Ruhollah Chomeini (rechts) und sein eigentlicher designierter Nachfolger Hossein Ali Montazeri (links)

Foto: Kaveh Kazemi/Getty Images


Ausgerechnet der Sohn des Schah befeuert die Proteste im Iran. Wer aus der Revolutionsgeschichte des Landes etwas gelernt hat: Reza Pahlavi ist sicher keine geeignete Übergangsfigur, für die Zeit nach dem Ende des Mullah-Regimes

Wenn es in Irans Gesellschaft sowie in der Diaspora einen Vorwurf gibt, der in seiner Verbreitung mit dem an die Eltern und Großeltern gerichteten „Wo warst du im Dritten Reich?“ der deutschen Nachkriegsgenerationen mithalten kann, dann lautet er: „Wie konntet ihr eine Revolution begehen, ohne einen Plan B zu haben!“

Mit anderen Worten: Wie konntet ihr euch so wenig mit Khomeini auseinandersetzen, bevor ihr den Schah gestürzt habt? Diese Auseinandersetzung war möglich: Khomeini hatte niedergeschrieben, was er tun würde, sollte er die Hebel in der Hand halten. Despoten tun das. Mal deutlicher, mal weniger deutlich.

Hossein Ali Montazeri ist heute eine Erinnerung wert

Auch Khomeini behauptete, nur einen Übergang herstellen zu wollen – um dann bis zu seinem Lebensende nicht zu gehen. Aus der Psychologie der Macht erklärt sich das nur teilweise. Entscheidend ist etwas anderes: Übergänge werden zeitlich nicht verbindlich abgesteckt. Die Figur des Übergangs hält sich fast immer die Option offen, länger zu bleiben – und selbst zu bestimmen, wann der Job erledigt sei.

In makabrer Deutlichkeit brachte das Muammar al-Gaddafi 2009 in seinem berüchtigten Interview mit Larry King zum Ausdruck. Als dieser ihn den „Führer Libyens“ nannte, korrigierte Gaddafi: „Ich bin der Führer der Revolution.“ Später präzisierte er: Er sei der Führer der Revolution, weil diese noch im Gange sei. Zu diesem Zeitpunkt regierte al-Gaddafi Libyen seit vierzig Jahren.

Khomeini wiederum behauptete sogar, nicht nur er, sondern die gesamte Geistlichkeit würde sich nach der Errichtung der Republik in die Moscheen und Koranschulen zurückziehen.

Als sein Nachfolger galt lange, aufgrund der religiösen Rangfolge, der Großayatollah Montazeri, eine der interessantesten wie tragischsten Figuren der Islamischen Republik. Der enge Mitstreiter Khomeinis trat jedoch kurz vor dessen Tod zurück – aus Protest gegen die Massenhinrichtungen der Linken. Also wurde Khamenei, der sich mit den Militärs gut arrangiert hatte, über Nacht zum Ajatollah erklärt, besetzte den leeren Platz und blieb bis heute.

Reza Pahlavi versprach, Donald Trump würde helfen kommen

Hossein Ali Montazeri hatte gewusst, dass die Tage des greisen Khomeini gezählt waren. Auf die Frage, warum er nicht die wenige Zeit abgewartet habe, antwortete er: „Wenn ich in der Zeit gestorben wäre, wie hätte ich Gott entgegentreten können?“ Später fügte sein Sohn hinzu, es habe ohnehin keinen Spielraum gegeben: Militärs und Funktionäre der Macht hatten sich längst entschieden. Für Khamenei.

Diese Anekdote zeigt zweierlei. Erstens: Selbst in einer De-facto-Diktatur wie dem Iran, noch dazu in einer Phase äußerster Isolation, entscheiden nicht Einzelpersonen, sondern Netzwerke. Macht ist ein Geflecht aus Loyalitäten, Interessen, Abhängigkeiten. Wer glaubt, Geschichte werde allein von moralisch integren Figuren entschieden, unterschätzt diese Dynamiken.

Der Schah-Sohn Reza Pahlavi hat ohnehin gerade auf das Fatalste bewiesen, über keinerlei Integrität zu verfügen: Aus seinem Exil in den USA versprach er, ausgerechnet der unzuverlässige, unberechenbare Donald Trump würde helfend eingreifen, er rief die Menschen zu Protesten auf. Als sie niedergemäht worden waren, versuchte er sich in zynischer Polemik: „Das ist ein Krieg. Im Krieg sterben Menschen.“

Die Linke hat mit den Mullahs gegen den Schah gekämpft und wurde dann vernichtet

Montazeri zeigte, was es bedarf, um Nein zu sagen. Er lebte asketisch, kannte Gefängnis, Gebet, Glauben und seine Charakterfestigkeit. Reza Pahlavi hingegen, der wie ferngesteuert wirkt, bringt ausschließlich Charaktereigenschaften und Biografie für eine perfekte Marionette mit.

Für uns Linke ist 1979 eine Warnung. Die Linke vor uns hat Seite an Seite mit den Mullahs gegen den Schah gekämpft und wurde durch die Mullahs anschließend systematisch vernichtet. Derzeit erheben Monarchie-nahe Kräfte im Iran in chauvinistisch-nationalistischen Reden den Vorwurf der Spaltung, wenn wir uns nicht eingliedern. Auch Vaterlandsverrat wird ironischerweise unterstellt.

Auf ihren Demos kann es indessen sein, dass mehr israelische denn iranische Flaggen wehen. Pahlavi selbst – der sich bis heute nicht von den Taten seines Vaters distanziert hat – richtet keinerlei Signale der Deeskalation oder Moderation an die eigene Basis. Ein weiteres fatales Zeichen seiner Inkompetenz oder seines Unwillens.

Die junge Generation braucht einen Plan B

So bitter es ist: Die junge iranische Generation täte gut daran, sich dringend jene Frage nach dem Plan B selbst zu stellen. Denn die Idee eines Erlösers mag ähnlich reizvoll sein wie die des guten Königs, der einem das politische Denken abnimmt. Leider existieren beide nicht.

Die Mündigkeit und Verantwortung, die eine Demokratie erfordert, kann nur von Bürgern erbracht werden – nicht von Untertanen.

Behzad Karim Khani wurde in Teheran geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Er ist Schriftsteller (zuletzt: Als wir Schwäne waren) und Herausgeber der Weltbühne.

tlich.Hossein Ali Montazeri ist heute eine Erinnerung wertAuch Khomeini behauptete, nur einen Übergang herstellen zu wollen – um dann bis zu seinem Lebensende nicht zu gehen. Aus der Psychologie der Macht erklärt sich das nur teilweise. Entscheidend ist etwas anderes: Übergänge werden zeitlich nicht verbindlich abgesteckt. Die Figur des Übergangs hält sich fast immer die Option offen, länger zu bleiben – und selbst zu bestimmen, wann der Job erledigt sei.In makabrer Deutlichkeit brachte das Muammar al-Gaddafi 2009 in seinem berüchtigten Interview mit Larry King zum Ausdruck. Als dieser ihn den „Führer Libyens“ nannte, korrigierte Gaddafi: „Ich bin der Führer der Revolution.“ Später präzisierte er: Er sei der Führer der Revolution, weil diese noch im Gange sei. Zu diesem Zeitpunkt regierte al-Gaddafi Libyen seit vierzig Jahren.Khomeini wiederum behauptete sogar, nicht nur er, sondern die gesamte Geistlichkeit würde sich nach der Errichtung der Republik in die Moscheen und Koranschulen zurückziehen.Als sein Nachfolger galt lange, aufgrund der religiösen Rangfolge, der Großayatollah Montazeri, eine der interessantesten wie tragischsten Figuren der Islamischen Republik. Der enge Mitstreiter Khomeinis trat jedoch kurz vor dessen Tod zurück – aus Protest gegen die Massenhinrichtungen der Linken. Also wurde Khamenei, der sich mit den Militärs gut arrangiert hatte, über Nacht zum Ajatollah erklärt, besetzte den leeren Platz und blieb bis heute.Reza Pahlavi versprach, Donald Trump würde helfen kommenHossein Ali Montazeri hatte gewusst, dass die Tage des greisen Khomeini gezählt waren. Auf die Frage, warum er nicht die wenige Zeit abgewartet habe, antwortete er: „Wenn ich in der Zeit gestorben wäre, wie hätte ich Gott entgegentreten können?“ Später fügte sein Sohn hinzu, es habe ohnehin keinen Spielraum gegeben: Militärs und Funktionäre der Macht hatten sich längst entschieden. Für Khamenei.Diese Anekdote zeigt zweierlei. Erstens: Selbst in einer De-facto-Diktatur wie dem Iran, noch dazu in einer Phase äußerster Isolation, entscheiden nicht Einzelpersonen, sondern Netzwerke. Macht ist ein Geflecht aus Loyalitäten, Interessen, Abhängigkeiten. Wer glaubt, Geschichte werde allein von moralisch integren Figuren entschieden, unterschätzt diese Dynamiken.Der Schah-Sohn Reza Pahlavi hat ohnehin gerade auf das Fatalste bewiesen, über keinerlei Integrität zu verfügen: Aus seinem Exil in den USA versprach er, ausgerechnet der unzuverlässige, unberechenbare Donald Trump würde helfend eingreifen, er rief die Menschen zu Protesten auf. Als sie niedergemäht worden waren, versuchte er sich in zynischer Polemik: „Das ist ein Krieg. Im Krieg sterben Menschen.“Die Linke hat mit den Mullahs gegen den Schah gekämpft und wurde dann vernichtetMontazeri zeigte, was es bedarf, um Nein zu sagen. Er lebte asketisch, kannte Gefängnis, Gebet, Glauben und seine Charakterfestigkeit. Reza Pahlavi hingegen, der wie ferngesteuert wirkt, bringt ausschließlich Charaktereigenschaften und Biografie für eine perfekte Marionette mit. Für uns Linke ist 1979 eine Warnung. Die Linke vor uns hat Seite an Seite mit den Mullahs gegen den Schah gekämpft und wurde durch die Mullahs anschließend systematisch vernichtet. Derzeit erheben Monarchie-nahe Kräfte im Iran in chauvinistisch-nationalistischen Reden den Vorwurf der Spaltung, wenn wir uns nicht eingliedern. Auch Vaterlandsverrat wird ironischerweise unterstellt.Auf ihren Demos kann es indessen sein, dass mehr israelische denn iranische Flaggen wehen. Pahlavi selbst – der sich bis heute nicht von den Taten seines Vaters distanziert hat – richtet keinerlei Signale der Deeskalation oder Moderation an die eigene Basis. Ein weiteres fatales Zeichen seiner Inkompetenz oder seines Unwillens.Die junge Generation braucht einen Plan B So bitter es ist: Die junge iranische Generation täte gut daran, sich dringend jene Frage nach dem Plan B selbst zu stellen. Denn die Idee eines Erlösers mag ähnlich reizvoll sein wie die des guten Königs, der einem das politische Denken abnimmt. Leider existieren beide nicht.Die Mündigkeit und Verantwortung, die eine Demokratie erfordert, kann nur von Bürgern erbracht werden – nicht von Untertanen.



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