Als „Überlandschreiberin“ hat Manja Präkels die Stimmung in der ostdeutschen Provinz erkundet. Ihre Erfahrungen sind nun in den Sammelband Extremwetterlagen eingegangen. Wir erreichen Präkels in Brandenburg, mitten in einem Naturschutzgebiet, wo sie sich fürs Schreiben zurückgezogen hat.
Der Freitag: Juli Zeh und Sie schreiben beide über Brandenburg, aber man hat das Gefühl, dass Sie über zwei ganz unterschiedliche Welten schreiben. Bei Juli Zeh geht es viel über die Normalbürger. Bei Ihnen viel um Gewalt, auch krasse Gewalt. Woher kommt das?
Manja Präkels: Ich habe die 90er Jahre in den Knochen. Anders als Juli Zeh bin ich Ostdeutsche der Generation Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt. Das macht natürlich was mit einem. Und diese biografische wie auch unmittelbar körperliche Nähe zu den rechtsextremen Mördern der Neunziger- und Zweitausenderjahre – das spürt man sicher in unserem Buch Extremwetterlagen.
Juli Zeh sagte in einem Interview mit der „taz“, dass es in ihrem Dorf keine AfD-Anhänger gibt, die rechtsextrem sind. Sieht sie gewisse Dinge nicht? Oder ist es nicht überall gleich?
Sicher ist es nicht überall gleich. Es gibt kein homogenes Ostdeutschland. Es gab aber schon in den 90ern diese schreckliche Situation, dass man sagen musste: Leute, ihr verhaltet euch menschenfeindlich. Oder duldet es zumindest, wenn ihr nicht widersprecht. Diese Normalisierung ist heute viel weiter fortgeschritten. Niemand sagt doch mehr, Ich bin Nazi. Das wäre ja was ganz Neues! Aber man erschrickt doch regelmäßig, was den Leuten im Alltagsgespräch mal eben rausrutscht.
Manja Präkels wurde 1974 in Zehdenick (Brandenburg) geboren. Von 1994 bis 1998 war sie Lokalreporterin im Landkreis Oberhavel. 2017 erschien ihr Debütroman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß. Präkels hat sich auch als Musikerin einen Namen gemacht
Was wäre denn ein Satz, der einem so rausrutscht?
Herabsetzende Sprache über Menschen anderer Hautfarbe oder Leute mit Handicaps Ich bin schon an Schulen gewesen, an denen „Jude“ das meistgenutzte Schimpfwort ist. Das alles ist ganz tief eingesickert, in das alltägliche Reden.
Was passiert denn, wenn Sie die Leute darauf hinweisen, wie krass sie sich ausdrücken?
Oft erlebe ich Verblüffung. In dem Dorf, wo ich gerade sitze, gibt es Feste, klar, da bin ich dabei. Irgendwann kommt die Rede auf Israel oder ukrainische Flüchtlinge. Am Anfang ist alles nur Ablehnung. Je genauer ich aber nachfrage, desto mehr werden die Sprüche entkräftet. Das heißt, die Sprache ist da, das Denken ist da, aber Widerspruch ist weiterhin möglich. Von rechter Gewalt allerdings redet niemand. Auch nicht vom Zeitungsboten, der alle Insignien des Nazis trägt. Da gibt es eine starke Abwehr.
Die AfD in Brandenburg will die Strafmündigkeitsgrenze auf zwölf Jahre absenken und fordert, dass „Eltern gewalttätiger Kinder die staatlichen Transferleistungen empfindlich gekürzt werden“. Es geht nicht nur gegen Ausländer, sondern auch gegen sozial Schwächere. Redet man sich ein, dass die Gewalt immer von den „anderen“ ausgeht?
Offensichtlich. Die eigene Verantwortung wird abgewiesen. Dabei muss man nur auf die Kinder schauen. Ihnen zuhören. Wenn die in einem Umfeld aufwachsen, in dem sie permanent mit Gewalt konfrontiert sind, mit gewalttätiger Sprache, mit Strukturen und Bezugspersonen, die sie nicht zu Wort kommen lassen, muss man sich nicht wundern. Und das zieht sich durch alle sozialen Schichten. Ich würde den Spieß umdrehen und fragen, Wie ist das soziale Umfeld? Gibt es ausreichend Hilfe für alle? Ich erlebe Zwölfjährige, die mit hasserfüllten Augen vor mir stehen, die haben nichts als Elend und Gewalt geerbt.
In den 90er Jahren gab es diesen krassen Hass und diese brutale Gewalt auch schon, bis zum Bordstein-Kick. Warum kommt das jetzt zurück?
Es gab eine Zeit, wo man etwas besser atmen konnte, wo der Druck nicht so enorm war und wo sich das alles hinter die Gardinen verzogen hatte. Aber weg war es nie. 1990 sind die Autoritäten weggebrochen. Das System war implodiert und gleichzeitig explodierte sowas wie Freiheit. Die flog den Leuten um die Ohren und zerstörte ihre alten Gewissheiten. Heute haben wir einen ganzen Stapel an Krisen. Und wir haben ein massives Problem mit der Vermittlung der eigenen Geschichte. Wer erzählt warum wovon?
Was meinen Sie damit?
1992 zum Beispiel gründete sich die Freie Heide, gegen den geplanten Bombenabwurfplatz in der Ruppiner Heide – die größte und erfolgreichste Bürgerbewegung nach der Wiedervereinigung. Aber das ist heute fast vergessen. Woran aber erinnert wird, ist, „dass wir damals verhindert haben, dass hier Ausländer herkommen.“ Und genau die Leute, die damals dafür gesorgt haben, sind weiterhin Teil der Stadt- oder Dorfgesellschaft und haben ihre Kinder auch in dem Sinne erzogen.
Oliver Nachtwey und Caroline Amlinger schreiben in ihrem Buch „Zerstörungslust“ von dem gebrochenen Versprechen, dass die eigenen Leistungen belohnt werden. Das stärkt die AfD. Erleben Sie das in Brandenburg auch oder ist das eher eine Westerzählung?
Es ist inzwischen eine gesamtdeutsche Wirklichkeit. Ich höre oft ein verzweifeltes „Ich mache und tue und komme nicht hoch“. Das ist eine brutale Erfahrung. Und dann ist da das marode Bildungssystem, gerade auf dem Land. Die Schulen sind zwar zum Teil saniert, aber es gibt keine Lehrer. Ich kenne Orte, wo kein Geschichts- oder Kunstunterricht mehr stattfindet und die Schulbibliothek dauerhaft geschlossen ist. Die Bücher sind da, aber niemand kann sie lesen. Du kannst den Leuten nicht immer mehr wegnehmen und dich dann wundern über den Zulauf zur AfD. Rechtsextreme Parteien sind immer Reiter der Apokalypse. Sie haben ein konkretes Angebot gegen die Angst, Teil von etwas zu sein, wo man sich sonst doch so fragmentiert fühlt.
Es gibt die „Normalbürger“ unter den AfD-Sympathisanten und es gibt die Rechtsradikalen, die das cool finden. Wie interagiert das zusammen?
Wenn man die in ihrer zivilen Rolle als Handwerker erlebt, oder als Nachbarn, der seinen Garten gießt, dann setzt Gewöhnung ein. Das merkt man auch bei Frau Zeh. Reale Bedrohungen werden nicht gesehen, wenn sie einen nicht selbst betreffen. Ich hatte vor Kurzem eine Lesung, in der ich spürte, dass die Lehrerin Angst hatte vor den eigenen Schülern. Selbst Polizisten fürchten sich, oder sind Teil des Problems. Und ja, Zivilcourage wurde und wird oft nicht belohnt. Es gibt eine Rohheit, die aus Frust entsteht, aus Hilflosigkeit. In den 90ern hieß das: „Anstieg von Rohheitsdelikten“. Doch die Bürger und Bürgerinnen, die hinter den Gardinen standen und nichts taten, wurden nie thematisiert.
Gibt es eigentlich auch Skrupel unter den AfD-Anhängern oder sind die schlicht nicht vorhanden?
Wer Skrupel hat, wählt nicht AfD. Manche haben sich allerdings ihre Skrupellosigkeit als eine Art notwendige Verhärtung zurechtgelegt. Neulich hat der Deutschlandfunk einen kleinen Text über „Abschiebung“ von mir gesendet und da bekam ich eine sehr freundliche Mail von einer Frau, die mich fragte, Ja, aber was ist denn die Alternative? Da verfängt die Erzählung: Ich muss mich jetzt hart machen, weil wir sonst untergehen. In dem Text spreche ich von einer Schülerin, die vor den Augen ihrer Klasse abgeholt und nach Afghanistan abgeschoben wird, in ein Land, wo sie nicht menschenwürdig existieren kann. Was die Alternative wäre? Na, sie wie einen Menschen zu behandeln. Dafür aber scheint das Vorstellungsvermögen nicht zu reichen. Es ist einfacher, das Kind wegzuwünschen.
Nachtwey und Amlinger nennen das Nullsummendenken. Entweder die oder wir.
Das wirkt tief ins bürgerliche Lager. Bis hin zu Menschen, wo ich denke, Wow, da stehen zwei Autos vorm Eigenheim, zweimal im Jahr wird Urlaub gemacht, läuft doch. Sie stehen auf der Sonnenseite des Lebens und haben trotzdem diese Kälte.
Gibt es denn gar keine Möglichkeit, die Leute zum Sprechen zu bringen, den Panzer aufzubrechen?
Doch. Ich mache ja auch gute Erfahrungen. Neulich war ich in einer Klasse in Frankfurt (Oder), definitiv postmigrantisch. Die Kinder wussten um die verschiedenen Herkünfte, hatten sich darüber ausgetauscht. Da war eine Weltkompetenz, die sie aneinander lernen. So etwas gilt es zu bestärken. Gleichzeitig waren sie alle, egal wo ihre Eltern geboren worden waren, stolz darauf, Ostdeutsche zu sein. Darin lag etwas Unschuldiges. Es war nicht der Ostost-Sprechgesang der Hooligans im Fußballstadion, vor dem man davonrennen soll. Sondern mehr ein Dazugehören-Wollen. Und sie suchen. Eine Suchbewegung mit großer Offenheit und Bereitschaft ist das. Es gibt aber ein Problem.
Nämlich?
Wo sind die Räume, in denen man dem niedrigschwellig nachgehen, etwas zusammen bewegen kann? Wenn es keine Klubs, Kneipen, kein Gemeindezentrum mehr gibt, wo bleibt dann der Raum, an dem sich alle treffen können, unabhängig von Alter und Herkunft? Es gibt ja einen großen Erzählüberschuss bei den Älteren. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich sagen, die Enkel und die Großeltern sollten sich austauschen. In besagter Klasse waren viele verblüfft, dass ihr Frankfurt in der DDR lag. Sie sind also stolz auf eine Herkunft, von der sie nicht das Geringste wissen.
Kommt man denn an gar keinem Ort mehr zusammen?
Doch. Es gibt Vereine, Feste, Traditionen. Aber dieses Feld wurde gerade im ländlichen Raum oft schon in den 90ern von der NPD erfolgreich bestellt, mit Luftballons und Gratisbratwurst für Familien. Da fährt die AfD heute nur noch die Ernte ein. Aber es gibt Dörfer und Kleinstädte, wo es anders läuft. Es sind nicht alle weggegangen. Bei den Recherchen zu Extremwetterlagen trafen wir überall Engagierte, Initiativen, Strukturen für gelebtes Miteinander. Und die benötigen Unterstützung in jeder Form: Geld, Respekt, Anerkennung. Sichtbarkeit! Was sie sicher nicht brauchen, sind Zugezogene, die lautstark Verständnis für AfD-Wähler einfordern. Verständnis der lokalen Probleme, tatkräftige Unterstützung und lauter Widerspruch gegen Ressentiments hingegen nützen wirklich allen. Außer der AfD.
Extremwetterlagen. Reportagen aus einem neuen Deutschland Alexander Leistner, Barbara Thériault, Manja Präkels, Tina Pruschmann Verbrecher Verlag 2025, 208 S., 20 €
28;pe, Mundlos, Böhnhardt. Das macht natürlich was mit einem. Und diese biografische wie auch unmittelbar körperliche Nähe zu den rechtsextremen Mördern der Neunziger- und Zweitausenderjahre – das spürt man sicher in unserem Buch Extremwetterlagen.Juli Zeh sagte in einem Interview mit der „taz“, dass es in ihrem Dorf keine AfD-Anhänger gibt, die rechtsextrem sind. Sieht sie gewisse Dinge nicht? Oder ist es nicht überall gleich?Sicher ist es nicht überall gleich. Es gibt kein homogenes Ostdeutschland. Es gab aber schon in den 90ern diese schreckliche Situation, dass man sagen musste: Leute, ihr verhaltet euch menschenfeindlich. Oder duldet es zumindest, wenn ihr nicht widersprecht. Diese Normalisierung ist heute viel weiter fortgeschritten. Niemand sagt doch mehr, Ich bin Nazi. Das wäre ja was ganz Neues! Aber man erschrickt doch regelmäßig, was den Leuten im Alltagsgespräch mal eben rausrutscht.Manja Präkels wurde 1974 in Zehdenick (Brandenburg) geboren. Von 1994 bis 1998 war sie Lokalreporterin im Landkreis Oberhavel. 2017 erschien ihr Debütroman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß. Präkels hat sich auch als Musikerin einen Namen gemachtWas wäre denn ein Satz, der einem so rausrutscht?Herabsetzende Sprache über Menschen anderer Hautfarbe oder Leute mit Handicaps Ich bin schon an Schulen gewesen, an denen „Jude“ das meistgenutzte Schimpfwort ist. Das alles ist ganz tief eingesickert, in das alltägliche Reden.Was passiert denn, wenn Sie die Leute darauf hinweisen, wie krass sie sich ausdrücken?Oft erlebe ich Verblüffung. In dem Dorf, wo ich gerade sitze, gibt es Feste, klar, da bin ich dabei. Irgendwann kommt die Rede auf Israel oder ukrainische Flüchtlinge. Am Anfang ist alles nur Ablehnung. Je genauer ich aber nachfrage, desto mehr werden die Sprüche entkräftet. Das heißt, die Sprache ist da, das Denken ist da, aber Widerspruch ist weiterhin möglich. Von rechter Gewalt allerdings redet niemand. Auch nicht vom Zeitungsboten, der alle Insignien des Nazis trägt. Da gibt es eine starke Abwehr.Die AfD in Brandenburg will die Strafmündigkeitsgrenze auf zwölf Jahre absenken und fordert, dass „Eltern gewalttätiger Kinder die staatlichen Transferleistungen empfindlich gekürzt werden“. Es geht nicht nur gegen Ausländer, sondern auch gegen sozial Schwächere. Redet man sich ein, dass die Gewalt immer von den „anderen“ ausgeht?Offensichtlich. Die eigene Verantwortung wird abgewiesen. Dabei muss man nur auf die Kinder schauen. Ihnen zuhören. Wenn die in einem Umfeld aufwachsen, in dem sie permanent mit Gewalt konfrontiert sind, mit gewalttätiger Sprache, mit Strukturen und Bezugspersonen, die sie nicht zu Wort kommen lassen, muss man sich nicht wundern. Und das zieht sich durch alle sozialen Schichten. Ich würde den Spieß umdrehen und fragen, Wie ist das soziale Umfeld? Gibt es ausreichend Hilfe für alle? Ich erlebe Zwölfjährige, die mit hasserfüllten Augen vor mir stehen, die haben nichts als Elend und Gewalt geerbt.In den 90er Jahren gab es diesen krassen Hass und diese brutale Gewalt auch schon, bis zum Bordstein-Kick. Warum kommt das jetzt zurück?Es gab eine Zeit, wo man etwas besser atmen konnte, wo der Druck nicht so enorm war und wo sich das alles hinter die Gardinen verzogen hatte. Aber weg war es nie. 1990 sind die Autoritäten weggebrochen. Das System war implodiert und gleichzeitig explodierte sowas wie Freiheit. Die flog den Leuten um die Ohren und zerstörte ihre alten Gewissheiten. Heute haben wir einen ganzen Stapel an Krisen. Und wir haben ein massives Problem mit der Vermittlung der eigenen Geschichte. Wer erzählt warum wovon?Was meinen Sie damit?1992 zum Beispiel gründete sich die Freie Heide, gegen den geplanten Bombenabwurfplatz in der Ruppiner Heide – die größte und erfolgreichste Bürgerbewegung nach der Wiedervereinigung. Aber das ist heute fast vergessen. Woran aber erinnert wird, ist, „dass wir damals verhindert haben, dass hier Ausländer herkommen.“ Und genau die Leute, die damals dafür gesorgt haben, sind weiterhin Teil der Stadt- oder Dorfgesellschaft und haben ihre Kinder auch in dem Sinne erzogen.Oliver Nachtwey und Caroline Amlinger schreiben in ihrem Buch „Zerstörungslust“ von dem gebrochenen Versprechen, dass die eigenen Leistungen belohnt werden. Das stärkt die AfD. Erleben Sie das in Brandenburg auch oder ist das eher eine Westerzählung?Es ist inzwischen eine gesamtdeutsche Wirklichkeit. Ich höre oft ein verzweifeltes „Ich mache und tue und komme nicht hoch“. Das ist eine brutale Erfahrung. Und dann ist da das marode Bildungssystem, gerade auf dem Land. Die Schulen sind zwar zum Teil saniert, aber es gibt keine Lehrer. Ich kenne Orte, wo kein Geschichts- oder Kunstunterricht mehr stattfindet und die Schulbibliothek dauerhaft geschlossen ist. Die Bücher sind da, aber niemand kann sie lesen. Du kannst den Leuten nicht immer mehr wegnehmen und dich dann wundern über den Zulauf zur AfD. Rechtsextreme Parteien sind immer Reiter der Apokalypse. Sie haben ein konkretes Angebot gegen die Angst, Teil von etwas zu sein, wo man sich sonst doch so fragmentiert fühlt.Es gibt die „Normalbürger“ unter den AfD-Sympathisanten und es gibt die Rechtsradikalen, die das cool finden. Wie interagiert das zusammen?Wenn man die in ihrer zivilen Rolle als Handwerker erlebt, oder als Nachbarn, der seinen Garten gießt, dann setzt Gewöhnung ein. Das merkt man auch bei Frau Zeh. Reale Bedrohungen werden nicht gesehen, wenn sie einen nicht selbst betreffen. Ich hatte vor Kurzem eine Lesung, in der ich spürte, dass die Lehrerin Angst hatte vor den eigenen Schülern. Selbst Polizisten fürchten sich, oder sind Teil des Problems. Und ja, Zivilcourage wurde und wird oft nicht belohnt. Es gibt eine Rohheit, die aus Frust entsteht, aus Hilflosigkeit. In den 90ern hieß das: „Anstieg von Rohheitsdelikten“. Doch die Bürger und Bürgerinnen, die hinter den Gardinen standen und nichts taten, wurden nie thematisiert.Gibt es eigentlich auch Skrupel unter den AfD-Anhängern oder sind die schlicht nicht vorhanden?Wer Skrupel hat, wählt nicht AfD. Manche haben sich allerdings ihre Skrupellosigkeit als eine Art notwendige Verhärtung zurechtgelegt. Neulich hat der Deutschlandfunk einen kleinen Text über „Abschiebung“ von mir gesendet und da bekam ich eine sehr freundliche Mail von einer Frau, die mich fragte, Ja, aber was ist denn die Alternative? Da verfängt die Erzählung: Ich muss mich jetzt hart machen, weil wir sonst untergehen. In dem Text spreche ich von einer Schülerin, die vor den Augen ihrer Klasse abgeholt und nach Afghanistan abgeschoben wird, in ein Land, wo sie nicht menschenwürdig existieren kann. Was die Alternative wäre? Na, sie wie einen Menschen zu behandeln. Dafür aber scheint das Vorstellungsvermögen nicht zu reichen. Es ist einfacher, das Kind wegzuwünschen.Nachtwey und Amlinger nennen das Nullsummendenken. Entweder die oder wir.Das wirkt tief ins bürgerliche Lager. Bis hin zu Menschen, wo ich denke, Wow, da stehen zwei Autos vorm Eigenheim, zweimal im Jahr wird Urlaub gemacht, läuft doch. Sie stehen auf der Sonnenseite des Lebens und haben trotzdem diese Kälte.Gibt es denn gar keine Möglichkeit, die Leute zum Sprechen zu bringen, den Panzer aufzubrechen?Doch. Ich mache ja auch gute Erfahrungen. Neulich war ich in einer Klasse in Frankfurt (Oder), definitiv postmigrantisch. Die Kinder wussten um die verschiedenen Herkünfte, hatten sich darüber ausgetauscht. Da war eine Weltkompetenz, die sie aneinander lernen. So etwas gilt es zu bestärken. Gleichzeitig waren sie alle, egal wo ihre Eltern geboren worden waren, stolz darauf, Ostdeutsche zu sein. Darin lag etwas Unschuldiges. Es war nicht der Ostost-Sprechgesang der Hooligans im Fußballstadion, vor dem man davonrennen soll. Sondern mehr ein Dazugehören-Wollen. Und sie suchen. Eine Suchbewegung mit großer Offenheit und Bereitschaft ist das. Es gibt aber ein Problem.Nämlich?Wo sind die Räume, in denen man dem niedrigschwellig nachgehen, etwas zusammen bewegen kann? Wenn es keine Klubs, Kneipen, kein Gemeindezentrum mehr gibt, wo bleibt dann der Raum, an dem sich alle treffen können, unabhängig von Alter und Herkunft? Es gibt ja einen großen Erzählüberschuss bei den Älteren. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich sagen, die Enkel und die Großeltern sollten sich austauschen. In besagter Klasse waren viele verblüfft, dass ihr Frankfurt in der DDR lag. Sie sind also stolz auf eine Herkunft, von der sie nicht das Geringste wissen.Kommt man denn an gar keinem Ort mehr zusammen?Doch. Es gibt Vereine, Feste, Traditionen. Aber dieses Feld wurde gerade im ländlichen Raum oft schon in den 90ern von der NPD erfolgreich bestellt, mit Luftballons und Gratisbratwurst für Familien. Da fährt die AfD heute nur noch die Ernte ein. Aber es gibt Dörfer und Kleinstädte, wo es anders läuft. Es sind nicht alle weggegangen. Bei den Recherchen zu Extremwetterlagen trafen wir überall Engagierte, Initiativen, Strukturen für gelebtes Miteinander. Und die benötigen Unterstützung in jeder Form: Geld, Respekt, Anerkennung. Sichtbarkeit! Was sie sicher nicht brauchen, sind Zugezogene, die lautstark Verständnis für AfD-Wähler einfordern. Verständnis der lokalen Probleme, tatkräftige Unterstützung und lauter Widerspruch gegen Ressentiments hingegen nützen wirklich allen. Außer der AfD.