Renommierte Studien, die über Funde von Mikroplastik im gesamten menschlichen Körper berichten, werden von Wissenschaftlern infrage gestellt. Die angeblichen Entdeckungen seien wahrscheinlich das Ergebnis von Verunreinigungen und teils falsch positiv. Ein Chemiker bezeichnete die Kritik als „eine Bombe“.
Studien, die behaupten, Mikro- und Nanokunststoffe imGehirn, in denHoden, in derPlazenta, in denArterienund an anderen Stellen nachgewiesen zu haben, wurden von Medien auf der ganzen Welt aufgegriffen, auch vom Guardian.
Ohne Zweifel ist die Verschmutzung der Natur durch Plastik allgegenwärtig. Plastik befindet sich in den Lebensmitteln und Getränken, die wir konsumieren, und der Luft, die wir einatmen, wobei die potenziellen Gesundheitsschäden durch Mikroplastik und die darin enthaltenen Chemikalien noch unklar sind. Daher entstand in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Forschungsarbeiten zu diesem Thema.
Mikro- und Nanoplastikpartikel sind winzig und liegen an der Grenze der heutigen Analysetechnik, insbesondere in menschlichem Gewebe. Es gibt keine Hinweise auf vorsätzliches wissenschaftliches Fehlverhalten. Aber die Forscher äußerten gegenüber dem Guardian Bedenken, dass der Wettlauf um die Veröffentlichung von Ergebnissen zu übereilten Schlüssen geführt hätte, in einigen Fällen durch Forscher mit begrenzter analytischer Expertise. Zudem seien teilweise routinemäßige wissenschaftliche Überprüfungen versäumt worden.
Der Guardian hat sieben Studien gefunden, die von Forschern in verschiedenen Fachzeitschriften kritisiert werden. Eine aktuelle Analyse listet zudem 18 Studien auf, die angeblich nicht berücksichtigten, dass bestimmte menschliche Gewebe Messwerte erzeugen können, die sich leicht mit den Anzeichen von Kunststoffen verwechseln lassen.
International gibt es einen wachsenden Fokus auf die Notwendigkeit, Plastikverschmutzung einzudämmen. Fehlerhafte Nachweise von Mikroplastik im Menschen könnten aber zu fehlgeleiteten Regulierungen und Politik führen, warnen Forscher. Sie könnten auch Lobbyisten der Plastikindustrie helfen, echte Bedenken abzuwehren, indem sie behaupten, sie seien unbegründet. Zwar verbessert sich laut den Experten die Analysetechnik zunehmend sehr. Aber die Zweifel an aktuellen Studien werfen Fragen auf: Was ist denn wirklich der aktuelle Wissensstand und wie besorgt sollten die Leute wegen Mikroplastik in ihrem Körper sein?
„Der Aufsatz ist ein Witz“
„Der Mikroplastik-Gehalt im menschlichen Gehirn könnte rapide steigen“, war im Februar vergangenen Jahres die alarmierende Schlagzeile zu einer neuen Studie, über die breit berichtet wurde, so auch vom Guardian. Die in einer renommierten Fachzeitschrift veröffentlichte Studie sprach von einem steigenden Trend von Mikro- und Nanoplastik (MNPs) im Gehirngewebe von dutzenden Obduktionen Verstorbener zwischen 1997 und 2024.
Doch im November wurde in der gleichen Zeitschrift ein kritischer Text über die Herausforderungen beim Studium von Mikroplastik im Gehirn veröffentlicht. In der formellen diplomatischen Sprache von wissenschaftlichen Veröffentlichungen schreiben die Autoren: „Die Studienergebnisse scheinen methodologische Probleme aufzuweisen, wie zu wenige Kontaminierungskontrollen und ein Fehlen von Validierungsschritten, die die Verlässlichkeit der angegebenen Konzentration beeinträchtigen könnte.“
Einer des Wissenschaftler-Teams hinter dem Brief formulierte es unverblümt. „Die Mikroplastik-im-Gehirn-Studie ist ein Witz“, urteilte Doktor Dušan Materić vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. „Fett ist bekannt dafür, falsch-positive Ergebnisse für Polyethylen zu erbringen. Das Gehirn besteht zu rund 60 Prozent aus Fett.“ Materić und seine Kollegen wiesen darauf hin, dass steigende Fettleibigkeit eine andere Erklärung für die in der Studie beschriebenen Trends sein könnte.
„Die Studie ist wirklich schlecht“, urteilt Materić, „und es ist sehr leicht zu erklären, warum sie falsch ist.“ Für ihn gibt es ernsthafte Zweifel an „mehr als der Hälfte der bedeutenden Studien“, die von Mikroplastik in biologischem Gewebe berichten.
Der leitende Autor der betreffenden Gehirnstudie, Professor Matthew Campen, sagte dem Guardian: „Wir befinden uns einfach selbst in einer frühen Phase des Versuchs, die potenziellen Gesundheitsauswirkungen von MNPs zu verstehen. Dafür gibt es kein Rezeptbuch. Die meisten Kritikpunkte, die bisher an den Arbeiten (unseres Labors und anderen) geäußert wurden, waren spekulativ und nicht durch tatsächliche Daten untermauert.“
„Wir haben zahlreiche Möglichkeiten zur Verbesserung und Verfeinerung zur Kenntnis genommen. Wir versuchen aber, unsere begrenzten Ressourcen für die Erstellung besserer Testverfahren und Daten einzusetzen, anstatt ständig Dialoge zu führen.“
Die Zweifel kommen einer „Bombe“ gleich
Aber bei weitem nicht nur die Gehirn-Studie wird infrage gestellt. Ein weiteres Beispiel ist eine Studie, laut der Patienten, bei denenMNPs in der Halsschlagader-Plaque nachgewiesen wurden, einhöheres Risiko für Herzinfarkteund Schlaganfälle hatten als Patienten, bei denen keine MNPs nachgewiesen wurden. Allerdings wurden für die Studie keine Blindproben aus dem Operationssaal genommen. Blindproben sind eine Möglichkeit, zu messen, wie hoch die Hintergrundskontamination sein könnte.
Eine weitere Studie berichtete überMNPs in menschlichen Hodenund „hob die weitverbreitete Präsenz von Mikroplastik im männlichen Fortpflanzungssystem hervor“. Kritische Stimmen dagegen sagen: „Unserer Meinung nach ist der verwendete analytische Ansatz nicht robust genug, um diese Behauptungen zu stützen.“
Die Autoren der kritisierten Studie, Prof. Campen und Kollegen, reagierten darauf so: „Um einen Gedanken aus der Fernsehserie Ted Lasso zu zitieren: Bioanalytische Tests werden niemals perfekt sein. Das Beste, was wir machen können, ist, weiter um Hilfe zu bitten und diese anzunehmen, wenn sie angeboten wird. Wenn man das konsequent tut, wird man sich immer weiter verbessern.“
Auch umstritten sind zweiBerichte über PlastikpartikelimBlut– in beiden Fällenwidersprachen die Forscher den Kritikpunkten– und eine weitere Studie überderen NachweisinArterien. Eine andere Studie, die 10.000 Nanoplastikpartikelpro Liter abgefülltes Wasser nachgewiesen haben will, wurde von Kritikern als „grundsätzlich unzuverlässig“ bezeichnet, wasvon den Erstellern wiederumbestritten wird.
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Die Zweifel kommen einer „Bombe“ gleich, sagte der Chemiker Roger Kuhlman, der früher bei der Dow Chemical Company gearbeitet hat. „Das zwingt uns wirklich dazu, alles, was wir über Mikroplastik im Körper zu wissen glauben, neu zu bewerten. Und wie sich herausstellt, ist das nicht sehr viel. Viele Forscher stellen außergewöhnliche Behauptungen auf, liefern aber nicht einmal gewöhnliche Beweise dafür.“
Während es in der analytischen Chemie seit Langem etablierte Richtlinien für die genaue Analyse von Proben gibt, existieren diese noch nicht speziell für MNPs, erklärte Dr. Frederic Béen von der Vrije Universiteit Amsterdam: „Aber wir sehen immer noch ziemlich viele Veröffentlichungen, in denen sehr standardmäßig empfohlene Laborpraktiken nicht unbedingt befolgt wurden.“
Dazu gehören Maßnahmen zum Ausschluss von Hintergrundkontamination, Leerproben, Wiederholungsmessungen und die Testung von Geräten mit Proben, denen eine bekannte Menge an MNPs zugesetzt wurde. „Man kann also nicht sicher sein, dass das Gefundene nicht ganz oder teilweise auf einige dieser Versäumnisse zurückzuführen ist“, führte Béen aus.
Die Ergebnisse sind biologisch nicht plausibel
Eine gängige Methode zur Messung der MNP-Masse in einer Probe besteht darin, diese zu verdampfen und anschließend die Dämpfe aufzufangen. Die als Py-GC-MS bezeichnete Methode ist jedoch in die Kritik geraten. „Aufgrund hoher Störanfälligkeit ist diese Technik derzeit nicht geeignet, um Polyethylen oder PVC nachzuweisen“, ist das Fazit einerStudie aus dem Januar 2025unter Leitung von Dr. Cassandra Rauert, Umweltchemikerin an der University of Queensland in Australien.
„Das ist ein Problem auf dem gesamten Gebiet“, sagte Rauert dem Guardian. „Ich glaube, dass ein Großteil der berichteten Mikroplastik-Konzentrationen nichts mit der Realität zu tun hat.“
„Das ist kein Seitenhieb gegen andere Wissenschaftler“, fügte sie hinzu. „Sie verwenden diese Techniken, weil nichts Besseres zur Verfügung steht. Aber viele Studien verwenden diese Technik, ohne die Daten, die sie liefert, wirklich vollständig zu verstehen.“ Keine normalen Qualitätskontrollen durchzuführen, sei „ein wenig verrückt“.
Py-GC-MS beginnt mit der Pyrolyse der Probe – sie wird erhitzt, bis sie verdampft. Die Dämpfe werden dann durch die Röhren eines Gaschromatografen geleitet, der kleinere Moleküle von größeren trennt. Zuletzt identifiziert ein Massenspektrometer die Moleküle anhand ihres Gewichts.
Das Problem besteht darin, dass einige kleine Moleküle in den Dämpfen, die aus Polyethylen und PVC stammen, auch aus Fetten im menschlichen Gewebe entstehen können. Menschliche Proben werden vor der Analyse mit Chemikalien „verdaut“, um Gewebe zu entfernen, aber wenn etwas davon zurückbleibt, kann das Ergebnis zu falsch positiven Ergebnissen für MNPs führen. Rauerts Artikel listet 18 Studien auf, in denen das Risiko solcher falsch positiver Ergebnisse nicht berücksichtigt wurde.
Rauert argumentiert weiter, dass Studien, die hohe Konzentrationen von MNPs in Organen melden, einfach schwer zu glauben sind: „Ich habe bisher keine Beweise dafür gesehen, dass Partikel zwischen 3 und 30 Mikrometern in den Blutkreislauf gelangen können“, sagte sie. „Nach dem, was wir über die tatsächliche Exposition in unserem Alltag wissen, ist es biologisch nicht plausibel, dass diese Menge an Plastik tatsächlich in diesen Organen landet.“ Kleinere Teilchen lassen sich aber nicht nachweisen: „Es sind tatsächlich die Plastikpartikel in Nano-Größe, die biologische Barrieren überwinden können und die wir im menschlichen Körper erwarten. Aber mit den derzeit verfügbaren Instrumenten können wir Nano-Partikel nicht nachweisen.“
Weitere Kritik kam im Juli in einerÜbersichtsstudie im Deutschen Ärzteblatt. „Derzeit gibt es kaum verlässliche Informationen über die tatsächliche Verteilung von Mikroplastik im Körper“, schrieben die Wissenschaftler.
Die Vorstellung von Mikroplastik wurde zu einer ernsthaften Sorge
Die Kunststoffproduktion ist seit den 1950er Jahren um das 200‑Fache gestiegen und wird sich bis 2060 voraussichtlich noch einmal fast verdreifachen, auf über eine Milliarde Tonnen pro Jahr. Dementsprechend ist auch die Plastikverschmutzung stark angestiegen. Acht Milliarden Tonnen verschmutzen mittlerweile den Planeten, vomGipfel des Mount Everestbis zumtiefsten Ozeangraben. Weniger als 10 Prozent des Plastiks werden recycelt.
Eine Expertenbewertung, die im August in der Fachzeitschrift Lancet veröffentlicht wurde, bezeichnete Kunststoffe als „ernsthafte, wachsende und unterschätzte Gefahr“ für die Gesundheit der Menschen und des Planeten. Angeführt wurden Schäden, die durch die Gewinnung der fossilen Brennstoffe, aus denen sie hergestellt werden, sowie durch ihre Produktion, Verwendung und Entsorgung entstehen und zu Luftverschmutzung und der Belastung durch giftige Chemikalien führen.
In den vergangenen Jahren ist die Infiltration des Körpers mit MNPs zu einer ernsthaften Sorge geworden. Einewegweisende Studieaus dem Jahr 2022berichtete erstmals über den Nachweis in menschlichem Blut. Diese Studie ist eine der 18, die in Rauerts Artikel aufgeführt sind, und wurde von Kuhlman kritisiert.
Die leitende Studien-Autorin, Professor Marja Lamoree von der Freien Universität Amsterdam, wies allerdings Vorwürfe von Kontamination zurück. „Das war ja der Grund für unseren Fokus auf Blut: dass man Proben frisch nehmen kann, ohne Störung durch Kontakt mit Plastik oder der Luft“, erklärte sie.
„Ich bin überzeugt, dass wir Mikroplastik nachgewiesen haben“, sagte sie. „Aber ich habe auch immer gesagt, dass die geschätzte Menge doppelt so gering oder zehnmal so hoch sein könnte.“ Auf Kuhlmans Brief antworteten Lamoree und ihre Kollegen, er habe die Daten „falsch interpretiert“.
Auch Lamoree sieht das breitere Problem des noch jungen Forschungsgebiets: „Es gibt nicht viele Labore, die diese Analysen gut durchführen können. Bei festen Gewebeproben besteht die Schwierigkeit darin, dass sie in der Regel in einem Operationssaal entnommen werden, der voller Plastik ist.“
Ihr Eindruck ist: „Die meisten, sagen wir mal, qualitativ minderwertigen analytischen Arbeiten stammen von Gruppen, die aus Ärzten oder Stoffwechsel-Experten bestehen und nicht auf analytischem Chemie-Wissen basieren.“
Behandlungen, die behaupten, Mikroplastik aus dem Blut zu entfernen
Die Verbesserung der Qualität von MNP-Messungen im menschlichen Körper sei wichtig, sagten die Wissenschaftler. Aber schlechte Datenqualität sei „unverantwortlich“ und könne zu Panikmache führen, sagte Rauert: „Wir wollen die Daten richtig erfassen, damit wir Gesundheitsbehörden, Regierungen und die Bevölkerung angemessen informieren und sicherstellen können, dass die richtigen Vorschriften und Richtlinien eingeführt werden.“
„Es kontaktieren uns viele Leute, die sehr besorgt darüber sind, wie viel Plastik sich in ihrem Körper befindet“, erzählte sie. „Wissenschaftler haben die Verantwortung, gesicherte wissenschaftliche Ergebnisse zu veröffentlichen, um die Bevölkerung nicht unnötig zu erschrecken.“
Behandlungen, die behaupten, Mikroplastik aus dem Blut zu entfernen, bezeichnete Rauert als „absurd“ – einige werden für rund 11.500 EUR angeboten. „Diese Behauptungen sind wissenschaftlich nicht belegt“, sagte sie. Je nach den verwendeten Geräten könne eine solche Behandlung sogar noch mehr Plastik ins Blut bringen.
Materić weist auf die Gefahr hin, dass nicht ausreichend gesicherte Studien von Plastikindustrie-Lobbyisten genutzt werden könnten, die Risiken von Plastik-Verschmutzung herunterzuspielen.
Die gute Nachricht ist laut Béen, dass sich die analytische Arbeit mit verschiedenen Techniken rasch verbessert: „Ich denke, es gibt immer weniger Zweifel daran, dass MNPs in Geweben vorhanden sind. Die Herausforderung besteht weiterhin darin, genau zu wissen, wie viele oder wie viel. Aber ich denke, wir können diese Unsicherheit immer mehr eingrenzen.“
Unterdessen plädiert Lamoree für bessere Zusammenarbeit: „Wir sollten netter kooperieren – mit viel offener Kommunikation – und nicht versuchen, die Ergebnisse anderer zu zerstören. Wir sollten uns alle nach vorn bewegen, anstatt uns zu bekämpfen.“
Experten raten dazu, Lebensmittel nicht in Plastikbehältern zu erhitzen
Sollte sich nun bis dahin die Öffentlichkeit wegen Mikroplastik im eigenen Körper Sorgen machen?
Angesichts der sehr begrenzten Nachweise kann sie nicht sagen, wie besorgt die Leute sein sollen, erklärte Professor Lamoree: „Aber natürlich treffe ich selbst auch einige Vorsichtsmaßnahmen, um auf der sicheren Seite zu sein. Ich versuche wirklich, weniger Plastik zu verwenden, insbesondere beim Kochen oder Erhitzen von Lebensmitteln oder beim Trinken aus Plastikflaschen. Außerdem lüfte ich regelmäßig das Haus.“
„Wir haben Kunststoffteilchen in uns – das kann man mit Sicherheit annehmen“, sagte Materić. „Aber zur Menge stehen eindeutige Nachweise noch aus. Es gibt aber ganz einfache Maßnahmen, mit denen Sie die Aufnahme von MNPs erheblich reduzieren können. Wenn Sie wegen Wasser besorgt sind, funktioniert schon ein Kohlefilter.“ Experten raten zudem dazu, Essen und Trinken zu vermeiden, das in Plastikbehältern erhitzt wurde.
Rauert glaubt, dass der Großteil des Mikro- und Nanoplastiks, das die Leute aufnehmen oder einatmen, wahrscheinlich vom Körper wieder ausgeschieden wird. Es könne aber nicht schaden, den Kontakt zu Plastik zu reduzieren. Darüber hinaus bleibe es entscheidend, zu klären, wie sich MNPs auf unsere Gesundheit auswirken: „Wir wissen, dass wir dem ausgesetzt sind. Daher wollen wir jetzt definitiv wissen, was daraus folgt, und wir werden daran arbeiten. Das ist sicher.“