Von Ekaterina Quehl
Seit der Novelle des Gesetzes „zur Modernisierung des Staatsangehörigkeitsrechts“ im Juni 2024, nach dem die Voraussetzungen für eine Einbürgerung in Deutschland deutlich gelockert wurden, steigen die Zahlen für Einbürgerungen im Rekordtempo. In 2024 lag die Zahl der Einbürgerungen bei 292.020 und stieg somit um fast die Hälfte (+46 Prozent) im Vergleich zum Vorjahr (200.001). Mehr als jeder Vierter davon ist ein Syrer (83.150 oder 28 Prozent), gefolgt von Türken und Irakern, die mit großem Abstand jeweils 8 und 5 Prozent betragen.
Nun schafft Berlin in 2025 neue Rekorde. Hier wurden fast doppelt so viele (39.034) „Neu-Deutsche“ eingebürgert als im Jahr zuvor (21.811) und fast das Vierfache im Vergleich zu 2023 (9.041). Für Deutschland liegen die Zahlen noch nicht vor.
Zur Erinnerung: Nach der Einführung der neuen Lockerungen betrug Mindestaufenthaltszeit der Antragsteller zunächst fünf Jahre, dann drei Jahre (bei „besonderen Integrationsleistungen“), dann wieder fünf Jahre. Doch die Mindestaufenthaltszeit ist keine besondere Voraussetzung, wenn man schon in Deutschland ist. Denn Sie brauchen dazu nichts weiteres tun, als sich hierzulande aufzuhalten. Viel wichtiger sind finanzielle Unabhängigkeit vom Staat bzw. eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, Sprachkenntnisse und Kenntnisse der Landeskunde.
Und an dieser Stelle drängen sich einige Fragen auf, die mich als frisch gewordene deutsche Bürgerin nach mehr als zwei Jahrzehnten in diesem Land besonders interessieren.
Denn selbst wenn man annimmt, dass „Kurz-vor-Neutdeutsche“ mit syrischem, türkischen oder irakischem Hintergrund keine Messer an Messerverbotszonen benutzen und sich sonst „zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung für die Bundesrepublik Deutschland bekennen“ – wie viele von ihnen konnten – und vor allem wollten – nach fünf (bei „besonderen Integrationsleitungen“ nach drei) Jahren rechtmäßig und sozialversicherungspflichtig arbeiten, für sich selbst und ihre Familien sorgen und Steuer zahlen?
Wieviele von ihnen waren – ohne ihren Sprach-Zertifikat zu fälschen – zum Zeitpunkt ihres Einbürgerungsantrags in der Lage, in klarer Standardsprache bei der Arbeit, in der Schule, in der Freizeit über vertraute Themen wie Erfahrungen, Alltag, Pläne usw. zu sprechen? Denn das setzen Deutschkenntnisse auf dem Niveau B1 voraus, die die „Kurz-vor-Neudeutsche“ haben sollen. Wieviele von ihnen können Fragen wie „Womit finanziert der deutsche Staat die Sozialversicherung?“ oder „Die deutschen Bundesländer wirken an der Gesetzesgebung des Bundes durch…“ beantworten? Denn das sind die Fragen aus dem 310-Fragen-schweren Katalog zum Einbürgerungstest. Und wie viele von ihnen setzen sich problemlos mit dem so bürgerfreundlichen Verwaltungssystem auseinander, suchen sich eine Mietwohnung, machen Behördengänge, eröffnen ein Bankkonto, melden ihre Kinder in einer Schule oder Kita an, schließen Verträge mit Strom- und Internetanbietern ab und lassen sich versichern?
Ein besonderes Thema ist Beruf. Um eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auszuüben und somit Teil des Lösung des Fachkräftemangels zu werden, muss man entweder bereit sein – auch finanziell – einen Beruf zu erlernen oder sehr einfache Tätigkeiten im Bereich Pflege und Service auszuüben. Und selbst wenn man als Arzt, Architekt oder Rechtsanwalt nach Deutschland gekommen ist, muss man – wenn man natürlich nicht als „falscher Arzt“ gleich tätig werden möchte – diese Berufe anerkennen lassen. Das setzt berufsspezifische Kompetenzen, Erfahrung und vertiefte Deutsch-Kenntnisse voraus. Anerkennungsverfahren für Ärzte mit Abschüssen aus nicht EU-Ländern können beispielsweise einige Jahre dauern. Ein iranischer Arzt musste 5 Jahre auf seine Anerkennung warten.
Gerade viele syrische Bürger kommen als Asylbewerber nach Deutschland. Bis Dezember 2025 erhielten sie in der Regel zunächst für ein Jahr subsidiären Schutz, bei dem sie Zugang zu Arbeitsmarkt und Anspruch auf Sozialhilfe hatten. Seit dem Ende 2025 prüft das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Anträge syrischer Asylbewerber wieder inhaltlich. Das bedeutet deutlich weniger subsidiären Schutz und längere Asylverfahren. Zwar können sie das deutsche Asylsystem in vollen Zügen genießen und Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz wie bezahlte Unterkunft, Krankenversicherung, Lebenshaltungskosten sowie unzählige einmalige Beihilfen erhalten. Aber eine wirkliche Integration fördert das System nicht.
Die große Enthüllung des Betrugs mit Sprach-Zertifikaten, die für die Einbürgerung benötigt werden, bestätigt nur die Bedenken, dass viele Antragsteller weder die Einbürgerungs-Voraussetzungen erfüllen noch willens sind, ehrliche Bürger dieses Landes zu werden. Doch nicht nur die Antragsteller selbst suchen verkürzte Wege – auch Behörden tun es. Wie eine Bild-Recherche enthüllt, drücken auch Einbürgerungsbehörden manchmal ein Auge zu, wenn es um Deutschkenntnisse geht und erkennen häufig nur eine hochgeladene Anmeldung zu einem Deutsch-Kurs an statt gefordertes Sprach-Zertifikat.
Die andere Warteschlange
Auf der anderen Seite höre ich immer wieder von meinen russischstämmigen Freunden, die hier seit vielen Jahren leben, Deutsch praktisch als zweite Muttersprache sprechen, arbeiten und Steuer zahlen, dass deren Einbürgerungsverfahren sich enorm in die Länge ziehen. Einige warten seit über einem Jahr auf eine erste Reaktion nach der Antragstellung.
Was ich selbst während meines Einbürgerungsverfahrens erleben musste, grenzt an kafkaeske Verhältnisse. Nach über 20 Jahren des Lebens in Deutschland bekam ich meine Einbürgerung erst nach mehr als einem Jahr Wartezeit – und das offensichtlich auch nur deshalb „so schnell“, weil in 2024 das neue Staatsangehörigkeits-Gesetz in Kraft getreten ist.
Hürden, die ich bewältigen musste, grenzten an Schikane. Mehrfach musste ich die gleichen Unterlagen zu meinen Einkommensverhältnissen einreichen, um nachzuweisen, dass ich nicht vom Staat lebe. Meinen Antrag auf Befreiung von Einbürgerungstest wurde erst am Ende des Verfahrens genehmigt – nach dem ich wiederholt meine Sprach-Zertifikate, Nachweise über deutsche Studienabschlüsse und weitere Urkunden einreichen musste. Wegen offensichtlicher Inkompetenz der zuständigen Sachbearbeiter wurde ich mehrfach aufgefordert, steuerliche Unterlagen einzureichen, die ich aufgrund meiner Beschäftigungsart gar nicht haben kann, zum Beispiel einen Gewerbeschein.
Die Krönung des Verfahrens war ein Polizeibesuch bei mir zuhause um 7 Uhr morgens, die meine Familienangehörige sehr erschreckt hat. Die Polizei musste auf Anforderung der gleichen Sachbearbeiter überprüfen, ob ich tatsächlich an dem angegebenen Wohnort wohne – nur, weil ich ein Jahr zuvor umgezogen bin. Doch das hat nicht gereicht. Ich musste mehrfach meine Kontoauszüge einreichen, aus denen ersichtlich sein musste, dass ich in der Nähe des Wohnorts Lebensmittel einkaufe, tanke, zur Apotheke gehe und weitere Besorgungen mache.
Politisches Instrument
Beweise, dass Menschen aus bestimmten Herkunftsländern schneller eingebürgert werden, nur weil sie eben aus diesen Ländern kommen, gibt es nicht. Dennoch spiegeln die Zahlen seit der Gesetzes-Novelle eine bestimmte Tendenz wider, die die Frage aufwirft, warum die Verfahren von Menschen aus anderen Ländern viel länger dauern, obwohl sie hier bestens integriert sind, fließend Deutsch sprechen und Steuer zahlen.
„Die Bundestagswahl hat das politische Kräfteverhältnis in Deutschland neu geordnet“, berichtet das Blatt islamiq.de. „Muslimische Wählerinnen mit deutscher Staatsbürgerschaft haben sich in dieser Wahl mehrheitlich für linke Parteien entschieden. Laut einer Wahltagsbefragung der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF erhielt die Linkspartei 29 % der Stimmen muslimischer Wählerinnen, gefolgt von der SPD mit 28 %.“, wobei „…jeder fünfte Protestant“ die AfD wählte. Wenn man also davon ausgeht, dass die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts nicht nur migrationspolitische, sondern auch wahlpolitische Konsequenzen hat – denn jeder neue Pass bedeutet zugleich eine neue Stimme – dann ist es nicht zu weit gegriffen, dass Einbürgerungen langfristig das parteipolitische Kräfteverhältnis beeinflussen können.
Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen.
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Ekaterina Quehl ist gebürtige St. Petersburgerin, russische Jüdin und lebt seit über 20 Jahren in Deutschland. Pioniergruß, Schuluniform und Samisdat-Bücher gehörten zu ihrem Leben wie Perestroika und Lebensmittelmarken. Ihre Affinität zur deutschen Sprache hat sie bereits als Schulkind entwickelt. Aus dieser heraus weigert sie sich hartnäckig, zu gendern. Sie arbeitet für reitschuster.de.
Bild: Mehaniq/Shutterstock
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