
Revolution ohne Krone? Warum der Wandel im Iran weder von außen noch aus dem Exil kommt. Irans zersplitterte Opposition und die Rolle der Pahlavis.
Farah Diba Pahlavi fiebert in ihrem Pariser Exil mit den Demonstranten im Iran. Die legendäre Kaiserin ist mit ihrem Sohn Reza ein Fixpunkt für Oppositions-Kräfte im Ausland. Doch wie einflussreich sind die Pahlavis und wie steht es um Alternativen zu den Mullahs?
Politisch völlig zerstritten
Teile der iranischen Diaspora haben sich in den vergangenen Jahren von den realen Kämpfen im Land entfernt. Statt Solidarität mit den Protesten vor Ort dominiert in bestimmten Exilkreisen der Ruf nach äußerem Druck, Sanktionen und militärischer Intervention. Besonders monarchistische Akteure präsentieren sich dabei als politische Alternative, obwohl sie weder demokratisch legitimiert noch gesellschaftlich im Iran verankert sind. Ihr Anspruch speist sich weniger aus politischer Praxis als aus Symbolik, medialer Dauerpräsenz und der stillschweigenden Unterstützung westlicher Akteure, die in ihnen potenzielle Partner für geopolitische Interessen sehen.
Diese Strömung arbeitet mit einer restaurativen Logik. Die Monarchie wird nicht historisch aufgearbeitet, sondern nostalgisch verklärt. In sozialen Medien und Exilfernsehen entsteht ein Bild der Schah-Zeit als Epoche von Modernität, Stabilität und Wohlstand, während Repression, Folter, soziale Ungleichheit und politische Ausschlüsse systematisch ausgeblendet werden. Diese Erinnerungspolitik ersetzt keine Analyse der Gegenwart. Sie funktioniert als Projektionsfläche für eine Generation, die nach 1979 geboren wurde, kaum Zukunftsperspektiven sieht und für einfache Erzählungen empfänglich ist.
Keine einigende Kraft
Die iranische Gesellschaft jedoch lässt sich nicht auf die falsche Alternative „Islamische Republik oder Monarchie“ reduzieren. Der Widerstand im Land ist fragmentiert, dezentral und plural. Frauen, Arbeiter, Studenten, Jugendliche, ethnische und religiöse Minderheiten sowie politische Gefangene tragen ihn gleichermaßen. Besonders sichtbar ist die Rolle kurdischer Organisationen, deren Anteil an Verhaftungen und Todesopfern in den Protesten seit 2022 weit über ihrem Bevölkerungsanteil liegt. Diese Bewegungen sind nicht hierarchisch organisiert, folgen keiner zentralen Führungsfigur und widersprechen damit grundsätzlich monarchistischen Machtvorstellungen.
Genau diese Vielfalt wird von Teilen der Exilopposition gezielt delegitimiert. Kritische Stimmen werden pauschal als „links“, „regimenah“ oder „spalterisch“ diffamiert. Säkulare Demokraten oder ethnische Minderheiten geraten ebenso unter Beschuss wie politische Gefangene, sobald sie sich nicht einer monarchistischen Deutungshoheit unterordnen. Forderungen nach Selbstbestimmung und Gleichberechtigung werden reflexhaft als Separatismus gebrandmarkt. Das politische Signal ist eindeutig: Vielfalt gilt als Störung, nicht als Grundlage demokratischer Ordnung.
Pahlavi als Ikone des Westens
Besonders problematisch ist die Haltung gegenüber äußerer Gewalt. Während viele Menschen im Iran sehr genau wissen, dass Sanktionen und Krieg vor allem sie selbst treffen, wurden militärische Angriffe und die Politik des maximalen Drucks in Teilen der Diaspora offen begrüßt. Entscheidend ist für diese Akteure nicht das Leid der Bevölkerung, sondern die Hoffnung, dass äußere Eskalation ein Machtvakuum schafft, das sie politisch besetzen könnten. Diese Logik ähnelt in ihrer Kaltschnäuzigkeit mehr dem autoritären Denken des bestehenden Regimes als einer demokratischen Alternative.
Mediale und politische Anschlussfähigkeit im Westen verstärken diesen Trend. Monarchistische Stimmen erhalten überproportionale Aufmerksamkeit in Talkshows, Exilmedien und politischen Debatten. Einzelne Journalisten und Abgeordnete präsentieren, vor allen in den USA, Reza Pahlavi als vermeintliche Option für die Zukunft, ohne die fehlende Legitimation oder die autoritären Kontinuitäten dieser Idee ernsthaft zu problematisieren. Dass sich Politiker in westlichen Demokratien öffentlich dafür entschuldigen, einst gegen den autoritär regierenden Schah protestiert zu haben, zeigt, wie wirkmächtig diese Narrative inzwischen sind.
Wachsende Instabilität
Doch was bedeutet all das für die Frage einer Revolution im Iran? Kurzfristig ist eine klassische Revolution im Sinne eines raschen Regimebruchs wenig wahrscheinlich. Das iranische System verfügt trotz innerer Erosion weiterhin über ein hohes Maß an Repressionsfähigkeit, institutioneller Kontrolle und Loyalität in sicherheitsrelevanten Apparaten. Die Proteste der vergangenen Jahre waren tiefgreifend, gesellschaftlich breit und normativ revolutionär, doch sie blieben organisatorisch fragmentiert und ohne Möglichkeit, Machtzentren nachhaltig zu übernehmen.
Mittelfristig jedoch wächst die Instabilität. Die soziale Basis des Regimes schrumpft, Legitimität wird zunehmend durch Zwang ersetzt, und die Kluft zwischen Staat und Gesellschaft vertieft sich. Der Wandel vollzieht sich weniger als eruptive Revolution, sondern als langwieriger Prozess der Entkopplung: kulturell, sozial, moralisch. Genau hier liegt die eigentliche Dynamik. Veränderung entsteht nicht durch Exilfiguren, nicht durch Bomben und nicht durch nostalgische Versprechen, sondern durch Selbstorganisation, Alltagswiderstand und die langsame Erosion autoritärer Herrschaft von innen. Donald Trump sollten die Regime Changes im Nahen und Mittleren Osten der letzten 30 Jahre eine Lehre sein. Sein Coup in Venezuela taugt nicht als Blaupause für den Iran. Dort hat er es mit ganz anderen Kalibern zu tun.
Eine demokratische Zukunft des Iran ist denkbar, aber ohne Turban und Krone. Sie entsteht aus der Gesellschaft selbst, widersprüchlich, plural, konflikthaft. Wer Freiheit ernst meint, muss diese Vielfalt aushalten. Eine Wiederherstellung der Pahlavi-Monarchie, selbst als politisch kastrierte Variante im demokratischen Kleid, wird es definitiv nicht geben. Dafür ist zu viel Zeit seit der Revolution von 1979 vergangen, und die vielen jungen Iraner haben keinen Bezug mehr zu der Schah-Ära.
Wer den Iran verändern will, sollte weniger nach vermeintlichen Rettern von außen suchen und mehr den Menschen zuhören, die dort trotz Repression, Gefängnis und Gewalt weitermachen. Der Weg ist steinig, und ob das Ziel, das Mullah-Regime abzuschütteln, erreicht wird, ist völlig offen. Nicht grundlos gelten die Iraner als das politisch zerstrittenste Volk weltweit.