Menschen haben den Nationalsozialismus erforscht und sich engagiert, damit Gedenktage wie der 27. Januar keine leeren Rituale sind. Bei Euthanasie und sozialer Ausgrenzung war das ein besonders langer Kampf – der heute zur Disposition steht
Der Gedenk-und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie-Morde in Berlin-Tiergarten
Foto: Reiner Zensen/Imago
Gedenktage, zumindest so, wie sie die Bundesrepublik zelebrierte, als sie noch West war, hatten immer etwas mit Schuldentlastung zu tun. Schweigen, Würgen und das dabei Herausgekommene in eine kultivierte Form kleiden, die allgemein goutierbar ist. Das betrifft den Holocaust insbesondere.
Die Schuld gegenüber den Jüdinnen und Juden war nicht zu leugnen. Lange aber standen alle anderen Ausgegrenzten des nationalsozialistischen Regimes im Dunkeln: homosexuelle Menschen, Sinti und Roma, obdachlose und arme Menschen – und diejenigen, die für den sich kriegsfit agierenden Staat nicht taugten, die Opfer der Euthanasie, Menschen mit Behinderung. Es waren vor allem Kinder. Schätzungsweise sind 300.000 dem Euthanasieprogramm zum Opfer gefallen, 400.000 Frauen wurden zwangssterilisiert.
Die T4-Aktion in Hadamar oder Bernburg
Es hat so elend lange gedauert, bis sie ins Gedenken einbezogen wurden. Es hat vieler aufgestörter Historiker:innen in den 1970er und 80er Jahren bedurft, die die Vorgänge im Rahmen der T4-Aktion in den Tötungsanstalten in Hadamar, Grafeneck, Hartheim, Bernburg und wer weiß wo aufgedeckt haben. Benannt nach der berüchtigten Tiergartenstraße 4, der Planungsvilla der Nazis.
Ernst Klee war einer der ersten Gründler, in der legendären „schwarzen Reihe“ des Fischer-Verlags. Viele engagierte Wissenschaftler:innen haben sich das auf ihr Wappen geheftet und ihre Lebenszeit für die Aufdeckung der Verbrechen investiert. Werden sie heute an den Unis noch gelehrt? Denken junge Frauen und Männer darüber nach, wenn sie sich ein normgerechtes Kind wünschen? Schon wenn ich nach Adorno frage und seinem Verdikt, nach dem Holocaust kein Gedicht mehr schreiben zu können, herrscht tiefes Schweigen.
Disability Studies? Gestrichen!
Vieles hat zum Guten geführt, zur Behindertenrechtskonvention zum Beispiel, der Deutschland 2009 beigetreten ist. Ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen, das Fürsorge und Teilhabe für Menschen mit Behinderung garantiert. Es war ein Meilenstein, fraglos. Aber was kümmert uns heutzutage das Völkerrecht noch?
Vor kurzem las ich, dass die Disability Studies in Hamburg und Köln endgültig gestrichen werden. Als ob es die akademischen Heroinnen wie Anne Waldschmidt oder Swantje Köbsell, die sich trotz Einschränkungen an der Alma Mater hatten etablieren können, nie gegeben hätte. Als sei alles Makulatur, was wir wissenschaftlich herausgefunden haben über soziale Ausgrenzungen. So viel gelesen, gesehen und gekämpft.
Was passiert mit all diesen Menschen wenn die Rechtsextremisten an die Macht kommen?
Heute schauen wir an, wie ein zumindest zivilisiert genanntes Bürgergeld wieder in die Sozialhilfefalle abrutscht, mit Sanktionen und Diskriminierungen und dem Armutserbe für Kinder. Wie teilzeitarbeitende Frauen von der „Erholungspritsche“ ins Vollzeitarbeitsleben gepresst werden sollen. Wie arme kranke Menschen einen Arzt suchen oder ein Pflegeheim. Und, ja, wie Menschen mit Behinderung zuschauen müssen, dass ihr „Handicap“ künftig mittels gendiagnostischer Maßnahmen ausgesondert wird. Weil es die Eltern schlicht überfordert in einem System, das sie nicht auffängt.
Nein, Geschichte wiederholt sich nicht, nie. Aber haben wir eine realistische Vorstellung, was mit all diesen Menschen passiert, wenn die Rechtsextremisten in diesem Land je an die Macht kommen? Wenn Menschenrechte nur noch für diejenigen gelten, die den Preis dafür bezahlen können?
Gedenktage sind ein Ritual. Doch sie sind auch wichtig, weil sie Haltung zeigen. Im Foyer der Berliner Philharmonie wird in diesem Jahr dem Künstler Andreas Maus gedacht, und der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel, erinnert an die Ermorderten. Das ist gut. In autoritär verfassten Systemen werden Gedenken solcherart mit als erstes verboten.
obdachlose und arme Menschen – und diejenigen, die für den sich kriegsfit agierenden Staat nicht taugten, die Opfer der Euthanasie, Menschen mit Behinderung. Es waren vor allem Kinder. Schätzungsweise sind 300.000 dem Euthanasieprogramm zum Opfer gefallen, 400.000 Frauen wurden zwangssterilisiert.Die T4-Aktion in Hadamar oder BernburgEs hat so elend lange gedauert, bis sie ins Gedenken einbezogen wurden. Es hat vieler aufgestörter Historiker:innen in den 1970er und 80er Jahren bedurft, die die Vorgänge im Rahmen der T4-Aktion in den Tötungsanstalten in Hadamar, Grafeneck, Hartheim, Bernburg und wer weiß wo aufgedeckt haben. Benannt nach der berüchtigten Tiergartenstraße 4, der Planungsvilla der Nazis.Ernst Klee war einer der ersten Gründler, in der legendären „schwarzen Reihe“ des Fischer-Verlags. Viele engagierte Wissenschaftler:innen haben sich das auf ihr Wappen geheftet und ihre Lebenszeit für die Aufdeckung der Verbrechen investiert. Werden sie heute an den Unis noch gelehrt? Denken junge Frauen und Männer darüber nach, wenn sie sich ein normgerechtes Kind wünschen? Schon wenn ich nach Adorno frage und seinem Verdikt, nach dem Holocaust kein Gedicht mehr schreiben zu können, herrscht tiefes Schweigen.Disability Studies? Gestrichen!Vieles hat zum Guten geführt, zur Behindertenrechtskonvention zum Beispiel, der Deutschland 2009 beigetreten ist. Ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen, das Fürsorge und Teilhabe für Menschen mit Behinderung garantiert. Es war ein Meilenstein, fraglos. Aber was kümmert uns heutzutage das Völkerrecht noch?Vor kurzem las ich, dass die Disability Studies in Hamburg und Köln endgültig gestrichen werden. Als ob es die akademischen Heroinnen wie Anne Waldschmidt oder Swantje Köbsell, die sich trotz Einschränkungen an der Alma Mater hatten etablieren können, nie gegeben hätte. Als sei alles Makulatur, was wir wissenschaftlich herausgefunden haben über soziale Ausgrenzungen. So viel gelesen, gesehen und gekämpft.Was passiert mit all diesen Menschen wenn die Rechtsextremisten an die Macht kommen?Heute schauen wir an, wie ein zumindest zivilisiert genanntes Bürgergeld wieder in die Sozialhilfefalle abrutscht, mit Sanktionen und Diskriminierungen und dem Armutserbe für Kinder. Wie teilzeitarbeitende Frauen von der „Erholungspritsche“ ins Vollzeitarbeitsleben gepresst werden sollen. Wie arme kranke Menschen einen Arzt suchen oder ein Pflegeheim. Und, ja, wie Menschen mit Behinderung zuschauen müssen, dass ihr „Handicap“ künftig mittels gendiagnostischer Maßnahmen ausgesondert wird. Weil es die Eltern schlicht überfordert in einem System, das sie nicht auffängt.Nein, Geschichte wiederholt sich nicht, nie. Aber haben wir eine realistische Vorstellung, was mit all diesen Menschen passiert, wenn die Rechtsextremisten in diesem Land je an die Macht kommen? Wenn Menschenrechte nur noch für diejenigen gelten, die den Preis dafür bezahlen können?Gedenktage sind ein Ritual. Doch sie sind auch wichtig, weil sie Haltung zeigen. Im Foyer der Berliner Philharmonie wird in diesem Jahr dem Künstler Andreas Maus gedacht, und der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel, erinnert an die Ermorderten. Das ist gut. In autoritär verfassten Systemen werden Gedenken solcherart mit als erstes verboten.