Ihr Ex-Mann und 50 Fremde haben sie vergewaltigt: Jetzt bringt Gisèle Pelicot das Buch „Eine Hymne an das Leben“ über das Verbrechen und den Prozess heraus. Ein Text über Scham, Würde und den Versuch, die eigene Geschichte zurückzuerobern
Auf 250 Seiten nimmt uns Gisèle Pelicot mit auf ihren Leidensweg
Foto: Arnold Jerocki/Getty Images
Man öffnet dieses Buch mit Beklommenheit, nicht mit Vorfreude. Mit Unbehagen, nicht mit Spannung. Dabei lächelt die Autorin auf dem Cover des Buches, das den Titel Eine Hymne an das Leben trägt und am 17. Februar zeitgleich in 22 Ländern erschien. Ein Lächeln, das sich uns eingebrannt hat. Genauso wie ihr aufrechter Gang, ihre elegante Erscheinung und ihr eindringlicher Blick, den sie irgendwann nicht mehr hinter einer Sonnenbrille versteckte.
Mit ihrer Entscheidung, den Prozess gegen ihren Ehemann und weitere 50 Angeklagte nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit abzuhalten, zwang Gisèle Pelicot uns hinzusehen. Sich all diese Männer unterschiedlichster Altersgruppen und Gesellschaftsschichten anzuschauen, die mitten unter uns lebten und sich ab 2010 über einen Zeitraum von zehn Jahren im Internet mit Dominique Pelicot verabredeten, um sich zu zweit an der betäubten Ehefrau zu vergehen. Außerhalb des Gerichtssaals sprach Gisèle Pelicot wenig. Trotzdem sah man ihr Konterfei bald auf Häuserwänden und auf Demos. Auf den Titelseiten weltweit prangte der feministische Slogan „Die Scham muss die Seite wechseln“, den sie in einem ihrer wenigen Statements aufgegriffen hatte.
Nun hat Pelicot wieder eine Entscheidung getroffen. Gemeinsam mit der Journalistin Judith Perrignon hat sie nicht nur den Prozessverlauf, sondern ihr Leben aufgeschrieben und spricht in diesen Tagen öffentlich in Interviews darüber. Gleich zu Beginn erleben wir jenen Moment auf der Polizeiwache in Carpentras, der ihr Leben für immer verändern sollte. Als ihr die Fotos vorgelegt werden, die eine schlafende Frau mit schlaffem Gesicht in Strapsen zeigen, neben Männern, die Sex mit dieser „Stoffpuppe“ haben, antwortet sie schockiert: „Nein, das bin ich nicht.“
Gisèle Pelicot berichtet auch von ihrer Kindheit
Auf 250 Seiten nimmt sie uns mit auf den Leidensweg, angefangen von den Ermittlungen, über das Durchdringen der Wahrheit, die sich nicht mehr leugnen lässt. Wir erleben mit ihr den Prozess und die Demütigungen, die sie erfahren musste, als Strafverteidiger versuchen, ihr zu unterstellen, sie habe im sedierten Zustand Lust empfunden. Wir teilen den Schock, als sie erfährt, dass die DNA ihres Mannes einer versuchten Vergewaltigung, die ins Jahr 1999 zurückreicht, zugeordnet werden konnte.
Aber Pelicot berichtet auch von ihrer Kindheit, geprägt von der Trauer um die früh verstorbene Mutter – und von dem Glück, durch die Begegnung mit ihrem späteren Ehemann Dominique im Juli 1971. Sie hatte das Gefühl, „wir hätten einen Pakt geschlossen. Wir würden Leid und Schmerz stets gemeinsam überwinden, fern unserer gebeutelten Familien. Ich würde ihn heilen und er mich.“
Beruflich ist sie erfolgreicher als Dominique, der immer wieder Rückschläge einsteckt und die Familie in finanzielle Nöte bringt. In der Ehe entstehen drei Kinder. Später, im Rentenalter, kümmert sich das Paar um seine Enkel, verbringt anscheinend unbeschwerte Ferien. Ein Familienleben, das Gisèle lange für intakt hält. Auch heute noch sucht sie nach Spuren von Glück, um etwas von den 50 Jahren an der Seite ihres Mannes positiv sehen zu können. „Ich beschütze nur einige Erinnerungen, Teile unseres Lebens, schließlich bleiben nach einem Brand manchmal ein paar Mauern stehen, so verkohlt sie auch sein mögen … Wenn man mir die letzten fünfzig Jahre meines Lebens entriss, hätte ich praktisch nicht existiert. Ich wäre tot.“
Pelicot hadert mit der Frage, ob auch ihre Tochter vergewaltigt worden ist
Es ist, als würde sie mit dieser Introspektive eigene Ermittlungen anstellen müssen, um Anzeichen zu finden, die sie damals übersehen hat. Dabei geht es auch um sehr konkrete Details ihres Intimlebens, um Körperflüssigkeiten, um sexuelle Fantasien des Ehemanns, geäußerte Wünsche, denen sie nicht nachkommen will und sich deswegen schuldig fühlt. Diese führen uns an die Grenze des Erträglichen.
Es geht aber auch um die Auswirkungen dieser monströsen Verbrechen auf das Familienleben. Tochter Caroline Darian hatte schon 2022, zwei Jahre vor Prozessbeginn, in ihrem Buch Ich werde dich nie wieder Papa nennen über chemische Unterwerfung geschrieben. Ihr zweites Buch Ich kämpfe für die Wahrheit erschien erst im Januar dieses Jahres auf Deutsch.
Darin beschreibt sie das Gefühl, von der Mutter verraten worden zu sein. Sie selbst ist überzeugt, auch Opfer des Vaters geworden zu sein; zwei Fotos, die sie schlafend in T-Shirt und Unterhose zeigen, waren unter den Tausenden Bildern, die Pelicot auch im Darknet in Umlauf brachte. Gisèle Pelicot jedoch hadert bis heute mit der Frage, ob auch ihre Tochter vergewaltigt worden ist, da es dafür keine Beweise gibt, und will auch vor Gericht dazu nichts sagen. Der Konflikt mit Caroline, die wiederholt in einer Psychiatrie behandelt werden musste, wird offen thematisiert und beschäftigt beide noch heute.
Caroline wird laut, wo die Mutter leise bleibt
An dieser Stelle kommt das Unbehagen wieder zurück. Als Leser nimmt man teil an dem Versuch der Wiederannäherung an die Tochter, die ihrerseits in ihren Texten und Interviews hart mit der Mutter ins Gericht geht, weil sie sich als vergessenes Opfer sieht und noch immer auf neue Beweise und einen eigenen Prozess hofft. In gewisser Weise führt sie anders als Gisèle Pelicot den politischen Kampf auch über das Erzählen des individuelles Leids hinaus.
Sie wird laut, wo die Mutter leise bleibt. Mit ihrem Verein M’endors pas (Betäube mich nicht) kämpft sie gegen chemische Unterwerfung, hat ein Pilotprojekt ins Rollen gebracht, damit Frauen, die glauben, sie seien mit Substanzen willenlos gemacht worden, einfacher Zugang zu toxikologischen Untersuchungen bekommen. Gisèle hingegen sagt, sie sei eine gewöhnliche Frau, alles andere als radikal, „immer noch Anhängerin eines traditionellen, eher stillen Lebens“.
Auch glaube sie noch an die Möglichkeit von Harmonie zwischen Frauen und Männern. Der Beweis: Wir erfahren von Jean-Loup, einer neuen Liebe an ihrer Seite. Sie sei froh, dass Frauen an das, was ihr widerfahren ist, denken werden, wenn sie sich beim Aufwachen nicht an den Vorabend erinnern können. Aber sie schreibt auch: „Ich habe mich nie als Ikone empfunden oder betrachtet.“
Man wird das Gefühl des Voyeurismus beim Lesen nicht los
Am Ende der Lektüre bleibt neben der Erschütterung, neben der Wut über die Allgegenwärtigkeit und Banalisierung von Vergewaltigung in unserer Gesellschaft, der Rape Culture, auch etwas Ratlosigkeit zurück. Einerseits ist sie mit ihrer Erzählung allen True-Crime-Journalisten der Welt zuvorgekommen, weil sie sich die Geschichte ihres Lebens wieder angeeignet hat – in allen faktischen und emotionalen Details. Andererseits wird man das Gefühl des Voyeurismus beim Lesen nicht los, denn selten kommt man einem Menschen in einer derart unmenschlichen Situation so (wortwörtlich) hautnah.
So bleibt ein immenser Respekt vor der Wiederauferstehung einer Frau aus der Hölle, aber auch die Angst, dass das Erscheinen des Buches von einem Hype begleitet wird, der medialen Mechanismen und dem Diktat des Clickbaiting folgt und so letztlich die Geschichte von Pelicot entpolitisiert. Eine Geschichte, die aufs Grausamste zeigt, was möglich ist, wenn in unseren Gesellschaften nicht grundsätzlich patriarchale Strukturen infrage gestellt und bekämpft werden.
Das Buch endet mit Gisèles unerschütterlichem Glauben an die Liebe, ihre „mächtigste Rüstung“. Nun ist es an uns, gegen sexuelle und sexualisierte Gewalt, gegen chemische Unterdrückung und gegen die herrschende Rape Culture aufzurüsten.
Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seiten wechseln Gisèle Pelicot, Judith Perrignon Patricia Klobusiczky (Übers.), Piper 2026, 256 S., 25 €
n. Sich all diese Männer unterschiedlichster Altersgruppen und Gesellschaftsschichten anzuschauen, die mitten unter uns lebten und sich ab 2010 über einen Zeitraum von zehn Jahren im Internet mit Dominique Pelicot verabredeten, um sich zu zweit an der betäubten Ehefrau zu vergehen. Außerhalb des Gerichtssaals sprach Gisèle Pelicot wenig. Trotzdem sah man ihr Konterfei bald auf Häuserwänden und auf Demos. Auf den Titelseiten weltweit prangte der feministische Slogan „Die Scham muss die Seite wechseln“, den sie in einem ihrer wenigen Statements aufgegriffen hatte.Nun hat Pelicot wieder eine Entscheidung getroffen. Gemeinsam mit der Journalistin Judith Perrignon hat sie nicht nur den Prozessverlauf, sondern ihr Leben aufgeschrieben und spricht in diesen Tagen öffentlich in Interviews darüber. Gleich zu Beginn erleben wir jenen Moment auf der Polizeiwache in Carpentras, der ihr Leben für immer verändern sollte. Als ihr die Fotos vorgelegt werden, die eine schlafende Frau mit schlaffem Gesicht in Strapsen zeigen, neben Männern, die Sex mit dieser „Stoffpuppe“ haben, antwortet sie schockiert: „Nein, das bin ich nicht.“Gisèle Pelicot berichtet auch von ihrer KindheitAuf 250 Seiten nimmt sie uns mit auf den Leidensweg, angefangen von den Ermittlungen, über das Durchdringen der Wahrheit, die sich nicht mehr leugnen lässt. Wir erleben mit ihr den Prozess und die Demütigungen, die sie erfahren musste, als Strafverteidiger versuchen, ihr zu unterstellen, sie habe im sedierten Zustand Lust empfunden. Wir teilen den Schock, als sie erfährt, dass die DNA ihres Mannes einer versuchten Vergewaltigung, die ins Jahr 1999 zurückreicht, zugeordnet werden konnte.Aber Pelicot berichtet auch von ihrer Kindheit, geprägt von der Trauer um die früh verstorbene Mutter – und von dem Glück, durch die Begegnung mit ihrem späteren Ehemann Dominique im Juli 1971. Sie hatte das Gefühl, „wir hätten einen Pakt geschlossen. Wir würden Leid und Schmerz stets gemeinsam überwinden, fern unserer gebeutelten Familien. Ich würde ihn heilen und er mich.“Beruflich ist sie erfolgreicher als Dominique, der immer wieder Rückschläge einsteckt und die Familie in finanzielle Nöte bringt. In der Ehe entstehen drei Kinder. Später, im Rentenalter, kümmert sich das Paar um seine Enkel, verbringt anscheinend unbeschwerte Ferien. Ein Familienleben, das Gisèle lange für intakt hält. Auch heute noch sucht sie nach Spuren von Glück, um etwas von den 50 Jahren an der Seite ihres Mannes positiv sehen zu können. „Ich beschütze nur einige Erinnerungen, Teile unseres Lebens, schließlich bleiben nach einem Brand manchmal ein paar Mauern stehen, so verkohlt sie auch sein mögen … Wenn man mir die letzten fünfzig Jahre meines Lebens entriss, hätte ich praktisch nicht existiert. Ich wäre tot.“Pelicot hadert mit der Frage, ob auch ihre Tochter vergewaltigt worden istEs ist, als würde sie mit dieser Introspektive eigene Ermittlungen anstellen müssen, um Anzeichen zu finden, die sie damals übersehen hat. Dabei geht es auch um sehr konkrete Details ihres Intimlebens, um Körperflüssigkeiten, um sexuelle Fantasien des Ehemanns, geäußerte Wünsche, denen sie nicht nachkommen will und sich deswegen schuldig fühlt. Diese führen uns an die Grenze des Erträglichen.Es geht aber auch um die Auswirkungen dieser monströsen Verbrechen auf das Familienleben. Tochter Caroline Darian hatte schon 2022, zwei Jahre vor Prozessbeginn, in ihrem Buch Ich werde dich nie wieder Papa nennen über chemische Unterwerfung geschrieben. Ihr zweites Buch Ich kämpfe für die Wahrheit erschien erst im Januar dieses Jahres auf Deutsch.Darin beschreibt sie das Gefühl, von der Mutter verraten worden zu sein. Sie selbst ist überzeugt, auch Opfer des Vaters geworden zu sein; zwei Fotos, die sie schlafend in T-Shirt und Unterhose zeigen, waren unter den Tausenden Bildern, die Pelicot auch im Darknet in Umlauf brachte. Gisèle Pelicot jedoch hadert bis heute mit der Frage, ob auch ihre Tochter vergewaltigt worden ist, da es dafür keine Beweise gibt, und will auch vor Gericht dazu nichts sagen. Der Konflikt mit Caroline, die wiederholt in einer Psychiatrie behandelt werden musste, wird offen thematisiert und beschäftigt beide noch heute.Caroline wird laut, wo die Mutter leise bleibtAn dieser Stelle kommt das Unbehagen wieder zurück. Als Leser nimmt man teil an dem Versuch der Wiederannäherung an die Tochter, die ihrerseits in ihren Texten und Interviews hart mit der Mutter ins Gericht geht, weil sie sich als vergessenes Opfer sieht und noch immer auf neue Beweise und einen eigenen Prozess hofft. In gewisser Weise führt sie anders als Gisèle Pelicot den politischen Kampf auch über das Erzählen des individuelles Leids hinaus.Sie wird laut, wo die Mutter leise bleibt. Mit ihrem Verein M’endors pas (Betäube mich nicht) kämpft sie gegen chemische Unterwerfung, hat ein Pilotprojekt ins Rollen gebracht, damit Frauen, die glauben, sie seien mit Substanzen willenlos gemacht worden, einfacher Zugang zu toxikologischen Untersuchungen bekommen. Gisèle hingegen sagt, sie sei eine gewöhnliche Frau, alles andere als radikal, „immer noch Anhängerin eines traditionellen, eher stillen Lebens“.Auch glaube sie noch an die Möglichkeit von Harmonie zwischen Frauen und Männern. Der Beweis: Wir erfahren von Jean-Loup, einer neuen Liebe an ihrer Seite. Sie sei froh, dass Frauen an das, was ihr widerfahren ist, denken werden, wenn sie sich beim Aufwachen nicht an den Vorabend erinnern können. Aber sie schreibt auch: „Ich habe mich nie als Ikone empfunden oder betrachtet.“Man wird das Gefühl des Voyeurismus beim Lesen nicht losAm Ende der Lektüre bleibt neben der Erschütterung, neben der Wut über die Allgegenwärtigkeit und Banalisierung von Vergewaltigung in unserer Gesellschaft, der Rape Culture, auch etwas Ratlosigkeit zurück. Einerseits ist sie mit ihrer Erzählung allen True-Crime-Journalisten der Welt zuvorgekommen, weil sie sich die Geschichte ihres Lebens wieder angeeignet hat – in allen faktischen und emotionalen Details. Andererseits wird man das Gefühl des Voyeurismus beim Lesen nicht los, denn selten kommt man einem Menschen in einer derart unmenschlichen Situation so (wortwörtlich) hautnah.So bleibt ein immenser Respekt vor der Wiederauferstehung einer Frau aus der Hölle, aber auch die Angst, dass das Erscheinen des Buches von einem Hype begleitet wird, der medialen Mechanismen und dem Diktat des Clickbaiting folgt und so letztlich die Geschichte von Pelicot entpolitisiert. Eine Geschichte, die aufs Grausamste zeigt, was möglich ist, wenn in unseren Gesellschaften nicht grundsätzlich patriarchale Strukturen infrage gestellt und bekämpft werden.Das Buch endet mit Gisèles unerschütterlichem Glauben an die Liebe, ihre „mächtigste Rüstung“. Nun ist es an uns, gegen sexuelle und sexualisierte Gewalt, gegen chemische Unterdrückung und gegen die herrschende Rape Culture aufzurüsten.