, den Nahen Osten und Europa verstreut sind.Die eigenen Traditionen wurden zu etwas Exotischem erklärtWährend die russische Kultur im orthodoxen Christentum verwurzelt ist, ist der vorherrschende Glaube der Tscherkessen heute der sunnitische Islam. Sie haben ihre eigenen Tanztraditionen, Hochzeitsbräuche und ethischen Grundsätze, die ihre Musik beeinflussen. „Innerhalb Russlands wurde die tscherkessische Kultur häufig zu etwas Exotischem gemacht. Wir trugen eine Art internalisierten Selbstzweifel mit uns herum, geprägt von sowjetischen und postsowjetischen Einstellungen, die die lokale Kultur als rückständig darstellten“, erklärt der 1987 in Naltschik geborene Chalilow, der tscherkessischer Abstammung ist.Inspiriert von „Field Recordings“, Vorort-Aufnahmen wie sie der Klangforscher Chris Watson und der Klangkünstler BJ Nilsen machten, begannen Chalilow und Kodzoko damit, die Musik des Nordkaukasus zu dokumentieren. Das Label Ored gründeten sie 2013. Ein Jahr später veröffentlichten sie ihr erstes Album: die Dokumentation eines Musikfestivals zum 100. Geburtstag des virtuosen Volksmusikers Aslanbek Chich.Die Musik der Tscherkessen und des gesamten Nordkaukasus ist in erster Linie von Stimme, Erinnerung und sozialer Funktion geprägt und weniger von Aufführung oder Spektakel. Der Schwerpunkt liegt auf Solo- und Kleingruppengesang, darunter Klagelieder, Trauerlieder, historische Erzählungen, rituelle Gesänge und Lieder über Arbeit, Widerstand und Vertreibung. Diese Traditionen basieren auf modalen Melodien, lang gehaltenen Tönen und subtilen Verzierungen, wobei westliche harmonische Entwicklungen vermieden werden.Die Entdeckung der Klänge eines uralten LandesDie Musik ist von Zurückhaltung und Verdichtung geprägt; es gibt wenig Chorharmonien oder dramatische Ausbrüche. Emotionen werden dabei eher durch Atmung, Klangfarbe und Phrasierung als durch Lautstärke vermittelt. Instrumente wie Pkhachich (Perkussionsklatscher) oder Shichepshin (Streichlaute/Flöte) unterstützen in der Regel eher den Gesang, als dass sie ihn anführen.Viele Instrumente haben verschiedene Namen in der Region – der französische Filmemacher Vincent Moon hat diese Vielfalt in seinem Dokumentarfilm eingefangen: Circassia: Sonic Exploration of an Ancient Land (deutsch in etwa: Tscherkessien: Klangliche Entdeckung eines uralten Landes) entstand aus Material, das er 2011 während einer Reise mit Chalilow und Kodzoko gedreht hat.Seit seiner Gründung hat Ored Recordings jedes Jahr um den 21. Mai herum, dem Tscherkessischen Trauertag, ein Album herausgebracht. Dieser Tag markiert das Ende des russisch-tscherkessischen Krieges im Jahr 1864 und den Beginn der Massenvertreibung. Oreds Veröffentlichungen stellen die Stimmen der Diaspora als integralen Bestandteil der tscherkessischen Geschichte in den Vordergrund. Durch die Verknüpfung von Archivaufnahmen, historischem Kontext und zeitgenössischer Reflexion macht das Label den 21. Mai zu einem lebendigen Ritual, bei dem Musik zu einem Mittel wird, die erlittenen Verluste zu betrauern und darüber hinweg eine Kontinuität zu pflegen.„Als Kinder waren wir oft skeptisch gegenüber unserer Kultur. Traditionelle Musik fanden wir altmodisch oder irrelevant. Gleichzeitig hatten wir das starke Gefühl, dass wir keine Russen waren, auch wenn wir nicht klar definieren konnten, was es bedeutete, Tscherkesse zu sein“, erinnert sich Chalilow. „Das Ziel ist nicht, Rache zu nehmen, oder eine Form der Vorherrschaft durch eine andere zu ersetzen, sondern eine Zukunft zu imaginieren, in der verschiedene Gemeinschaften sicher und frei koexistieren können.“Der russische Imperialismus damals und heuteNach Februar 2022 sind Parallelen zwischen Russlands historischen Eroberungen im Kaukasus und seinem aktuellen Krieg offensichtlicher geworden – es ist aber auch gefährlicher geworden, das in Russland offen auszusprechen.In den ethnischen Republiken der russischen Föderation werden Stimmen gegen Krieg und Imperialismus schnell unterdrückt, während staatliche Institutionen Narrative der Loyalität und Einheit rund um den Krieg in der Ukraine fördern. Da sie sich durch die zunehmende Isolation ihrer Region von der Außenwelt eingeschränkt fühlten, beschlossen Chalilow und Kodzoko, ihre Heimat zu verlassen.Im ersten Schritt zogen sie mit ihren Familien nach Georgien, wo sie fast zwei Jahre auf ein Visum für Deutschland warteten. Heute leben sie in Göttingen. Ende des Monats (Januar) wird das Düsseldorfer Musiklabel TAL Music from the Caucasus – The Archive of Ored Recordings 2013–2023 herausbringen, eine Zusammenstellung verschiedener Aufnahmen mit Geschichten über Kampf, Unabhängigkeit und die Rolle des historischen Gedächtnisses in der Gegenwart.Neue Projekte, nun in DeutschlandDer Umzug nach Deutschland hat die Beziehung der beiden Label-Macher zur tscherkessischen Diaspora verändert. Die Nähe zu anderen Künstlern und Musiklabels eröffnet neue experimentelle Möglichkeiten, darunter ein elektronisches Projekt mit der in Berlin lebenden Komponistin und experimentellen Cellistin Martina Bertoni und TAL-Gründer Stefan Schneider, der früher Teil des Berliner Elektronika-Trios To Rococo Rot war. Ored setzt seine regionale Schwerpunktarbeit mit Musikern aus dem Nordkaukasus und Archivprojekten fort. Die karatschaische Band Gollu bereitet ein neues Album vor, während Kodzokos eigene Band Jrpjej mit der in Berlin lebenden Sängerin Swetlana Mamreschewa zusammenarbeitet. Zudem entwickelt das Label Archivprojekte mit Musiker:innen der turksprachigen ethnischen Minderheit Nogai, die im ganzen Nordkaukasus, der Wolga-Region und Zentralasien verstreut ist.„Mit der Zeit ist uns klar geworden, dass es nicht Trauma oder eine Opfer-Narrative sind, die den Wert der Musik ausmachen – es sind die Geschichten dahinter“, erzählt Khalilov. „Die Traurigkeit dieser Lieder ist nicht abstrakt; sie sind verbunden mit Völkermord, Vertreibung, Verlust der Sprache und alltäglichen kolonialen Bedingungen, die auch heute noch existieren. Historische Probleme prägen weiterhin die Gegenwart. Wenn wir etwas daran ändern wollen, müssen wir darüber sprechen.”Music from the Caucasus – The Archive of Ored Recordings 2013–2023 erscheint am 30. Januar.



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