Für viele Familien gehört eine tiefe Erschöpfung zur Normalität. Früh aufstehen, Job, Haushalt, Kinder – doch das System ignoriert die Gesundheit von Eltern. Das muss aufhören
Freizeit gibt es kaum. Am wenigsten für Alleinerziehende und Mütter
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„Chronischer Stress ist einer der Hauptfaktoren für einen gestörten Schlaf“, steht in einem Artikel darüber, wie sehr es der Gesundheit schadet, zu wenig zu schlafen. „Die haben wohl keine Kinder“, denke ich und schließe den Laptop.
Ich bin seit bald neun Jahren Mutter und ich kann die Nächte, die ich durchgeschlafen habe, an zwei Händen abzählen – Dienstreisen ausgenommen. Irgendwer von den Dreien ist immer wach. Manchmal mehrfach. Manchmal alle gleichzeitig. Manchmal abwechselnd. Manchmal wird mitten in der Nacht vom Stockbett gespuckt und wir sind alle fünf wach.
Eine ungestörte Nacht ist derart selten – wenn es doch mal passiert, dass an einem Schultag um 6.15 Uhr der Wecker klingelt und ich merke, dass ich durchgeschlafen habe, schießt mir erstmal das Adrenalin durch den Körper und ich suche hektisch nach Hinweisen, ob es allen gut geht. Leben alle? Ja. Puh. Jetzt 60 Minuten Zeit, um die Kids einigermaßen fröhlich, satt, gewaschen und in passenden Klamotten aus dem Haus zu bekommen. Los, los, los.
Wieso lässt man Eltern nicht schlafen
Müde Kinder aus dem Bett in ihre Jacken zu treiben, ist eindeutig der Teil von Elternschaft, auf den ich gut verzichten könnte. Als ich vor der Einschulung meines ältesten Kindes einen Lehrer beim Tag der offenen Tür der Ganztagsschule gefragt habe, wieso die Schule denn heute immer noch um acht Uhr anfängt, wo man doch längst weiß, dass das keinem gut tut, hat er mich angesehen, als hätte ich gefragt, wieso Regen nass ist. „Naja, weil manche Eltern früh arbeiten müssen“, sagte er zögerlich. Ich erkannte, dass diese Debatte mit jemand anders geführt werden muss.
Seither denke ich darüber nach, wieso man Eltern nicht schlafen lassen will. Wem nützt unsere Müdigkeit? Ist es nur politisch praktisch, dass wir keine Kraft haben, uns zu engagieren, oder ist Gesundheitsprävention einfach vorbei, wenn man Kinder hat? In der Schule des Kindes gibt es täglich einen Frühdienst ab 7 Uhr, für alle, die ihn brauchen. Gleichzeitig liegen zwischen den Unterrichtsstunden von 8 bis 15.30 Uhr mehrere Stunden Freizeit. Wieso legt man nicht eine davon in die erste Stunde? Dann könnten sowohl die Kinder betreut werden, deren Eltern früh arbeiten müssen und gleichzeitig müsste man nicht alle Kinder zwischen 6 und 7 Uhr – je nach Schulweg – aus dem Bett werfen.
Die Schlafforschung empfiehlt – vor allem für Jugendliche – schon seit Jahren einen späteren Schulbeginn. In den Studien und Artikeln dazu wird meist alles abgewogen: Was ein veränderter Schulstart mit Kindern machen würde, mit Lehrpersonal, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit der Industrie. Aber irgendwie hab ich noch nie gelesen, ob das auch Vorteile für Eltern hätte. Für ihre Gesundheit. Ihr Wohlbefinden. Das ist leider ein wiederkehrendes Muster: An alles wird gedacht, nur an Eltern nicht.
Ein zu fragiles Kartenhaus
Man weiß heute, dass andauernder Schlafmangel das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht, einen für Infekte noch anfälliger macht als Kinder, die einem ohne Vorwarnung in die Augen niesen. Permanent müde zu sein, kann zu Stoffwechselstörungen und psychischen Erkrankungen führen.
Dennoch – und das ist nur anekdotische Empirie – die meisten Eltern, die ich kenne, schlafen viel zu wenig. Ein Grund dafür ist der Schulbeginn. Ein weiterer Grund sind die steigenden Lebenshaltungskosten, die einen dazu zwingen, einen Großteil seiner wöchentlichen Zeit der Lohnarbeit zu widmen und die Hausarbeit auf den Abend und das Wochenende zu schieben. Der nassen Wäsche ist es nämlich egal, ob es schon 21 Uhr ist, die Spülmaschine muss auch um 22 Uhr nochmal angeworfen werden, damit der nächste Tag nicht schon schlecht startet.
Eins ist sicher: Das ist keine Frage der Organisation oder der Selbstoptimierung. Denn wer keine Haushaltshilfe oder Nanny bezahlen kann, keine fitten und fürsorglichen Großeltern hat, die helfen oder die Kinder auch mal über Nacht nehmen, wer sich nicht leisten kann, die Lebensmittel liefern zu lassen, weil das oft mehr kostet, für den geht die Rechnung schlicht nicht auf. Freizeit gibt es kaum. Am wenigsten für Alleinerziehende und Mütter, die von ihren Partnern alleingelassen werden.
Aber auch in einigermaßen gleichberechtigten Partnerschaften steigt die Belastung mit der Anzahl der Kinder oder erhöhtem Pflegebedarf exponentiell. Viele Eltern kümmern sich zudem auch noch um Verwandte oder Nachbar*innen.
Doch was macht es mit Menschen auf Dauer, keine Zeit für sich selbst zu haben, keine Zeit für Ruhe und Erholung, keine Zeit, einfach mal dreißig Minuten mit einem Kaffee in der Hand an die Wand zu starren? Was macht es, wenn man nicht mal krank eine Pause bekommt, das Büro sich wie Urlaub anfühlt und schon eine kaputte Waschmaschine das Kartenhaus zum Einstürzen bringt?
„Suchen Sie sich doch Hilfe“
Ich habe vor kurzem eine Kolumne über die Erschöpfung von Eltern geschrieben und daraufhin einen netten Leserinnenbrief bekommen. Sie wollte mich gerne darauf hinweisen, dass ich mir Hilfe suchen kann, in Form einer Familienhilfe, einer Eltern-Kind-Kur, einer Psychotherapie – oder ich mich einfach mal krankschreiben lassen könnte, um wieder auf die Beine zu kommen.
Nun ja, einerseits bin ich selbstständig in einer prekären Branche – das mit dem Krankschreiben ist schwierig. Andererseits sind die meisten Hilfen für Familien auf Notfall- und Krisensituationen ausgelegt. Wenn ein Familienmitglied stirbt, bei Trennung oder schwerer Krankheit. Nichts davon trifft bisher zu. Noch sind wir hier im Normalzustand.
Zudem ist eine Eltern-Kur mit Kindern keine Erholung. Eine Eltern-Kur ohne Kinder bedeutet, meinen Partner mit seiner Erschöpfung alleine zu lassen. Das ist Augenauswischerei.
Wenn es um geschlauchte Eltern geht, ist doch die eine Frage: Ab wann ist es eine Krise, wenn die tiefe Erschöpfung zum Alltag gehört, auch weil sie strukturell begünstigt, ja, gar gefördert wird? Denn wenn etwa Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mal wieder gegen Teilzeitarbeit oder Krankenstand im Allgemeinen und telefonische Krankschreibung im Speziellen ausreitet, ist das Signal an Eltern, dass man ihnen schaden will oder einfach keine Ahnung hat, was das in der Praxis bedeuten würde.
Dabei ist es nicht so schwer zu verstehen: Man kann keine Suppe kochen, während man mit dem Kind, das zu krank für den Kindergarten ist, drei Stunden im Wartezimmer der Kinderärztin sitzt, zwischen anderen Kindern, die noch mehr Viren austeilen, damit man am Ende einen Zettel für den Arbeitgeber bekommt, auf dem steht, was alle sowieso schon wissen.
Politik für Familien
Die andere Frage ist: Wieso gibt es keine Prävention? Es wäre doch viel sinnvoller vorzusorgen, als zu warten, bis der Notfall eintritt. Das ist in etwa so kurzsichtig, als würde man ohne Gurt Autofahren, weil es ja Krankenhäuser gibt.
Eine Stellschraube, die der elterlichen Erschöpfung entgegenwirken könnte, wäre die Vier-Tage-Woche bei vollem Gehalt, eine neue Vollzeit mit 30 Stunden. Und ja, wenn das zu wenig Geld in die Staatskassen spült, muss man wohl tun, wozu viele Ökonom*innen schon lange raten: Reiche endlich angemessen besteuern. Steuern sind Demokratie und die Ökonomie sollte der ganzen Gesellschaft dienen. Wir sind nicht vor allem ein Standort. Hier leben in erster Linie Menschen.
Es braucht auch ein Umdenken und die Zuverlässigkeit der verantwortlichen Politiker*innen. Wir brauchen das Recht auf Teilzeit, die telefonische Krankschreibung, ausreichend Kinderkrankentage pro Jahr für Angestellte und Selbstständige, die auch stundenweise und auch für das andere kranke Elternteil genutzt werden können. Mutterschutz für Selbstständige, Krankengeld für Selbstständige. Einiges davon wurde schon erreicht, aber diese Dinge müssen unverhandelbar sein und bleiben.
Es kann nicht sein, dass alle naselang in autoritärem Ton infrage gestellt wird, was das absolute Minimum sein sollte, damit Leute nicht nur Eltern werden können, sondern auch gesund bleiben können. Für die Kinder, aber vor allem weil auch Eltern vollwertige und schützenswerte Menschen sind.
merke, dass ich durchgeschlafen habe, schießt mir erstmal das Adrenalin durch den Körper und ich suche hektisch nach Hinweisen, ob es allen gut geht. Leben alle? Ja. Puh. Jetzt 60 Minuten Zeit, um die Kids einigermaßen fröhlich, satt, gewaschen und in passenden Klamotten aus dem Haus zu bekommen. Los, los, los. Wieso lässt man Eltern nicht schlafenMüde Kinder aus dem Bett in ihre Jacken zu treiben, ist eindeutig der Teil von Elternschaft, auf den ich gut verzichten könnte. Als ich vor der Einschulung meines ältesten Kindes einen Lehrer beim Tag der offenen Tür der Ganztagsschule gefragt habe, wieso die Schule denn heute immer noch um acht Uhr anfängt, wo man doch längst weiß, dass das keinem gut tut, hat er mich angesehen, als hätte ich gefragt, wieso Regen nass ist. „Naja, weil manche Eltern früh arbeiten müssen“, sagte er zögerlich. Ich erkannte, dass diese Debatte mit jemand anders geführt werden muss. Seither denke ich darüber nach, wieso man Eltern nicht schlafen lassen will. Wem nützt unsere Müdigkeit? Ist es nur politisch praktisch, dass wir keine Kraft haben, uns zu engagieren, oder ist Gesundheitsprävention einfach vorbei, wenn man Kinder hat? In der Schule des Kindes gibt es täglich einen Frühdienst ab 7 Uhr, für alle, die ihn brauchen. Gleichzeitig liegen zwischen den Unterrichtsstunden von 8 bis 15.30 Uhr mehrere Stunden Freizeit. Wieso legt man nicht eine davon in die erste Stunde? Dann könnten sowohl die Kinder betreut werden, deren Eltern früh arbeiten müssen und gleichzeitig müsste man nicht alle Kinder zwischen 6 und 7 Uhr – je nach Schulweg – aus dem Bett werfen.Die Schlafforschung empfiehlt – vor allem für Jugendliche – schon seit Jahren einen späteren Schulbeginn. In den Studien und Artikeln dazu wird meist alles abgewogen: Was ein veränderter Schulstart mit Kindern machen würde, mit Lehrpersonal, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit der Industrie. Aber irgendwie hab ich noch nie gelesen, ob das auch Vorteile für Eltern hätte. Für ihre Gesundheit. Ihr Wohlbefinden. Das ist leider ein wiederkehrendes Muster: An alles wird gedacht, nur an Eltern nicht.Ein zu fragiles KartenhausMan weiß heute, dass andauernder Schlafmangel das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht, einen für Infekte noch anfälliger macht als Kinder, die einem ohne Vorwarnung in die Augen niesen. Permanent müde zu sein, kann zu Stoffwechselstörungen und psychischen Erkrankungen führen.Dennoch – und das ist nur anekdotische Empirie – die meisten Eltern, die ich kenne, schlafen viel zu wenig. Ein Grund dafür ist der Schulbeginn. Ein weiterer Grund sind die steigenden Lebenshaltungskosten, die einen dazu zwingen, einen Großteil seiner wöchentlichen Zeit der Lohnarbeit zu widmen und die Hausarbeit auf den Abend und das Wochenende zu schieben. Der nassen Wäsche ist es nämlich egal, ob es schon 21 Uhr ist, die Spülmaschine muss auch um 22 Uhr nochmal angeworfen werden, damit der nächste Tag nicht schon schlecht startet.Eins ist sicher: Das ist keine Frage der Organisation oder der Selbstoptimierung. Denn wer keine Haushaltshilfe oder Nanny bezahlen kann, keine fitten und fürsorglichen Großeltern hat, die helfen oder die Kinder auch mal über Nacht nehmen, wer sich nicht leisten kann, die Lebensmittel liefern zu lassen, weil das oft mehr kostet, für den geht die Rechnung schlicht nicht auf. Freizeit gibt es kaum. Am wenigsten für Alleinerziehende und Mütter, die von ihren Partnern alleingelassen werden.Aber auch in einigermaßen gleichberechtigten Partnerschaften steigt die Belastung mit der Anzahl der Kinder oder erhöhtem Pflegebedarf exponentiell. Viele Eltern kümmern sich zudem auch noch um Verwandte oder Nachbar*innen. Doch was macht es mit Menschen auf Dauer, keine Zeit für sich selbst zu haben, keine Zeit für Ruhe und Erholung, keine Zeit, einfach mal dreißig Minuten mit einem Kaffee in der Hand an die Wand zu starren? Was macht es, wenn man nicht mal krank eine Pause bekommt, das Büro sich wie Urlaub anfühlt und schon eine kaputte Waschmaschine das Kartenhaus zum Einstürzen bringt?„Suchen Sie sich doch Hilfe“Ich habe vor kurzem eine Kolumne über die Erschöpfung von Eltern geschrieben und daraufhin einen netten Leserinnenbrief bekommen. Sie wollte mich gerne darauf hinweisen, dass ich mir Hilfe suchen kann, in Form einer Familienhilfe, einer Eltern-Kind-Kur, einer Psychotherapie – oder ich mich einfach mal krankschreiben lassen könnte, um wieder auf die Beine zu kommen. Nun ja, einerseits bin ich selbstständig in einer prekären Branche – das mit dem Krankschreiben ist schwierig. Andererseits sind die meisten Hilfen für Familien auf Notfall- und Krisensituationen ausgelegt. Wenn ein Familienmitglied stirbt, bei Trennung oder schwerer Krankheit. Nichts davon trifft bisher zu. Noch sind wir hier im Normalzustand.Zudem ist eine Eltern-Kur mit Kindern keine Erholung. Eine Eltern-Kur ohne Kinder bedeutet, meinen Partner mit seiner Erschöpfung alleine zu lassen. Das ist Augenauswischerei.Wenn es um geschlauchte Eltern geht, ist doch die eine Frage: Ab wann ist es eine Krise, wenn die tiefe Erschöpfung zum Alltag gehört, auch weil sie strukturell begünstigt, ja, gar gefördert wird? Denn wenn etwa Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mal wieder gegen Teilzeitarbeit oder Krankenstand im Allgemeinen und telefonische Krankschreibung im Speziellen ausreitet, ist das Signal an Eltern, dass man ihnen schaden will oder einfach keine Ahnung hat, was das in der Praxis bedeuten würde.Dabei ist es nicht so schwer zu verstehen: Man kann keine Suppe kochen, während man mit dem Kind, das zu krank für den Kindergarten ist, drei Stunden im Wartezimmer der Kinderärztin sitzt, zwischen anderen Kindern, die noch mehr Viren austeilen, damit man am Ende einen Zettel für den Arbeitgeber bekommt, auf dem steht, was alle sowieso schon wissen. Politik für FamilienDie andere Frage ist: Wieso gibt es keine Prävention? Es wäre doch viel sinnvoller vorzusorgen, als zu warten, bis der Notfall eintritt. Das ist in etwa so kurzsichtig, als würde man ohne Gurt Autofahren, weil es ja Krankenhäuser gibt. Eine Stellschraube, die der elterlichen Erschöpfung entgegenwirken könnte, wäre die Vier-Tage-Woche bei vollem Gehalt, eine neue Vollzeit mit 30 Stunden. Und ja, wenn das zu wenig Geld in die Staatskassen spült, muss man wohl tun, wozu viele Ökonom*innen schon lange raten: Reiche endlich angemessen besteuern. Steuern sind Demokratie und die Ökonomie sollte der ganzen Gesellschaft dienen. Wir sind nicht vor allem ein Standort. Hier leben in erster Linie Menschen. Es braucht auch ein Umdenken und die Zuverlässigkeit der verantwortlichen Politiker*innen. Wir brauchen das Recht auf Teilzeit, die telefonische Krankschreibung, ausreichend Kinderkrankentage pro Jahr für Angestellte und Selbstständige, die auch stundenweise und auch für das andere kranke Elternteil genutzt werden können. Mutterschutz für Selbstständige, Krankengeld für Selbstständige. Einiges davon wurde schon erreicht, aber diese Dinge müssen unverhandelbar sein und bleiben.Es kann nicht sein, dass alle naselang in autoritärem Ton infrage gestellt wird, was das absolute Minimum sein sollte, damit Leute nicht nur Eltern werden können, sondern auch gesund bleiben können. Für die Kinder, aber vor allem weil auch Eltern vollwertige und schützenswerte Menschen sind.