Wir beklagen oft den Verlust traditioneller Fertigkeiten wie das Kochen von Grund auf oder den eigenen Anbau von Gemüse. Viele Menschen heute können weder Brot backen noch Tomaten auf einem kleinen Beet hochziehen.
Doch es gibt einen anderen, stilleren Verlust, der möglicherweise schwerwiegendere Folgen für unsere Zukunft haben wird: Wir haben die alten Formen der Selbstversorgung mit Heilkräutern und Hausmitteln vergessen.
Noch vor hundert Jahren gehörte es zum Alltag vieler Haushalte, über praktisches Wissen zu verfügen, wie man alltägliche Beschwerden mit selbst hergestellten Mitteln lindern konnte. In Vorratskammern standen Holunder- oder Knoblauchhonig, in Schränken selbstgemachte Salben und Umschläge. Königskerze, Schafgarbe, Goldmelisse oder wilde Minze wurden ebenso selbstverständlich gesammelt wie heute Medikamente in der Apotheke gekauft werden. Das war kein exotisches Hobby, sondern ganz normales Lebenswissen.
Die Tradition lebt weiter
Auf unserem Hof pflegen wir diese alten Praktiken, weil sie zu unserer Kultur und zu unseren Erinnerungen gehören. Wir bauen Beinwell an und stellen daraus Salbe her – genau wie es Generationen vor uns auch getan haben. Der Vater meines früheren Mannes schickt uns Bienenwachs aus seiner Imkerei, das wir zu Salben und Lippenbalsam für die ganze Familie verarbeiten.
Wir trocknen Kräuter wie Goldmelisse, Königskerze, Spilanthes und Echinacea – Pflanzen, von denen unsere Großeltern erzählten und die sie selbst nutzten. Sie verbinden uns mit unseren Wurzeln. Mein Vater pflanzt jedes Jahr Wermut an und schickt ihn uns in schlichten Briefumschlägen; so hält er eine Tradition am Leben, die schon seine Vorfahren in der Familie weitergegeben haben.
Unsere Hausapotheke wächst in Körben, hängt an den Dachbalken, keimt in Gläsern und ruht bernsteinfarben in Flaschen auf den Regalen.
Ein Beispiel ist eine einfache Tinktur aus Rosmarin und Löwenzahnwurzeln, die in Wodka angesetzt und in manchen Gemeinschaften „Amish Advil“ genannt wird. Seit mehr als zehn Jahren nehme ich keine herkömmlichen Schmerzmittel mehr – nicht aus Prinzip, sondern weil ich in diesem Rhythmus aufgewachsen bin und ihn weiterlebe.
Wenn ich im Hinterzimmer meines Restaurants sitze und Tinkturen aus selbst gesammelten Kräutern abfülle, wird mir bewusst, wie rar dieses Wissen heute ist. Meine Mutter und meine Tante haben mir gezeigt, wie man Königskerze erntet, mit Knoblauch trocknet und in Olivenöl einlegt, um Ohrentropfen herzustellen – ein Mittel, das Familien lange vor der Erfindung moderner Apotheken kannten. Sie brachten mir auch bei, dass die weichen Blätter der Königskerze im Notfall als Toilettenpapier dienen können; ein Hinweis darauf, wie vielseitig die Natur ist.
Königskerze gilt seit jeher als Heilpflanze für die Atemwege. Früher wurde sie als Tee getrunken, inhaliert, zerrieben oder eingelegt. Ihre Anwendung war tief im kulturellen Gedächtnis und in der Praxis der Gemeinschaften verankert – lange bevor es patentierte Medikamente gab.
Ein Wissen, das weitergegeben werden muss
Meine Tante brachte mir bei, wie man aus dem Beinwell in unserem Garten Salbe herstellt – einer Pflanze, die so wuchsfreudig war, dass sie alles andere fast verdrängte. Sie erzählte, wie frühere Generationen die Wurzeln zur Unterstützung der Heilung bei Schnitten und Prellungen nutzten und warum Beinwell manchmal „Knochenstrick“ oder „Knochennaht“ genannt wurde. Gleichzeitig zeigte sie mir, dass Gärtner die Blätter als natürlichen Dünger einsetzten: In der alten Welt waren Pflanzen, die dem Menschen halfen, oft auch gut für den Boden.
Dieses Wissen lebt in Gesprächen und Erinnerungen weiter, nicht auf Etiketten oder Beipackzetteln. Inzwischen haben wir kulturell eine andere Richtung eingeschlagen. Statt die Pflanzen in unserer Umgebung zu kennen, fahren wir in die nächste Drogerie und greifen zu dem Produkt, das unseren Beschwerden am ehesten zu entsprechen scheint. Die meisten wissen weder, was genau darin enthalten ist, noch, wie es im Körper wirkt. Das Vertrauen hat sich verlagert – vom überlieferten Erfahrungswissen hin zu Reihen identischer Verpackungen.
Dies mindert keineswegs den Wert der modernen Medizin. Notfallversorgung, erfahrene Chirurgen und lebensrettende Operationen sind Errungenschaften, für die ich tief dankbar bin. Doch irgendwo auf diesem Weg ist das Gleichgewicht verloren gegangen. Statt altes Wissen mit neuen Möglichkeiten zu verbinden, haben wir vieles einfach ersetzt. Statt die Verbindung zum eigenen Körper zu pflegen, haben wir das Verständnis ausgelagert.
Heute gibt es ganze Generationen, die eine Heilpflanze nicht erkennen würden, selbst wenn sie direkt vor ihrer Haustür wüchse.
Während ich meine selbst angesetzten Tinkturen abfülle, frage ich mich, wie lange diese Tradition noch Bestand haben wird. Ich habe sie von meiner Großmutter, meiner Mutter und meiner Tante gelernt. Ich hoffe, sie eines Tages an meine Töchter weitergeben zu können. Doch ich kenne auch viele Familien, in denen dieses Wissen bereits erloschen ist.
Eine Gesellschaft, die sich nicht selbst ernähren kann, wird abhängig. Eine Gesellschaft, die sich nicht selbst mit einfachen Mitteln versorgen kann, wird verletzlich.
Kräutertraditionen standen nie im Wettbewerb mit der Notfallmedizin. Sie waren schlicht Teil des Alltags, Teil eines tiefen Verständnisses für den eigenen Körper und die Umwelt. Die Pflanzen, die Gott auf diese Erde gesetzt hat, spielen seit Jahrtausenden eine Rolle in der menschlichen Kultur.
Dieses Wissen verdient es, in unseren Häusern und Gesprächen lebendig zu bleiben – nicht, weil es die moderne Medizin ersetzen soll, sondern weil es unserem Leben Tiefe, Erinnerung und Resilienz schenkt.
Kräuterheilkunde sollte gepflegt, erinnert und weitergegeben werden.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „The Lost Art of Medicine“. (deutsche Bearbeitung kr)
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