Wir haben den preisgekrönten Regisseur Ali Tamim gebeten, uns eine Analyse über die Folgen der Palästina-Debatte auf der Berlinale zu schreiben. Er hat uns mit einem Gedicht geantwortet


Ali Tamim malte wie alle Kinder in seiner Schulklasse seine Flagge. Sie wurde nicht aufgehängt

Foto: Mario Cantu/ picture alliance / ZUMAPRESS.com


Du denkst, das wird dir niemals passieren.
Das kann dir niemals passieren.
Du seist der einzige Palästinenser in Deutschland,
dem nichts von all dem jemals passieren wird.

Und dann geht es los.

Und eins nach dem anderen passiert dir genau so,
wie es jedem anderen Palästinenser in Deutschland passiert.

Du bist 4 Jahre alt.
Im Kindergarten sollt ihr eure Flagge malen.
Und du staunst über all diese Farben,
über die Sterne, die Sonnen und die Mondsicheln.

Im Vergleich dazu wirkt deine Flagge langweilig
und so glaubst du, das ist der Grund dafür,
dass sie am nächsten Tag als einzige
nicht
an der Wand hängt.

Du bist 6 Jahre alt.
Als deine Lehrerin erfährt, dass palästinensische Kinder
in ihrer neuen Klasse sind, füllen sich ihre warmen Augen
mit Wut
und Angst.

Tage später singt die ganze Klasse wochenlang
hebräische Lieder im Chor.
Es wirkt nicht wie Unterricht,
sondern wie eine Warnung.

Du bist 13 Jahre alt.
Eure Klasse besucht eine Synagoge.
Du wirst als einziger
nicht hereingelassen.

Dein Lehrer sagt nichts.

Am nächsten Tag sagt er,
es sei deine eigene Schuld,
du hättest netter gucken sollen.

Du bist 16 Jahre alt.
Deine Deutschlehrerin erklärt vor der ganzen Klasse,
Palästina existiere nicht.
Also gebe es auch keine Palästinenser.

Du sagst nichts.
Weil du Angst hast.
Nicht vor der Lehrerin,
sondern davor, was passiert,
wenn ein Palästinenser in Deutschland
zu laut über Palästina redet.

Und weil du die Angst nicht mehr erträgst,
weil du einmal als ein Mensch
wahrgenommen werden willst,
lernst du neue Antworten
auf die Frage nach deiner Herkunft.

Zuerst bist du Araber.
Bis dir klar wird,
dass auch diese Antwort
sie ängstlich
und wütend macht.

Dann bist du Berliner.
Bis dir klar wird, dass jedes Mal,
wenn du dich so bezeichnest,
etwas in dir zerfällt.

Also wieder Palästinenser?
Aber diesmal einer von den Guten.

Einer, der Joseph Roth liest,
aber nicht Ghassan Kanafani.

Einer, der Gedichte von Mascha Kaléko notiert,
aber keine von Mahmoud Darwish.

Einer, der nächtelang Filme von Billy Wilder und Ernst Lubitsch guckt
und nicht weiß, wer Hany Abu-Assad ist.

Einer, vor dem man keine Angst haben muss.
Einer, auf den man nicht wütend sein muss.
Einer, den ihr aushalten könnt.

Und dann kommt der 7. Oktober
wie ein Urknall über die Welt.

Und über Nacht gibt es ihn nicht mehr,
den guten Palästinenser.

Du verlierst den Glauben auf eine würdevolle Zukunft,
weil Journalisten ihren Anstand verlieren.

Verwandte verlieren ihre Jobs,
weil Chefs zu viel
zu verlieren haben.

Und als Wolf Biermann auf der Preisverleihung
zum Deutschen Filmpreis Golda Meir
in einem Saal voller Kollegen und Kolleginnen zitiert
und damit jeden Palästinenser
zu einem Täter macht,
verliert keiner
ein
einziges
Wort.

Und wenn eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt droht unterzugehen,
weil ein Palästinenser dieselbe Flagge hisst, die meine Erzieherin schon vor 30 Jahren
in Wut und Schrecken versetzt hat,

dann weißt du, die Zeit der Angst ist zurück.

;hrt, dass palästinensische Kinderin ihrer neuen Klasse sind, füllen sich ihre warmen Augenmit Wutund Angst.Tage später singt die ganze Klasse wochenlanghebräische Lieder im Chor. Es wirkt nicht wie Unterricht,sondern wie eine Warnung.Du bist 13 Jahre alt. Eure Klasse besucht eine Synagoge. Du wirst als einziger nicht hereingelassen.Dein Lehrer sagt nichts.Am nächsten Tag sagt er,es sei deine eigene Schuld,du hättest netter gucken sollen. Du bist 16 Jahre alt. Deine Deutschlehrerin erklärt vor der ganzen Klasse,Palästina existiere nicht. Also gebe es auch keine Palästinenser.Du sagst nichts. Weil du Angst hast.Nicht vor der Lehrerin,sondern davor, was passiert,wenn ein Palästinenser in Deutschlandzu laut über Palästina redet.Und weil du die Angst nicht mehr erträgst, weil du einmal als ein Menschwahrgenommen werden willst, lernst du neue Antwortenauf die Frage nach deiner Herkunft.Zuerst bist du Araber. Bis dir klar wird, dass auch diese Antwortsie ängstlich und wütend macht.Dann bist du Berliner. Bis dir klar wird, dass jedes Mal, wenn du dich so bezeichnest,etwas in dir zerfällt. Also wieder Palästinenser? Aber diesmal einer von den Guten.Einer, der Joseph Roth liest,aber nicht Ghassan Kanafani.Einer, der Gedichte von Mascha Kaléko notiert,aber keine von Mahmoud Darwish.Einer, der nächtelang Filme von Billy Wilder und Ernst Lubitsch gucktund nicht weiß, wer Hany Abu-Assad ist.Einer, vor dem man keine Angst haben muss.Einer, auf den man nicht wütend sein muss. Einer, den ihr aushalten könnt.Und dann kommt der 7. Oktober wie ein Urknall über die Welt. Und über Nacht gibt es ihn nicht mehr,den guten Palästinenser.Du verlierst den Glauben auf eine würdevolle Zukunft, weil Journalisten ihren Anstand verlieren. Verwandte verlieren ihre Jobs, weil Chefs zu vielzu verlieren haben.Und als Wolf Biermann auf der Preisverleihungzum Deutschen Filmpreis Golda Meirin einem Saal voller Kollegen und Kolleginnen zitiertund damit jeden Palästinenser zu einem Täter macht, verliert keinereineinziges Wort.Und wenn eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt droht unterzugehen,weil ein Palästinenser dieselbe Flagge hisst, die meine Erzieherin schon vor 30 Jahrenin Wut und Schrecken versetzt hat, dann weißt du, die Zeit der Angst ist zurück.



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