Seit wir denken können, hören wir ständig von Krieg. Aber jetzt wird das alles so persönlich. Es wundert mich nicht, dass nur jeder zweite Schüler auf den Bundeswehr-Fragebogen antwortet, den alle bekommen. Ein Einblick
Keine Kriegstüchtigkeit, sondern Bildung und Zukunft! Am 5. März ist bundesweiter Schulstreik gegen Bundeswehrpflicht
Foto: Emmanuele Contini/Imago
Nun gibt es also schon wieder einen Krieg mehr. Wirklich neu ist das ja nicht, wenn man wie ich in der Mitte des zweiten Jahrzehnts im Leben steht: Seit ich elf bin, höre ich andauernd von „der Front“, von Waffenlieferungen, Raketen, Drohnen und Toten. Also in etwa, seit ich mit dem Denken angefangen habe.
Diesmal ist es aber etwas anders. Wenn ich jetzt zum Beispiel erfahre, dass in Irak und Jordanien Stützpunkte beschossen wurden, in denen auch deutsche Soldaten waren, frage ich mich nicht mehr nur: Wieso sind die da, das wusste ich ja gar nicht? Nein, seit ein Freund von mir Post von der Bundeswehr erhalten hat, kommt mir das alles persönlich immer näher.
Eine Postkarte mit persönlichem Namensschild, als läge die Uniform schon bereit
Nicht einmal, sondern – wohl aus Versehen – gleich mehrfach bekam mein Freund Lukas diese Postkarte mit einem tarnfarbenen, persönlichen Namensschild. Als läge seine Uniform schon bereit. Auf den Fragebogen, den jetzt alle in dem Alter bekommen, wartet er zwar noch.
Trotzdem ist ihm jetzt klar geworden, dass das wirklich ernst werden soll mit ihm und dem Militär. Für mich ist es nicht nur an der Grenze von Stalking, wenn die Bundeswehr noch Minderjährigen solche Nachrichten schickt. Dieser selbstverständliche Griff nach jungen Männern, wie ich auch bald einer sein werde, löst auch Gedanken über die Zukunft aus.
Werde ich arbeiten bis zum Umfallen?
Zum Beispiel habe ich mich zum ersten Mal mit dem Thema Altwerden beschäftigt. Ständig höre ich jetzt von Diskussionen über eine längere Lebensarbeitszeit. Zuletzt ging es um die „Rente mit 70“. Wo wird die Grenze liegen, wenn ich einmal so weit bin? Bei 75? Bei 80? Oder arbeite ich gleich bis zum Umfallen?
Ich gehe jetzt auch mit anderen Augen durch die Flure meiner Schule. Die Klos, die Computerausstattung, die Turnhalle – vieles an dieser Einrichtung müsste dringend einmal erneuert werden. Dabei gehört mein Gymnasium mit Sicherheit zu den besser ausgestatteten Schulen.
Die Gesellschaft tut nicht viel für uns, aber jetzt sollen wir „etwas zurückgeben“
Arbeiten sollen wir immer länger, bei der Jugendarbeit, bei Bildung und im Sozialen wird gekürzt. Aber allein im Jahr 2026 sollen 108 Milliarden Euro in die Bundeswehr fließen. Das alles gibt mir ein Grundgefühl: Für mich und meine Generation wird nicht gerade viel getan in dieser Gesellschaft. Oft muss ich mir anhören, wir seien verweichlicht und faul. Aber jetzt sollen wir „etwas zurückgeben“ – zum Beispiel unser Leben?
Gerade habe ich gelesen, dass nur jeder zweite der männlichen Jugendlichen diesen Fragebogen der Bundeswehr ausgefüllt hat, obwohl das Pflicht ist. Bei den weiblichen Jugendlichen, die nicht antworten müssen, ist es weniger als jede Zehnte. Mich wundert es überhaupt nicht, dass nur so wenige Lust haben, mit der Bundeswehr in Kontakt zu kommen. Ich glaube, dass viele so ähnlich denken wie ich.
Auch die Bundeswehr scheint das zu wissen. Warum schickt sie sonst immer öfter Jugendoffiziere in die Schulen, um „über Sicherheitspolitik aufzuklären“ und Werbung für den Eintritt in die Armee zu machen? In den vergangenen vier Jahren hat sich die Anzahl solcher Auftritte verdoppelt, von 2558 im Jahr 2021 auf 5527 im Jahr 2025. Die Bundeswehr will ihr Personal um 50.000 Köpfe aufstocken. Offenbar ist das auf Basis von Freiwilligkeit nicht zu machen.
Ich hoffe, dass unsere Politik auf der Welt vorsichtiger auftritt
Mir ist klar, dass sowieso alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren zur Bundeswehr eingezogen werden können, wenn in Deutschland der „Verteidigungsfall“ ausgerufen wird. Unter Umständen könnte sogar eine Wehrdienstverweigerung davor nicht schützen. Trotzdem bin ich gegen die Einführung einer Wehrpflicht. Ich hoffe, dass unsere Politik auf der Welt vorsichtiger auftritt, wenn sie weiß, dass wir Jungen nicht töten und sterben wollen.
Keine Kriegstüchtigkeit also, sondern Bildung und Zukunft! Morgen, am Donnerstag, 5. März 2026, ist bundesweiter Schulstreik gegen Wehrpflicht. Das sei hier noch einmal erwähnt.