Der deutsche Außenminister hält vor der UNO eine Rede, die sich beim Thema Iran an eine Umkehr von Ursache und Wirkung hält. So eine Haltung wirkt angesichts der globalen Folgen dieses Krieges für die Weltwirtschaft schon grotesk
Der deutsche Außenminister hat in New York vor den Vereinten Nationen Iran dazu aufgefordert, Angriffe auf andere Staaten zu unterlassen. Von welchem Krieg redet Johann Wadephul?
Foto: Sebastian Gollnow/ picture alliance/dpa
So kann man die Dinge natürlich auch sehen und zu verstehen geben, in einem Paralleluniversum unterwegs zu sein. Der deutsche Außenminister hat in New York vor den Vereinten Nationen Iran dazu aufgefordert, Angriffe auf andere Staaten zu unterlassen. Von welchem Krieg redet Johann Wadephul? Wer hat am 28. Februar wen angegriffen?
Es gab sechs Wochen, in denen die USA und Israel Iran mit exzessiver militärischer Gewalt aus der Luft treffen wollten und getroffen haben. Zerstört wurden Militär- und Industrieanlagen sowie zivile Infrastruktur, dazu politische Führer des Landes gezielt getötet. Im Angriffsgebiet starben mehr als 6.600 Menschen – Militärs wie Zivilisten, Frauen wie Kinder.
Um sich dagegen zu wehren, haben die Streitkräfte des Iran mit Raketen und Drohnen US-Basen in der Golfregion attackiert, von denen die Angriffe gegen ihr Territorium ausgingen. Man konnte das getrost als Akt der Selbstverteidigung erstehen, um auf den Bruch des Völkerrechts zu antworten. Dabei wurde eine Resilienz unter Beweis gestellt, von der klar war, dass sie sich politisch auszahlen würde, sollte sie von Bestand sein. Das scheint eingetreten und überfordert nun ganz offenbar die Trump-Regierung.
Koalition der Willfährigen
Da sich die Bundesregierung stets bescheinigt, sie handle rechtskonform, wäre ein klares Urteil über den Angriffskrieg der USA und Israels selbstverständlich gewesen. Stattdessen ist Wadephul bald nach den ersten Luftschlägen am 28. Februar nach Israel geeilt, um Premierminister Benjamin Netanjahu politischen Beistand zu signalisieren. Das geschah vermutlich in dem Glauben, es sei nur eine Frage von Tagen, höchstens von Wochen, bis Teheran durch permanente Luftschläge für den Regimewechsel mürbe geschossen sein würde.
Deutschland wollte auf der Seite der Sieger stehen. Besonders Kanzler Friedrich Merz erklärte Anfang März im Weißen Haus zum Wohlwollen Donald Trumps, dass man mit den USA gegen den Iran die gleichen Ziele habe. Merz nahm bei dieser Gelegenheit widerspruchslos hin, als der US-Präsident gegen Spaniens Premier rhetorisch ausfallend wurde, weil der den Amerikanern den Gebrauch von Basen für ihre Militäroperationen untersagt hatte. Ganz anders Deutschland, das sich in einer Koalition der Willfährigen einfand.
Den Ereignissen hinterherlaufen
Gewiss kann man sich damit trösten, dass Auftritte von Johann Wadephul nicht sonderlich relevant sind. Tatsächlich jedoch ist es bestürzend, wie in einem Augenblick, in dem die globale Ökonomie kriegsbedingte Kollateralschäden kaum mehr verkraften kann und auch Deutschland das zu spüren bekommt, der Außenminister Ursache und Wirkung nicht auseinanderhalten kann, Floskeln verkündet, kraftlos und uninspiriert den Ereignissen hinterherläuft.
Muss man sich nicht vor Augen halten, dass Irans Außenminister Abbas Araghtschi es sich leisten will und augenscheinlich kann, US-Vizepräsident JD Vance in Islamabad nicht treffen zu wollen, aber die Einladung von Wladimir Putin nach Petersburg anzunehmen? Darin spiegeln sich nicht nur Konstellationen, sondern Kräfteverhältnisse – ob für den Moment oder auf Dauer, wird sich weisen. Aber muss dem nicht politisch Rechnung getragen werden?
Deutschland sieht sich im Iran-Krieg nicht als Vermittler
Die Regierung Merz scheint stattdessen eher zu beschäftigen, wie sie ihr diplomatisches Gewicht weiter reduzieren kann. Wer gerade jetzt die Ursachen einer Weltkrise nicht klar benennt, steht sich selbst im Weg. Wer wie Merz und Wadepuhl keinen Nerv dafür hat, sich Verhandlungsangeboten wenigstens anzunähern, die Pakistan, Ägypten, Saudi-Arabien und die Türkei, vor allem aber China vorgelegt haben, der sitzt am Ende an keinem Verhandlungstisch mehr. Wer von den Ereignissen überholte Meinungen vertritt, wird am Ende nicht mehr nach seiner Meinung gefragt. Die Welt dreht sich weiter und an Deutschland vorbei.
Was Wadephul in New York zum Besten gab, bestätigt, dass Deutschland im Iran-Krieg nicht als Vermittler, sondern als Partei wahrgenommen werden will. Darin zeigt sich eine fatale Kontinuität. Sie nahm ihren Anfang, als weiter Waffen nach Israel geliefert wurden, obwohl dessen Armee im Gazastreifen Völkermord beging. Sie setzte sich fort, als Merz während des Luftkrieges im Juni 2025 erklärte, Israel mache im Iran „die Drecksarbeit für uns alle“. Markige Sprüche dieser „Güte“, die der Kanzler in Serie produziert, fehlt das Gespür für Wirkungen wie für Realitäten. So reformbedürftig Iran sein mag, so nachdrücklich hat sich ein weiteres Mal bestätigt, dass ein wie auch immer gearteter Wandel nicht von außen oktroyiert werden kann.
Fehleinschätzungen aufgesessen
Zur Erinnerung: Anfang Februar ließ Merz wissen, die Tage der Islamischen Republik seien gezählt. Sie waren es nicht, als heftiger militärischer Druck nachhelfen sollte, das Regime krachen zu lassen. Inzwischen will Merz die Iran-Sanktionen lockern, um einen Friedensschluss zu beschleunigen. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen, dieser Krieg, mit dessen Zielen sich Deutschland auch deshalb identifizierte, weil eine Regierung und ein Regime fallen sollten, macht Zugeständnisse, die bisher undenkbar schienen.
Krasser lässt sich nicht demonstrieren, Fehleinschätzungen aufgesessen zu sein, die ein Kanzler im Brustton ultimativer Weisheiten verkündete, anstatt sich zurückzuhalten. In der Konsequenz werden ein ganzes Land, seine Ökonomie und seine Bürger in Mitleidenschaft gezogen.
Militär- und Industrieanlagen sowie zivile Infrastruktur, dazu politische Führer des Landes gezielt getötet. Im Angriffsgebiet starben mehr als 6.600 Menschen – Militärs wie Zivilisten, Frauen wie Kinder.Um sich dagegen zu wehren, haben die Streitkräfte des Iran mit Raketen und Drohnen US-Basen in der Golfregion attackiert, von denen die Angriffe gegen ihr Territorium ausgingen. Man konnte das getrost als Akt der Selbstverteidigung erstehen, um auf den Bruch des Völkerrechts zu antworten. Dabei wurde eine Resilienz unter Beweis gestellt, von der klar war, dass sie sich politisch auszahlen würde, sollte sie von Bestand sein. Das scheint eingetreten und überfordert nun ganz offenbar die Trump-Regierung. Koalition der WillfährigenDa sich die Bundesregierung stets bescheinigt, sie handle rechtskonform, wäre ein klares Urteil über den Angriffskrieg der USA und Israels selbstverständlich gewesen. Stattdessen ist Wadephul bald nach den ersten Luftschlägen am 28. Februar nach Israel geeilt, um Premierminister Benjamin Netanjahu politischen Beistand zu signalisieren. Das geschah vermutlich in dem Glauben, es sei nur eine Frage von Tagen, höchstens von Wochen, bis Teheran durch permanente Luftschläge für den Regimewechsel mürbe geschossen sein würde.Deutschland wollte auf der Seite der Sieger stehen. Besonders Kanzler Friedrich Merz erklärte Anfang März im Weißen Haus zum Wohlwollen Donald Trumps, dass man mit den USA gegen den Iran die gleichen Ziele habe. Merz nahm bei dieser Gelegenheit widerspruchslos hin, als der US-Präsident gegen Spaniens Premier rhetorisch ausfallend wurde, weil der den Amerikanern den Gebrauch von Basen für ihre Militäroperationen untersagt hatte. Ganz anders Deutschland, das sich in einer Koalition der Willfährigen einfand.Den Ereignissen hinterherlaufenGewiss kann man sich damit trösten, dass Auftritte von Johann Wadephul nicht sonderlich relevant sind. Tatsächlich jedoch ist es bestürzend, wie in einem Augenblick, in dem die globale Ökonomie kriegsbedingte Kollateralschäden kaum mehr verkraften kann und auch Deutschland das zu spüren bekommt, der Außenminister Ursache und Wirkung nicht auseinanderhalten kann, Floskeln verkündet, kraftlos und uninspiriert den Ereignissen hinterherläuft.Muss man sich nicht vor Augen halten, dass Irans Außenminister Abbas Araghtschi es sich leisten will und augenscheinlich kann, US-Vizepräsident JD Vance in Islamabad nicht treffen zu wollen, aber die Einladung von Wladimir Putin nach Petersburg anzunehmen? Darin spiegeln sich nicht nur Konstellationen, sondern Kräfteverhältnisse – ob für den Moment oder auf Dauer, wird sich weisen. Aber muss dem nicht politisch Rechnung getragen werden?Deutschland sieht sich im Iran-Krieg nicht als Vermittler Die Regierung Merz scheint stattdessen eher zu beschäftigen, wie sie ihr diplomatisches Gewicht weiter reduzieren kann. Wer gerade jetzt die Ursachen einer Weltkrise nicht klar benennt, steht sich selbst im Weg. Wer wie Merz und Wadepuhl keinen Nerv dafür hat, sich Verhandlungsangeboten wenigstens anzunähern, die Pakistan, Ägypten, Saudi-Arabien und die Türkei, vor allem aber China vorgelegt haben, der sitzt am Ende an keinem Verhandlungstisch mehr. Wer von den Ereignissen überholte Meinungen vertritt, wird am Ende nicht mehr nach seiner Meinung gefragt. Die Welt dreht sich weiter und an Deutschland vorbei.Was Wadephul in New York zum Besten gab, bestätigt, dass Deutschland im Iran-Krieg nicht als Vermittler, sondern als Partei wahrgenommen werden will. Darin zeigt sich eine fatale Kontinuität. Sie nahm ihren Anfang, als weiter Waffen nach Israel geliefert wurden, obwohl dessen Armee im Gazastreifen Völkermord beging. Sie setzte sich fort, als Merz während des Luftkrieges im Juni 2025 erklärte, Israel mache im Iran „die Drecksarbeit für uns alle“. Markige Sprüche dieser „Güte“, die der Kanzler in Serie produziert, fehlt das Gespür für Wirkungen wie für Realitäten. So reformbedürftig Iran sein mag, so nachdrücklich hat sich ein weiteres Mal bestätigt, dass ein wie auch immer gearteter Wandel nicht von außen oktroyiert werden kann.Fehleinschätzungen aufgesessenZur Erinnerung: Anfang Februar ließ Merz wissen, die Tage der Islamischen Republik seien gezählt. Sie waren es nicht, als heftiger militärischer Druck nachhelfen sollte, das Regime krachen zu lassen. Inzwischen will Merz die Iran-Sanktionen lockern, um einen Friedensschluss zu beschleunigen. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen, dieser Krieg, mit dessen Zielen sich Deutschland auch deshalb identifizierte, weil eine Regierung und ein Regime fallen sollten, macht Zugeständnisse, die bisher undenkbar schienen.Krasser lässt sich nicht demonstrieren, Fehleinschätzungen aufgesessen zu sein, die ein Kanzler im Brustton ultimativer Weisheiten verkündete, anstatt sich zurückzuhalten. In der Konsequenz werden ein ganzes Land, seine Ökonomie und seine Bürger in Mitleidenschaft gezogen.