Verschiedenste Gruppen haben zu Protesten aufgerufen: Ein eskalierender innerlinker Szenestreit wird den alternativen Leipziger Stadtteil Connewitz am Wochenende in Ausnahmezustand versetzen. Wie das ausgehen wird, ist völlig unklar


In Connewitz wurde 2023 ein Demonstrationsteil der angemeldeten Versammlung über 10 Stunden lang eingekesselt. (Archivbild 2023)

Foto: Moritz Schlenk/Imago Images


Fast auf den Tag genau zehn Jahre ist es her, dass sich Hunderte gewaltbereite Neonazis, Hooligans und Kampfsportler verabredeten, um den Leipziger Stadtteil Connewitz zu verwüsten. Die Beteiligten wollten linke Läden angreifen und Jagd auf jeden machen, den sie für links hielten – was ihnen auch zeitweilig gelang. Auch wenn dieser kurze, aber heftige Gewaltexzess mit erheblichen Sachschäden und mehreren verletzten Personen einherging, endete er letztlich mit 200 Festnahmen. Trotzdem gilt der 11. Januar 2016 nicht nur Leipziger*innen als schwarzer Tag für das alternative Viertel.

Ob es Absicht oder Zufall ist, dass Connewitz dieses Wochenende – nah an dem denkwürdigen Jubiläum – ein weiterer schwarzer Tag droht, lässt sich schwer sagen. Zu konfus ist die Lage schon im Vorhinein. Seit Wochen rufen verschiedene Gruppen zu Demonstrationen, Kundgebungen und „Besuchen“ am 17. Januar auf. Alle eint ein Bedürfnis: Sie wollen den Leipziger Stadtteil mit seinen knapp 20.000 Einwohner*innen an diesem Samstag für sich beanspruchen.

Pro-palästinensische Gruppen gegen „Antideutsche“ und „Zionist*innen“

Stein des Anstoßes war ein Demo-Aufruf der pro-palästinensischen Leipziger Gruppe Lotta Antifascista, unterstützt von einer weiteren pro-palästinensischen Vereinigung namens Handala. Handala – benannt nach einer Cartoonfigur, die im palästinensischen Kontext zum Befreiungssymbol geworden ist – fiel bis vor kurzem als eingetragener Verein auf, der in Leipzig regelmäßig Demonstrationen gegen Israel organisierte. Laut Vereinsregister hat sich Handala im Dezember 2025 aufgelöst, agiert in den sozialen Netzwerken unter diesem Namen aber weiter.

„Antifa means Free Palestine“, so der Slogan von Lotta Antifascista, dem sich unterdessen eine ganze Reihe weiterer pro-palästinensischer Gruppen mit je eigenen Aufrufen angeschlossen haben. „Connewitz gilt als links, ist aber seit Jahren ein überwiegend israelsolidarischer Raum, in dem konsequente Palästinasolidarität unterdrückt und zurückgedrängt wird“, heißt es in einem Aufruf zur Demo.

Connewitz gilt als links, ist aber seit Jahren ein überwiegend israelsolidarischer Raum, in dem konsequente Palästinasolidarität unterdrückt und zurückgedrängt wird

Handala

Aus den verschiedenen Aufrufen geht hervor, dass sich die Proteste gegen die Präsenz sogenannter Antideutscher oder schlicht Zionist*innen in Connewitz richten. Wie viele Anhänger*innen dieser proisraelischen linken Splittergruppe im Leipziger Süden tatsächlich aktiv sind, weiß niemand. Doch noch immer gibt es in dem alternativen Stadtteil ein paar Orte, die dieser linken Denkrichtung, die zuletzt in den 1990er-Jahren in nennenswerter Größenordnung bewegungsstiftend war, zugeordnet werden.

Die Linke-Landtagsabgeordnete Juliane Nagel und Conne Island als Feinde markiert

Genau solche Orte sind nun auch Ziel der Proteste: das Abgeordnetenbüro der Linkspartei, linXXnet, sowie das soziokulturelle Zentrum Conne Island. Mitbegründerin von linXXnet ist die Politikerin Juliane Nagel, die zuletzt 2024 bei der Landtagswahl in Sachsen eins von zwei Direktmandaten für die Partei gewann und somit auch deren Einzug in den Landtag gewährleistete. Das Conne Island ist seit den 1990er-Jahren eine weit über Leipzig hinaus bekannte Institution, unter anderem für Live-Musik, Lesungen, Jugendarbeit und politische Diskussionen.

Pro-palästinensische Gruppen kritisieren sowohl Juliane Nagel als auch das Conne Island für ihre israelsolidarische Haltung, verstärkt seit dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der darauffolgenden, eskalierenden israelischen Kriegsführung in Gaza. Zudem werfen sie dem Stadtteil Connewitz eine generelle antipalästinensische Stimmung vor, sprechen von „zionistischen Schläger*innen“ im Stadtteil. Als Indiz dafür gilt unter anderem ein tätlicher Angriff von Vermummten auf einen Infotisch der „Students for Palestine“ im Oktober 2024 vor der Hochschule HTWK.

In Reaktion auf die Ankündigungen für Samstag formierte sich von unterschiedlichen Seiten her Gegenprotest sowie Unterstützung, von ganz rechts bis ganz links. Mittlerweile haben Dutzende Organisationen angekündigt, am 17. Januar in Leipzig vertreten sein zu wollen, unter anderem die SPD, die Grünen, die Deutsch-Israelische Gesellschaft, zahlreiche linke und linksextreme Kleingruppen, die Satirepartei Die Partei und auch die neonazistischen Freien Sachsen. Letztere kündigten an, sich mit den pro-palästinensischen Protestierenden gegen die „Antifa-Hochburg-Connewitz“ verbünden zu wollen, wovon sich die Organisator*innen jener Proteste kurz darauf distanzierten.

Wir verweisen auf den Unvereinbarkeitsbeschluss unseres Landesvorstandes mit Handala und fordern einen kritisch-solidarischen Umgang unter unseren Genoss:innen

Stadtvorstand Die Linke Leipzig

Die Linkspartei in Leipzig stellt sich derweil hinter ihre Abgeordnete Juliane Nagel und das Büro linXXnet: „Wir verweisen auf den Unvereinbarkeitsbeschluss unseres Landesvorstandes mit Handala und fordern einen kritisch-solidarischen Umgang unter unseren Genoss:innen“, schreibt der Stadtvorstand der Partei in einem kollektiven Statement vom 8. Januar. Schon vor Monaten distanzierten sich die Leipziger Linken von Handala, unter anderem, weil die Gruppe den Angriff aus Israel vom 7. Oktober als „Widerstand“ bezeichnete und Gräueltaten der Hamas leugnete.

Aufgeheizte Stimmung: Was erwartet Connewitz?

Ungeachtet dessen ist die Stimmung schon im Vorfeld des Demo-Tages in Leipzig erkennbar aufgeheizt. Erst vor wenigen Tagen griff eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen ein koscheres Café im Leipziger Westen an. Betroffene berichteten von israelfeindlichen Parolen, die bei dem Vorfall gerufen worden sein sollen. Aus pro-palästinensischen Kreisen ist wiederholt die Rede von gewalttätigen Übergriffen „Antideutscher“ auf „palästinasolidarische Personen“ in Connewitz.

Ähnlich wie zuletzt am sogenannten „Tag X“ vor zweieinhalb Jahren spricht die Polizei jetzt schon vor einem bevorstehenden Großeinsatz. Im Sommer 2023 wollten mehrere linke Gruppen in Leipzig ihre Solidarität mit der inhaftierten Linksextremistin Lina E. kundtun. Die Polizei verbot die Demonstrationen und riegelte den Stadtteil mit einem massiven Polizeiaufgebot quasi ab.

Diesmal stehen keine Verbote in Aussicht. Leipzig-Connewitz steht also ein spezieller Tag bevor – ob es ein schwarzer werden wird, ist kaum abzusehen.

kwürdigen Jubiläum – ein weiterer schwarzer Tag droht, lässt sich schwer sagen. Zu konfus ist die Lage schon im Vorhinein. Seit Wochen rufen verschiedene Gruppen zu Demonstrationen, Kundgebungen und „Besuchen“ am 17. Januar auf. Alle eint ein Bedürfnis: Sie wollen den Leipziger Stadtteil mit seinen knapp 20.000 Einwohner*innen an diesem Samstag für sich beanspruchen.Pro-palästinensische Gruppen gegen „Antideutsche“ und „Zionist*innen“Stein des Anstoßes war ein Demo-Aufruf der pro-palästinensischen Leipziger Gruppe Lotta Antifascista, unterstützt von einer weiteren pro-palästinensischen Vereinigung namens Handala. Handala – benannt nach einer Cartoonfigur, die im palästinensischen Kontext zum Befreiungssymbol geworden ist – fiel bis vor kurzem als eingetragener Verein auf, der in Leipzig regelmäßig Demonstrationen gegen Israel organisierte. Laut Vereinsregister hat sich Handala im Dezember 2025 aufgelöst, agiert in den sozialen Netzwerken unter diesem Namen aber weiter.„Antifa means Free Palestine“, so der Slogan von Lotta Antifascista, dem sich unterdessen eine ganze Reihe weiterer pro-palästinensischer Gruppen mit je eigenen Aufrufen angeschlossen haben. „Connewitz gilt als links, ist aber seit Jahren ein überwiegend israelsolidarischer Raum, in dem konsequente Palästinasolidarität unterdrückt und zurückgedrängt wird“, heißt es in einem Aufruf zur Demo.Connewitz gilt als links, ist aber seit Jahren ein überwiegend israelsolidarischer Raum, in dem konsequente Palästinasolidarität unterdrückt und zurückgedrängt wirdHandala Aus den verschiedenen Aufrufen geht hervor, dass sich die Proteste gegen die Präsenz sogenannter Antideutscher oder schlicht Zionist*innen in Connewitz richten. Wie viele Anhänger*innen dieser proisraelischen linken Splittergruppe im Leipziger Süden tatsächlich aktiv sind, weiß niemand. Doch noch immer gibt es in dem alternativen Stadtteil ein paar Orte, die dieser linken Denkrichtung, die zuletzt in den 1990er-Jahren in nennenswerter Größenordnung bewegungsstiftend war, zugeordnet werden.Die Linke-Landtagsabgeordnete Juliane Nagel und Conne Island als Feinde markiertGenau solche Orte sind nun auch Ziel der Proteste: das Abgeordnetenbüro der Linkspartei, linXXnet, sowie das soziokulturelle Zentrum Conne Island. Mitbegründerin von linXXnet ist die Politikerin Juliane Nagel, die zuletzt 2024 bei der Landtagswahl in Sachsen eins von zwei Direktmandaten für die Partei gewann und somit auch deren Einzug in den Landtag gewährleistete. Das Conne Island ist seit den 1990er-Jahren eine weit über Leipzig hinaus bekannte Institution, unter anderem für Live-Musik, Lesungen, Jugendarbeit und politische Diskussionen.Pro-palästinensische Gruppen kritisieren sowohl Juliane Nagel als auch das Conne Island für ihre israelsolidarische Haltung, verstärkt seit dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der darauffolgenden, eskalierenden israelischen Kriegsführung in Gaza. Zudem werfen sie dem Stadtteil Connewitz eine generelle antipalästinensische Stimmung vor, sprechen von „zionistischen Schläger*innen“ im Stadtteil. Als Indiz dafür gilt unter anderem ein tätlicher Angriff von Vermummten auf einen Infotisch der „Students for Palestine“ im Oktober 2024 vor der Hochschule HTWK.In Reaktion auf die Ankündigungen für Samstag formierte sich von unterschiedlichen Seiten her Gegenprotest sowie Unterstützung, von ganz rechts bis ganz links. Mittlerweile haben Dutzende Organisationen angekündigt, am 17. Januar in Leipzig vertreten sein zu wollen, unter anderem die SPD, die Grünen, die Deutsch-Israelische Gesellschaft, zahlreiche linke und linksextreme Kleingruppen, die Satirepartei Die Partei und auch die neonazistischen Freien Sachsen. Letztere kündigten an, sich mit den pro-palästinensischen Protestierenden gegen die „Antifa-Hochburg-Connewitz“ verbünden zu wollen, wovon sich die Organisator*innen jener Proteste kurz darauf distanzierten.Wir verweisen auf den Unvereinbarkeitsbeschluss unseres Landesvorstandes mit Handala und fordern einen kritisch-solidarischen Umgang unter unseren Genoss:innenStadtvorstand Die Linke LeipzigDie Linkspartei in Leipzig stellt sich derweil hinter ihre Abgeordnete Juliane Nagel und das Büro linXXnet: „Wir verweisen auf den Unvereinbarkeitsbeschluss unseres Landesvorstandes mit Handala und fordern einen kritisch-solidarischen Umgang unter unseren Genoss:innen“, schreibt der Stadtvorstand der Partei in einem kollektiven Statement vom 8. Januar. Schon vor Monaten distanzierten sich die Leipziger Linken von Handala, unter anderem, weil die Gruppe den Angriff aus Israel vom 7. Oktober als „Widerstand“ bezeichnete und Gräueltaten der Hamas leugnete.Aufgeheizte Stimmung: Was erwartet Connewitz? Ungeachtet dessen ist die Stimmung schon im Vorfeld des Demo-Tages in Leipzig erkennbar aufgeheizt. Erst vor wenigen Tagen griff eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen ein koscheres Café im Leipziger Westen an. Betroffene berichteten von israelfeindlichen Parolen, die bei dem Vorfall gerufen worden sein sollen. Aus pro-palästinensischen Kreisen ist wiederholt die Rede von gewalttätigen Übergriffen „Antideutscher“ auf „palästinasolidarische Personen“ in Connewitz.Ähnlich wie zuletzt am sogenannten „Tag X“ vor zweieinhalb Jahren spricht die Polizei jetzt schon vor einem bevorstehenden Großeinsatz. Im Sommer 2023 wollten mehrere linke Gruppen in Leipzig ihre Solidarität mit der inhaftierten Linksextremistin Lina E. kundtun. Die Polizei verbot die Demonstrationen und riegelte den Stadtteil mit einem massiven Polizeiaufgebot quasi ab.Diesmal stehen keine Verbote in Aussicht. Leipzig-Connewitz steht also ein spezieller Tag bevor – ob es ein schwarzer werden wird, ist kaum abzusehen.





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