„Free speech is pure bullshit if nobody knows how you are guided to this so-called free speech, especially when it is guided from one hate speech to another“,

ins Deutsche übersetzt:

„Freie Meinungsfreiheit ist kompletter Bullshit, wenn niemand weiß, wie man zu dieser sogenannten freien Meinungsäußerung geführt wird, insbesondere wenn man von einer Hassrede zur nächsten geführt wird“.

Das sagte Emmanuel Macron auf einem Treffen in Neu-Delhi, bei dem über das Thema künstliche Intelligenz gesprochen wurde – öffentlich und mit einem selbstgefälligen Grinsen, wie es pubertäre Jungs haben, wenn sie einen vermeintlich ganz starken Spruch ablassen, von dem sie wissen, dass er auf Ablehnung stoßen wird; und gerade deshalb fühlen sie sich ganz „groß“, ganz „cool“, wenn sie den Spruch ablassen, haben sie doch anscheinend den Mut, etwas auszusprechen, was auszusprechen die gute Sache vermeintlich erfordert.

Mimik und Gestik von Macron, die seinen „coolen“ Spruch begleitet haben, sprechen m.E. sehr deutlich für diese Interpretation, und wenn sie zutreffend sein sollte, dann würde dies Macron (einmal mehr) als den in entwicklungspsychologischem Stillstand Befindlichem erkennbar machen, als der er bereits früher anläßlich anderer Aussagen und Verhaltensweisen erkennbar geworden ist.

Und vielleicht sollte man deshalb weder seinen „coolen“ Spruch noch ihn ernstnehmen und es dabei belassen.

Oder man versucht, den Schaden zu begrenzen und betont, dass es Macron gar nicht darum gegangen sei, freie Meinungsäußerung als bullshit abzutun, sondern für transparente Algorithmen eingetreten sei, damit die freie Meinungsäußerung auch, ja was? – „richtig“ oder „besser“ gelinge. Ein Aspekt, den man bei all dem berücksichtigen muss, ist der, den „Mats“ heute morgen auf X in Reaktion auf Macrons Aussage gepostet hat; er hat geschrieben:

„… Mostly, though, I’m intrigued by the trend of continental European leaders whose English is nowhere near good enough to express themselves in that language, yet keep doing so“.

„… Vor allem aber fasziniert mich der Trend, dass kontinentaleuropäische Staats- und Regierungschefs, deren Englisch bei weitem nicht gut genug ist, um sich in dieser Sprache auszudrücken, dies dennoch weiterhin tun“.

In jedem Fall kann muss man festhalten, dass Macron keine Notwendigkeit gesehen hat, im Vorfeld sicherzustellen, dass seine Rede in einer (für ihn) Fremdsprache keine missverständlichen Formulierungen enthält, insbesondere solche, die im politischen Klima, das seit einigen Jahren im Westen herrscht, brisant wären. Und mir erscheint auch wenig glaubwürdig, dass nicht auch ein Nicht-Muttersprachler weiß, was er sagt, wenn er „ungeleitete“ Meinungsfreiheit als „pure bullshit“ bezeichnet. Und wenn ein Politiker unfähig oder unwillig ist, in Rechnung zu stellen, wie die Reaktionen hierauf erwartungsgemäß ausfallen werden, dann ist er sozial dermaßen unintelligent, dass er in politischer Verantwortung eine öffentliche Gefahr darstellt (ganz so wie Keir Starmer, der Andersmeinende auch eben ‚mal so als „thugs“, d.h. „Schläger“ oder „Verbrecher“, beschimpft.

Wir haben also die Wahl: wir können Macrons Äußerung als Ausdruck von psychologischem Entwicklungsstillstand oder als Ausdruck der Abwesenheit sozialer Intelligenz interpretieren – oder wir können der Einfachheit halber davon ausgehen, dass Macron hier wusste, was er sagt, sich bewusst war, wie er es sagt und vielleicht sogar wie es wirken würde, nämlich als starke Provokation, und genau das zu sagen beabsichtigt hat, was er sagte.

Egal, für welche dieser Möglichkeiten man sich entscheidet, ein grundlegender Aspekt bleibt m.E. immer derselbe, und das ist Überheblichkeit bzw. Elitismus. In jedem der möglichen Fälle überschätzt sich Macron drastisch: im Fall von entwicklungspsychologischem Stillstand gefällt er sich darin, sich als „starken Typen“ zu inszenieren, indem er unnötigerweise und absichtlich provoziert, und überschätzt damit massiv seine eigene Reife und (damit) sein eigenes Urteilsvermögen; im Fall mangelnder Englischkenntnisse, überschätzt er seine Fähigkeit, sich in der englischen Sprache auszudrücken, enorm, und in dem Fall, dass er meinte, was er sagte, gibt er sich als Elitist zu erkennen, also als jemand, der sich im Besitz überlegenen Wissens wähnt und – deshalb oder aus anderen Gründen – im Besitz eines Rechtes, darüber entscheiden zu wollen, wie andere Menschen zu einer Meinung, die hinreichend qualifiziert ist, damit sie frei geäußert werden darf [!], „geführt“ werden sollen.

Denn auch dann, wenn man Macron so verstehen will, dass er sich dafür einsetzt, dass „Big Tech“-Unternehmen die Algorithmen offenlegen, durch die Menschen bei ihrer Meinungsbildung „geführt“ werden, ist die Prämisse, die man dabei unterstellen muss, eben die, dass Leute durch Algorithmen – und per Implikationsbeziehung auch durch andere manipulative Techniken – leicht zu manipulieren seien, dass sie naiv an das herangingen, was ihnen irgendwo irgendwie von irgendwem oder irgendetwas präsentiert wird, dem Material hilflos ausgelierft wie weinende Babys allein im Atlantik den Naturkräften (um eine verbale Anleihe bei Algernon Blackwood zu machen), kurz: dass sie über keine effizienten Heuristiken oder Prinzipien verfügen würden, die sie ihrer Meinungsbildung zugrunde legen würden.

Und darin kommt Elitismus zum Ausdruck: wenn jemand meint, er könne anderen Menschen – nicht manchen Menschen, sondern „den“ Menschen schlechthin – unterstellen, leicht manipulierbar zu sein und nicht erkennen zu können, wenn sie manipuliert werden, so dass ihre freie Meinungsäußerung als solche ohnehin nicht ernstzunehmen sei, dann ist er anscheinend der Meinung, dass seine diesbezügliche Einschätzung in ihrer ganzen grandiosen Pauschalität zutreffend sei, obwohl er dafür keine belastbaren Belege vorzuweisen hat (sonst würden diese Belege sicherlich an passender Stelle vorgebracht) und dass seine eigene (zumindest: diesbezügliche) Meinung – im Gegensatz zu derjenigen anderer Menschen – ernstzunehmen sei.

Dass sie das schwerlich sein kann, dafür spricht bereits die Naivität, durch die sich Leute wie Macron (bzw. alle Elististen) auszeichnen, wie sie (u.a.) darin zum Ausdruck kommt, dass es offenbar über Macrons Vorstellungsvermögen hinausgeht, dass sein Menschenbild ein falsches sein könnte, eines, zu dem er „geführt“ worden ist, vielleicht von manipulativen Algorithmen oder von Personen, die ihn dahingehend manipuliert haben und ihn für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren wollen, vielleicht im Rahmen von WEF-Veranstaltungen ….

Und wenn Macron nicht einmal auf diese Idee kommen kann, dann illustriert dies nicht nur seinen Mangel an Kritikfähigkeit bzw. an gesundem Misstrauen gegenüber allem, was ihn von etwas überzeugen will. Es wirft auch die Frage auf, wie er sich erklärt, wie und warum er sich gegenüber anderen Menschen auf eine Weise auszeichnet, die ihm erlaubt, „die“ Menschen pauschal zu beurteilen, ihre Mängel (aber nicht die eigenen!) zu „erkennen“ und zu wissen, was für „die“ Menschen notwendig ist, um ihre Meinungsbildung zu einer höheren Qualität zu führen, auf dass jemand wie Macron sie nicht als „bullshit“ einordnen müsste, sondern sie als „freie Meinungsbildung“ akzeptieren könnte – ganz so, als würde es irgend jemand relevant finden welche Meinungen Macron wie oder als was bewertet. Es ist eben nicht nur Naivität, die Elitisten auszeichnet, sondern es sind auch systematische Denkfehler, allen voran – weil auf grundlegende Weise – durch tautologisches Denken, etwa so:

„Ich als besonderer, überlegener Mensch, weiß, welche Defizite ‚normale‘ Menschen haben und wie man ihnen dabei hilft, diese Defizite zu beheben, so dass sie am Ende vielleicht sogar eine für mich akzeptable Meinung erreichen können – also in etwa oder genau die Meinung, die ich habe –, und dass ich ein besonderer, überlegener Mensch bin, weiß ich daher, dass ich nicht die Defizite habe, die ich bei der Masse der anderen Menschen sehe, dass ich die richtige Meinung habe, während die Masse der anderen Menschen die falsche Meinung hat.“

Und natürlich weiß ein „Elite-“Mensch wie Macron auch, dass eine Meinung, in der starke Ablehnung (oder nur Kritik!?) zum Ausdruck kommt, „Hass-Rede“ ist und „Hass-Rede“ immer und grundsätzlich schlecht ist.

Warum soll sie das sein?

Weil er sie schlecht findet und er ein irgendwie besserer Mensch ist als andere Menschen, was sich wiederum darin zeigt, dass er keine „Hass-Rede“ pflegt. Wenn er etwas sagt, was anderen Leuten wie „Hass-Rede“ vorkommt, dann zeigt das ihr mangelndes Urteilsvermögen: was er sagt, ist niemals „Hass-Rede“; was er sagt, entspricht immer den Tatsachen, aber „die“ Menschen verstehen das nicht, weil sie durch intransparente Algorithmen zu einer falschen Meinung über die Dinge der Welt „geführt“ worden sind. Deshalb ist ihre kritische Rede „Hass-Rede“, seine eigene eine Beschreibung der Tatsachen.

Es ist schwierig zu entscheiden, ob Elitismus nur in manchen Fällen oder prinzipiell eine Pathologie ist, die nicht mehr als subklinisch bezeichnet werden kann. Einfach ist dagegen zu erkennen, dass sich Elitisten durch psychologische Unreife, die sich (u.a.) in Naivität niederschlägt, durch Selbstüberhöhung gegenüber „den“ Menschen, also den „normalen“ Menschen, zu denen sich der Elitist nicht zählt (wozu aber dann???), (vielleicht deshalb) durch Unfähigkeit zur Perspektivenübernahme und durch systematische Denkfehler, allen voran tautologischem Denken, auszeichnen. In Macrons Bemerkung über den „bullshit“, der die freie Meinungsäußerung anderer Menschen seiner Meinung nach darstellt, weil sie gar nicht frei sei, sondern manipuliert, kommt all dies m.E. sehr gut zum Ausdruck.

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