Sogar die neue Regierung von Andrej Babiš hält daran wider Erwarten fest: Die Tschechische Republik versorgt die Ukraine ausgiebig mit Munition. Hinter der Initiative stecken drei Kumpels aus Uni-Zeiten. Einen traf unser Reporter in Prag


Tomáš Kopečný im Altstadt-Café „Bond“ in Prag. Er war zwischen 2020 und 2022 tschechischer Vize-Verteidigungsminister

Foto: Martin Leidenfrost


Der „brave Soldat Schwejk“ ist der tschechischen Nationalpsyche entsprungen. Er wurde dank renommierter Wiener Filmstars zugleich zum Archetypen österreichischen Antiheldentums. Als alter österreichischer Zivildiener verfolge ich, wie sich unsere schwejkischen Brüder seit dem 24. Februar 2022, dem Beginn des Ukraine-Krieges, verhalten: Tschechien beherbergt in der EU die meisten ukrainischen Kriegsvertriebenen pro Kopf, hat mit Petr Pavel einen militant pro-ukrainischen NATO-General zum Präsidenten und es noch dazu etwas geschafft, woran die EU in Gänze gescheitert ist: Glaubt man ihren Befürwortern, hat die tschechische „Munitionsinitiative“ die Artillerie-Unterlegenheit der Ukraine phasenweise von 1:10 auf 1:2 gesenkt.

Die Tschechen stöberten – vorwiegend wohl in afrikanischen Depots – über vier Millionen Stück großkalibriger Munition auf, NATO-Verbündete wie Deutschland, die Niederlande, Dänemark usw. beglichen die Rechnung.

So stark ist Tschechiens Rüstungsindustrie seit Kriegsbeginn gewachsen

Zwei Parteien der neuen Prager Dreierkoalition machten im Vorjahr Wahlkampf gegen die Aufrüstung der Ukraine. Inzwischen tauchte der frankophile Ministerpräsident Andrej Babiš aber bei der „Koalition der Willigen“ in Paris auf – und ließ die Munitionsinitiative weiterlaufen. Der Milliardär Babiš dürfte bemerkt haben: Auch dank der mit üppigen Margen gesegneten Munitionsinitiative wuchs die tschechische Rüstungsindustrie seit Kriegsbeginn um 70 Prozent.

Ich treffe in Prag einen der Initiatoren. Tomáš Kopečný war 2020 bis 2022 Vize-Verteidigungsminister, dann bis zum 31. Dezember „Regierungsbeauftragter für den Wiederaufbau der Ukraine“. Die Anfahrt ist eine einzige Schneekalamität. Prag steht der unaufgeräumte Schnee zwar fabelhaft zu Gesicht, sorgt aber für Staus. So bleibt uns im Altstadt-Café „Bond“ kaum mehr als eine halbe Stunde. Ich setze daher alles auf eine Frage: Wie konnte ein Staat ohne nennenswerte Geschichte militärischen Heldentums plötzlich so militaristisch werden?

Die Tschechen seien „schwejkisch“, ja „Hobbits“, sagt Tomáš Kopečný

Kopečný formuliert meine Frage selbst zu Ende: Die Tschechen seien „schwejkisch“, ja, er nennt sie sogar – auch öffentlich – „Hobbits“. Kleine, naschhafte, nur an einem gemütlichen Leben interessierte Tolkien-Wesen. Das sei aber eine „positive Story, denn die Hobbits besiegen letztlich Sauron“.

Kopečný ist ein unauffälliger Typ. Auf den ersten Blick ein durchschnittlicher Prager Kneipen-Witzbold, auf den zweiten Blick ein nahe am Wasser gebauter Aktivist, dem mehrmals die Stimme stockt. Etwa wenn er erzählt, wie ihm erwachsene ukrainische Kerle „mit Tränen in den Augen gedankt“ hätten.

Voraussetzung für die Effizienz der „Munitionsinitiative“ waren natürlich die politische Rückendeckung durch den Präsidenten und die im Oktober abgewählte Regierung, doch im Grunde hättendrei seit etwa 15 Jahren befreundete Kumpels aus Unizeiten“ dies alles bewirkt: Er, Kopečný, dazu Aleš Vytečka, Chef der Agentur für zwischenstaatliche Verteidigungszusammenarbeit AMOS und der nationale Sicherheitsberater der Fiala-Regierung, Tomáš Pojar.

„Die Tschechoslowakei war um 1930 der größte Waffenexporteur der Welt“, sagt Tomáš Kopečný

Kopečný meint, diese drei hätten sich schon seit jeher „in eine höhere militärische Gewichtsklasse durchboxen wollen“. Mit dem Ukraine-Krieg erfüllten sich auf einmal ihre Ambitionen: Kopečný hatte seine „Einkaufsliste“ für die ukrainische Armee schon vor der Invasion fertig, und „ab April/Mai 2022 gaben sich Delegationen, zum Beispiel aus dem Bundestag, bei uns die Klinke in die Hand. Die wussten, hier ist das Team, das Lieferungen koordiniert“. Über die Waffenlieferungs-Debatten in Deutschland macht er sich lustig.

Eine weitere Voraussetzung waren Beziehungen in den globalen Süden, die auf die Tradition der tschechischen Rüstungsindustrie zurückgehen –die Tschechoslowakei war um 1930 der größte Waffenexporteur der Welt“.Es traf sich, dass Aleš Vytečka in Thailand und Addis Abeba gewirkt hatte, und er, Kopečný, als Afrikanist im Verteidigungsministerium 35 afrikanische Staaten“ bereist hatte. Leider habe ich mich auf die Inselstaaten konzentriert, die nicht gerade vor Munitionsdepots übergehen.“

„Kommt es wirklich nie vor, auch nicht in dunklen Nächten, dass Sie das Gewissen quält?“ – frage ich Kopečný

Ich muss ihn fragen, ob es ihn nicht quält, dass er nun auf seine Weise Waffenhändler ist. Er formuliert meine Frage um: „Wie wird aus einem Doktor der Genozid-Prävention jemand, der mit Waffen handelt?“ So nennt er sich, „Doktor der Genozid-Prävention“, seine Doktorarbeit handelt davon. Gerade in Afrika habe er begriffen: „Sie stoppen einen Völkermord nicht, indem sie auf einem UN-Podium sagen, das ist schlecht.“ Auch wenn ich Kopečný widerspreche, vertritt er die Auffassung, dass sich Russlands Vorgehen in der Ukraine – etwa wegen der „Auslöschung ukrainischer Identität in den besetzten Gebieten“ – als Genozid klassifizieren lasse.

Ich probiere es ein letztes Mal: „Kommt es wirklich nie vor, auch nicht in dunklen Nächten, dass Sie das Gewissen quält?“ Sein Nein könnte deutlicher nicht sein: „Jesusmaria, das Gewissen ZIEHT MICH HINAN!!!“

svertriebenen pro Kopf, hat mit Petr Pavel einen militant pro-ukrainischen NATO-General zum Präsidenten und es noch dazu etwas geschafft, woran die EU in Gänze gescheitert ist: Glaubt man ihren Befürwortern, hat die tschechische „Munitionsinitiative“ die Artillerie-Unterlegenheit der Ukraine phasenweise von 1:10 auf 1:2 gesenkt.Die Tschechen stöberten – vorwiegend wohl in afrikanischen Depots – über vier Millionen Stück großkalibriger Munition auf, NATO-Verbündete wie Deutschland, die Niederlande, Dänemark usw. beglichen die Rechnung. So stark ist Tschechiens Rüstungsindustrie seit Kriegsbeginn gewachsenZwei Parteien der neuen Prager Dreierkoalition machten im Vorjahr Wahlkampf gegen die Aufrüstung der Ukraine. Inzwischen tauchte der frankophile Ministerpräsident Andrej Babiš aber bei der „Koalition der Willigen“ in Paris auf – und ließ die Munitionsinitiative weiterlaufen. Der Milliardär Babiš dürfte bemerkt haben: Auch dank der mit üppigen Margen gesegneten Munitionsinitiative wuchs die tschechische Rüstungsindustrie seit Kriegsbeginn um 70 Prozent. Ich treffe in Prag einen der Initiatoren. Tomáš Kopečný war 2020 bis 2022 Vize-Verteidigungsminister, dann bis zum 31. Dezember „Regierungsbeauftragter für den Wiederaufbau der Ukraine“. Die Anfahrt ist eine einzige Schneekalamität. Prag steht der unaufgeräumte Schnee zwar fabelhaft zu Gesicht, sorgt aber für Staus. So bleibt uns im Altstadt-Café „Bond“ kaum mehr als eine halbe Stunde. Ich setze daher alles auf eine Frage: Wie konnte ein Staat ohne nennenswerte Geschichte militärischen Heldentums plötzlich so militaristisch werden?Die Tschechen seien „schwejkisch“, ja „Hobbits“, sagt Tomáš KopečnýKopečný formuliert meine Frage selbst zu Ende: Die Tschechen seien „schwejkisch“, ja, er nennt sie sogar – auch öffentlich – „Hobbits“. Kleine, naschhafte, nur an einem gemütlichen Leben interessierte Tolkien-Wesen. Das sei aber eine „positive Story, denn die Hobbits besiegen letztlich Sauron“.Kopečný ist ein unauffälliger Typ. Auf den ersten Blick ein durchschnittlicher Prager Kneipen-Witzbold, auf den zweiten Blick ein nahe am Wasser gebauter Aktivist, dem mehrmals die Stimme stockt. Etwa wenn er erzählt, wie ihm erwachsene ukrainische Kerle „mit Tränen in den Augen gedankt“ hätten.Voraussetzung für die Effizienz der „Munitionsinitiative“ waren natürlich die politische Rückendeckung durch den Präsidenten und die im Oktober abgewählte Regierung, doch im Grunde hätten „drei seit etwa 15 Jahren befreundete Kumpels aus Unizeiten“ dies alles bewirkt: Er, Kopečný, dazu Aleš Vytečka, Chef der Agentur für zwischenstaatliche Verteidigungszusammenarbeit AMOS und der nationale Sicherheitsberater der Fiala-Regierung, Tomáš Pojar. „Die Tschechoslowakei war um 1930 der größte Waffenexporteur der Welt“, sagt Tomáš KopečnýKopečný meint, diese drei hätten sich schon seit jeher „in eine höhere militärische Gewichtsklasse durchboxen wollen“. Mit dem Ukraine-Krieg erfüllten sich auf einmal ihre Ambitionen: Kopečný hatte seine „Einkaufsliste“ für die ukrainische Armee schon vor der Invasion fertig, und „ab April/Mai 2022 gaben sich Delegationen, zum Beispiel aus dem Bundestag, bei uns die Klinke in die Hand. Die wussten, hier ist das Team, das Lieferungen koordiniert“. Über die Waffenlieferungs-Debatten in Deutschland macht er sich lustig. Eine weitere Voraussetzung waren Beziehungen in den globalen Süden, die auf die Tradition der tschechischen Rüstungsindustrie zurückgehen – „die Tschechoslowakei war um 1930 der größte Waffenexporteur der Welt“.Es traf sich, dass Aleš Vytečka in Thailand und Addis Abeba gewirkt hatte, und er, Kopečný, als Afrikanist im Verteidigungsministerium „35 afrikanische Staaten“ bereist hatte. „Leider habe ich mich auf die Inselstaaten konzentriert, die nicht gerade vor Munitionsdepots übergehen.“ „Kommt es wirklich nie vor, auch nicht in dunklen Nächten, dass Sie das Gewissen quält?“ – frage ich KopečnýIch muss ihn fragen, ob es ihn nicht quält, dass er nun auf seine Weise Waffenhändler ist. Er formuliert meine Frage um: „Wie wird aus einem Doktor der Genozid-Prävention jemand, der mit Waffen handelt?“ So nennt er sich, „Doktor der Genozid-Prävention“, seine Doktorarbeit handelt davon. Gerade in Afrika habe er begriffen: „Sie stoppen einen Völkermord nicht, indem sie auf einem UN-Podium sagen, das ist schlecht.“ Auch wenn ich Kopečný widerspreche, vertritt er die Auffassung, dass sich Russlands Vorgehen in der Ukraine – etwa wegen der „Auslöschung ukrainischer Identität in den besetzten Gebieten“ – als Genozid klassifizieren lasse.Ich probiere es ein letztes Mal: „Kommt es wirklich nie vor, auch nicht in dunklen Nächten, dass Sie das Gewissen quält?“ Sein Nein könnte deutlicher nicht sein: „Jesusmaria, das Gewissen ZIEHT MICH HINAN!!!“



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