Die 16 Nominierungen für Ryan Cooglers „Blood & Sinners“ stellen einen neuen Rekord dar, aber „One Battle After Another“ mit Leonardo DiCaprio ist immer noch der Favorit. Was in diesem Jahr fehlt, sind die politischen Zeichensetzungen
„Sinners“ von Ryan Coogler ist für 16 Oscars nominiert
Foto: Warner Bros./Proximity Media/Collection Christophel/picture alliance
Es ist die Stunde der Datengräber und Erbsenzähler: Wussten Sie, dass in der 98-jährigen Geschichte der Oscars Sinners (deutscher Verleihtitel: Blood & Sinners) der erste Film ist, der satte 16 Nominierungen erhielt? Die früheren Rekordhalter, Alles über Eva (1950), Titanic (1996) und La La Land (2016) mit ihren je 14 Nominierungen sind damit in den Schatten gestellt, und das von einem historischen Südstaaten-Drama, in dem Vampire auftreten und das von einem afroamerikanischen Regisseur geschrieben und inszeniert wurde.
Der Nominierungs-Rekord für Ryan Cooglers eleganten Mix aus Black History, Horror-Film und Musik-Geschichte wird von den Fans mit einer Portion Trotz gefeiert: Den Kinostart im April 2025 hatte die Kontroverse begleitet, dass man in Hollywood das Potential dieses Films tendenziös unterschätzt habe. Tatsächlich hatte man ihm die Zuschauerzahlen, die er schlussendlich weltweit generierte – in Deutschland waren es fast 300.000 – nicht zugetraut. 16 Oscar-Nominierungen lassen sich in diesem Kontext erneut als Statement lesen gegen die strukturell-rassistische Skepsis des Filmbusiness, die „schwarze“ Stoffe gern in eine Nische abschiebt.
Ob Blood & Sinners dann am Abend der Oscar-Verleihung am 15. März weiterfeiern kann, ist noch nicht abzusehen. Die Liste der Filme, die trotz Nominierungs-Rekord am Ende der Preisvergabe als Verlierer dastehen, ist lang und prominent. Kein geringerer als Steven Spielberg hält mit Die Farbe Lila (1985) den traurigen Rekord, bei elf Nominierungen leer ausgegangen zu sein. Martin Scorsese machte etwas Ähnliches bereits drei Mal durch (mit Killers of the Flower Moon, The Irishman und Gangs of New York); seine Filme gingen mit jeweils zehn Nominierungen hochfavorisiert in den Abend, nur um danach mit Null dazustehen.
14 Oscar-Nominierungen für „One Battle After Another“
Was sagen die Oscar-Nominierungen 2026 sonst noch aus? Paul Thomas Andersons One Battle After Another nimmt mit vierzehn Nominierungen den Zahlen nach den zweiten Platz hinter Sinners ein. Die Thomas Pynchon-Adaption um in die Jahre gekommene Revoluzzer und rassistische Geheimzirkel in einem autokratischen Parallelwelt-Amerika gilt trotzdem als der eigentliche Favorit auf den Preis als bester Film.
Und das, obwohl um den Film in den letzten Wochen eine zum Teil kuriose Debatte ausgebrochen ist, inwiefern er als „links“ zu verstehen sei, und ob er den politischen Ansprüchen des Moments überhaupt gerecht wird. Dass die Auslegung im Auge des Betrachters liegt und One Battle After Another auf schillernde Weise Vieldeutigkeit zulässt, mag am Ende für den Film sprechen. So hoch seine Favoritenstellung in der Bester-Film-Kategorie ist, so sehr sind seine übrigen Nominierungen in den Fächern Regie und Schauspiel umkämpft (sowohl Anderson ist nominiert als auch die Darsteller Leonardo DiCaprio, Teyana Taylor, Sean Penn und Benicio del Toro).
Sicher ist in diesem Jahr nichts: Die Tatsache, dass das Familiendrama Sentimental Value vom Norweger Joachim Trier, sowohl für seine vier Hauptdarsteller bedacht wurde (wobei nur Renate Reinsve als solche firmiert, Elle Fanning, Inga Ibsdotter Lilleaas und Stellan Skarsgård treten in der Nebenrollenkategorie an), als auch noch für Trier selbst, macht ihn zu einem veritablen „Dark Horse“ – schließlich stellen Schauspieler*innen die größte der Sektionen innerhalb der Academy. Aber auch Marty Supreme mit neun und Hamnet mit acht Nominierungen werden Außenseiterchancen auf Überraschungssiege zugestanden. Timothée Chalamet für Marty Supreme und mehr noch Jessie Buckley für Hamnet (beide starten in Deutschland erst noch) sind sogar die Favoriten ihrer Kategorie.
Wenig Überraschungen und viele Enttäuschungen bei nominierten Filmen
Das Feld der in Frage kommenden Filme war in diesem Jahr eher klein und übersichtlich als besonders bunt und vielfältig. Über die Preisvergaben und Kategorien hinweg wiederholen sich die fünf großen Kandidaten Sinners, One Battle After Another, Hamnet, Marty Supreme und Sentimental Value. Auszeichnungen gibt es für Einzelleistungen aus weiteren Filmen wie Frankenstein von Academy-Liebling Guillermo del Toro, Bugonia vom international verehrten Griechen Yorgos Lanthimos oder dem brasilianischen Secret Agent mit dem wunderbaren Wagner Moura in der Hauptrolle. Als die einzigen echten Überraschungen unter den zehn für den besten Film nominierten Titel gelten die still-melancholische Netflix-Produktion Train Dreams, eine Literatur-Adaption nach Denis Johnson, und das von Apple produzierte Rennfahrerdrama F1 mit Brad Pitt.
Als positive Überraschung heben sich aus diesem Feld der sich wiederholenden Titel nur wenige Einzelnominierungen ab wie etwa für Kate Hudson (für die Hauptrolle in Song Sung Blue) oder Ethan Hawke in Richard Linklaters Blue Moon. Entsprechend lang ist die Liste der Enttäuschungen. Da gibt es die Filme, deren Leerausgehen mit einer gewissen Häme bedacht wird: Die Musical-Verfilmung Wicked For Good wurde ganz ausgelassen; James Camerons Avatar: Fire and Ash – einer der größten Box Office-Erfolge des letzten Jahres – wurde allein in den Kategorien Visuelle Effekte und, Anlass für etwas ungläubiges Staunen, Beste Kostüme bedacht.
Und dann gibt es noch all die Filme, deren schlechtes Abschneiden als Versäumnis angesehen wird, sei es auf der Abstimmungsseite der Academy-Mitglieder oder auf der Verleiher, die nicht gut genug Werbung betrieben. Jafar Panahis It was Just an Accident ist so ein Fall. Die Nominierungen als bester Internationaler Film und fürs Originaldrehbuch gelten als Enttäuschung, hatte der Film in Cannes doch die Goldene Palme erhalten und sein Regisseur ist im Iran gerade erneut in Abwesenheit zu einer Haftstrafe verurteilt worden.
Von der sich in den Vorjahren oft so politisch gebenden Academy hätte man eigentlich eine Berücksichtigung als Bester Film erwartet, im Sinne einer Geste der Solidarität mit der iranischen Opposition in diesem prekären Moment. Dass dem nicht der Fall war, und außerdem auch Kaouther Ben Hanias propalästinensisches Drama The Voice of Hind Rajab mit nur einer Berücksichtigung unter den Besten Internationalen Filmen vorliebnehmen musste, könnte man als Zeichen deuten, dass es bei den Oscars weniger politisch aufgeladen zugeht als noch in den Vorjahren.
Andererseits gingen auch noch viele andere gute Filme völlig leer aus: Park Chan-wooks Gesellschaftssatire No Other Chance etwa, der in Deutschland demnächst startet. Oder Eva Victors Drama über die Verarbeitung einer sexuellen Missbrauchserfahrung Sorry, Baby, für das Julia Roberts noch völlig selbstlos während der Golden Globes Werbung gemacht hat.
Für alle zu kurz Gekommenen gibt es den Trost, dass die Academy in der Rückschau im Grunde häufiger falsch als richtig gelegen hat. Das bis heute schmerzlichste Beispiel dafür ist das Jahr 2006, in dem der im Nachhinein völlig belanglos erscheinende Film L.A. Crash von James Gray den epochemachenden schwulen Western von Ang Lee Brokeback Mountain schlagen konnte. In diesem Sinn kann noch einiges passieren bis zum 15. März.
re auftreten und das von einem afroamerikanischen Regisseur geschrieben und inszeniert wurde.Der Nominierungs-Rekord für Ryan Cooglers eleganten Mix aus Black History, Horror-Film und Musik-Geschichte wird von den Fans mit einer Portion Trotz gefeiert: Den Kinostart im April 2025 hatte die Kontroverse begleitet, dass man in Hollywood das Potential dieses Films tendenziös unterschätzt habe. Tatsächlich hatte man ihm die Zuschauerzahlen, die er schlussendlich weltweit generierte – in Deutschland waren es fast 300.000 – nicht zugetraut. 16 Oscar-Nominierungen lassen sich in diesem Kontext erneut als Statement lesen gegen die strukturell-rassistische Skepsis des Filmbusiness, die „schwarze“ Stoffe gern in eine Nische abschiebt.Ob Blood & Sinners dann am Abend der Oscar-Verleihung am 15. März weiterfeiern kann, ist noch nicht abzusehen. Die Liste der Filme, die trotz Nominierungs-Rekord am Ende der Preisvergabe als Verlierer dastehen, ist lang und prominent. Kein geringerer als Steven Spielberg hält mit Die Farbe Lila (1985) den traurigen Rekord, bei elf Nominierungen leer ausgegangen zu sein. Martin Scorsese machte etwas Ähnliches bereits drei Mal durch (mit Killers of the Flower Moon, The Irishman und Gangs of New York); seine Filme gingen mit jeweils zehn Nominierungen hochfavorisiert in den Abend, nur um danach mit Null dazustehen.14 Oscar-Nominierungen für „One Battle After Another“Was sagen die Oscar-Nominierungen 2026 sonst noch aus? Paul Thomas Andersons One Battle After Another nimmt mit vierzehn Nominierungen den Zahlen nach den zweiten Platz hinter Sinners ein. Die Thomas Pynchon-Adaption um in die Jahre gekommene Revoluzzer und rassistische Geheimzirkel in einem autokratischen Parallelwelt-Amerika gilt trotzdem als der eigentliche Favorit auf den Preis als bester Film.Und das, obwohl um den Film in den letzten Wochen eine zum Teil kuriose Debatte ausgebrochen ist, inwiefern er als „links“ zu verstehen sei, und ob er den politischen Ansprüchen des Moments überhaupt gerecht wird. Dass die Auslegung im Auge des Betrachters liegt und One Battle After Another auf schillernde Weise Vieldeutigkeit zulässt, mag am Ende für den Film sprechen. So hoch seine Favoritenstellung in der Bester-Film-Kategorie ist, so sehr sind seine übrigen Nominierungen in den Fächern Regie und Schauspiel umkämpft (sowohl Anderson ist nominiert als auch die Darsteller Leonardo DiCaprio, Teyana Taylor, Sean Penn und Benicio del Toro).Sicher ist in diesem Jahr nichts: Die Tatsache, dass das Familiendrama Sentimental Value vom Norweger Joachim Trier, sowohl für seine vier Hauptdarsteller bedacht wurde (wobei nur Renate Reinsve als solche firmiert, Elle Fanning, Inga Ibsdotter Lilleaas und Stellan Skarsgård treten in der Nebenrollenkategorie an), als auch noch für Trier selbst, macht ihn zu einem veritablen „Dark Horse“ – schließlich stellen Schauspieler*innen die größte der Sektionen innerhalb der Academy. Aber auch Marty Supreme mit neun und Hamnet mit acht Nominierungen werden Außenseiterchancen auf Überraschungssiege zugestanden. Timothée Chalamet für Marty Supreme und mehr noch Jessie Buckley für Hamnet (beide starten in Deutschland erst noch) sind sogar die Favoriten ihrer Kategorie.Wenig Überraschungen und viele Enttäuschungen bei nominierten FilmenDas Feld der in Frage kommenden Filme war in diesem Jahr eher klein und übersichtlich als besonders bunt und vielfältig. Über die Preisvergaben und Kategorien hinweg wiederholen sich die fünf großen Kandidaten Sinners, One Battle After Another, Hamnet, Marty Supreme und Sentimental Value. Auszeichnungen gibt es für Einzelleistungen aus weiteren Filmen wie Frankenstein von Academy-Liebling Guillermo del Toro, Bugonia vom international verehrten Griechen Yorgos Lanthimos oder dem brasilianischen Secret Agent mit dem wunderbaren Wagner Moura in der Hauptrolle. Als die einzigen echten Überraschungen unter den zehn für den besten Film nominierten Titel gelten die still-melancholische Netflix-Produktion Train Dreams, eine Literatur-Adaption nach Denis Johnson, und das von Apple produzierte Rennfahrerdrama F1 mit Brad Pitt.Als positive Überraschung heben sich aus diesem Feld der sich wiederholenden Titel nur wenige Einzelnominierungen ab wie etwa für Kate Hudson (für die Hauptrolle in Song Sung Blue) oder Ethan Hawke in Richard Linklaters Blue Moon. Entsprechend lang ist die Liste der Enttäuschungen. Da gibt es die Filme, deren Leerausgehen mit einer gewissen Häme bedacht wird: Die Musical-Verfilmung Wicked For Good wurde ganz ausgelassen; James Camerons Avatar: Fire and Ash – einer der größten Box Office-Erfolge des letzten Jahres – wurde allein in den Kategorien Visuelle Effekte und, Anlass für etwas ungläubiges Staunen, Beste Kostüme bedacht. Und dann gibt es noch all die Filme, deren schlechtes Abschneiden als Versäumnis angesehen wird, sei es auf der Abstimmungsseite der Academy-Mitglieder oder auf der Verleiher, die nicht gut genug Werbung betrieben. Jafar Panahis It was Just an Accident ist so ein Fall. Die Nominierungen als bester Internationaler Film und fürs Originaldrehbuch gelten als Enttäuschung, hatte der Film in Cannes doch die Goldene Palme erhalten und sein Regisseur ist im Iran gerade erneut in Abwesenheit zu einer Haftstrafe verurteilt worden.Von der sich in den Vorjahren oft so politisch gebenden Academy hätte man eigentlich eine Berücksichtigung als Bester Film erwartet, im Sinne einer Geste der Solidarität mit der iranischen Opposition in diesem prekären Moment. Dass dem nicht der Fall war, und außerdem auch Kaouther Ben Hanias propalästinensisches Drama The Voice of Hind Rajab mit nur einer Berücksichtigung unter den Besten Internationalen Filmen vorliebnehmen musste, könnte man als Zeichen deuten, dass es bei den Oscars weniger politisch aufgeladen zugeht als noch in den Vorjahren. Andererseits gingen auch noch viele andere gute Filme völlig leer aus: Park Chan-wooks Gesellschaftssatire No Other Chance etwa, der in Deutschland demnächst startet. Oder Eva Victors Drama über die Verarbeitung einer sexuellen Missbrauchserfahrung Sorry, Baby, für das Julia Roberts noch völlig selbstlos während der Golden Globes Werbung gemacht hat.Für alle zu kurz Gekommenen gibt es den Trost, dass die Academy in der Rückschau im Grunde häufiger falsch als richtig gelegen hat. Das bis heute schmerzlichste Beispiel dafür ist das Jahr 2006, in dem der im Nachhinein völlig belanglos erscheinende Film L.A. Crash von James Gray den epochemachenden schwulen Western von Ang Lee Brokeback Mountain schlagen konnte. In diesem Sinn kann noch einiges passieren bis zum 15. März.