Erasmus von Rotterdam war der letzte Universalgelehrte und seit seinem Tod 1536 haben wir nur noch Fachgelehrte. So brachte es mir einst mein Lateinlehrer Pater Alkuin bei – Gott habe ihn selig. Wäre man oberflächlich, könnte man glauben, der altehrwürdige Benediktiner-Mönch hätte sich geirrt: Denn Paul Ronzheimer von der „Bild“-Zeitung gebiert sich als Fachmann auf allen Feldern, weltweit: Von Russland und der Ukraine über die USA und jetzt den Iran-Krieg bis zur Innenpolitik, Berliner Koalitionsgezänk und Energiepolitik – der Vize-Chef der „Bild“ fühlt sich bei allem als Fachmann und berufen, uns die Welt in all ihren Facetten zu erklären.

Eins vorweg – es geht hier nicht um Ronzheimer als Person. Ihm gegenüber bin ich auch voreingenommen, weil er mich persönlich attackierte, und aus seiner rot-grünen Weltsicht keinen Hehl macht. Es geht um eine Erscheinung im Journalismus, die ich für fatal halte: Dass Show-Journalisten, die sich offenbar für allwissend und in allem kompetent halten, immer mehr diejenigen verdrängen, die sich in einem bestimmten Themengebiet oder Land auskennen.

Nehmen Sie als Beispiel den Krieg im Iran: Da gibt es Korrespondenten, die sich bestens auskennen, jahrelang im Land lebten und die Sprache beherrschten. Doch im Krisenfall ist es dann jemand wie Ronzheimer, der, trotz fehlender Landes- und Sprachkenntnisse, sich berufen fühlt, den Leser und Zuschauern alles zu erklären. Das Ganze hat Methode – die gebührenfinanzierten Fernsehsender wie ARD und ZDF wechseln ihre Auslandskorrespondenten alle paar Jahre und schicken sie dann in der Regel, sobald sie anfangen, das Land halbwegs zu verstehen und die Sprache zu lernen, wenn überhaupt, wieder in ein anderes Land – von dem sie keine Ahnung haben. Hauptsache, das Gesicht ist bekannt.

Ich nenne dieses Phänomen die „Ronzheimerisierung“ des Journalismus – was zum einen zu viel Ehre ist für Ronzheimer und zu stark vereinfachend – denn das Phänomen gab es schon vor ihm. Es ist ein strukturelles Problem des modernen Medienjournalismus, besonders bei Boulevardmedien wie Bild.

Ronzheimer ist ein klassischer Vertreter des „Kriegsreporter-Brands“ – der Journalist als Marke, als Gesicht, als Abenteurer. Das Produkt ist weniger der Inhalt als die Person selbst. Ob Ukraine, Israel oder Gaza – er ist der Experte, einfach weil er hingeflogen ist und eine Kamera dabei hatte. Die Sprachkompetenz, Quellen haben, die nicht durch einen Dolmetscher gefiltert werden, das kulturelle Tiefenverständnis, die jahrelange Beschäftigung mit einem Thema – das ist in diesem Modell irrelevant, ja fast hinderlich, weil es die Geschichte komplizierter macht als das Publikum angeblich verträgt.

Die eigene Begrenzung zu kennen und zu respektieren – das sollte eigentlich das Grundprinzip von seriösem Journalismus sein. Ronzheimer steht für die Pervertierung dieses Prinzips. Das Gefährliche daran: Ronzheimer & Konsorten vermitteln dem Publikum das Gefühl, informiert zu sein, ohne dass sie es wirklich sind. Ein Reporter, der ohne Sprachkenntnisse in ein Land fliegt, ist auf offizielle Quellen, Pressekonferenzen und englischsprachige NGO-Sprecher angewiesen – also genau auf jene Kanäle, die am stärksten narrativ geformt sind. Das ist keine Berichterstattung, das ist Narrative-Recycling mit Augenzeugengestus.