Ein Süßwarenhersteller in Sachsen, ein Gummi-Produzent in Thüringen, mehrere Fleischbetriebe in Brandenburg: Immer wieder hört man von ostdeutschen Traditionsbetrieben, die schließen müssen.

Dahinter steckt oftmals ein Muster: Große westdeutsche oder internationale Konzerne kaufen kleine Unternehmen im Osten auf, verschleppen wichtige Investitionen und machen die Betriebe schließlich dicht. Von den Unternehmen heißt es, die Standorte würden nicht ausreichend Rendite abwerfen, man passe sich veränderten Marktbedingungen an oder strukturiere um.

Nicht selten steht der Vorwurf der Marktbereinigung im Raum. Unternehmen würden Betriebe aufkaufen und am ausgestreckten Arm verhungern lassen, um Konkurrenz aus dem Weg zu räumen, argumentieren Gewerkschaften. Die Leidtragenden sind Beschäftigte, die oftmals nicht nur ihre Existenzgrundlage, sondern auch einen Teil ihrer Identität verlieren. Gerade wenn es Betriebe trifft, in denen Familien seit Generationen arbeiten.

Das hat auch politische Konsequenzen. Denn wo Perspektivlosigkeit herrscht und ein Gefühl der Ungerechtigkeit um sich greift, ist der Erfolg autoritärer und rechtsextremer Kräfte nicht weit. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung prognostiziert für die ostdeutschen Bundesländer 2026 einen Anstieg der Arbeitslosigkeit um einen Prozent.

Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im Herbst, bei denen die AfD jeweils stärkste Kraft werden könnte, ist diese Prognose besonders besorgniserregend. Zehn Beispiele zeigen, wie rücksichtslos Konzerne mit ihrer Verantwortung für Beschäftigte im Osten umgehen.

Haribo macht Kinder froh, entlässt Beschäftigte im Osten aber einfach so

Mehr als 120 Jahre liefen im sächsischen Wilkau-Haßlau Süßwaren übers Band, bis der Weltmarktführer im Fruchtgummi- und Lakritzgeschäft, Haribo, den Betrieb 2020 dicht machte und 150 Beschäftigte vor die Tür setzte. Einst als Lebkuchen- und Schokoladenfabrik gegründet, wurde die Süßwarenfabrik WeSa in DDR-Zeiten zum Volkseigenen Betrieb. Nach der Wende übernahm das Bonner Unternehmen Haribo. In Folge einiger strategischer Fehlentscheidungen und der Corona-Pandemie sank Haribos Weltmarktanteil leicht. Der Konzern reagierte mit der Schließung seines einzigen Standortes im Osten.

Laut Gewerkschaftsvertretern legte der Konzern einen „grottigen” Sozialplan vor und passte diesen erst auf Drängen der Gewerkschaft an. Im Nachgang zeigte sich, dass wichtige Investitionen offenbar ausgeblieben waren. Konkurrent Katjes war zunächst an der Übernahme der Fabrik interessiert, entschied sich wegen des schlechten baulichen Zustands aber dagegen. 2024 wurde bekannt, dass Haribo 300 Millionen Euro in einen neuen Standort in Rheinland-Pfalz investiert. Eine Summe, die womöglich auch die Produktionsstätte in Wilkau-Haßlau hätte retten können.

Melitta schließt Fabrik nach 226 Jahren Papierproduktion

Den Kaffeefilter erfand eine Ostdeutsche: Die Dresdnerin Amalie Auguste Melitta Bentz nutzte Löschpapier aus dem Schulheft ihres Sohnes, um Kaffee zu filtern. 1908 patentierte die Familie Bentz eine ausgefeiltere Version des ersten Kaffeefilters. Mittlerweile ist Melitta ein Weltkonzern mit Sitz im ostwestfälischen Minden, der bereits mehrfach ins Blickfeld des Bundeskartellamts geriet. 2000 untersagte die Behörde dem Unternehmen die geplante Fusion mit einem belgischen Staubsauger-Hersteller. 2009 und 2014 musste Melitta wegen Preisabsprachen mit anderen Kaffeeherstellern Geldbußen zahlen.

Nun sorgt auch das Vorgehen Melittas in Neu-Kaliß, einem kleinen Ort im Süden Mecklenburg-Vorpommerns, für Kritik. Vor 226 Jahren entstand hier eine Papiermühle, seit 1872 wird maschinell Papier produziert. Kurz nach der Wende übernahm Melitta den Betrieb. Ende März soll der Standort wegen einer „konstant schlechten Geschäftslage“ schließen, wie es vom Unternehmen heißt. Dass nun 115 Beschäftigte ihre Jobs verlieren sollen, ist für Neu-Kaliß ein herber Schlag. Immerhin: Laut Bürgermeister Burkhard Thees (FDP) sei ordentlich in den Standort investiert worden. Er hoffe auf eine Übernahme der Fabrik durch ein anderes Unternehmen, sagte er der Bild-Zeitung.

Jägermeister muss seine Flaschen woanders herbekommen

Bis Ende des Jahres liefen die Schmelzöfen im Glaswerk Bernsdorf in Sachsen rund um die Uhr. Etwa 150 Millionen Flaschen wurden hier jährlich produziert, unter anderem für den Kräuterlikör-Hersteller Jägermeister. 2022 feierten die Beschäftigten noch das 150-jährige Bestehen der Industriestätte, die laut Website der Stadt Bernsdorf nicht nur Arbeitsplätze bot, sondern auch einen „bedeutenden Teil der industriellen Identität“ ausmachte.

Mitte 2025 ließ das US-amerikanische Unternehmen Owens-Illinois, das den Betrieb 2004 übernommen hatte, die Produktion einstellen. Kurze Zeit später wurden Schließungspläne bekannt. Laut Unternehmen sei eine „gezielte Optimierung in einem zunehmend intensiveren Wettbewerbsumfeld“ Hintergrund. Im Oktober demonstrierten Beschäftigte gegen die Schließung und entzündeten 152 Papierlichter vor dem Glaswerk, für jedes Jahr des Bestehens eines. Ohne Erfolg: Mittlerweile bleiben die Schmelzöfen in Bernsdorf kalt. Viele Beschäftigte fühlten sich nach „Jahren der Loyalität und harter Arbeit enttäuscht“, heißt es auf der Website der Stadt.

Henkel sorgt für Irritation und Enttäuschung in sächsischer Klebstofffabrik

Seit 1916 wurde im sächsischen Heidenau Klebstoff produziert, Ende 2024 war Schluss. Der Waschmittelhersteller Henkel aus Nordrhein-Westfalen, unter anderem für die Marken Persil und Pril bekannt, hatte den Betrieb 2005 übernommen.

Besonders das Agieren von Henkel-CEO Carsten Knobel irritierte dabei. Während Beschäftigte schon Anfang 2023 über die geplante Schließung informiert worden sein sollen, versicherte Knobel noch im Sommer 2024 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, dass kein deutsches Henkel-Werk geschlossen werden. Später korrigierte er: Er habe sich nur auf die von Henkel produzierten Konsumgüter bezogen. Ebenfalls bemerkenswert: Kurz vor Bekanntgabe der Werksschließung hatte der Konzern noch von einer „starken Geschäftsentwicklung“ berichtet.

Davon konnten die 40 entlassenen Beschäftigten aus Heidenau nicht mehr profitieren. Ihnen soll angeboten worden sein, an anderen Henkel-Standorten einzusteigen. Allerdings machte mit dem Standort in Heidenau das letzte Werk in Ostdeutschland dicht. Ein Großteil der Produktion wurde inzwischen ins Ausland verlagert.

Ermittlungen des Bundeskartellamts bei der Uhlen GmbH

Ende des 19. Jahrhunderts wurden hier 15 Schweine am Tag geschlachtet, zuletzt waren es bis zu 20.000 in der Woche: Das Fleischcenter Perleberg war bis 2025 der größte Schlachtbetrieb Brandenburgs. Das ist nun Geschichte. Im Oktober hatte die Uhlen GmbH die geplante Schließung des Betriebs angekündigt, inzwischen wurde die Produktion eingestellt. Rund 150 Beschäftigte sind betroffen. Aktuell sucht das Land Brandenburg nach möglichen Investoren, um den Standort zu retten. Nach der Wende hatte zunächst das niederländische Unternehmen Vion den Betrieb übernommen. Anfang 2024 stieg mit der Uhlen GmbH einer der größten Schweineschlachtbetriebe Deutschlands ein.

Im November durchsuchten Bundeskartellamt und Kriminalpolizei den Schlachthof. Laut eines Behördensprechers habe es den Verdacht gegeben, dass sich das Unternehmen mit anderen Wettbewerbern abgesprochen habe, um eine Schlachtstätte zu schließen und Kundenbeziehungen umzuleiten. Die Unschuldsvermutung gelte. Brandenburgs Landwirtschaftsministerin Hanka Mittelstädt (SPD) kritisierte das Vorgehen der Uhlen GmbH deutlich: Auf Initiativen ihres Ministeriums, den Standort zu retten, sei das Unternehmen nicht eingegangen.

Kein Zucker mehr in Brottewitz

Seit 2019 sind die süßen Zeiten für Beschäftigte im Brandenburger Ort Brottewitz vorbei. Schon 1872 wurden hier Zuckerrüben zu Industriezucker verarbeitet, 1990 übernahm das börsennotierte Unternehmen Südzucker AG mit Sitz in Mannheim. Als die sogenannte Zuckermarktordnung 2017 abgeschafft wurde, die bis dahin stabile Zuckerpreise garantiert hatte, machte der Konzern weniger Gewinne und entschied kurzerhand zwei Zuckerfabriken dichtzumachen, eine davon in Brottewitz.

Um dagegen zu protestieren, reisten etwa 90 Beschäftigte extra zur Firmenzentrale im sechs Stunden entfernten Mannheim. Ohne Erfolg, Ende 2019 wurde die Produktion endgültig eingestellt. Landrat Christian Heinrich-Jaschinski zeigte sich enttäuscht über das Vorgehen der Südzucker AG: „Besonders bitter ist, dass keine roten Zahlen geschrieben wurden, sondern nur die Renditeerwartungen nicht erfüllt wurden“.

Spreewald ohne Gurken

Gurken waschen, sortieren, würzen und verpacken: Das war 80 Jahre lang Alltag in der Spreewaldkonserve im Brandenburgischen Golßen. Nach der Wende hatte ein Geschwisterpaar vom Niederrhein den Betrieb übernommen, 2021 wurde er an den französischen Konzern Andros weiterverkauft. Im vergangenen Jahr kündigte dieser das Ende des Standortes an.

Für die Golßner:innen ein Schock: Etwa 10 Prozent der Einwohner:innen waren bisher in der Gurkenproduktion beschäftigt, ein „Gurkenradweg“ und das Hotel „Zur Spreewälderin“ finden sich in dem kleinen Ort.

Der Konzern spricht von einem „schwierigen Marktumfeld“. Gestiegene Energie- und Rohstoffpreise, der Krieg in der Ukraine und die Pandemie hätten die Bedingungen erschwert. Die Gewerkschaft NGG (Nahrung-Genuss-Gaststätten) vermutet dagegen, Andros habe sich die Marke Spreewaldhof sichern und mit kostengünstigen Saisonarbeitenden weiter produzieren wollen.

Dafür spricht, dass die Schließung nur ein Jahr nach der Aushandlung eines Tarifvertrags für die Beschäftigten kommt, der sie gerade aus dem Niedriglohnsektor gehievt hatte. Anwohner aus Golßen sagen über die Schließung des Betriebs: „Wir wurden verarscht.“

Hannoveraner Reifenproduzent schließt 155 Jahre altes Werk im Osten

Früher wurden im thüringischen Ort Bad Blankenburg Riemen und Schläuche hergestellt, zuletzt Förderbänder für die Rohstoffförderung. 155 Jahre lang war das GummiWerk ein sicherer Arbeitgeber für die Bad Blankenburger. Anfang 2025 kündigte der Konzern Continental mit Sitz in Hannover an, dass die Produktion in Thüringen bis Ende des Jahres eingestellt werde.

Die Gewerkschaft IGBCE (Bergbau, Chemie, Energie) kritisierte das Unternehmen scharf, unter anderem weil der Betriebsrat vor vollendete Tatsachen gestellt worden sei. Die Beschäftigten seien zudem getäuscht worden. Während einer Betriebsversammlung Ende Dezember habe man ihnen noch versichert, dass der Standort bestehen bleibe.

Nicht nur das Werk in Bad Blankenburg musste schließen. Insgesamt fünf Standorte in ganz Deutschland machte Continental 2025 dicht, fast 600 Menschen verloren ihre Arbeitsplätze. Die Aussichten für die 185 entlassenen Beschäftigten in Bad Blankenburg sind besonders schlecht, weil mit der Herzgut-Molkerei und dem Haushaltsgerätehersteller Efbe-Schott zwei große Arbeitgeber in der näheren Umgebung ebenfalls schließen.

Laut Continental reagiere das Unternehmen mit den Werksschließungen auf „anhaltende Nachfragerückgänge“ und „veränderte Marktsituationen“. Tatsächlich konnte das Unternehmen seine Gewinne 2024 deutlich steigern. Die Gewerkschaft argumentiert: Continental nutze wirtschaftspolitische Debatten aus, um die Produktion nach Niedersachsen und ins Ausland zu verlagern.

Bei einem Protest gegen die Schließung stellten Beschäftigte ein Kreuz auf, auf das sie das Todesdatum des Werkes gepinselt hatten. Einige von ihnen hatten laut Medienberichten mehr als 40 Jahre in dem Betrieb gearbeitet.

Niesky: Waggons gibt’s nur noch im Museum

Die Geschichte der Waggonbau-Produktion in Niesky, einer Stadt bei Görlitz in Sachsen, reicht bis ins Jahre 1917 zurück. Unter anderem Postwagen und Straßenbahnen wurden hier produziert. Nach der Wende folgten mehrere Eigentümerwechsel. Die Deutsche Waggonbau AG, die Deutsche Bahn und Quantum Capital Partners waren beteiligt.

Erstmals rutschte das Unternehmen 2008 in die Insolvenz und rappelte sich mehrmals auf, bevor das slowakische Unternehmen Tatravagónka den Standort 2018 übernahm. Fünf Jahre später begannen Beschäftigte damit, Mahnwachen vor dem Werk abzuhalten. Es gebe immer weniger Aufträge und Werkzeug fehle, kritisierten sie. Im August 2023 wurde das Werk endgültig stillgelegt, die 200 Beschäftigten standen ohne Job da. In einer Ausstellung erinnerten ehemalige Beschäftigte im vergangenen Sommer an die zentrale Bedeutung des Waggonbaus für die Region.

Eberswalder Wurstwerke

Für die Beschäftigten der Eberswalder Wurstwerke im brandenburgischen Britz begann 2026 mit einem Schock. Anfang Januar kündigte der Fleischkonzern Tönnies an, den Standort, den das Unternehmen erst 2023 gekauft hatte, zu schließen. Gewerkschaftsvertreter kritisieren, Tönnies habe Investitionen verweigert und den Betrieb „gezielt ausbluten lassen“, um sich der Konkurrenz zu entledigen.

Die Marke Eberswalder soll trotz Schließung bestehen bleiben, nur eben nicht mehr in Britz produziert werden. Das dürfte für die 500 Beschäftigten, die ihre Jobs verlieren, kaum Trost bieten. Besonders, weil Tönnies eine Lücke im Betriebsgesetz nutzt, die dafür sorgt, dass Abfindungen für die Beschäftigten dürftig ausfallen. Weil die Übernahme 2023 formal als Neugründung gewertet wird, ist der Konzern nicht an Vorgaben für Sozialpläne gebunden.

Tönnies dürfte vom Bestehenbleiben der Marke profitieren. Die Produkte von Eberswalder erfreuen sich nach wie vor großer Bekannt- und Beliebtheit, vor allem in Ostdeutschland.

Es ist nicht das erste Mal, dass der größte Fleischproduzent Europas in die Kritik gerät. Immer wieder berichten Tönnies-Beschäftigte von Ausbeutung und katastrophalen Arbeitsbedingungen. Mehrmals geriet der Konzern zudem wegen geplanten Fusionen ins Visier des Bundeskartellamts. Zuletzt untersagte die Behörde eine Übernahme eines Schlachthofes in Bayern.

um Konkurrenz aus dem Weg zu räumen, argumentieren Gewerkschaften. Die Leidtragenden sind Beschäftigte, die oftmals nicht nur ihre Existenzgrundlage, sondern auch einen Teil ihrer Identität verlieren. Gerade wenn es Betriebe trifft, in denen Familien seit Generationen arbeiten.Das hat auch politische Konsequenzen. Denn wo Perspektivlosigkeit herrscht und ein Gefühl der Ungerechtigkeit um sich greift, ist der Erfolg autoritärer und rechtsextremer Kräfte nicht weit. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung prognostiziert für die ostdeutschen Bundesländer 2026 einen Anstieg der Arbeitslosigkeit um einen Prozent.Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im Herbst, bei denen die AfD jeweils stärkste Kraft werden könnte, ist diese Prognose besonders besorgniserregend. Zehn Beispiele zeigen, wie rücksichtslos Konzerne mit ihrer Verantwortung für Beschäftigte im Osten umgehen.Haribo macht Kinder froh, entlässt Beschäftigte im Osten aber einfach soMehr als 120 Jahre liefen im sächsischen Wilkau-Haßlau Süßwaren übers Band, bis der Weltmarktführer im Fruchtgummi- und Lakritzgeschäft, Haribo, den Betrieb 2020 dicht machte und 150 Beschäftigte vor die Tür setzte. Einst als Lebkuchen- und Schokoladenfabrik gegründet, wurde die Süßwarenfabrik WeSa in DDR-Zeiten zum Volkseigenen Betrieb. Nach der Wende übernahm das Bonner Unternehmen Haribo. In Folge einiger strategischer Fehlentscheidungen und der Corona-Pandemie sank Haribos Weltmarktanteil leicht. Der Konzern reagierte mit der Schließung seines einzigen Standortes im Osten. Laut Gewerkschaftsvertretern legte der Konzern einen „grottigen” Sozialplan vor und passte diesen erst auf Drängen der Gewerkschaft an. Im Nachgang zeigte sich, dass wichtige Investitionen offenbar ausgeblieben waren. Konkurrent Katjes war zunächst an der Übernahme der Fabrik interessiert, entschied sich wegen des schlechten baulichen Zustands aber dagegen. 2024 wurde bekannt, dass Haribo 300 Millionen Euro in einen neuen Standort in Rheinland-Pfalz investiert. Eine Summe, die womöglich auch die Produktionsstätte in Wilkau-Haßlau hätte retten können. Melitta schließt Fabrik nach 226 Jahren PapierproduktionDen Kaffeefilter erfand eine Ostdeutsche: Die Dresdnerin Amalie Auguste Melitta Bentz nutzte Löschpapier aus dem Schulheft ihres Sohnes, um Kaffee zu filtern. 1908 patentierte die Familie Bentz eine ausgefeiltere Version des ersten Kaffeefilters. Mittlerweile ist Melitta ein Weltkonzern mit Sitz im ostwestfälischen Minden, der bereits mehrfach ins Blickfeld des Bundeskartellamts geriet. 2000 untersagte die Behörde dem Unternehmen die geplante Fusion mit einem belgischen Staubsauger-Hersteller. 2009 und 2014 musste Melitta wegen Preisabsprachen mit anderen Kaffeeherstellern Geldbußen zahlen. Nun sorgt auch das Vorgehen Melittas in Neu-Kaliß, einem kleinen Ort im Süden Mecklenburg-Vorpommerns, für Kritik. Vor 226 Jahren entstand hier eine Papiermühle, seit 1872 wird maschinell Papier produziert. Kurz nach der Wende übernahm Melitta den Betrieb. Ende März soll der Standort wegen einer „konstant schlechten Geschäftslage“ schließen, wie es vom Unternehmen heißt. Dass nun 115 Beschäftigte ihre Jobs verlieren sollen, ist für Neu-Kaliß ein herber Schlag. Immerhin: Laut Bürgermeister Burkhard Thees (FDP) sei ordentlich in den Standort investiert worden. Er hoffe auf eine Übernahme der Fabrik durch ein anderes Unternehmen, sagte er der Bild-Zeitung.Jägermeister muss seine Flaschen woanders herbekommenBis Ende des Jahres liefen die Schmelzöfen im Glaswerk Bernsdorf in Sachsen rund um die Uhr. Etwa 150 Millionen Flaschen wurden hier jährlich produziert, unter anderem für den Kräuterlikör-Hersteller Jägermeister. 2022 feierten die Beschäftigten noch das 150-jährige Bestehen der Industriestätte, die laut Website der Stadt Bernsdorf nicht nur Arbeitsplätze bot, sondern auch einen „bedeutenden Teil der industriellen Identität“ ausmachte. Mitte 2025 ließ das US-amerikanische Unternehmen Owens-Illinois, das den Betrieb 2004 übernommen hatte, die Produktion einstellen. Kurze Zeit später wurden Schließungspläne bekannt. Laut Unternehmen sei eine „gezielte Optimierung in einem zunehmend intensiveren Wettbewerbsumfeld“ Hintergrund. Im Oktober demonstrierten Beschäftigte gegen die Schließung und entzündeten 152 Papierlichter vor dem Glaswerk, für jedes Jahr des Bestehens eines. Ohne Erfolg: Mittlerweile bleiben die Schmelzöfen in Bernsdorf kalt. Viele Beschäftigte fühlten sich nach „Jahren der Loyalität und harter Arbeit enttäuscht“, heißt es auf der Website der Stadt. Henkel sorgt für Irritation und Enttäuschung in sächsischer Klebstofffabrik Seit 1916 wurde im sächsischen Heidenau Klebstoff produziert, Ende 2024 war Schluss. Der Waschmittelhersteller Henkel aus Nordrhein-Westfalen, unter anderem für die Marken Persil und Pril bekannt, hatte den Betrieb 2005 übernommen. Besonders das Agieren von Henkel-CEO Carsten Knobel irritierte dabei. Während Beschäftigte schon Anfang 2023 über die geplante Schließung informiert worden sein sollen, versicherte Knobel noch im Sommer 2024 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, dass kein deutsches Henkel-Werk geschlossen werden. Später korrigierte er: Er habe sich nur auf die von Henkel produzierten Konsumgüter bezogen. Ebenfalls bemerkenswert: Kurz vor Bekanntgabe der Werksschließung hatte der Konzern noch von einer „starken Geschäftsentwicklung“ berichtet.Davon konnten die 40 entlassenen Beschäftigten aus Heidenau nicht mehr profitieren. Ihnen soll angeboten worden sein, an anderen Henkel-Standorten einzusteigen. Allerdings machte mit dem Standort in Heidenau das letzte Werk in Ostdeutschland dicht. Ein Großteil der Produktion wurde inzwischen ins Ausland verlagert.Ermittlungen des Bundeskartellamts bei der Uhlen GmbHEnde des 19. Jahrhunderts wurden hier 15 Schweine am Tag geschlachtet, zuletzt waren es bis zu 20.000 in der Woche: Das Fleischcenter Perleberg war bis 2025 der größte Schlachtbetrieb Brandenburgs. Das ist nun Geschichte. Im Oktober hatte die Uhlen GmbH die geplante Schließung des Betriebs angekündigt, inzwischen wurde die Produktion eingestellt. Rund 150 Beschäftigte sind betroffen. Aktuell sucht das Land Brandenburg nach möglichen Investoren, um den Standort zu retten. Nach der Wende hatte zunächst das niederländische Unternehmen Vion den Betrieb übernommen. Anfang 2024 stieg mit der Uhlen GmbH einer der größten Schweineschlachtbetriebe Deutschlands ein. Im November durchsuchten Bundeskartellamt und Kriminalpolizei den Schlachthof. Laut eines Behördensprechers habe es den Verdacht gegeben, dass sich das Unternehmen mit anderen Wettbewerbern abgesprochen habe, um eine Schlachtstätte zu schließen und Kundenbeziehungen umzuleiten. Die Unschuldsvermutung gelte. Brandenburgs Landwirtschaftsministerin Hanka Mittelstädt (SPD) kritisierte das Vorgehen der Uhlen GmbH deutlich: Auf Initiativen ihres Ministeriums, den Standort zu retten, sei das Unternehmen nicht eingegangen. Kein Zucker mehr in Brottewitz Seit 2019 sind die süßen Zeiten für Beschäftigte im Brandenburger Ort Brottewitz vorbei. Schon 1872 wurden hier Zuckerrüben zu Industriezucker verarbeitet, 1990 übernahm das börsennotierte Unternehmen Südzucker AG mit Sitz in Mannheim. Als die sogenannte Zuckermarktordnung 2017 abgeschafft wurde, die bis dahin stabile Zuckerpreise garantiert hatte, machte der Konzern weniger Gewinne und entschied kurzerhand zwei Zuckerfabriken dichtzumachen, eine davon in Brottewitz. Um dagegen zu protestieren, reisten etwa 90 Beschäftigte extra zur Firmenzentrale im sechs Stunden entfernten Mannheim. Ohne Erfolg, Ende 2019 wurde die Produktion endgültig eingestellt. Landrat Christian Heinrich-Jaschinski zeigte sich enttäuscht über das Vorgehen der Südzucker AG: „Besonders bitter ist, dass keine roten Zahlen geschrieben wurden, sondern nur die Renditeerwartungen nicht erfüllt wurden“.Spreewald ohne GurkenGurken waschen, sortieren, würzen und verpacken: Das war 80 Jahre lang Alltag in der Spreewaldkonserve im Brandenburgischen Golßen. Nach der Wende hatte ein Geschwisterpaar vom Niederrhein den Betrieb übernommen, 2021 wurde er an den französischen Konzern Andros weiterverkauft. Im vergangenen Jahr kündigte dieser das Ende des Standortes an. Für die Golßner:innen ein Schock: Etwa 10 Prozent der Einwohner:innen waren bisher in der Gurkenproduktion beschäftigt, ein „Gurkenradweg“ und das Hotel „Zur Spreewälderin“ finden sich in dem kleinen Ort. Der Konzern spricht von einem „schwierigen Marktumfeld“. Gestiegene Energie- und Rohstoffpreise, der Krieg in der Ukraine und die Pandemie hätten die Bedingungen erschwert. Die Gewerkschaft NGG (Nahrung-Genuss-Gaststätten) vermutet dagegen, Andros habe sich die Marke Spreewaldhof sichern und mit kostengünstigen Saisonarbeitenden weiter produzieren wollen.Dafür spricht, dass die Schließung nur ein Jahr nach der Aushandlung eines Tarifvertrags für die Beschäftigten kommt, der sie gerade aus dem Niedriglohnsektor gehievt hatte. Anwohner aus Golßen sagen über die Schließung des Betriebs: „Wir wurden verarscht.“Hannoveraner Reifenproduzent schließt 155 Jahre altes Werk im OstenFrüher wurden im thüringischen Ort Bad Blankenburg Riemen und Schläuche hergestellt, zuletzt Förderbänder für die Rohstoffförderung. 155 Jahre lang war das GummiWerk ein sicherer Arbeitgeber für die Bad Blankenburger. Anfang 2025 kündigte der Konzern Continental mit Sitz in Hannover an, dass die Produktion in Thüringen bis Ende des Jahres eingestellt werde.Die Gewerkschaft IGBCE (Bergbau, Chemie, Energie) kritisierte das Unternehmen scharf, unter anderem weil der Betriebsrat vor vollendete Tatsachen gestellt worden sei. Die Beschäftigten seien zudem getäuscht worden. Während einer Betriebsversammlung Ende Dezember habe man ihnen noch versichert, dass der Standort bestehen bleibe. Nicht nur das Werk in Bad Blankenburg musste schließen. Insgesamt fünf Standorte in ganz Deutschland machte Continental 2025 dicht, fast 600 Menschen verloren ihre Arbeitsplätze. Die Aussichten für die 185 entlassenen Beschäftigten in Bad Blankenburg sind besonders schlecht, weil mit der Herzgut-Molkerei und dem Haushaltsgerätehersteller Efbe-Schott zwei große Arbeitgeber in der näheren Umgebung ebenfalls schließen. Laut Continental reagiere das Unternehmen mit den Werksschließungen auf „anhaltende Nachfragerückgänge“ und „veränderte Marktsituationen“. Tatsächlich konnte das Unternehmen seine Gewinne 2024 deutlich steigern. Die Gewerkschaft argumentiert: Continental nutze wirtschaftspolitische Debatten aus, um die Produktion nach Niedersachsen und ins Ausland zu verlagern. Bei einem Protest gegen die Schließung stellten Beschäftigte ein Kreuz auf, auf das sie das Todesdatum des Werkes gepinselt hatten. Einige von ihnen hatten laut Medienberichten mehr als 40 Jahre in dem Betrieb gearbeitet.Niesky: Waggons gibt’s nur noch im MuseumDie Geschichte der Waggonbau-Produktion in Niesky, einer Stadt bei Görlitz in Sachsen, reicht bis ins Jahre 1917 zurück. Unter anderem Postwagen und Straßenbahnen wurden hier produziert. Nach der Wende folgten mehrere Eigentümerwechsel. Die Deutsche Waggonbau AG, die Deutsche Bahn und Quantum Capital Partners waren beteiligt. Erstmals rutschte das Unternehmen 2008 in die Insolvenz und rappelte sich mehrmals auf, bevor das slowakische Unternehmen Tatravagónka den Standort 2018 übernahm. Fünf Jahre später begannen Beschäftigte damit, Mahnwachen vor dem Werk abzuhalten. Es gebe immer weniger Aufträge und Werkzeug fehle, kritisierten sie. Im August 2023 wurde das Werk endgültig stillgelegt, die 200 Beschäftigten standen ohne Job da. In einer Ausstellung erinnerten ehemalige Beschäftigte im vergangenen Sommer an die zentrale Bedeutung des Waggonbaus für die Region. Eberswalder WurstwerkeFür die Beschäftigten der Eberswalder Wurstwerke im brandenburgischen Britz begann 2026 mit einem Schock. Anfang Januar kündigte der Fleischkonzern Tönnies an, den Standort, den das Unternehmen erst 2023 gekauft hatte, zu schließen. Gewerkschaftsvertreter kritisieren, Tönnies habe Investitionen verweigert und den Betrieb „gezielt ausbluten lassen“, um sich der Konkurrenz zu entledigen. Die Marke Eberswalder soll trotz Schließung bestehen bleiben, nur eben nicht mehr in Britz produziert werden. Das dürfte für die 500 Beschäftigten, die ihre Jobs verlieren, kaum Trost bieten. Besonders, weil Tönnies eine Lücke im Betriebsgesetz nutzt, die dafür sorgt, dass Abfindungen für die Beschäftigten dürftig ausfallen. Weil die Übernahme 2023 formal als Neugründung gewertet wird, ist der Konzern nicht an Vorgaben für Sozialpläne gebunden. Tönnies dürfte vom Bestehenbleiben der Marke profitieren. Die Produkte von Eberswalder erfreuen sich nach wie vor großer Bekannt- und Beliebtheit, vor allem in Ostdeutschland. Es ist nicht das erste Mal, dass der größte Fleischproduzent Europas in die Kritik gerät. Immer wieder berichten Tönnies-Beschäftigte von Ausbeutung und katastrophalen Arbeitsbedingungen. Mehrmals geriet der Konzern zudem wegen geplanten Fusionen ins Visier des Bundeskartellamts. Zuletzt untersagte die Behörde eine Übernahme eines Schlachthofes in Bayern.



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