Deutschland erlebt gerade ein klimapolitisches Rollback. „Wirtschaft ist die Grundlage für fast alles (…) auch für Klimaschutz“, sagte Friedrich Merz Anfang des Jahres bei einer Grundsatzrede in Berlin. Umweltstandards dürften den industriellen Kern des Landes nicht gefährden, so seine Linie, die er auch auf dem Petersberger Klimadialog bekräftigte.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche folgt diesem Kurs: Mit dem Netzpaket, der EEG-Novelle und dem Bau neuer Gaskraftwerke bremst sie die Energiewende aus, um Stromkosten kurzfristig zu senken. Doch stärkt dieser Ansatz tatsächlich die wirtschaftliche Resilienz – oder untergräbt er sie langfristig?

Klimaschäden verringern die Wirtschaftsleistung

Ein Blick in die Forschung legt Letzteres nahe. Bereits im Jahr 2006 warnte der Stern-Report des früheren Chefökonomen der Weltbank, Nicolas Stern, vor massiven wirtschaftlichen Schäden durch ungebremsten Klimawandel. Eine neuere Studie geht davon aus, dass mit jedem weiteren Grad Erderwärmung ein Verlust des globalen Bruttoinlandprodukts von 12 Prozent droht.

Forschende der New Economic Foundation, einer Denkfabrik alternativer Wirtschaftswissenschaftler:innen, sprechen sogar von einer „fiskalischen Zeitbombe“. Sie haben berechnet, wie sich die Klimakrise auf die Schuldenquoten europäischer Staaten auswirkt. Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, frühzeitig in Klimaschutz zu investieren: Die Schuldenquote Deutschlands könnte in einem Szenario ohne grundlegende Klimaschutzmaßnahmen im Jahr 2070 um 175 Prozent über der aktuellen EU-Prognose liegen.

Die Schuldenquote zeigt, wie hoch die Staatsschulden im Vergleich zur Wirtschaftsleistung eines Landes sind. Durch die Klimakrise kann das Bruttoinlandsprodukt sinken, etwa weil die Produktivität abnimmt. Ein Grund dafür ist, dass mehr Arbeitskraft und Ressourcen für die Beseitigung von Klimaschäden eingesetzt werden müssen, anstatt für produktive Tätigkeiten. Zum anderen steigen die Staatsschulden, da der Staat zusätzliche Ausgaben hat, um Schäden durch die Klimakrise zu bewältigen.

Hinzu kämen steigende Zinsen, erklärt Sebastian Mang, der die Studie durchgeführt hat. „Wenn der Finanzmarkt sieht, dass in Deutschland viele Klimaschäden entstehen, dann muss er davon ausgehen, dass Investitionen, die das Land tätigt, auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit durch Extremwetterereignisse zerstört werden.“ So entstehe ein sich selbst verstärkender Kreislauf, der Schuldenquoten nach oben treibe und Investitionsspielräume einenge. Frühzeitige Investitionen in klimaneutrale Produktion sind in dieser Logik keine Belastung, sondern eine fiskalische Notwendigkeit.

Divestment: Finanzwirtschaft zieht Kapital aus fossilen Energien ab

Obwohl diese Berechnungen bekannt sein dürften, zieht die CDU-geführte Bundesregierung aktuell ernsthaft in Erwägung, den Kohleausstieg hinauszuzögern. Klimapolitisch ist das ein Desaster, wirtschaftlich ein Risiko. Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden – fossile Investitionen drohen damit, zu „Stranded Assets“ zu werden. So werden Investitionen in fossile Infrastruktur genannt, die sich nicht mehr rentieren, etwa durch steigende CO₂-Preise, technologische Alternativen oder sinkende Nachfrage.

In Teilen der Finanzwirtschaft zeigt die Sorge vor „Stranded Assets“ bereits Wirkung: Einige Großbanken und Pensionsfonds ziehen ihr Kapital aus fossilen Industriezweigen ab. Die britische Großbank HSBC finanziert zum Beispiel seit 2023 keine neuen Öl- und Gasfelder mehr. Der norwegische Staatsfonds trennte sich schon 2019 von seinen Öl-Aktien.

Noch in diesem Jahr führt die Europäische Zentralbank einen Klimafaktor ein, um klimaschädliche Investments zu erschweren. Investitionen in Unternehmen, deren Geschäftsmodelle durch Gesetze zum Klimaschutz, Klimaschäden oder neue Technologien entwertet werden könnten, erhalten dann einen hohen Risikofaktor. Das betrifft voraussichtlich auch Gaskraftwerke.

Divestment findet auch in der Versicherungswirtschaft statt. Im US-amerikanischen Bundesstaat Kalifornien herrscht eine regelrechte Versicherungskrise, immer mehr Versicherer ziehen sich zurück, da die Risiken durch Waldbrände zu groß geworden sind.

Rückversicherer wie die Munich Re beziffern die Schäden der Klimakrise bereits heute auf eine dreistellige Milliardensumme. Rund die Hälfte dieser Schäden war nicht versichert.

Klimaschäden werden immer noch nicht eingepreist

Trotzdem versichert die Munich Re in den USA LNG-Terminals mit Flüssiggas und hält damit paradoxerweise selbst eine Industrie aufrecht, die genau diese Risiken verursacht. Ähnlich zweigleisig fährt die Deutsche Bank. Diese hatte angekündigt, bis 2025 aus der Finanzierung von Projekten zum Abbau von Kohle auszusteigen, „um den Wandel zu einer nachhaltigen Wirtschaft voranzutreiben“. Alles nur Greenwashing? Zwischen 2015 und 2023 finanzierte die Bank nach Recherchen der NGO urgewald fossile Projekte in Höhe von 45 Millionen US-Dollar – täglich.

In das fossile System zu investieren, ist trotz aller Risiken immer noch profitabel, sonst hätten sich Versicherungen und Banken bereits vollständig aus dem Geschäft zurückgezogen. Ein entscheidender Punkt in dieser Rechnung ist, dass die hohen externen Kosten nicht ausreichend eingepreist werden. Das erschwert die Energiewende. Doch während das Kanzleramt am fossilen Zeitalter festhält, liefern progressive Ökonominnen bereits Konzepte für ein System, das Wohlstand neu definiert.

Konzepte für klimaneutrales Wirtschaften

Eine der bekanntesten Ideen kommt von Kate Raworth, die am Environmental Change Institute der University of Oxford lehrt. Sie entwickelte das Modell der „Donut-Ökonomie“. Die Idee: Die Wirtschaft existiert innerhalb der Gesellschaft, und die Gesellschaft existiert innerhalb der Biosphäre, deren Grenzen nicht überschritten werden dürfen.

Politische Entscheidungen müssten demnach nicht mehr daran gemessen werden, wie sie sich auf das Bruttoinlandsprodukt auswirken, sondern daran, ob sie uns zurück in den sicheren Bereich des „Donuts“ bringen. Das Klima ist in dieser Betrachtung kein „weicher Faktor“, sondern die harte physikalische Grenze, die für jede wirtschaftliche Aktivität gilt.

Die Ökonomin Mariana Mazzucato verfolgt einen anderen Ansatz. Ihre „Mission Economy“ versucht, die Art und Weise, wie wir über Klimaschutz sprechen, zu verändern. Statt ihn als Kostenfaktor zu verstehen, plädiert sie dafür, Klimaschutz als Motor für eine neue industrielle Revolution zu begreifen. Der Staat nimmt bei ihr eine aktive Rolle ein.

Durch zielgerichtete Investitionen in Forschung und Infrastruktur müsse es für Unternehmen wirtschaftlich attraktiv werden, auf Klimaschutz zu setzen. Staatliche Unterstützung sollte daher an Bedingungen geknüpft werden, die sicherstellen, dass Unternehmen etwa zur Dekarbonisierung beitragen.

Die Ansätze von Raworth und Mazzucato verdeutlichen das Kernproblem der aktuellen deutschen Politik: Das Dogma „Wirtschaft vor Klimaschutz“ basiert auf einem ökonomischen Verständnis des 20. Jahrhunderts, das die Biosphäre als kostenlose Ressource missversteht.

Wenn Kanzler Merz den „industriellen Kern“ retten will, indem er die Energiewende abwürgt, riskiert er genau das, was er zu schützen vorgibt: die deutsche Wettbewerbsfähigkeit. Eine Wirtschaft, die im Jahr 2026 noch auf fossile Energie und aufgeweichte Klimaziele setzt, baut auf Sand – oder besser: auf „Stranded Assets“. Das klimapolitische Rollback mag kurzfristig die Bilanzen einiger Konzerne stützen, langfristig ist es eine teure Sackgasse.

ick in die Forschung legt Letzteres nahe. Bereits im Jahr 2006 warnte der Stern-Report des früheren Chefökonomen der Weltbank, Nicolas Stern, vor massiven wirtschaftlichen Schäden durch ungebremsten Klimawandel. Eine neuere Studie geht davon aus, dass mit jedem weiteren Grad Erderwärmung ein Verlust des globalen Bruttoinlandprodukts von 12 Prozent droht.Forschende der New Economic Foundation, einer Denkfabrik alternativer Wirtschaftswissenschaftler:innen, sprechen sogar von einer „fiskalischen Zeitbombe“. Sie haben berechnet, wie sich die Klimakrise auf die Schuldenquoten europäischer Staaten auswirkt. Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, frühzeitig in Klimaschutz zu investieren: Die Schuldenquote Deutschlands könnte in einem Szenario ohne grundlegende Klimaschutzmaßnahmen im Jahr 2070 um 175 Prozent über der aktuellen EU-Prognose liegen.Die Schuldenquote zeigt, wie hoch die Staatsschulden im Vergleich zur Wirtschaftsleistung eines Landes sind. Durch die Klimakrise kann das Bruttoinlandsprodukt sinken, etwa weil die Produktivität abnimmt. Ein Grund dafür ist, dass mehr Arbeitskraft und Ressourcen für die Beseitigung von Klimaschäden eingesetzt werden müssen, anstatt für produktive Tätigkeiten. Zum anderen steigen die Staatsschulden, da der Staat zusätzliche Ausgaben hat, um Schäden durch die Klimakrise zu bewältigen.Hinzu kämen steigende Zinsen, erklärt Sebastian Mang, der die Studie durchgeführt hat. „Wenn der Finanzmarkt sieht, dass in Deutschland viele Klimaschäden entstehen, dann muss er davon ausgehen, dass Investitionen, die das Land tätigt, auch mit einer höheren Wahrscheinlichkeit durch Extremwetterereignisse zerstört werden.“ So entstehe ein sich selbst verstärkender Kreislauf, der Schuldenquoten nach oben treibe und Investitionsspielräume einenge. Frühzeitige Investitionen in klimaneutrale Produktion sind in dieser Logik keine Belastung, sondern eine fiskalische Notwendigkeit.Divestment: Finanzwirtschaft zieht Kapital aus fossilen Energien abObwohl diese Berechnungen bekannt sein dürften, zieht die CDU-geführte Bundesregierung aktuell ernsthaft in Erwägung, den Kohleausstieg hinauszuzögern. Klimapolitisch ist das ein Desaster, wirtschaftlich ein Risiko. Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden – fossile Investitionen drohen damit, zu „Stranded Assets“ zu werden. So werden Investitionen in fossile Infrastruktur genannt, die sich nicht mehr rentieren, etwa durch steigende CO₂-Preise, technologische Alternativen oder sinkende Nachfrage.In Teilen der Finanzwirtschaft zeigt die Sorge vor „Stranded Assets“ bereits Wirkung: Einige Großbanken und Pensionsfonds ziehen ihr Kapital aus fossilen Industriezweigen ab. Die britische Großbank HSBC finanziert zum Beispiel seit 2023 keine neuen Öl- und Gasfelder mehr. Der norwegische Staatsfonds trennte sich schon 2019 von seinen Öl-Aktien.Noch in diesem Jahr führt die Europäische Zentralbank einen Klimafaktor ein, um klimaschädliche Investments zu erschweren. Investitionen in Unternehmen, deren Geschäftsmodelle durch Gesetze zum Klimaschutz, Klimaschäden oder neue Technologien entwertet werden könnten, erhalten dann einen hohen Risikofaktor. Das betrifft voraussichtlich auch Gaskraftwerke.Divestment findet auch in der Versicherungswirtschaft statt. Im US-amerikanischen Bundesstaat Kalifornien herrscht eine regelrechte Versicherungskrise, immer mehr Versicherer ziehen sich zurück, da die Risiken durch Waldbrände zu groß geworden sind.Rückversicherer wie die Munich Re beziffern die Schäden der Klimakrise bereits heute auf eine dreistellige Milliardensumme. Rund die Hälfte dieser Schäden war nicht versichert.Klimaschäden werden immer noch nicht eingepreistTrotzdem versichert die Munich Re in den USA LNG-Terminals mit Flüssiggas und hält damit paradoxerweise selbst eine Industrie aufrecht, die genau diese Risiken verursacht. Ähnlich zweigleisig fährt die Deutsche Bank. Diese hatte angekündigt, bis 2025 aus der Finanzierung von Projekten zum Abbau von Kohle auszusteigen, „um den Wandel zu einer nachhaltigen Wirtschaft voranzutreiben“. Alles nur Greenwashing? Zwischen 2015 und 2023 finanzierte die Bank nach Recherchen der NGO urgewald fossile Projekte in Höhe von 45 Millionen US-Dollar – täglich.In das fossile System zu investieren, ist trotz aller Risiken immer noch profitabel, sonst hätten sich Versicherungen und Banken bereits vollständig aus dem Geschäft zurückgezogen. Ein entscheidender Punkt in dieser Rechnung ist, dass die hohen externen Kosten nicht ausreichend eingepreist werden. Das erschwert die Energiewende. Doch während das Kanzleramt am fossilen Zeitalter festhält, liefern progressive Ökonominnen bereits Konzepte für ein System, das Wohlstand neu definiert. Konzepte für klimaneutrales Wirtschaften Eine der bekanntesten Ideen kommt von Kate Raworth, die am Environmental Change Institute der University of Oxford lehrt. Sie entwickelte das Modell der „Donut-Ökonomie“. Die Idee: Die Wirtschaft existiert innerhalb der Gesellschaft, und die Gesellschaft existiert innerhalb der Biosphäre, deren Grenzen nicht überschritten werden dürfen.Politische Entscheidungen müssten demnach nicht mehr daran gemessen werden, wie sie sich auf das Bruttoinlandsprodukt auswirken, sondern daran, ob sie uns zurück in den sicheren Bereich des „Donuts“ bringen. Das Klima ist in dieser Betrachtung kein „weicher Faktor“, sondern die harte physikalische Grenze, die für jede wirtschaftliche Aktivität gilt.Die Ökonomin Mariana Mazzucato verfolgt einen anderen Ansatz. Ihre „Mission Economy“ versucht, die Art und Weise, wie wir über Klimaschutz sprechen, zu verändern. Statt ihn als Kostenfaktor zu verstehen, plädiert sie dafür, Klimaschutz als Motor für eine neue industrielle Revolution zu begreifen. Der Staat nimmt bei ihr eine aktive Rolle ein.Durch zielgerichtete Investitionen in Forschung und Infrastruktur müsse es für Unternehmen wirtschaftlich attraktiv werden, auf Klimaschutz zu setzen. Staatliche Unterstützung sollte daher an Bedingungen geknüpft werden, die sicherstellen, dass Unternehmen etwa zur Dekarbonisierung beitragen. Die Ansätze von Raworth und Mazzucato verdeutlichen das Kernproblem der aktuellen deutschen Politik: Das Dogma „Wirtschaft vor Klimaschutz“ basiert auf einem ökonomischen Verständnis des 20. Jahrhunderts, das die Biosphäre als kostenlose Ressource missversteht. Wenn Kanzler Merz den „industriellen Kern“ retten will, indem er die Energiewende abwürgt, riskiert er genau das, was er zu schützen vorgibt: die deutsche Wettbewerbsfähigkeit. Eine Wirtschaft, die im Jahr 2026 noch auf fossile Energie und aufgeweichte Klimaziele setzt, baut auf Sand – oder besser: auf „Stranded Assets“. Das klimapolitische Rollback mag kurzfristig die Bilanzen einiger Konzerne stützen, langfristig ist es eine teure Sackgasse.



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