Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, düstere Gedanken: So hat die Illustratorin Rinah Lang die Perimenopause erlebt. Ihre Erfahrungen und ihr gesammeltes Wissen hat sie in ihrem Comic „Peri Meno“ verarbeitet
Die Illustratorin Rinah Lang war Langezeit geschockt, das das Thema der Perimenopause selbst in ihrer Kreuzberger Nachbarschaft kaum Erwähnung fand
Illustrationen: Rinah Lang
Obwohl die Wechseljahre mittlerweile mehr Aufmerksamkeit bekommen und in manchen Kreisen thematisch beinahe gehypt werden, sind sie für viele Frauen immer noch mit Scham verbunden. Als sie selbst in die Perimenopause kam, war die Berliner Illustratorin Rinah Lang erschreckt darüber, wie wenig Frauen über eine Zeit wissen, in der sich ihr Körper radikal verändert, und wie wenig darüber gesprochen wird. Aus dieser Erfahrung entstand ihr informativer und unterhaltsamer Sachcomic „Peri Meno“.
der Freitag: Frau Lang, mit welchen Symptomen hat Sie die Perimenopause überrascht?
Rinah Lang: Mit Mitte 40 hatte ich auf einmal extreme Stimmungsschwankungen. Ich habe zeitweise alles in meinem Leben nur noch so düster gesehen, dass ich mich schon gefragt habe, ob ich eine Depression entwickle. Dann kamen auch noch Schlafstörungen dazu, die ich zuvor nie hatte. Irgendwann ist der Groschen gefallen und ich habe mich auf die Suche gemacht. Ich wusste zu dem Zeitpunkt eigentlich gar nichts über die Wechseljahre! Während meiner Recherchen habe ich gelernt, dass Frauen, die wie ich mit starkem PMS zu tun hatten, auch eine höhere Chance für extreme Stimmungsschwankungen während der Wechseljahre haben.
Was der richtige Weg ist, um diese massive Hormonumstellung am besten zu überstehen, da sind sich Mediziner*innen uneinig. Auch Sie beziehen in Ihrem Buch bewusst nicht klar Stellung.
Bezüglich medizinischer Mittel wie Hormonersatztherapien (HRT) stehen wir noch am Anfang. Die Studienlage ist momentan noch sehr dynamisch – es gibt für Nebenwirkungen noch keine Langzeitstudien und das meiste muss tatsächlich individuell abgewogen werden. Auch bei Ärzt*innen, die sich für die HRT aussprechen, gibt es Unterschiede: Manche plädieren dafür, die Einnahme von Hormonen auf möglichst wenige Jahre zu begrenzen, weil die Nebenwirkungen noch schwerer einzuschätzen sind. Andere sind wiederum dafür, die Hormone bei ausbleibenden Problemen bis zum Lebensende zu verschreiben, weil das später fehlende Östrogen so viel Gutes im Körper bewirkt.
Wie meinen Sie das: individuell abwägen?
Es bleibt komplex, weil nicht nur jede Frau eine andere Hormonzusammensetzung hat, sondern die auch noch je nach Tageszeit schwankt! Deswegen ist es auch völlig absurd, dass Gynäkolog*innen pro Quartal nur 16,80 Euro für Beratungen zu Wechseljahrsbeschwerden abrechnen dürfen, denn eine Frau fundiert zu beraten, erfordert Zeit.
An einer Stelle in Ihrem Comic stellen Sie sich eine Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, die öffentlich über ihre schlaflosen Nächte spricht und sich für mehr Forschung zu Frauengesundheit starkmacht. Sie schreiben dann aber gleich, dass das nicht möglich gewesen wäre.
In der aktuellen politischen Landschaft sind nach wie vor Männer tonangebend, sodass ich es für eher schwierig halte, transparent zu machen, durch etwas, das nur Frauen betrifft, körperlich und mental eingeschränkt zu sein. Als Freiberuflerin weiß ich aus Erfahrung, dass allein die Erwähnung, ein Kind bekommen zu haben, dich als Frau in unserem kapitalistischen System weniger attraktiv für Arbeit- oder Auftraggeber macht.
Trotzdem ist das ein Denkraum, den ich aufmachen will. Denn ich glaube, dass auch Männer Leistungsschwankungen unterliegen, die sich durch ihren Körper oder Alltag ergeben. Sie werden bloß weniger gezwungen, diese mitzuteilen. Es wäre aus meiner Perspektive sinnvoll, ein Arbeitsumfeld zu haben, wo das möglich ist, weil man unter dem Strich viel stärker rauskommen würde als Team. Aber die Realitäten sind derzeit leider nicht so, dass ich jeder Frau empfehlen würde, hier mit offenen Karten zu spielen.
Gab es einen konkreten Auslöser für Ihr Buch?
Ich war fassungslos, wie wenig das Thema präsent war und wie wenig alle dazu wussten! Ich lebe in Berlin-Kreuzberg, wo ja Frauenbelange durchaus eine Rolle spielen, wo viele aufgeklärt und feministisch sind. Trotzdem war das Wissen in meinem Bekanntenkreis dazu quasi null. Deswegen habe ich den Comic gemacht. Ich habe mich gar nicht gefragt, kann ich das? Sondern ich habe gedacht, ich muss das jetzt machen, weil es gesellschaftlich wichtig ist, weil ich mein neu erworbenes Wissen dazu weitergeben wollte, auch an eine jüngere Generation. Und weil es mir gutgetan hat, mich mit anderen auszutauschen, selbst zu recherchieren und Antworten zu finden.
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Trotz des schweren Themas ist „Peri Meno“ sehr unterhaltsam, fröhlich, lebensbejahend – auch durch die bunten und poppigen Zeichnungen.
Der Stil hat sich intuitiv entwickelt, weil ich ja aus der Zeichnung komme. Ich wusste, dass es ein Marathon sein würde, so einen Comic fertigzustellen. Finanziell treibt es einen auch in den Ruin … Daher war mir klar, dass es ein Stil sein muss, der mir rasch von der Hand geht und auf den ich Lust habe. Klar hätte ich es auch minimalistischer machen können, aber ich wollte, dass es mir bis zum Schluss Spaß macht.
Ich habe es mir selbst geschenkt, Sachen ausprobieren zu dürfen. Wie übersetze ich einen Wutanfall in Bilder? Und was muss ich vielleicht gar nicht mehr betexten, weil es durch die Zeichnungen schon klar wird?
Sie beschreiben, wie Sie sich erstmals im Fitnessstudio anmelden, um Knochen und Muskulatur zu stärken. Andererseits erwähnen Sie auch, dass die Perimenopause für viele Frauen so belastend ist, weil sie schon mit einem erhöhten Stresslevel – Job, Familie, Soziales – reingehen. Sehen Sie hier nicht die Gefahr, dass die immer stärker eingeforderte Selbstfürsorge für Frauen ab der Lebensmitte noch mehr Stress auslöst?
Natürlich muss man aufpassen, sich nicht noch zusätzlich unter Druck zu setzen. Es gibt ja mittlerweile fast eine Informationsflut zu diesem Thema. Trotzdem denke ich, dass nicht nur von außen Anforderungen an uns herangetragen werden, sondern man ja auch selbst merkt, dass der Körper jetzt etwas anderes will. Ich spüre, dass ich steif werde, wenn ich mich nicht bewege, was früher nicht so war.
Für manche ist es gut, wenn sie Gewichte heben, andere brauchen das vielleicht nicht in der Form. Ich finde es immer hilfreich, Frauen um uns herum, die älter sind und denen es gut geht, anzugucken. Die waren auch nicht alle beim Gewichtheben! Vielleicht haben die Gartenarbeit gemacht und das war für sie eine gute Antwort.
Sie sprechen auch davon, dass Frauen ab der Menopause „unsichtbar“ werden. Ist es aber nicht eine große Erleichterung, diesem sexistischen Male Gaze enthoben zu sein und nicht mehr primär als Objekt sichtbar zu werden?
Das sind ja zwei verschiedene Aspekte: Denn wenn ältere Frauen im Café übersehen und nicht bedient werden, ist das deprimierend, weil es eine doppelte Diskriminierung ist. Oder wenn sie mit 80 im Krankenhaus mit ihren Beschwerden einfach ignoriert werden.
Das stimmt, Gisèle Pelicot schreibt in ihren Memoiren auch, dass die Ärzte, die sie wegen ihrer massiven gesundheitlichen Probleme durch die Betäubungen ihres Mannes aufgesucht hatte, ihr immer wieder desinteressiert zu verstehen gegeben hätten, dass sie in ihrem Alter eh nichts mehr vom Leben zu erwarten hätte.
Genau. Da sollten wir schon den Finger in die Wunde legen, denn es ist auch statistisch belegt, dass Frauen im Alter noch mal weniger berücksichtigt werden. Trotzdem sehe ich dieses Lebensalter auch als wichtigen Moment, um sich selbst zu hinterfragen, wie sehr man sich über einen männlichen Blick definiert. Beziehungsweise wie man damit umgeht, dass der vielleicht nicht mehr so wie früher funktioniert. Und wie man vielleicht auch selbst die Perspektive ändert und stattdessen Blicke mit anderen Frauen austauscht, die man selbst cool und empowernd findet.
Wie konnten Sie die feministische Gynäkologin Mandy Mangler, die einen populären Gynäkologie-Podcast hat und ja ein richtiger Social-Media-Star ist, für das Nachwort gewinnen?
Als ich vor vier Jahren mit dem Comic angefangen habe, gab es eben noch sehr wenige Frauen, die zu dem Thema gearbeitet haben. Und da kommt man dann ziemlich schnell auf die üblichen Verdächtigen. Damals hatten noch wenige von uns eine große Reichweite und wir waren alle froh, wenn irgendjemand der Sache zu mehr Sichtbarkeit verhelfen wollte. Und Mandy Mangler ist generell offen für Kooperationen und hält viele Bälle gleichzeitig in der Luft.
Mandy Mangler, schreiben Sie, betont, dass es die Andropause, also die männliche Menopause, nicht gibt. Ich fand die Vorstellung immer tröstlich, dass Männer in der Lebensmitte ähnlich radikale hormonelle Veränderungen durchmachen wie Frauen und hatte mir gewünscht, das könnte zu mehr Solidarität zwischen den Geschlechtern führen.
Mangler ist es wichtig, diese Veränderungen nicht gleichzusetzen. Natürlich gibt es Überschneidungen durch den Alterungsprozess, die Energieressourcen werden begrenzter und so weiter. Aber da wären wir schnell bei dem Punkt: „Macht euch mal locker, bei uns ist es doch auch nicht so schlimm.“ Denn bei Frauen sind die Wechseljahre ein radikaler Umbau, den ich auch mit Kurven in meinem Buch belege.
Das sind wild ausschlagende Wellen, mitunter jeden Tag! Bei Männern gibt es hingegen eine nur schleichende Veränderung mit einem Abfall des Testosteronspiegels um ein Prozent pro Jahr. Das beginnt ungefähr mit 40. Es geht einfach darum, zu zeigen, dass das eine enorme Leistung ist, die der weibliche Körper in dieser Zeit im Gegensatz zum männlichen erbringen muss.
Was soll Ihr Buch idealerweise auslösen?
Viele ergebnisoffene Gespräche! Die Leute sollen sich frei über ihre Situation austauschen können, aber eben auch über das, was sie von der Gesellschaft, der Politik, der Arbeitswelt und der Medizin erwarten und brauchen. Was wir vor allem brauchen, sind einfach mehr Fakten! Und die bekommen wir nur, wenn auch der Austausch zu diesem wichtigen Thema gepusht wird und das Bewusstsein wächst, dass wir in der Forschung und Versorgung aufholen müssen.
Rinah Lang hat in den Niederlanden und Schottland studiert und arbeitet freiberuflich als Illustratorin für verschiedene Magazine und Zeitungen. 2023 erhielt sie für „Peri Meno“, der Anfang März im Carlsen-Verlag erschienen ist, das Berliner Comicstipendium
abe zeitweise alles in meinem Leben nur noch so düster gesehen, dass ich mich schon gefragt habe, ob ich eine Depression entwickle. Dann kamen auch noch Schlafstörungen dazu, die ich zuvor nie hatte. Irgendwann ist der Groschen gefallen und ich habe mich auf die Suche gemacht. Ich wusste zu dem Zeitpunkt eigentlich gar nichts über die Wechseljahre! Während meiner Recherchen habe ich gelernt, dass Frauen, die wie ich mit starkem PMS zu tun hatten, auch eine höhere Chance für extreme Stimmungsschwankungen während der Wechseljahre haben.Was der richtige Weg ist, um diese massive Hormonumstellung am besten zu überstehen, da sind sich Mediziner*innen uneinig. Auch Sie beziehen in Ihrem Buch bewusst nicht klar Stellung.Bezüglich medizinischer Mittel wie Hormonersatztherapien (HRT) stehen wir noch am Anfang. Die Studienlage ist momentan noch sehr dynamisch – es gibt für Nebenwirkungen noch keine Langzeitstudien und das meiste muss tatsächlich individuell abgewogen werden. Auch bei Ärzt*innen, die sich für die HRT aussprechen, gibt es Unterschiede: Manche plädieren dafür, die Einnahme von Hormonen auf möglichst wenige Jahre zu begrenzen, weil die Nebenwirkungen noch schwerer einzuschätzen sind. Andere sind wiederum dafür, die Hormone bei ausbleibenden Problemen bis zum Lebensende zu verschreiben, weil das später fehlende Östrogen so viel Gutes im Körper bewirkt.Wie meinen Sie das: individuell abwägen?Es bleibt komplex, weil nicht nur jede Frau eine andere Hormonzusammensetzung hat, sondern die auch noch je nach Tageszeit schwankt! Deswegen ist es auch völlig absurd, dass Gynäkolog*innen pro Quartal nur 16,80 Euro für Beratungen zu Wechseljahrsbeschwerden abrechnen dürfen, denn eine Frau fundiert zu beraten, erfordert Zeit.An einer Stelle in Ihrem Comic stellen Sie sich eine Bundeskanzlerin Angela Merkel vor, die öffentlich über ihre schlaflosen Nächte spricht und sich für mehr Forschung zu Frauengesundheit starkmacht. Sie schreiben dann aber gleich, dass das nicht möglich gewesen wäre.In der aktuellen politischen Landschaft sind nach wie vor Männer tonangebend, sodass ich es für eher schwierig halte, transparent zu machen, durch etwas, das nur Frauen betrifft, körperlich und mental eingeschränkt zu sein. Als Freiberuflerin weiß ich aus Erfahrung, dass allein die Erwähnung, ein Kind bekommen zu haben, dich als Frau in unserem kapitalistischen System weniger attraktiv für Arbeit- oder Auftraggeber macht.Trotzdem ist das ein Denkraum, den ich aufmachen will. Denn ich glaube, dass auch Männer Leistungsschwankungen unterliegen, die sich durch ihren Körper oder Alltag ergeben. Sie werden bloß weniger gezwungen, diese mitzuteilen. Es wäre aus meiner Perspektive sinnvoll, ein Arbeitsumfeld zu haben, wo das möglich ist, weil man unter dem Strich viel stärker rauskommen würde als Team. Aber die Realitäten sind derzeit leider nicht so, dass ich jeder Frau empfehlen würde, hier mit offenen Karten zu spielen.Gab es einen konkreten Auslöser für Ihr Buch?Ich war fassungslos, wie wenig das Thema präsent war und wie wenig alle dazu wussten! Ich lebe in Berlin-Kreuzberg, wo ja Frauenbelange durchaus eine Rolle spielen, wo viele aufgeklärt und feministisch sind. Trotzdem war das Wissen in meinem Bekanntenkreis dazu quasi null. Deswegen habe ich den Comic gemacht. Ich habe mich gar nicht gefragt, kann ich das? Sondern ich habe gedacht, ich muss das jetzt machen, weil es gesellschaftlich wichtig ist, weil ich mein neu erworbenes Wissen dazu weitergeben wollte, auch an eine jüngere Generation. Und weil es mir gutgetan hat, mich mit anderen auszutauschen, selbst zu recherchieren und Antworten zu finden.Placeholder image-1Trotz des schweren Themas ist „Peri Meno“ sehr unterhaltsam, fröhlich, lebensbejahend – auch durch die bunten und poppigen Zeichnungen.Der Stil hat sich intuitiv entwickelt, weil ich ja aus der Zeichnung komme. Ich wusste, dass es ein Marathon sein würde, so einen Comic fertigzustellen. Finanziell treibt es einen auch in den Ruin … Daher war mir klar, dass es ein Stil sein muss, der mir rasch von der Hand geht und auf den ich Lust habe. Klar hätte ich es auch minimalistischer machen können, aber ich wollte, dass es mir bis zum Schluss Spaß macht.Ich habe es mir selbst geschenkt, Sachen ausprobieren zu dürfen. Wie übersetze ich einen Wutanfall in Bilder? Und was muss ich vielleicht gar nicht mehr betexten, weil es durch die Zeichnungen schon klar wird?Sie beschreiben, wie Sie sich erstmals im Fitnessstudio anmelden, um Knochen und Muskulatur zu stärken. Andererseits erwähnen Sie auch, dass die Perimenopause für viele Frauen so belastend ist, weil sie schon mit einem erhöhten Stresslevel – Job, Familie, Soziales – reingehen. Sehen Sie hier nicht die Gefahr, dass die immer stärker eingeforderte Selbstfürsorge für Frauen ab der Lebensmitte noch mehr Stress auslöst?Natürlich muss man aufpassen, sich nicht noch zusätzlich unter Druck zu setzen. Es gibt ja mittlerweile fast eine Informationsflut zu diesem Thema. Trotzdem denke ich, dass nicht nur von außen Anforderungen an uns herangetragen werden, sondern man ja auch selbst merkt, dass der Körper jetzt etwas anderes will. Ich spüre, dass ich steif werde, wenn ich mich nicht bewege, was früher nicht so war.Für manche ist es gut, wenn sie Gewichte heben, andere brauchen das vielleicht nicht in der Form. Ich finde es immer hilfreich, Frauen um uns herum, die älter sind und denen es gut geht, anzugucken. Die waren auch nicht alle beim Gewichtheben! Vielleicht haben die Gartenarbeit gemacht und das war für sie eine gute Antwort.Sie sprechen auch davon, dass Frauen ab der Menopause „unsichtbar“ werden. Ist es aber nicht eine große Erleichterung, diesem sexistischen Male Gaze enthoben zu sein und nicht mehr primär als Objekt sichtbar zu werden?Das sind ja zwei verschiedene Aspekte: Denn wenn ältere Frauen im Café übersehen und nicht bedient werden, ist das deprimierend, weil es eine doppelte Diskriminierung ist. Oder wenn sie mit 80 im Krankenhaus mit ihren Beschwerden einfach ignoriert werden.Das stimmt, Gisèle Pelicot schreibt in ihren Memoiren auch, dass die Ärzte, die sie wegen ihrer massiven gesundheitlichen Probleme durch die Betäubungen ihres Mannes aufgesucht hatte, ihr immer wieder desinteressiert zu verstehen gegeben hätten, dass sie in ihrem Alter eh nichts mehr vom Leben zu erwarten hätte.Genau. Da sollten wir schon den Finger in die Wunde legen, denn es ist auch statistisch belegt, dass Frauen im Alter noch mal weniger berücksichtigt werden. Trotzdem sehe ich dieses Lebensalter auch als wichtigen Moment, um sich selbst zu hinterfragen, wie sehr man sich über einen männlichen Blick definiert. Beziehungsweise wie man damit umgeht, dass der vielleicht nicht mehr so wie früher funktioniert. Und wie man vielleicht auch selbst die Perspektive ändert und stattdessen Blicke mit anderen Frauen austauscht, die man selbst cool und empowernd findet.Wie konnten Sie die feministische Gynäkologin Mandy Mangler, die einen populären Gynäkologie-Podcast hat und ja ein richtiger Social-Media-Star ist, für das Nachwort gewinnen?Als ich vor vier Jahren mit dem Comic angefangen habe, gab es eben noch sehr wenige Frauen, die zu dem Thema gearbeitet haben. Und da kommt man dann ziemlich schnell auf die üblichen Verdächtigen. Damals hatten noch wenige von uns eine große Reichweite und wir waren alle froh, wenn irgendjemand der Sache zu mehr Sichtbarkeit verhelfen wollte. Und Mandy Mangler ist generell offen für Kooperationen und hält viele Bälle gleichzeitig in der Luft.Mandy Mangler, schreiben Sie, betont, dass es die Andropause, also die männliche Menopause, nicht gibt. Ich fand die Vorstellung immer tröstlich, dass Männer in der Lebensmitte ähnlich radikale hormonelle Veränderungen durchmachen wie Frauen und hatte mir gewünscht, das könnte zu mehr Solidarität zwischen den Geschlechtern führen.Mangler ist es wichtig, diese Veränderungen nicht gleichzusetzen. Natürlich gibt es Überschneidungen durch den Alterungsprozess, die Energieressourcen werden begrenzter und so weiter. Aber da wären wir schnell bei dem Punkt: „Macht euch mal locker, bei uns ist es doch auch nicht so schlimm.“ Denn bei Frauen sind die Wechseljahre ein radikaler Umbau, den ich auch mit Kurven in meinem Buch belege.Das sind wild ausschlagende Wellen, mitunter jeden Tag! Bei Männern gibt es hingegen eine nur schleichende Veränderung mit einem Abfall des Testosteronspiegels um ein Prozent pro Jahr. Das beginnt ungefähr mit 40. Es geht einfach darum, zu zeigen, dass das eine enorme Leistung ist, die der weibliche Körper in dieser Zeit im Gegensatz zum männlichen erbringen muss.Was soll Ihr Buch idealerweise auslösen?Viele ergebnisoffene Gespräche! Die Leute sollen sich frei über ihre Situation austauschen können, aber eben auch über das, was sie von der Gesellschaft, der Politik, der Arbeitswelt und der Medizin erwarten und brauchen. Was wir vor allem brauchen, sind einfach mehr Fakten! Und die bekommen wir nur, wenn auch der Austausch zu diesem wichtigen Thema gepusht wird und das Bewusstsein wächst, dass wir in der Forschung und Versorgung aufholen müssen.