Gegen Ende des Winters 2001 veranstaltete das Berliner Wetter ähnliche Kapriolen wie 25 Jahre später. Im Februar gab es klirrende Kälte, Glatteis, Schneeberge – und Wärmerekorde. Turbulent war aber auch die Berliner Landespolitik. Als Auftakt einer Regierungskrise hatte im Februar Klaus Landowsky den Hut nehmen müssen, CDU-Fraktionsvorsitzender und Chef der Landesbank.
Denn allmählich schienen die Dimensionen des Skandals um diese „politische Bank“ auf: Sie hatte unsachgemäß Kredite vergeben und Immobilienfonds aufgelegt, bei denen sich Investoren „rundum sorglos“ fühlen konnten. Die Risiken trug die öffentliche Hand.
Diese Bürgschaft war auch nötig, denn viele der Häuser, die zu hohen Garantie-Profiten in die Fonds gesteckt wurden, waren nicht einmal vermietet. Eine verantwortungslose, historisch verfrühte Wette auf die Entwicklung der Stadt, die in eine Art Schneeballsystem mündete: Verluste in den bestehenden wurden durch den Verkauf immer neuer Fonds kompensiert. Am Ende konnte ja auf den Landeshaushalt zugegriffen werden.
Klaus Wowereit und sein Berlin-Slogan: „Arm, aber sexy“
SPD-Mann Klaus Wowereit, der im Juni als Regierender Bürgermeister übernahm, nachdem Eberhard Diepgen per Misstrauensvotum abgewählt war, wurde für seinen Berlin-Slogan „Arm, aber sexy“ bekannt. Dabei war ein anderer Ausspruch des ersten offen schwulen Spitzenpolitikers der Republik viel prägender: „Sparen, bis es quietscht“.
Auch als Folge jener horrenden Spekulationsgeschäfte auf Staatskosten wurde die werdende Hauptstadt fürderhin gnadenlos auf Verschleiß gefahren. Schon zeitgenössisch wurde immer wieder gewarnt, dass sich das einmal bitter rächen würde. Und bis heute sollte diese Geschichte besonders allen Zugezogenen erzählt werden, die sich fragen, wieso an der Spree von Bürgeramt bis Schulen so vieles so schlecht funktioniert.
Materiell beschädigt hat dieser Skandal zwar hauptsächlich die Stadt Berlin, die aufgrund des Verlusts ihrer einst großzügig finanzierten „Schaufensterfunktion“ im Kalten Krieg ohnehin in keiner guten Position war. In einem übertragenen Sinn aber war das Konstrukt um jene Immobilienfonds weit mehr als eine bloße Berlinalie.
Credo des Neoliberalismus: Gewinne privatisieren, Risiken sozialisieren
Inmitten der Hochphase des neoliberalen Diskurses zeigte sich hier dessen Grundprinzip in fast comic-hafter Überzeichnung: Privatisierung der Gewinne bei achselzuckender Sozialisierung aller Risiken und Nebenwirkungen.
So schien gar nicht so wenigen in diesem Jahr auch die militante Eruption, die zwischen dem Auffliegen des Skandals im Winter und dem Regierungswechsel im Frühsommer stattfand, weit mehr zu sein als das vielzitierte Ritual der Berlin-Kreuzberger Revolutionsfolklore: ein symbolischer Aufstand gegen den Zynismus der neoliberalen Ordnung.
Rund 50.000 Steine sollen am 1. Mai 2001 aus dem Berliner Pflaster gerissen und – teils mehrfach – als Wurfgeschosse verwendet worden sein. Zu diesem Mega-Riot kam es, nachdem die „Revolutionäre“ 1.-Mai-Demo erstmals in ihrer Geschichte untersagt worden war und man die Reste einer dennoch erwartbaren, mehr oder minder irregulären „Spontan-Demo“ direkt auf das gut besuchte Straßenfest auf dem Mariannenplatz getrieben hatte.
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Das Jahrzehnt der Depression
Womöglich hatte es der taumelnde CDU-Senat genau auf solche Bilder abgesehen, um von der eigenen Misere abzulenken. Hinsichtlich der lokalen, bürgerlichen Öffentlichkeit gelang das auch kurzfristig. Doch jenseits derselben fügte sich die wildeste deutsche Straßenschlacht seit Langem in ein anderes Bild: Nachdem die 1990er Jahre von politischer Frustration und linkem Utopieverlust geprägt gewesen waren, schien sich nach dem Millennium die Bewegungs- und Protestkultur auch international nicht nur zu erholen, sondern auch gleich erheblich zuzuspitzen.
Ist die These übertrieben, dass die sogenannte Gen X, die damals zwischen Anfang 20 und Mitte 30 war, vor 25 Jahren mit einigem Schwung auf ihr ganz eigenes „68“ zusteuerte – bis all das, wie sich dann zeigte, in der „Zeitenwende“ nach dem New Yorker 11. September 2001 zunächst nachhaltig erstickte? Welche Mobilisierungsmomente stehen hier in Rede? Und was für ein „68“ hätte daraus werden können? Halten wir zunächst eine kleine Rückschau.
Um zu vermessen, was um das Millennium bis zu 9/11 geschah, muss man sich vor Augen halten, wie tief die Depression eigentlich saß, die mit der Wende von 1989/90 verbunden war – obwohl die in der Tendenz antiautoritären und parteifernen Szenen, die in der westlichen Welt seit den 1970er Jahren politische Bewegungen trugen und tragen, mit dem untergegangenen Staatssozialismus wenig zu tun hatten.
Es fühlte sich tatsächlich an wie das „Ende der Geschichte“
Städte wie Berlin, wo sich aufgrund lokaler Besonderheiten die Hausbesetzungsbewegung der 1980er noch einmal aufführen ließ und viel Raum für teils auch dissidente Jugendkultur bestand, bildeten eine gewisse Ausnahme. Aber auch dort war Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“ damals bedrückend real: Hatten sich „die Massen“ nicht wirklich für Kapitalismus entschieden, für Ausbeutung und Auslese?
Solche Fragen stellte man sich auch hierzulande, während man die Wochenenden mit dem Versuch verbrachte, die Hotspots der „Baseballschlägerjahre“ ein wenig einzudämmen. Selbst diese Serviceleistung für die bürgerliche Demokratie wurde von derselben nicht mit Dank, sondern mit teils scharfer Repression quittiert.
Dass politisch etwas vorangehen könnte, dass sich der Abwehrkampf gegen Nazis in eine Offensive gegen Staat und System verwandeln könnte: In den bundesrepublikanischen wie mittel- und westeuropäischen 1990ern war das zeitweise schlicht undenkbar.
Das Platzen der Dotcom-Blase
Dass sich das zum Ende dieses Jahrzehntes rasch zu ändern begann, hatte einen wirtschaftlichen Grund und einen in der politischen Kultur. Im März 2000 platzte die sogenannte Dotcom-Blase, also die Überspekulation auf die erste Generation von internetbasierten Geschäftsmodellen – wobei die Lasten konsequent nach unten durchgereicht wurden.
Der seinerzeit fast religiöse Glaube an die „New Economy“ und die von nun an bruchlose Erfolgsgeschichte des Kapitalismus bekam dadurch erste Risse. Zudem kam es in Übersee, weitab vom kollabierten Staatssozialismus, zu einer Repolitisierung von Jugendszenen, wobei sich anarchistische Subkultur, Ökologie, teils Esoterik zu einer Kritik an der lange als Naturgesetz angesehenen „Globalisierung“ amalgamierten.
Das erste Fanal all dessen war die Mobilisierung von 1999 gegen ein Gipfeltreffen der Welthandelsorganisation WTO in der Grunge-Hauptstadt Seattle. Sie brachte überraschend an die 50.000 Menschen auf die Straße – und endete in wütenden Krawallen, über die am Ende der lokale Polizeichef sein Amt verlor.
Ein Bündnis entsteht
Bemerkenswerterweise beteiligten sich an dieser Mobilisierung – die erstmals stark über das Internet funktionierte – aber neben den anarchistischen Nerds, Punks und Ökos auch Gruppen aus der US-amerikanischen Gewerkschaftsbewegung. Dieses Bündnis aus „Turtles und Teamsters“ stand unter dem Eindruck der Deindustrialisierung, unter anderem infolge des kontinentalen Freihandelsabkommens NAFTA.
Die Freihandelskritik rief ferner auch konservative Stimmen wie den früheren US-Präsidentschaftskandidaten Pat Buchanan auf den Plan – und aktualisierte auf der anderen Seite die Kritik etwa der mexikanisch-indigenen Zapatista-Bewegung. Diese hatte sich schon 1994 an NAFTA entzündet, war bis dahin im „Westen“ aber eher ein romantisches Thema.
Was von Seattle blieb, war einmal die Entdeckung der Online-Sphäre: Das für die Proteste eingerichtete Independent Media Center wuchs als indymedia zu einer Art globaler Dachmarke progressiver Gegeninformation heran. Und zweitens war mit der „Globalisierung“ ein Fokus gefunden, der nicht nur konkret genug war, um ein widerständiges Momentum zu erzeugen – sondern gleichzeitig auch weit genug, um Findungsprozesse innerhalb eines ausgesprochen diversen Spektrums zu initiieren.
Gemeinsamer Kampf gegen den globalisierten Kapitalismus
In dieser Melange kämpften Gewerkschafter gegen Freihandelsabkommen und Dumpinglöhne. Migrantische Gruppen, ob in New York oder Berlin, verfolgten ihre Agenda gegen Rassismus. Die Arbeit junger Umweltschützer richtete sich gegen die ressourcenvernichtende Agenda des immer freizügiger werdenden Kapitals, egal ob sie enteignete Kleinbauern in Indien unterstützten oder die Umsiedlung für Großbauprojekte anprangerten.
Feministinnen unterstützen Arbeiterinnen im globalen Süden und setzten sich für Gleichheitsrechte in den nach wie vor geschlechterspezifisch segregierten Arbeitswelten der postindustriellen Gesellschaften ein.
Die Antifa hierzulande leistete noch immer Defensivarbeit gegen die nationalistische Normalität, mobilisierte zunehmend aber auch offensiver gegen die „Triple Oppression“ aus Kapitalismus, Rassismus und Sexismus, die später – wenn auch begrifflich entschärft – als „Intersektionalität“ akademische Karriere machte.
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Ein neuer, linker Utopismus
Kurzum, um die Jahrtausendwende verbreitete sich ein neuer Optimismus in Kreisen der außerparlamentarischen Linken: Es schien nicht mehr unmöglich, jenem „Ende der Geschichte“ selbst ein Ende zu machen – wobei Vagheit und Diversität nicht als Fehlen eines konturierten „historischen Subjekts“, sondern durchaus als Stärke empfunden wurden.
Diese Konstellation erspürten der italienische Alt-Militante Antonio Negri und der US-Literaturprofessor Michael Hardt in ihrem 2000 erschienenen Groß-Entwurf Empire, der schon im Untertitel auch von der Suche nach einer neuen politischen Sprache zeugt, die sich von der linken Rhetorik des 20. Jahrhunderts abheben sollte: Globalization as a new Roman order, awaiting its early Christians.
Diese Anspielung auf das verfolgte Urchristentum nahm schon jene überbordende Repression vorweg, die das Jahr 2001 bestimmten sollte.
Auf die Protestierenden wird scharf geschossen
Ihren Ausgangspunkt hatte die Globalisierungskritik in dem eher harmlosen Bestreben, die Härten dieser Transnationalisierung des Kapitals abzufedern. Doch die Niedrigschwelligkeit, mit der Staatsapparate nackte Gewalt einzusetzen bereit waren, verdichtete eine eher disparate Dissidenz zu dem Gefühl, einem straffen, zu vielem entschlossenen System gegenüberzustehen.
Bei beiden großen globalisierungskritischen Mobilisierungen, die das Jahr 2001 prägen sollten – gegen den EU-Gipfel von Göteborg im Juni und einen Monat später gegen die G8 in Genua –, wurde auf Protestierende scharf geschossen.
In Göteborg ergab sich der lebensbedrohliche Bauchschuss gegen einen Demonstranten noch aus einer konventionellen Eskalationsdynamik. Die Ausschreitungen hatten, so die spätere Aufarbeitung, viel mit brachialen Polizeimethoden zu tun, etwa unangemessenen Massenverhaftungen. Ein Berliner Aktivist saß monatelang im schwedischen Gefängnis, andere erhielten hohe Haftstrafen.
Die „Chilenische Nacht“
In Genua, wo am 20. Juli der 23-jährige Carlo Giuliani an einem Schuss verstarb, der aus einem Fahrzeug der Carabinieri abgegeben worden war, hatte die Repression einen noch dunkleren, planmäßigen Charakter. Hier kam es nicht nur zu brutalen Einsätzen auf der Straße, sondern auch zu einem Überfall auf einen Übernachtungsort der Protestierenden.
Nach dem Sturm auf die Diaz-Schule mussten unter anderem zahlreiche Aktivisten aus Berlin auf Intensivstationen gebracht werden. Die Gefangenensammelstelle in der Bolzaneto-Kaserne wurde zum Schauplatz der „Chilenischen Nacht“: Menschen wurden mit Filzstiften markiert, geschlagen, gedemütigt, sexuell missbraucht. Erst nach drei Tagen war Kontakt nach außen gestattet.
Der Terroranschlag vom 11. September änderte alles
Das erinnerte an Szenen aus Nanni Ballestrinis Roman Die Unsichtbaren. Die Diaz-Schule und die Bolzaneto-Kaserne wurden zu Symbolen eines faschistischen Wiederdurchbruchs. In ganz Europa gab es in der Folge Solidaritätskundgebungen, die globalisierungskritische Bewegung erhielt breiten Zulauf.
Es würde einen heißen Herbst geben, das schien in diesem Sommer sicher. Und sah es darüber hinaus nicht so aus, als könnte sich die Empörung über diesen Staatsgewaltexzess zu einer gesellschaftlichen Kritik des globalen Neoliberalismus überhaupt ausweiten? Aber dann kam alles ganz anders.
Am 11. September 2001 steuerten Dschihadisten zwei Passagierflugzeuge ins World Trade Center in New York und ermordeten fast 3.000 Menschen. Mit einem Schlag änderte sich alles.
Kritik am Sicherheitsapparat weicht widerspruchsloser Unterstützung
Nicht ein linker Aufbruch beendete das „Ende der Geschichte“, sondern eine Mobilisierung zum „Kampf der Kulturen“. Weltpolitisch setzte eine Serie von „Kriegen gegen den Terror“ ein, die – Stand Frühjahr 2026 – den gesamten Raum vom Mittelmeer bis Pakistan in eine dystopische War Zone verwandelt haben.
Zuverlässig entstanden und entstehen so immer wieder gerade diejenigen Monster, die zu bekämpfen ein neues Kreuzrittertum vorgibt – und massenhafte Fluchtbewegungen, von denen die neue Rechte im Westen lebt.
Innenpolitisch übernahm ein Sicherheitsdiskurs, der sich mit neuen Nationalismen sowie antimuslimischem Rassismus paarte. Die Polizeiapparate, die eben noch zum Gegenstand heftiger politischer Debatten zu werden schienen, erhielten fast widerspruchslos Rechte und Mittel, die unlängst noch indiskutabel erschienen waren, während die Hoffnung auf eine „andere Welt“ versandete.
Am Ende von 9/11 steht Donald Trump
Wer es schaffte, sich dem Sog dieser Zäsur zu entziehen, stand nun wieder beobachtend am Rande. Für die USA illustriert etwa Thomas Pynchons 2013 erschienener Roman Bleeding Edge die schiefe Ebene, auf die das Land mit 9/11 geriet und an deren Ende Donald Trump wartete.
Die Gentrifizierung der subversiven „Welthauptstadt“ New York ist in diesem Buch Teil einer rechten Mobilmachung, die es ohne den 11. September und die vorangegangene Dotcom-Blase so nicht gegeben hätte.
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Während sich 9/11 also als Startrampe jener krisenhaften Ordnung des Spätkapitalismus erwies, die unser Leben bis heute bestimmt, verzwergte sich die gesellschaftliche Linke.
Erstens versiegelten die Panikwellen, die vom Einsturz der Twin Towers ausgingen, viele gesellschaftliche Synapsen, an denen sie unter anderen Bedingungen hätte andocken können. Und zweitens blieb sie von den Post-9/11-Debatten selbst nicht unberührt, wovon bis heute anhaltende Diskussionen über die Legitimität von „Militäreinsätzen“ zeugen, etwa gegen den „Islamofaschismus“: War man nicht doch dermaßen äußerlich bedroht, dass Widerstand gegen das „Empire“ eine Selbstmordmission wäre?
Die linke Bewegung hat an Dynamik verloren
Gewiss: 9/11 war nicht das Ende der bewegungsförmigen Linken – auch nicht das Ende der Globalisierungskritik. Vordergründig bekam diese auch danach recht eindrucksvolle Demonstrationen zustande, sei es 2007 in Heiligendamm oder zehn Jahre später in Hamburg. Doch diese Mobilisierungen entwickelten bei Weitem nicht jene Dynamik, von der man im Sommer 2001 eine Ahnung zu bekommen meinte.
So ist die Frage nicht abseitig, wie es ohne den 11. September hätte weitergehen können. Wie wäre etwa die Auseinandersetzung um so etwas wie die Finanzkrise von 2008 verlaufen, wenn die Erinnerung an die Dotcom-Blase nicht dermaßen verschüttet gewesen wäre?
Und wie die Eurokrise um Griechenland, die unter gegebenen Bedingungen zur Gründung der AfD führte? Hätte sich derlei nicht im Vorfeld bremsen oder mildern lassen, wenn sich die Kritik der neoliberalen Globalisierung zu einer globalen Kritik der Neoliberalisierung ausgewachsen hätte?
Die Turnschuhkritik
Das 1968 der sogenannten Boomer war vor allem eine kulturelle Liberalisierungsbewegung. Ein „68“ der Gen X, wie es im Sommer 2001 zeitweise greifbar zu sein schien, wäre etwas anderes gewesen, nämlich materialistischer.
Statt etwa durch das Tragen von Turnschuhen im Parlament zu „provozieren“ wie einst Joschka Fischer, ging es in den Workshops der Jahrtausendwende oft um die Frage, wie diese Schuhe in einer weltumspannenden Produktionskette zusammengesetzt werden. Diese „Turnschuhkritik“ wurde seinerzeit bisweilen belächelt. Doch an ihrem Ende stand nicht wie 1968 das heiße Verdikt, der Kapitalismus sei unmoralisch, sondern die kühle Erkenntnis seiner Unvernunft.
Neue Dynamiken erzeugen
Linke Bewegungen werden immer wieder ausgebremst, durch Repression, innere Konflikte oder Ereignisse wie den 11. September. Alles muss immer wieder von Neuem begonnen und von nachfolgenden Generationen erlernt werden. Es gilt dann zunächst immer, nach Spuren zu suchen.
Solche Kassiber aus der Parallelwelt der Revolte waren etwa die Texte des französischen Autorenkollektivs Tiqqun, die zur Zeit der Athener Riots gegen die Zwangsherrschaft der „Troika“ entstanden – oder etwas später das Manifest Der kommende Aufstand, das durch die großen Feuilletons geisterte.
Die Frage nach dem Was-wäre-wenn ist in diesem Sinne niemals müßig. Vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt dafür, sich jener kurzen, eruptiven Periode zuzuwenden, die hierzulande vor einem Vierteljahrhundert am 1. Mai in Berlin begann.
ohen Garantie-Profiten in die Fonds gesteckt wurden, waren nicht einmal vermietet. Eine verantwortungslose, historisch verfrühte Wette auf die Entwicklung der Stadt, die in eine Art Schneeballsystem mündete: Verluste in den bestehenden wurden durch den Verkauf immer neuer Fonds kompensiert. Am Ende konnte ja auf den Landeshaushalt zugegriffen werden.Klaus Wowereit und sein Berlin-Slogan: „Arm, aber sexy“SPD-Mann Klaus Wowereit, der im Juni als Regierender Bürgermeister übernahm, nachdem Eberhard Diepgen per Misstrauensvotum abgewählt war, wurde für seinen Berlin-Slogan „Arm, aber sexy“ bekannt. Dabei war ein anderer Ausspruch des ersten offen schwulen Spitzenpolitikers der Republik viel prägender: „Sparen, bis es quietscht“.Auch als Folge jener horrenden Spekulationsgeschäfte auf Staatskosten wurde die werdende Hauptstadt fürderhin gnadenlos auf Verschleiß gefahren. Schon zeitgenössisch wurde immer wieder gewarnt, dass sich das einmal bitter rächen würde. Und bis heute sollte diese Geschichte besonders allen Zugezogenen erzählt werden, die sich fragen, wieso an der Spree von Bürgeramt bis Schulen so vieles so schlecht funktioniert.Materiell beschädigt hat dieser Skandal zwar hauptsächlich die Stadt Berlin, die aufgrund des Verlusts ihrer einst großzügig finanzierten „Schaufensterfunktion“ im Kalten Krieg ohnehin in keiner guten Position war. In einem übertragenen Sinn aber war das Konstrukt um jene Immobilienfonds weit mehr als eine bloße Berlinalie.Credo des Neoliberalismus: Gewinne privatisieren, Risiken sozialisierenInmitten der Hochphase des neoliberalen Diskurses zeigte sich hier dessen Grundprinzip in fast comic-hafter Überzeichnung: Privatisierung der Gewinne bei achselzuckender Sozialisierung aller Risiken und Nebenwirkungen.So schien gar nicht so wenigen in diesem Jahr auch die militante Eruption, die zwischen dem Auffliegen des Skandals im Winter und dem Regierungswechsel im Frühsommer stattfand, weit mehr zu sein als das vielzitierte Ritual der Berlin-Kreuzberger Revolutionsfolklore: ein symbolischer Aufstand gegen den Zynismus der neoliberalen Ordnung.Rund 50.000 Steine sollen am 1. Mai 2001 aus dem Berliner Pflaster gerissen und – teils mehrfach – als Wurfgeschosse verwendet worden sein. Zu diesem Mega-Riot kam es, nachdem die „Revolutionäre“ 1.-Mai-Demo erstmals in ihrer Geschichte untersagt worden war und man die Reste einer dennoch erwartbaren, mehr oder minder irregulären „Spontan-Demo“ direkt auf das gut besuchte Straßenfest auf dem Mariannenplatz getrieben hatte.Placeholder image-3Das Jahrzehnt der DepressionWomöglich hatte es der taumelnde CDU-Senat genau auf solche Bilder abgesehen, um von der eigenen Misere abzulenken. Hinsichtlich der lokalen, bürgerlichen Öffentlichkeit gelang das auch kurzfristig. Doch jenseits derselben fügte sich die wildeste deutsche Straßenschlacht seit Langem in ein anderes Bild: Nachdem die 1990er Jahre von politischer Frustration und linkem Utopieverlust geprägt gewesen waren, schien sich nach dem Millennium die Bewegungs- und Protestkultur auch international nicht nur zu erholen, sondern auch gleich erheblich zuzuspitzen.Ist die These übertrieben, dass die sogenannte Gen X, die damals zwischen Anfang 20 und Mitte 30 war, vor 25 Jahren mit einigem Schwung auf ihr ganz eigenes „68“ zusteuerte – bis all das, wie sich dann zeigte, in der „Zeitenwende“ nach dem New Yorker 11. September 2001 zunächst nachhaltig erstickte? Welche Mobilisierungsmomente stehen hier in Rede? Und was für ein „68“ hätte daraus werden können? Halten wir zunächst eine kleine Rückschau.Um zu vermessen, was um das Millennium bis zu 9/11 geschah, muss man sich vor Augen halten, wie tief die Depression eigentlich saß, die mit der Wende von 1989/90 verbunden war – obwohl die in der Tendenz antiautoritären und parteifernen Szenen, die in der westlichen Welt seit den 1970er Jahren politische Bewegungen trugen und tragen, mit dem untergegangenen Staatssozialismus wenig zu tun hatten.Es fühlte sich tatsächlich an wie das „Ende der Geschichte“Städte wie Berlin, wo sich aufgrund lokaler Besonderheiten die Hausbesetzungsbewegung der 1980er noch einmal aufführen ließ und viel Raum für teils auch dissidente Jugendkultur bestand, bildeten eine gewisse Ausnahme. Aber auch dort war Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“ damals bedrückend real: Hatten sich „die Massen“ nicht wirklich für Kapitalismus entschieden, für Ausbeutung und Auslese?Solche Fragen stellte man sich auch hierzulande, während man die Wochenenden mit dem Versuch verbrachte, die Hotspots der „Baseballschlägerjahre“ ein wenig einzudämmen. Selbst diese Serviceleistung für die bürgerliche Demokratie wurde von derselben nicht mit Dank, sondern mit teils scharfer Repression quittiert.Dass politisch etwas vorangehen könnte, dass sich der Abwehrkampf gegen Nazis in eine Offensive gegen Staat und System verwandeln könnte: In den bundesrepublikanischen wie mittel- und westeuropäischen 1990ern war das zeitweise schlicht undenkbar.Das Platzen der Dotcom-BlaseDass sich das zum Ende dieses Jahrzehntes rasch zu ändern begann, hatte einen wirtschaftlichen Grund und einen in der politischen Kultur. Im März 2000 platzte die sogenannte Dotcom-Blase, also die Überspekulation auf die erste Generation von internetbasierten Geschäftsmodellen – wobei die Lasten konsequent nach unten durchgereicht wurden.Der seinerzeit fast religiöse Glaube an die „New Economy“ und die von nun an bruchlose Erfolgsgeschichte des Kapitalismus bekam dadurch erste Risse. Zudem kam es in Übersee, weitab vom kollabierten Staatssozialismus, zu einer Repolitisierung von Jugendszenen, wobei sich anarchistische Subkultur, Ökologie, teils Esoterik zu einer Kritik an der lange als Naturgesetz angesehenen „Globalisierung“ amalgamierten.Das erste Fanal all dessen war die Mobilisierung von 1999 gegen ein Gipfeltreffen der Welthandelsorganisation WTO in der Grunge-Hauptstadt Seattle. Sie brachte überraschend an die 50.000 Menschen auf die Straße – und endete in wütenden Krawallen, über die am Ende der lokale Polizeichef sein Amt verlor.Ein Bündnis entstehtBemerkenswerterweise beteiligten sich an dieser Mobilisierung – die erstmals stark über das Internet funktionierte – aber neben den anarchistischen Nerds, Punks und Ökos auch Gruppen aus der US-amerikanischen Gewerkschaftsbewegung. Dieses Bündnis aus „Turtles und Teamsters“ stand unter dem Eindruck der Deindustrialisierung, unter anderem infolge des kontinentalen Freihandelsabkommens NAFTA.Die Freihandelskritik rief ferner auch konservative Stimmen wie den früheren US-Präsidentschaftskandidaten Pat Buchanan auf den Plan – und aktualisierte auf der anderen Seite die Kritik etwa der mexikanisch-indigenen Zapatista-Bewegung. Diese hatte sich schon 1994 an NAFTA entzündet, war bis dahin im „Westen“ aber eher ein romantisches Thema.Was von Seattle blieb, war einmal die Entdeckung der Online-Sphäre: Das für die Proteste eingerichtete Independent Media Center wuchs als indymedia zu einer Art globaler Dachmarke progressiver Gegeninformation heran. Und zweitens war mit der „Globalisierung“ ein Fokus gefunden, der nicht nur konkret genug war, um ein widerständiges Momentum zu erzeugen – sondern gleichzeitig auch weit genug, um Findungsprozesse innerhalb eines ausgesprochen diversen Spektrums zu initiieren.Gemeinsamer Kampf gegen den globalisierten KapitalismusIn dieser Melange kämpften Gewerkschafter gegen Freihandelsabkommen und Dumpinglöhne. Migrantische Gruppen, ob in New York oder Berlin, verfolgten ihre Agenda gegen Rassismus. Die Arbeit junger Umweltschützer richtete sich gegen die ressourcenvernichtende Agenda des immer freizügiger werdenden Kapitals, egal ob sie enteignete Kleinbauern in Indien unterstützten oder die Umsiedlung für Großbauprojekte anprangerten.Feministinnen unterstützen Arbeiterinnen im globalen Süden und setzten sich für Gleichheitsrechte in den nach wie vor geschlechterspezifisch segregierten Arbeitswelten der postindustriellen Gesellschaften ein.Die Antifa hierzulande leistete noch immer Defensivarbeit gegen die nationalistische Normalität, mobilisierte zunehmend aber auch offensiver gegen die „Triple Oppression“ aus Kapitalismus, Rassismus und Sexismus, die später – wenn auch begrifflich entschärft – als „Intersektionalität“ akademische Karriere machte.Placeholder image-2Ein neuer, linker UtopismusKurzum, um die Jahrtausendwende verbreitete sich ein neuer Optimismus in Kreisen der außerparlamentarischen Linken: Es schien nicht mehr unmöglich, jenem „Ende der Geschichte“ selbst ein Ende zu machen – wobei Vagheit und Diversität nicht als Fehlen eines konturierten „historischen Subjekts“, sondern durchaus als Stärke empfunden wurden.Diese Konstellation erspürten der italienische Alt-Militante Antonio Negri und der US-Literaturprofessor Michael Hardt in ihrem 2000 erschienenen Groß-Entwurf Empire, der schon im Untertitel auch von der Suche nach einer neuen politischen Sprache zeugt, die sich von der linken Rhetorik des 20. Jahrhunderts abheben sollte: Globalization as a new Roman order, awaiting its early Christians.Diese Anspielung auf das verfolgte Urchristentum nahm schon jene überbordende Repression vorweg, die das Jahr 2001 bestimmten sollte.Auf die Protestierenden wird scharf geschossenIhren Ausgangspunkt hatte die Globalisierungskritik in dem eher harmlosen Bestreben, die Härten dieser Transnationalisierung des Kapitals abzufedern. Doch die Niedrigschwelligkeit, mit der Staatsapparate nackte Gewalt einzusetzen bereit waren, verdichtete eine eher disparate Dissidenz zu dem Gefühl, einem straffen, zu vielem entschlossenen System gegenüberzustehen.Bei beiden großen globalisierungskritischen Mobilisierungen, die das Jahr 2001 prägen sollten – gegen den EU-Gipfel von Göteborg im Juni und einen Monat später gegen die G8 in Genua –, wurde auf Protestierende scharf geschossen.In Göteborg ergab sich der lebensbedrohliche Bauchschuss gegen einen Demonstranten noch aus einer konventionellen Eskalationsdynamik. Die Ausschreitungen hatten, so die spätere Aufarbeitung, viel mit brachialen Polizeimethoden zu tun, etwa unangemessenen Massenverhaftungen. Ein Berliner Aktivist saß monatelang im schwedischen Gefängnis, andere erhielten hohe Haftstrafen.Die „Chilenische Nacht“In Genua, wo am 20. Juli der 23-jährige Carlo Giuliani an einem Schuss verstarb, der aus einem Fahrzeug der Carabinieri abgegeben worden war, hatte die Repression einen noch dunkleren, planmäßigen Charakter. Hier kam es nicht nur zu brutalen Einsätzen auf der Straße, sondern auch zu einem Überfall auf einen Übernachtungsort der Protestierenden.Nach dem Sturm auf die Diaz-Schule mussten unter anderem zahlreiche Aktivisten aus Berlin auf Intensivstationen gebracht werden. Die Gefangenensammelstelle in der Bolzaneto-Kaserne wurde zum Schauplatz der „Chilenischen Nacht“: Menschen wurden mit Filzstiften markiert, geschlagen, gedemütigt, sexuell missbraucht. Erst nach drei Tagen war Kontakt nach außen gestattet.Der Terroranschlag vom 11. September änderte allesDas erinnerte an Szenen aus Nanni Ballestrinis Roman Die Unsichtbaren. Die Diaz-Schule und die Bolzaneto-Kaserne wurden zu Symbolen eines faschistischen Wiederdurchbruchs. In ganz Europa gab es in der Folge Solidaritätskundgebungen, die globalisierungskritische Bewegung erhielt breiten Zulauf.Es würde einen heißen Herbst geben, das schien in diesem Sommer sicher. Und sah es darüber hinaus nicht so aus, als könnte sich die Empörung über diesen Staatsgewaltexzess zu einer gesellschaftlichen Kritik des globalen Neoliberalismus überhaupt ausweiten? Aber dann kam alles ganz anders.Am 11. September 2001 steuerten Dschihadisten zwei Passagierflugzeuge ins World Trade Center in New York und ermordeten fast 3.000 Menschen. Mit einem Schlag änderte sich alles.Kritik am Sicherheitsapparat weicht widerspruchsloser UnterstützungNicht ein linker Aufbruch beendete das „Ende der Geschichte“, sondern eine Mobilisierung zum „Kampf der Kulturen“. Weltpolitisch setzte eine Serie von „Kriegen gegen den Terror“ ein, die – Stand Frühjahr 2026 – den gesamten Raum vom Mittelmeer bis Pakistan in eine dystopische War Zone verwandelt haben.Zuverlässig entstanden und entstehen so immer wieder gerade diejenigen Monster, die zu bekämpfen ein neues Kreuzrittertum vorgibt – und massenhafte Fluchtbewegungen, von denen die neue Rechte im Westen lebt.Innenpolitisch übernahm ein Sicherheitsdiskurs, der sich mit neuen Nationalismen sowie antimuslimischem Rassismus paarte. Die Polizeiapparate, die eben noch zum Gegenstand heftiger politischer Debatten zu werden schienen, erhielten fast widerspruchslos Rechte und Mittel, die unlängst noch indiskutabel erschienen waren, während die Hoffnung auf eine „andere Welt“ versandete.Am Ende von 9/11 steht Donald TrumpWer es schaffte, sich dem Sog dieser Zäsur zu entziehen, stand nun wieder beobachtend am Rande. Für die USA illustriert etwa Thomas Pynchons 2013 erschienener Roman Bleeding Edge die schiefe Ebene, auf die das Land mit 9/11 geriet und an deren Ende Donald Trump wartete.Die Gentrifizierung der subversiven „Welthauptstadt“ New York ist in diesem Buch Teil einer rechten Mobilmachung, die es ohne den 11. September und die vorangegangene Dotcom-Blase so nicht gegeben hätte.Placeholder image-1Während sich 9/11 also als Startrampe jener krisenhaften Ordnung des Spätkapitalismus erwies, die unser Leben bis heute bestimmt, verzwergte sich die gesellschaftliche Linke.Erstens versiegelten die Panikwellen, die vom Einsturz der Twin Towers ausgingen, viele gesellschaftliche Synapsen, an denen sie unter anderen Bedingungen hätte andocken können. Und zweitens blieb sie von den Post-9/11-Debatten selbst nicht unberührt, wovon bis heute anhaltende Diskussionen über die Legitimität von „Militäreinsätzen“ zeugen, etwa gegen den „Islamofaschismus“: War man nicht doch dermaßen äußerlich bedroht, dass Widerstand gegen das „Empire“ eine Selbstmordmission wäre?Die linke Bewegung hat an Dynamik verlorenGewiss: 9/11 war nicht das Ende der bewegungsförmigen Linken – auch nicht das Ende der Globalisierungskritik. Vordergründig bekam diese auch danach recht eindrucksvolle Demonstrationen zustande, sei es 2007 in Heiligendamm oder zehn Jahre später in Hamburg. Doch diese Mobilisierungen entwickelten bei Weitem nicht jene Dynamik, von der man im Sommer 2001 eine Ahnung zu bekommen meinte.So ist die Frage nicht abseitig, wie es ohne den 11. September hätte weitergehen können. Wie wäre etwa die Auseinandersetzung um so etwas wie die Finanzkrise von 2008 verlaufen, wenn die Erinnerung an die Dotcom-Blase nicht dermaßen verschüttet gewesen wäre?Und wie die Eurokrise um Griechenland, die unter gegebenen Bedingungen zur Gründung der AfD führte? Hätte sich derlei nicht im Vorfeld bremsen oder mildern lassen, wenn sich die Kritik der neoliberalen Globalisierung zu einer globalen Kritik der Neoliberalisierung ausgewachsen hätte?Die TurnschuhkritikDas 1968 der sogenannten Boomer war vor allem eine kulturelle Liberalisierungsbewegung. Ein „68“ der Gen X, wie es im Sommer 2001 zeitweise greifbar zu sein schien, wäre etwas anderes gewesen, nämlich materialistischer.Statt etwa durch das Tragen von Turnschuhen im Parlament zu „provozieren“ wie einst Joschka Fischer, ging es in den Workshops der Jahrtausendwende oft um die Frage, wie diese Schuhe in einer weltumspannenden Produktionskette zusammengesetzt werden. Diese „Turnschuhkritik“ wurde seinerzeit bisweilen belächelt. Doch an ihrem Ende stand nicht wie 1968 das heiße Verdikt, der Kapitalismus sei unmoralisch, sondern die kühle Erkenntnis seiner Unvernunft.Neue Dynamiken erzeugenLinke Bewegungen werden immer wieder ausgebremst, durch Repression, innere Konflikte oder Ereignisse wie den 11. September. Alles muss immer wieder von Neuem begonnen und von nachfolgenden Generationen erlernt werden. Es gilt dann zunächst immer, nach Spuren zu suchen.Solche Kassiber aus der Parallelwelt der Revolte waren etwa die Texte des französischen Autorenkollektivs Tiqqun, die zur Zeit der Athener Riots gegen die Zwangsherrschaft der „Troika“ entstanden – oder etwas später das Manifest Der kommende Aufstand, das durch die großen Feuilletons geisterte.Die Frage nach dem Was-wäre-wenn ist in diesem Sinne niemals müßig. Vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt dafür, sich jener kurzen, eruptiven Periode zuzuwenden, die hierzulande vor einem Vierteljahrhundert am 1. Mai in Berlin begann.