Adam Smith veröffentlicht vor 250 Jahren sein Standardwerk, das die politische Ökonomie revolutioniert. „The Wealth of Nations“ ist auch eine scharfe Kritik seiner Zeit – Karl Marx war beeindruckt
Der Ausdruck von der „unsichtbaren Hand“ kommt insgesamt nur dreimal vor
Collage: der Freitag
Vor 250 Jahren, im März 1776, erschien ein Buch, das bis heute zu den meistzitierten gehört: Adam Smiths Der Wohlstand der Nationen. Es war ein Bestseller, die erste Auflage in fünf Monaten ausverkauft. Adam Smith wurde im Handumdrehen der berühmteste Ökonom seiner Zeit, trotz seiner unorthodoxen, ja ketzerischen Ansichten. Zu seinen Lebzeiten wurde das Buch fünfmal neu aufgelegt, stets mit Ergänzungen und Verbesserungen, sodass sein Umfang von Auflage zu Auflage wuchs.
Mit seiner „Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Reichtums der Nationen“, wie der volle Titel lautet, hat Smith die politische Ökonomie als Wissenschaft begründet. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war sie die tonangebende Sozialwissenschaft, sozusagen die Leitwissenschaft, bis sie von der scheinbar unpolitischen Ökonomie („Economics“) verdrängt wurde. In Deutschland waren alle liberalen Reformer Smithianer, und die Philosophen schätzten und lasen ihn.
Mehr als zwölf Jahre lang hatte Smith daran gearbeitet. Das Buch übersteigt in seiner thematischen Reichweite und seinem Detailreichtum alles, was wir von heutigen Ökonomen gewohnt sind. In fünf Büchern behandelt der Autor die Arbeitsteilung, die Arbeitsproduktivität, Geld, Löhne, Profite und Renten (Buch I), das Kapital und seine Akkumulation (Buch II), die Unterschiede des Wachstums und des Wohlstands in verschiedenen Ländern (Buch III), die verschiedenen Systeme der politischen Ökonomie und der Wirtschaftspolitik (Buch IV) und die Staatsfinanzen (Buch V). Er wechselt zwischen Beschreibungen, strenger Analyse und Versuchen theoretischer Synthese – stets in kritischer Auseinandersetzung mit seinen Vorgängern und Zeitgenossen.
Adam Smith ist kein Neoliberaler
Smiths Buch ist bereits eine „Kritik der politischen Ökonomie“. Denn er bekämpft die zu seiner Zeit herrschenden Lehren – den englischen Merkantilismus ebenso wie die französische Physiokratie. Scharf wendet er sich gegen die im britischen Empire verbreiteten Praktiken. Er verwirft Sklavenhandel und Sklavenarbeit als ethisch und ökonomisch falsch. Ebenso wie den Kolonialismus, dessen Kosten den Nutzen weit übersteigen. Er wettert gegen Zölle und andere Handelshemmnisse, er attackiert die damals überall beliebten Staatsmonopole.
Am Kapitalismus seiner Zeit, dem staatsmonopolistischen, merkantilistischen und imperialistischen System streitender europäischer Großmächte, lässt er kein gutes Haar. Um die Potenzen der kapitalistischen Produktion zu entfesseln, müssten diese Praktiken aufgegeben werden.
Adam Smiths epochale Leistung wird heute gern auf die Phrase von der „unsichtbaren Hand“ verkürzt. Doch der Ausdruck, den Zeitgenossen wohlvertraut, kommt in dem voluminösen Werk nur dreimal vor. Smiths zentrales Argument, die vielen rationalen Aktionen einzelner Marktakteure, die nur ihr Eigeninteresse verfolgen, würden unweigerlich das Wohl aller befördern, setzt voraus, was die spätere, neoklassische Ökonomie mit dem merkwürdigen Konstrukt eines „Homo oeconomicus“ unterschlägt. Nämlich ein moralisches Grundgerüst bei allen guten Bürgern, eine wohletablierte moralische Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft, an die sich alle halten. Im wohlverstandenen eigenen Interesse. Nicht überraschend für die Zeitgenossen, die Adam Smith als den Verfasser der Theorie der moralischen Empfindungen kannten, die er 1759 veröffentlicht hatte.
Dort hatte er bereits erklärt, dass Menschen, die ihr Eigeninteresse auf rationale Weise verfolgen, an den anderen und deren Wohlergehen ebenso interessiert sein müssten wie an ihrem eigenen. Nur wenn sie die „Gesetze der Gerechtigkeit“ befolgen, kann aus den interessierten Handlungen vieler einzelner Akteure das „klare und einfache System der natürlichen Freiheit“ entstehen. So setzt er das Argument in seinem ökonomischen Hauptwerk fort. Smith denkt damit über die Gegenwart hinaus an eine bessere Zukunft des Kapitalismus, wie er sein kann und sein sollte. Als Kronzeuge für neoliberale Vorstellungen einer reinen Marktgesellschaft taugt der alte Smith ganz und gar nicht.
Attacke auf das kommerzielle System seiner Zeit und ein Loblied auf den Kapitalismus der Zukunft
Als Der Wohlstand der Nationen erschien, hatte die industrielle Revolution gerade erst begonnen. Dennoch sah Smith die neue Dynamik des industriellen Kapitalismus voraus. In den Manufakturen, die er kannte, wurde bereits eine systematische Form der betrieblichen Arbeitsteilung praktiziert, die die Produktivität der dort beschäftigten freien Lohnarbeiter in unerhörter Weise steigerte.
Smith übertrug dies auf die ganze Gesellschaft: Freie Lohnarbeit statt Sklavenarbeit und immer weiter vorangetriebene Arbeitsteilung, fortschreitende Spezialisierung in allen Berufen, schließlich Freihandel zwischen den kapitalistischen Nationen, das würde das schlechte kommerzielle System der Gegenwart nicht nur über den Haufen werfen, sondern eine ungeahnte Entwicklung des Reichtums aller Nationen einleiten.
Smiths Buch war beides: eine heftige und in der Tat vernichtende Attacke auf das gesamte kommerzielle System seiner Zeit und ein Loblied auf den Kapitalismus der Zukunft, der die Produktivität der freien Lohnarbeit in unerhörter Weise steigern würde. Skandalös für heutige Fachökonomie wie Laien: Smith besteht auf der klassischen Unterscheidung zwischen „produktiver“ und „unproduktiver“ Arbeit. Die er aber anders begründet als seine physiokratischen Vorgänger, die nur die Arbeit in der Landwirtschaft als produktiv gelten ließen.
Smith dagegen schaut allein auf den Beitrag zur Wertschöpfung, unabhängig von der konkreten Gestalt des Produkts. Nicht konsequent, denn auch er hält sich immer wieder an der „materiellen Produktion“ und ihren greifbaren Produkten fest. Doch seine Botschaft ist klar und verstörend: Nicht jeder, der Geld macht, nicht jeder, der für seine Arbeit bezahlt wird, trägt zur Wertschöpfung bei. Viele, die viel Geld machen, wie Börsianer, Bankiers, Bürokraten, Makler, Staatsbeamte, tragen nichts zur Wertschöpfung bei. Und manche, die wenig verdienen und deren Tätigkeit als unersetzlich gilt, wie Aufseher, Polizisten, Soldaten, tragen ebenfalls nichts zur Wertschöpfung bei.
Was diese unproduktiven Arbeiter, in der Regel hoch bezahlt, auch verdienen mochten – es war ein Abzug vom, kein Beitrag zum Reichtum der Nation. Was sie taten, konnte notwendig, sogar nützlich sein, wie die Arbeit von Maklern, Reklameleuten, Polizisten, Geheimagenten oder Politikern. Nur reiche Nationen konnten es sich leisten, eine wachsende Zahl solcher Unproduktiver zu unterhalten. Klar, dass die heutige Ökonomie von dieser brisanten These schon lange nichts mehr wissen will.
Karl Marx war schwer von Adam Smith beeindruckt
Für Marx’ Kritik der politischen Ökonomie war Smith neben Ricardo der wichtigste Autor, an dem er sich abarbeitete. Nicht weniger als vier Mal nahm Marx auf dem langen Weg zu seinem immer noch unfertigen Meisterwerk Das Kapital einen neuen Anlauf, um Smiths Reichtum der Nationen zu studieren. Im Kapital und in den Vorarbeiten dazu nimmt die Auseinandersetzung mit Smiths Theorien breiten Raum ein.
Marx war von dem großen Schotten schwer beeindruckt. Über Werte und Preise hatten die Ökonomen schon vor Smith geschrieben. Aber Smith war der Erste, der den auf einzelne Branchen und besondere Arten ökonomischer Tätigkeit wie den Handel oder die Landwirtschaft verengten Blick der bisherigen Ökonomie hinter sich ließ. Er sah als Erster die gesellschaftliche Arbeit in der konkreten Gestalt einer hoch arbeitsteilig betriebenen gesellschaftlichen Tätigkeit als die eigentliche Quelle aller Wertschöpfung.
Marx übernimmt vieles von Smith, so die Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit, so die Überzeugung, dass die systematische Steigerung der Arbeitsproduktivität das Geheimnis hinter der Erfolgsgeschichte des modernen Kapitalismus ist. Noch wichtiger waren die ungelösten Probleme, die ungeklärten Widersprüche in Smiths Darstellung.
Marx’ Fortschritte über Smith hinaus beruhen gerade auf der Auflösung solcher Widersprüche. Die Smith in dem Bemühen, die widerstreitenden Ansichten seiner Vorgänger zur Synthese zu bringen, auf die Spitze trieb. Um über Smith hinauszukommen, zum Beispiel in der Analyse des kapitalistischen Gesamtkreislaufs (was wir heute „Makroökonomie“ nennen), musste Marx den „Smith’schen Dogmen“ den Garaus machen. Etwa dem Dogma, wonach der Wert jeder einzelnen Ware ebenso wie das Bruttosozialprodukt aus der Summe aller Einkommen – Löhne plus Profite plus Grundrenten – besteht.
Smith gehörte zum illustren Kreis der schottischen Aufklärung. Mit seinem engen Freund David Hume teilte er die Überzeugung, dass dem Menschengeschlecht zu helfen sei, doch nur mit Mühe und Glück. Als Smith am Reichtum der Nationen arbeitete, hatte Hume ihn sanft gescholten: Wie kannst du nur die unendliche Geduld und Mühe auf dich nehmen, ein Buch voller Vernunft und Weisheit für diese „gottlosen Irren“ zu schreiben? Die Irren nahmen Smiths Buch jedoch mit Begeisterung auf.
Testamentarisch hat Smith verfügt, seine nachgelassenen Manuskripte nicht zu publizieren, sondern zu verbrennen. Seine Testamentsvollstrecker folgten seinem letzten Willen. Deshalb kennen wir von Smiths politischer Theorie außer einigen Vorlesungen an der Universität von Glasgow aus den Jahren 1762–1763 nur das, was er in seinem ökonomischen Hauptwerk angedeutet hat. Der Liberale Smith preist den Staat: Ohne ihn funktioniert die kapitalistische Marktgesellschaft nicht.
Der Staat hat drei zentrale Pflichten zu erfüllen: erstens den Schutz nach außen, gegen andere Staaten, zweitens den Schutz jedes einzelnen Bürgers gegen Ungerechtigkeiten im Innern. Und drittens hat er die Pflicht, für all das zu sorgen, was die Bürger brauchen, private Produzenten aber nicht herstellen wollen oder können. Gemeint ist das, was wir heute als öffentliche Güter bezeichnen (Gemeingüter eingeschlossen). Öffentliche Güter sind für Smith all das, was die Gesellschaft braucht und private Unternehmer nicht für den Markt produzieren wollen oder können. Und das ist ein sehr weites Feld und bleibt es – ein ewiges Ärgernis für neoliberale Ideologen.
ssenschaft, sozusagen die Leitwissenschaft, bis sie von der scheinbar unpolitischen Ökonomie („Economics“) verdrängt wurde. In Deutschland waren alle liberalen Reformer Smithianer, und die Philosophen schätzten und lasen ihn.Mehr als zwölf Jahre lang hatte Smith daran gearbeitet. Das Buch übersteigt in seiner thematischen Reichweite und seinem Detailreichtum alles, was wir von heutigen Ökonomen gewohnt sind. In fünf Büchern behandelt der Autor die Arbeitsteilung, die Arbeitsproduktivität, Geld, Löhne, Profite und Renten (Buch I), das Kapital und seine Akkumulation (Buch II), die Unterschiede des Wachstums und des Wohlstands in verschiedenen Ländern (Buch III), die verschiedenen Systeme der politischen Ökonomie und der Wirtschaftspolitik (Buch IV) und die Staatsfinanzen (Buch V). Er wechselt zwischen Beschreibungen, strenger Analyse und Versuchen theoretischer Synthese – stets in kritischer Auseinandersetzung mit seinen Vorgängern und Zeitgenossen.Adam Smith ist kein NeoliberalerSmiths Buch ist bereits eine „Kritik der politischen Ökonomie“. Denn er bekämpft die zu seiner Zeit herrschenden Lehren – den englischen Merkantilismus ebenso wie die französische Physiokratie. Scharf wendet er sich gegen die im britischen Empire verbreiteten Praktiken. Er verwirft Sklavenhandel und Sklavenarbeit als ethisch und ökonomisch falsch. Ebenso wie den Kolonialismus, dessen Kosten den Nutzen weit übersteigen. Er wettert gegen Zölle und andere Handelshemmnisse, er attackiert die damals überall beliebten Staatsmonopole.Am Kapitalismus seiner Zeit, dem staatsmonopolistischen, merkantilistischen und imperialistischen System streitender europäischer Großmächte, lässt er kein gutes Haar. Um die Potenzen der kapitalistischen Produktion zu entfesseln, müssten diese Praktiken aufgegeben werden.Adam Smiths epochale Leistung wird heute gern auf die Phrase von der „unsichtbaren Hand“ verkürzt. Doch der Ausdruck, den Zeitgenossen wohlvertraut, kommt in dem voluminösen Werk nur dreimal vor. Smiths zentrales Argument, die vielen rationalen Aktionen einzelner Marktakteure, die nur ihr Eigeninteresse verfolgen, würden unweigerlich das Wohl aller befördern, setzt voraus, was die spätere, neoklassische Ökonomie mit dem merkwürdigen Konstrukt eines „Homo oeconomicus“ unterschlägt. Nämlich ein moralisches Grundgerüst bei allen guten Bürgern, eine wohletablierte moralische Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft, an die sich alle halten. Im wohlverstandenen eigenen Interesse. Nicht überraschend für die Zeitgenossen, die Adam Smith als den Verfasser der Theorie der moralischen Empfindungen kannten, die er 1759 veröffentlicht hatte.Dort hatte er bereits erklärt, dass Menschen, die ihr Eigeninteresse auf rationale Weise verfolgen, an den anderen und deren Wohlergehen ebenso interessiert sein müssten wie an ihrem eigenen. Nur wenn sie die „Gesetze der Gerechtigkeit“ befolgen, kann aus den interessierten Handlungen vieler einzelner Akteure das „klare und einfache System der natürlichen Freiheit“ entstehen. So setzt er das Argument in seinem ökonomischen Hauptwerk fort. Smith denkt damit über die Gegenwart hinaus an eine bessere Zukunft des Kapitalismus, wie er sein kann und sein sollte. Als Kronzeuge für neoliberale Vorstellungen einer reinen Marktgesellschaft taugt der alte Smith ganz und gar nicht.Attacke auf das kommerzielle System seiner Zeit und ein Loblied auf den Kapitalismus der ZukunftAls Der Wohlstand der Nationen erschien, hatte die industrielle Revolution gerade erst begonnen. Dennoch sah Smith die neue Dynamik des industriellen Kapitalismus voraus. In den Manufakturen, die er kannte, wurde bereits eine systematische Form der betrieblichen Arbeitsteilung praktiziert, die die Produktivität der dort beschäftigten freien Lohnarbeiter in unerhörter Weise steigerte.Smith übertrug dies auf die ganze Gesellschaft: Freie Lohnarbeit statt Sklavenarbeit und immer weiter vorangetriebene Arbeitsteilung, fortschreitende Spezialisierung in allen Berufen, schließlich Freihandel zwischen den kapitalistischen Nationen, das würde das schlechte kommerzielle System der Gegenwart nicht nur über den Haufen werfen, sondern eine ungeahnte Entwicklung des Reichtums aller Nationen einleiten.Smiths Buch war beides: eine heftige und in der Tat vernichtende Attacke auf das gesamte kommerzielle System seiner Zeit und ein Loblied auf den Kapitalismus der Zukunft, der die Produktivität der freien Lohnarbeit in unerhörter Weise steigern würde. Skandalös für heutige Fachökonomie wie Laien: Smith besteht auf der klassischen Unterscheidung zwischen „produktiver“ und „unproduktiver“ Arbeit. Die er aber anders begründet als seine physiokratischen Vorgänger, die nur die Arbeit in der Landwirtschaft als produktiv gelten ließen.Smith dagegen schaut allein auf den Beitrag zur Wertschöpfung, unabhängig von der konkreten Gestalt des Produkts. Nicht konsequent, denn auch er hält sich immer wieder an der „materiellen Produktion“ und ihren greifbaren Produkten fest. Doch seine Botschaft ist klar und verstörend: Nicht jeder, der Geld macht, nicht jeder, der für seine Arbeit bezahlt wird, trägt zur Wertschöpfung bei. Viele, die viel Geld machen, wie Börsianer, Bankiers, Bürokraten, Makler, Staatsbeamte, tragen nichts zur Wertschöpfung bei. Und manche, die wenig verdienen und deren Tätigkeit als unersetzlich gilt, wie Aufseher, Polizisten, Soldaten, tragen ebenfalls nichts zur Wertschöpfung bei.Was diese unproduktiven Arbeiter, in der Regel hoch bezahlt, auch verdienen mochten – es war ein Abzug vom, kein Beitrag zum Reichtum der Nation. Was sie taten, konnte notwendig, sogar nützlich sein, wie die Arbeit von Maklern, Reklameleuten, Polizisten, Geheimagenten oder Politikern. Nur reiche Nationen konnten es sich leisten, eine wachsende Zahl solcher Unproduktiver zu unterhalten. Klar, dass die heutige Ökonomie von dieser brisanten These schon lange nichts mehr wissen will.Karl Marx war schwer von Adam Smith beeindrucktFür Marx’ Kritik der politischen Ökonomie war Smith neben Ricardo der wichtigste Autor, an dem er sich abarbeitete. Nicht weniger als vier Mal nahm Marx auf dem langen Weg zu seinem immer noch unfertigen Meisterwerk Das Kapital einen neuen Anlauf, um Smiths Reichtum der Nationen zu studieren. Im Kapital und in den Vorarbeiten dazu nimmt die Auseinandersetzung mit Smiths Theorien breiten Raum ein.Marx war von dem großen Schotten schwer beeindruckt. Über Werte und Preise hatten die Ökonomen schon vor Smith geschrieben. Aber Smith war der Erste, der den auf einzelne Branchen und besondere Arten ökonomischer Tätigkeit wie den Handel oder die Landwirtschaft verengten Blick der bisherigen Ökonomie hinter sich ließ. Er sah als Erster die gesellschaftliche Arbeit in der konkreten Gestalt einer hoch arbeitsteilig betriebenen gesellschaftlichen Tätigkeit als die eigentliche Quelle aller Wertschöpfung.Marx übernimmt vieles von Smith, so die Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit, so die Überzeugung, dass die systematische Steigerung der Arbeitsproduktivität das Geheimnis hinter der Erfolgsgeschichte des modernen Kapitalismus ist. Noch wichtiger waren die ungelösten Probleme, die ungeklärten Widersprüche in Smiths Darstellung.Marx’ Fortschritte über Smith hinaus beruhen gerade auf der Auflösung solcher Widersprüche. Die Smith in dem Bemühen, die widerstreitenden Ansichten seiner Vorgänger zur Synthese zu bringen, auf die Spitze trieb. Um über Smith hinauszukommen, zum Beispiel in der Analyse des kapitalistischen Gesamtkreislaufs (was wir heute „Makroökonomie“ nennen), musste Marx den „Smith’schen Dogmen“ den Garaus machen. Etwa dem Dogma, wonach der Wert jeder einzelnen Ware ebenso wie das Bruttosozialprodukt aus der Summe aller Einkommen – Löhne plus Profite plus Grundrenten – besteht.Smith gehörte zum illustren Kreis der schottischen Aufklärung. Mit seinem engen Freund David Hume teilte er die Überzeugung, dass dem Menschengeschlecht zu helfen sei, doch nur mit Mühe und Glück. Als Smith am Reichtum der Nationen arbeitete, hatte Hume ihn sanft gescholten: Wie kannst du nur die unendliche Geduld und Mühe auf dich nehmen, ein Buch voller Vernunft und Weisheit für diese „gottlosen Irren“ zu schreiben? Die Irren nahmen Smiths Buch jedoch mit Begeisterung auf.Testamentarisch hat Smith verfügt, seine nachgelassenen Manuskripte nicht zu publizieren, sondern zu verbrennen. Seine Testamentsvollstrecker folgten seinem letzten Willen. Deshalb kennen wir von Smiths politischer Theorie außer einigen Vorlesungen an der Universität von Glasgow aus den Jahren 1762–1763 nur das, was er in seinem ökonomischen Hauptwerk angedeutet hat. Der Liberale Smith preist den Staat: Ohne ihn funktioniert die kapitalistische Marktgesellschaft nicht.Der Staat hat drei zentrale Pflichten zu erfüllen: erstens den Schutz nach außen, gegen andere Staaten, zweitens den Schutz jedes einzelnen Bürgers gegen Ungerechtigkeiten im Innern. Und drittens hat er die Pflicht, für all das zu sorgen, was die Bürger brauchen, private Produzenten aber nicht herstellen wollen oder können. Gemeint ist das, was wir heute als öffentliche Güter bezeichnen (Gemeingüter eingeschlossen). Öffentliche Güter sind für Smith all das, was die Gesellschaft braucht und private Unternehmer nicht für den Markt produzieren wollen oder können. Und das ist ein sehr weites Feld und bleibt es – ein ewiges Ärgernis für neoliberale Ideologen.