Die Gabel gehört im heutigen europäischen Kulturkreis zum Standardbesteck, während sie vor 1.000 Jahren moralische Empörung auslöste.
Zwar gab es das gezinkte Essgerät bereits im Alten China und antiken Rom – allerdings nur zum Zubereiten und Servieren von Speisen.
Eine byzantinische Adelige brachte die Gabel im 10. Jahrhundert nach Europa.
In der heutigen Welt denken wir kaum noch darüber nach, eine Gabel in die Hand zu nehmen. Sie gehört zum Standardbesteck und ist ebenso unverzichtbar wie der Teller selbst. Doch vor nicht allzu langer Zeit wurde dieses heute ganz alltägliche Besteckteil mit Argwohn, Spott und sogar moralischer Empörung betrachtet.
Es dauerte Jahrhunderte, königliche Eheschließungen und ein wenig kulturelle Rebellion, bis die Gabel aus den Küchen von Konstantinopel – dem heutigen Istanbul – auf die Esstische Europas gelangte.
Ein skandalöses Utensil
Frühe Versionen von Gabeln entdeckten Archäologen im Alten China, wo sie um 2.000 v. Chr. entstanden und aus Bronze waren. Sehr wahrscheinlich diente das Utensil damals zum Kochen und Servieren von Speisen, aber nicht zum Essen.
Geschirr und bronzene Gabeln aus Xinzheng, China.
Eine zweizinkige, römische Gabel aus Bronze aus dem 2. bis 3. Jh. n. Chr.
Ein römischer „Göffel“ aus Silber aus dem 3. Jh. n. Chr.
Das Essen mit einer Gabel – insbesondere mit einer kleinen, persönlichen Gabel – war selten. Im 10. Jahrhundert benutzten die byzantinischen Eliten sie frei und schockierten damit Gäste aus Westeuropa. Um das 11. Jahrhundert herum tauchte die Tischgabel regelmäßig bei den Mahlzeiten im gesamten Byzantinischen Reich auf.
Im Jahr 1004 heiratete die byzantinische Adelige Maria Argyropoulina (985–1007), Schwester von Kaiser Romanos III., Argyros, den Sohn des Dogen von Venedig. Damals schockierte sie die venezianischen Bewohner, indem sie sich weigerte, mit den Fingern zu essen. Stattdessen benutzte sie eine goldene Gabel.
Später erklärte der Theologe Peter Damian (1007–1072), dass Marias Eitelkeit, mit „künstlichen Metallgabeln“ zu essen, anstatt die Finger zu benutzen, die Gott ihr gegeben hatte, die göttliche Strafe in Form ihres frühen Todes herbeigeführt habe.
Bronzene Gabeln aus Susa, Persien, aus dem 8. bis 9. Jh. n. Chr.
Ab dem 14. Jahrhundert war die Gabel schließlich in Italien weitverbreitet, was zum Teil auf den Siegeszug der Pasta zurückzuführen war. Mit dem gezinkten Essgerät war es viel einfacher, die rutschigen Stränge zu essen als mit einem Löffel oder Messer.
Die italienische Etikette übernahm bald die Gabel, insbesondere in den wohlhabenden Kaufmannsklassen. Vor allem zwei Frauen ist es zu verdanken, dass die Gabel schließlich im 16. Jahrhundert überall auf den europäischen Esstischen zu finden war.
Eine eiserne Gabel mit Kupferlegierung und Vergoldung aus Italien, 15. Jh.
Die Gabel auf dem Weg von Italien nach Polen …
Eine von ihnen war Bona Sforza (1494–1557), eine italienische Prinzessin aus dem mächtigen mailändischen Adelsgeschlecht der Sforza. Sie wuchs in einer Welt auf, in der Gabeln häufig Verwendung fanden – mehr noch, sie waren in Mode. Ihre Familie war an die Raffinessen der italienischen Renaissance gewöhnt: Hofetikette, die Förderung von Kunst, prunkvolle Kleidung – und elegantes Speisen.
Als sie 1518 Sigismund I., König von Polen und Großfürst von Litauen, heiratete und Königin wurde, kam sie in eine Region, in der andere Essgewohnheiten herrschten. Die Verwendung von Gabeln war weitgehend unbekannt.
Portrait von Bona Sforza (1494–1557), gemalt von Lucas Cranach dem Jüngeren (1515–1586).
An den Höfen in Litauen und Polen war die Verwendung von Besteck praktisch und begrenzt. Löffel wurden häufig zum Essen von Suppen und Eintöpfen verwendet und Messer kamen beim Schneiden von Fleisch zum Einsatz. Die meisten Speisen wurden aber mit den Händen gegessen, wobei in die Speisen getunktes Brot oder Trencher – dicke Scheiben von altem Brot – als Hilfe dienten.
Diese Methode war nicht nur wirtschaftlich, sondern auch tief in den höfischen und adeligen Essgewohnheiten verwurzelt und spiegelte eine gesellschaftliche Etikette wider, in der gemeinsame Gerichte und gemeinsames Essen die Norm waren. Bonas Hof brachte italienische Manieren in die Region und führte mehr Gemüse, italienischen Wein und, was höchst ungewöhnlich war, die Tischgabel ein.
Obwohl ihre Verwendung zunächst wahrscheinlich auf formelle Anlässe oder den Hof beschränkt war, hinterließ sie Eindruck. Im Laufe der Zeit, insbesondere ab dem 17. Jahrhundert, wurden Gabeln unter den Adligen Litauens und Polens immer gebräuchlicher.
Zwischen 1580 und 1620 hergestelltes Besteck aus Danzig, Polen, mit Bernsteineinlagen.
… und nach Frankreich
Die zweite wichtige Frau für den Siegeszug der Gabel war Katharina von Medici (1519–1589) aus dem mächtigen Florentiner Haus der Medici und Großnichte von Papst Leo X. Im Jahr 1533, im Alter von 14 Jahren, heiratete sie den späteren König Heinrich II. von Frankreich im Rahmen einer politischen Allianz zwischen Frankreich und dem Papsttum.
Mit ihrem Umzug brachte Katharina von Medici das Silberbesteck und die italienischen Essgewohnheiten an den kaiserlichen Hof. Wie im Fall von Bona Sforza kamen diese Dinge mit Katharinas Mitgift nach Frankreich.
Portrait von Katharina von Medici, vermutlich gemalt von François Clouet (1510–1572).
Zu ihrem Gefolge gehörten auch Köche und Konditoren sowie Artischocken, Trüffel und elegantes Geschirr. Ihr kulinarisches Gespür trug dazu bei, die Mahlzeiten am Hof zu einem Erlebnis zu machen.
Auch wenn Legenden ihren Einfluss übertreiben, haben viele Gerichte, die heute als französisch gelten, ihren Ursprung in der italienischen Küche: Zwiebelsuppe, Ente à l’orange (Entenbraten in Orangensauce) und sogar das Sorbet.
Französisches Besteck, vergoldetes Silber, aus dem 17. Jh.
Die „richtige“ Art zu essen
Wie viele Reisende brachte auch der neugierige Engländer Thomas Coryat (1577–1617) Anfang des 17. Jahrhunderts Geschichten über die Gabel benutzenden Italiener mit nach Hause, wo diese Idee noch immer lächerlich erschien.
In England galt die Verwendung einer Gabel in den frühen 1600er-Jahren als Zeichen von Überheblichkeit. Selbst im 18. Jahrhundert galt es als männlicher und anständiger, mit Messer und Fingern zu essen.
Aber in ganz Europa war ein Wandel im Gange. Gabeln wurden nicht mehr nur als praktisches Hilfsmittel angesehen, sondern als Symbol für Sauberkeit und Raffinesse. In Frankreich spiegelten sie die höfische Höflichkeit wider. In Deutschland verbreiteten sich im 18. und 19. Jahrhundert Spezialgabeln für Brot, Eingelegtes, Eiscreme und Fisch. Und in England wurde die Verwendung der Gabel schließlich zu einem Klassenmerkmal: Die „richtige“ Art, sie zu halten, unterschied die Höflichen von den Ungehobelten.
Deutsches Besteck aus Stahl, Hirschhorn und Messing aus dem 18. Jh.
Mit dem Aufkommen der Massenproduktion im 19. Jahrhundert wurden Bestecke aus Stahl erschwinglich, und die Gabel allgegenwärtig. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Streitpunkt von der Frage, ob man eine Gabel benutzen sollte, zu der Frage verschoben, wie man sie richtig benutzt. Benimmregeln für den Tisch enthielten nun Anweisungen zur Gabeletikette. Nicht schöpfen, nicht aufspießen und immer mit den Zinken nach unten halten.
Es bedurfte eines Skandals, des königlichen Geschmacks und jahrhundertelanger Widerstände, bis die Gabel ihren Platz am Tisch erobert hatte. Heute ist es schwer vorstellbar, ohne sie zu essen.