Migrant*innen müssen integriert, mitgenommen, mitgemeint werden – so diskutieren wir über unser Miteinander. Bad Bunny aber hat das Ganze einmal auf den Kopf gestellt: Was passiert, wenn Minderheiten die Show bestimmen? Einfach herrlich


Lady Gaga und Bad Bunny in der Halftime-Show beim Super Bowl 2026

Foto: Patrick T. Fallon/AFP/Getty Images


Als Bad Bunny die Bühne des Super Bowl betrat, war das mehr als ein musikalischer Auftritt. Es war eine politische Geste – nicht im plakativen, sondern im strukturellen Sinne. Ein Moment, in dem sichtbar wurde, was geschieht, wenn der Tisch gedreht wird.

Minderheiten erscheinen im öffentlichen Diskurs derzeit wieder vor allem als Problemzonen: als Gruppen, die „integriert“, „mitgenommen“ oder zumindest „mitgemeint“ werden müssen. Ihre gesellschaftliche Relevanz speist sich – so scheint es oft – allein aus ihrem Opfertum. Doch Bad Bunnys Performance erzählte eine andere Geschichte. Sie zeigte, welche schöpferische, verbindende Kraft in den sogenannten Minderheiten steckt. Nicht als Abweichung vom Ideal, sondern als produktive Norm.

Dass er ausgerechnet Lady Gaga auf seine Bühne holte, unterstrich diese Verschiebung. Hier trat nicht die Minderheit ins Zentrum einer Mehrheitskultur ein. Hier definierte eine andere kulturelle Achse den Raum – und lud die vermeintliche Mitte ein. Wie gut das tut.

Raus aus der Marginalisierung, rein in die Handlung: Minderheiten als Taktgeberinnen

In ihrem bahnbrechenden Aufsatz „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex“ (1989) prägte die Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw den Begriff der Intersektionalität. Ihr zentraler Gedanke war ebenso simpel wie radikal: Diskriminierung ist kein Ausrutscher aus einer neutralen Norm. Die Norm selbst ist nicht neutral.

Antidiskriminierungspolitik gehe, so Crenshaw, implizit davon aus, dass Geschlecht oder race faire Entscheidungen verzerren würden, die ansonsten objektiv gewesen wären. Doch diese vermeintliche Objektivität ist bereits kodiert – männlich, weiß, heterosexuell. Das „Ideal“ ist kein universaler Zustand, sondern die Summe historisch gewachsener Privilegien. Diskriminierung erscheint so als Ausnahme von der Regel. Dabei ist die Regel selbst eine Hierarchie.

Intersektionales Denken kehrt diese Perspektive um. Es fragt nicht: Wer weicht vom Ideal ab? Sondern: Von welchem Standpunkt aus definieren wir das Ideal? Minderheiten werden in diesem Denken zum Thermometer einer Gesellschaft. Ihr Zustand zeigt, ob das System für alle funktioniert. Was also geschieht, wenn die Sache der Minderheiten nicht mehr als lästiges Problem der Mehrheit verstanden wird? Wenn sie nicht Objekt wohlmeinender Rettungsversuche sind – gespeist aus Gutmenschentum oder exotisierender Faszination? Sondern wenn sie Form- und Taktgeberinnen werden?

Spanische Lyrics im Zentrum des Superbowls: Was Aladin El-Mafaalani dazu sagt

Bad Bunnys Auftritt war eine ästhetische Antwort auf diese Frage. Spanische Lyrics im Zentrum des größten amerikanischen Sportereignisses. Latin Trap als globaler Soundtrack. Sichtbarkeit nicht als Bitte, sondern als Selbstverständlichkeit. Die Botschaft war klar: Wir sind nicht hier, um integriert zu werden. Wir sind hier, um mitzugestalten.

Die Migrationsforscher:innen sprechen in diesem Zusammenhang von der „postmigrantischen Gesellschaft“ – einer Gesellschaft, in der Migration nicht mehr die Ausnahme, nicht mal mehr ein „Gegeben“, sondern ein konstitutiver Bestandteil ist. In einer solchen Perspektive sind Minderheiten keine Randerscheinung, sondern Ausdruck der realen gesellschaftlichen Zusammensetzung.

Auch der Soziologe Aladin El-Mafaalani weist darauf hin, dass Konflikte um Sichtbarkeit und Gleichberechtigung paradoxerweise Zeichen von Integration sind: Je mehr Teilhabe real wird, desto stärker werden Machtfragen verhandelt. Reibung ist kein Scheitern – sie ist ein Indikator dafür, dass sich die gesellschaftliche Ordnung verschiebt.

Was passiert, wenn der Tisch gedreht wird?

Es hat bislang keinen Staat gegeben, der das Prinzip der Gleichheit als Fundament etabliert hat, ohne zugleich neue Hierarchien zu produzieren – darauf verweist der Politologe Yascha Mounk. Selbst Einwanderungsgesellschaften wie die USA oder Kanada seien von Anfang an ethnisch stratifiziert gewesen. Das verweist auf ein strukturelles Dilemma moderner Demokratien: Sie versprechen Gleichheit, organisieren sich aber faktisch über Differenz und Privileg.

Die Frage ist nicht, ob Hierarchien existieren – sondern wer sie definiert. Wenn Minderheiten beginnen, Räume zu gestalten, statt nur um Zutritt zu bitten, verschiebt sich diese Definitionsmacht. Es geht dann nicht mehr um symbolische Repräsentation innerhalb bestehender Strukturen, sondern um die Veränderung der Strukturen selbst.

Was passiert also, wenn der Tisch gedreht wird?

Bad Bunny denkt die US-Gesellschaft von unten her

Crenshaw forderte die Umkehr des Blicks auf Privilegien, um mehrschichtige Benachteiligungen überhaupt sichtbar zu machen. Diese Umkehr ist kein Angriff auf eine Mehrheit, sondern ein Perspektivwechsel. Sie fragt: Was wäre, wenn wir Gesellschaft von unten her denken? Von jenen aus, die bislang eher als die außerhalb markiert wurden?

Bad Bunnys Performance lieferte eine ästhetische Vorwegnahme dieser Idee. Der Mainstream war plötzlich Gast in einer anderen kulturellen Grammatik. Und es funktionierte. Nicht trotz, sondern wegen der Verschiebung.

Das ist die eigentliche Provokation: Wenn Minderheiten Taktgeberinnen werden, entsteht nicht Chaos, sondern etwas Verbindendes. Eine Symbiose aus Sensibilisierung und Gemeinschaftsgefühl. Keine moralische Belehrung von oben, kein Rettertum der Privilegierten – sondern eine geteilte Bühne. Vielleicht liegt darin die eigentliche Kraft der Minderheiten. Nicht in ihrer Marginalisierung, sondern in ihrer Fähigkeit, neue Zentren zu schaffen.

Und vielleicht zeigt sich gerade in solchen Momenten, dass das, was wir Mehrheit nennen, längst vielschichtiger ist, als es das alte Ideal je zuließ.

ichte. Sie zeigte, welche schöpferische, verbindende Kraft in den sogenannten Minderheiten steckt. Nicht als Abweichung vom Ideal, sondern als produktive Norm.Dass er ausgerechnet Lady Gaga auf seine Bühne holte, unterstrich diese Verschiebung. Hier trat nicht die Minderheit ins Zentrum einer Mehrheitskultur ein. Hier definierte eine andere kulturelle Achse den Raum – und lud die vermeintliche Mitte ein. Wie gut das tut.Raus aus der Marginalisierung, rein in die Handlung: Minderheiten als TaktgeberinnenIn ihrem bahnbrechenden Aufsatz „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex“ (1989) prägte die Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw den Begriff der Intersektionalität. Ihr zentraler Gedanke war ebenso simpel wie radikal: Diskriminierung ist kein Ausrutscher aus einer neutralen Norm. Die Norm selbst ist nicht neutral.Antidiskriminierungspolitik gehe, so Crenshaw, implizit davon aus, dass Geschlecht oder race faire Entscheidungen verzerren würden, die ansonsten objektiv gewesen wären. Doch diese vermeintliche Objektivität ist bereits kodiert – männlich, weiß, heterosexuell. Das „Ideal“ ist kein universaler Zustand, sondern die Summe historisch gewachsener Privilegien. Diskriminierung erscheint so als Ausnahme von der Regel. Dabei ist die Regel selbst eine Hierarchie. Intersektionales Denken kehrt diese Perspektive um. Es fragt nicht: Wer weicht vom Ideal ab? Sondern: Von welchem Standpunkt aus definieren wir das Ideal? Minderheiten werden in diesem Denken zum Thermometer einer Gesellschaft. Ihr Zustand zeigt, ob das System für alle funktioniert. Was also geschieht, wenn die Sache der Minderheiten nicht mehr als lästiges Problem der Mehrheit verstanden wird? Wenn sie nicht Objekt wohlmeinender Rettungsversuche sind – gespeist aus Gutmenschentum oder exotisierender Faszination? Sondern wenn sie Form- und Taktgeberinnen werden?Spanische Lyrics im Zentrum des Superbowls: Was Aladin El-Mafaalani dazu sagtBad Bunnys Auftritt war eine ästhetische Antwort auf diese Frage. Spanische Lyrics im Zentrum des größten amerikanischen Sportereignisses. Latin Trap als globaler Soundtrack. Sichtbarkeit nicht als Bitte, sondern als Selbstverständlichkeit. Die Botschaft war klar: Wir sind nicht hier, um integriert zu werden. Wir sind hier, um mitzugestalten.Die Migrationsforscher:innen sprechen in diesem Zusammenhang von der „postmigrantischen Gesellschaft“ – einer Gesellschaft, in der Migration nicht mehr die Ausnahme, nicht mal mehr ein „Gegeben“, sondern ein konstitutiver Bestandteil ist. In einer solchen Perspektive sind Minderheiten keine Randerscheinung, sondern Ausdruck der realen gesellschaftlichen Zusammensetzung.Auch der Soziologe Aladin El-Mafaalani weist darauf hin, dass Konflikte um Sichtbarkeit und Gleichberechtigung paradoxerweise Zeichen von Integration sind: Je mehr Teilhabe real wird, desto stärker werden Machtfragen verhandelt. Reibung ist kein Scheitern – sie ist ein Indikator dafür, dass sich die gesellschaftliche Ordnung verschiebt.Was passiert, wenn der Tisch gedreht wird?Es hat bislang keinen Staat gegeben, der das Prinzip der Gleichheit als Fundament etabliert hat, ohne zugleich neue Hierarchien zu produzieren – darauf verweist der Politologe Yascha Mounk. Selbst Einwanderungsgesellschaften wie die USA oder Kanada seien von Anfang an ethnisch stratifiziert gewesen. Das verweist auf ein strukturelles Dilemma moderner Demokratien: Sie versprechen Gleichheit, organisieren sich aber faktisch über Differenz und Privileg.Die Frage ist nicht, ob Hierarchien existieren – sondern wer sie definiert. Wenn Minderheiten beginnen, Räume zu gestalten, statt nur um Zutritt zu bitten, verschiebt sich diese Definitionsmacht. Es geht dann nicht mehr um symbolische Repräsentation innerhalb bestehender Strukturen, sondern um die Veränderung der Strukturen selbst.Was passiert also, wenn der Tisch gedreht wird?Bad Bunny denkt die US-Gesellschaft von unten herCrenshaw forderte die Umkehr des Blicks auf Privilegien, um mehrschichtige Benachteiligungen überhaupt sichtbar zu machen. Diese Umkehr ist kein Angriff auf eine Mehrheit, sondern ein Perspektivwechsel. Sie fragt: Was wäre, wenn wir Gesellschaft von unten her denken? Von jenen aus, die bislang eher als die außerhalb markiert wurden?Bad Bunnys Performance lieferte eine ästhetische Vorwegnahme dieser Idee. Der Mainstream war plötzlich Gast in einer anderen kulturellen Grammatik. Und es funktionierte. Nicht trotz, sondern wegen der Verschiebung.Das ist die eigentliche Provokation: Wenn Minderheiten Taktgeberinnen werden, entsteht nicht Chaos, sondern etwas Verbindendes. Eine Symbiose aus Sensibilisierung und Gemeinschaftsgefühl. Keine moralische Belehrung von oben, kein Rettertum der Privilegierten – sondern eine geteilte Bühne. Vielleicht liegt darin die eigentliche Kraft der Minderheiten. Nicht in ihrer Marginalisierung, sondern in ihrer Fähigkeit, neue Zentren zu schaffen.Und vielleicht zeigt sich gerade in solchen Momenten, dass das, was wir Mehrheit nennen, längst vielschichtiger ist, als es das alte Ideal je zuließ.



Source link