Ein Gastbeitrag von Bianca Dolores Stein

Der Dissident war einmal eine klare, fast eindeutige Figur. In den siebziger und achtziger Jahren bezeichnete das Wort medial jene Menschen, die ausnahmslos aus sozialistischen Regimen flohen – aus Systemen, die sich selbst als fortschrittlich, gerecht und antifaschistisch verstanden, ihren Bürgern aber das freie Wort – und somit die Systemkritik – entzogen. Die Sowjetunion, ihre Satellitenstaaten, der gesamte Ostblock bildeten damals im Kalten Krieg den Resonanz- und Referenzraum dieses Begriffs. Dissident war, wer dem Sozialismus widersprach. Es waren Schriftsteller, Journalisten, Intellektuelle, die ihre Gedanken nicht zurücknahmen, die sie ja längst in veröffentlichte Sätze gegossen hatten, die von der Regierung Druck bekamen und deshalb ihre Länder verlassen mussten.

Man empfing sie im Westen mit Applaus und offenen Armen. Nicht nur aus Mitgefühl, sondern aus einem tieferen, bequemeren Grund: Sie bestätigten, was man ohnehin über sich selbst glaubte. Ihre Flucht erzählte eine einfache Geschichte von Unfreiheit dort und Freiheit hier. Der Dissident wurde zur moralischen Figur, weil er aus dem falschen System kam – und ins richtige floh. Seine Kritik traf nicht uns. Sie traf den Sozialismus. Und genau deshalb war der Dissens mit dem Regierungsvorgehen willkommen.

Der Dissident stellte die westliche Ordnung nicht infrage. Im Gegenteil: Er stabilisierte sie, indem er in ihr Zuflucht suchte – und fand. Er war der lebende Beweis dafür, dass Meinungsfreiheit existierte – und zwar genau hier. Im Westen. Werte-Westen. Nicht im Osten. Seine Kritik kostete uns nichts. Sie verlangte keine Revision des eigenen Denkens, keine Selbstkorrektur, keine unbequemen Fragen. Man konnte ihn bewundern, ohne sich selbst zu prüfen – und gewann Momente der Eigenlob-Hudelei und Tugendprahlerei des eigenen westlichen Systems. Das ändert sich in dem Moment, in dem Kritik nicht mehr aus einem sozialistischen System kommt, sondern aus dem eigenen.

Der heutige Regierungskritiker ist kein Zeuge fremder Unfreiheit, sondern ein Störgeräusch im eigenen Narrativ. Er greift nicht nur die Regierung an, sondern die stillschweigende Übereinkunft, dass man im Großen und Ganzen auf der richtigen Seite steht. Der Konsens trägt das System. Und dieser innere Konsens ist ebenso wichtig und empfindlich wie der innere Dissident störend ist. Und so entstehen Etiketten. Sie heißen heute anders als früher; insofern war „Dissident“ noch bemerkenswert neutral. Die heutigen Bezeichnungen in Richtung „Querdenker“, „Schwurbler“, „Verschwörungstheoretiker“, „Rechtsextremer“ oder gar „Nazi“ sind wesentlich negativer und urteilender konnotiert. Zuschreibungen, die nicht erklären, sondern unterstellen und den Diskurs damit beenden. Sie ersetzen das Argument durch die Diagnose. Kritik wird nicht falsch, sondern unzulässig. Wer so spricht, hat sich – zumindest, wenn er sich demokratisch nennt – selbst disqualifiziert.

Von außen betrachtet gilt Kritik als Mut. Von innen erscheint sie als Illoyalität. Das ist kein deutscher Sonderweg und keine zeitgebundene Verirrung. Es ist ein altes Muster. Jede Ordnung erträgt Widerspruch besser, solange er sie nicht selbst betrifft. An diesem Punkt wird Hannah Arendt unvermeidlich. Als sie über den Eichmann-Prozess schrieb, erwartete man eine klare moralische Verurteilung, ein beruhigendes Urteil über das absolut Andere. Stattdessen beschrieb sie etwas Verstörendes: die Gedankenlosigkeit. Die erschreckende Normalität eines Mannes, der kein Monster war, sondern ein Funktionär. Einer, der sich nicht als Täter verstand, sondern als jemand, der seine Aufgabe im Sinne des Auftrags erfüllte. Hannah Arendt entzog dem Bösen seinen Ausnahmecharakter. Und genau deshalb wurde sie angefeindet. Nicht, weil sie irgendetwas entschuldigte – denn das tat sie nicht –, sondern weil sie erklärte. Analysierte. Weil sie zeigte, dass Systeme nicht nur durch fanatische Ideologen funktionieren, sondern durch Anpassung, durch Pflichtgefühl, durch das Aussetzen des eigenen Denkens. „Das Böse entsteht nicht aus Hass oder psychischer Abartigkeit, sondern aus Gedankenlosigkeit, Bürokratie und der strikten Umsetzung von Regeln.“ Daran muss ich immer denken, wenn es rechtfertigend heißt: „Ja, aber das war halt das Gesetz.“ Siehe Corona.

Wir hatten schon dunkle Zeiten, als die damalige Regierung Gesetze erließ, die es den Deutschen verboten, beispielsweise Juden zu beherbergen (zu verstecken). Und ich bin verdammt froh, dass es damals Menschen gab, die dieses Gesetz gebrochen haben. Es gibt unmenschliche Gesetze. Und auch da möchte ich wieder Hannah Arendt anführen: „Keiner hat das Recht, zu gehorchen.“

Ihre Kritik kam aus dem Inneren einer Gesellschaft, die sich ihrer moralischen Gewissheit sicher war. Der heutige Regierungskritiker befindet sich genau hier. Nicht, weil er notwendigerweise vollumfänglich recht hätte, sondern weil er das Falsche tut: Er erinnert daran, dass Konsens oder Mehrheit keine Wahrheit sind. Dass Freiheit nicht nur darin besteht, eine eigene Meinung zu haben, sondern sie – richtig oder falsch, wer entscheidet das schon – äußern zu dürfen, ohne existenzgefährdende Konsequenzen befürchten zu müssen – auch dann, wenn sie stören, das ist der Punkt. Der Wind hat sich nicht gedreht, nur der Blickwinkel hat sich verschoben. Meinungsfreiheit wird feierlich beschworen, solange sie abstrakt bleibt. Sie wird verteidigt, solange sie entweder im historischen Konsens ist oder im herrschenden Narrativ, lebensfern, abgeschlossen. Sie gerät unter Verdacht, sobald sie konkret wird – hier, jetzt, im eigenen Haus, im Leben. Jede Gesellschaft braucht Dissidenten. Aber keine Regierung der Welt möchte welche hervorbringen. Der Dissident beschreibt sozusagen immer das intern erzeugte Spannungsfeld der jeweiligen Regierung.

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Über Bianca Dolores Stein: Geboren im März des Mondlandungsjahrs, aufgewachsen in der Natur, ausgebildet im Journalismus, in Sprachen und im Ernährungswesen, ungeimpft und bis heute glücklich darüber. Mutter eines erwachsenen Sohnes. Mensch.

Bild: Shutterstock.com

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