Obwohl von der Neuen Volksfront nicht mehr viel übrig ist, bleiben für die Linksparteien Resthoffnungen im Blick auf die Präsidentenwahl im kommenden Jahr, zumal der rechte Rassemblement National nicht solche Zugewinne bekam wie erhofft


In Straßburg feiern Menschen die Wahlergebnisse der Kommunalwahlen 2026

Foto: Antoine Jaussaud/Hans Lucas/AFP/Getty Images


Nach den Kommunalwahlen in Frankreich darf die plurale und zugleich sehr zerrissene Linke im Hinblick auf das Entscheidungsjahr 2027 wieder hoffen. Dieses Fazit lässt sich nach zwei Urnengängen innerhalb einer Woche bedenkenlos ziehen.

Weder triumphierte die extreme Rechte des Rassemblement National (RN) noch boten Konservative und Zentristen eine überzeugende Vorstellung: Die drei größten Metropolen Paris, Marseille und Lyon werden weiterhin von Progressiven regiert. Und naturgemäß sind bei Kommunalwahlen nicht alle Ergebnisse von landesweiter Bedeutung, aber etliche eben doch.

Jubeln durfte selbst die KP

Die Partei La France Insoumise (LFI), die „Unbeugsamen“, deren erklärtes Ziel die Überwindung der dysfunktional gewordenen Fünften Republik ist, wird erstmals in einigen Mittelstädten den Bürgermeister stellen – etwa im nordfranzösischen Roubaix oder in den Pariser Vorstädten Saint-Denis, Sarcelles und La Courneuve.

Nicht nur die Sozialisten freuen sich über die klaren Wahlsiege in Paris und Marseille, wo sich Linksbündnisse ohne LFI gegen eine schwarz-blaue Rechte durchsetzten. Der grüne Amtsinhaber der drittgrößten französischen Metropole Lyon siegte denkbar knapp mit einer Allianz einschließlich der „Unbeugsamen“ – in jener Stadt also, wo der dramatische Tod eines jungen Rechtsextremisten vor einigen Wochen eine wochenlange, landesweite Anti-LFI-Kampagne ausgelöst hatte.

Jubeln durfte selbst die KP als schwächstes Glied der in den vergangenen Monaten kaum noch existenten Neuen Volksfront, jener Linksallianz, die noch bei den Parlamentswahlen im Sommer 2024 einen Überraschungserfolg erzielt hatte. Im südfranzösischen Nîmes regiert künftig nach einem Sieg über den Kandidaten des rechtsnationalen Rassemblement National (RN) ein Kommunist. Grüne Bürgermeister, die großen Überraschungsprotagonisten der Kommunalwahlen 2020, verloren in Bordeaux, Strasbourg, Besançon oder Poitiers. Keine Frage, auch in Frankreich findet ein antiökologischer Backlash statt.

Die bitterste Niederlage erlitt die Linke in Toulouse, wo sie sich in der zweiten Runde zusammengerauft hatte. Dort kam die von einem beliebten, vergleichsweise pragmatischen LFI-Kandidaten angeführte Gemeinschaftsliste in der Stichwahl auf weniger Stimmen als zusammengerechnet vor einer Woche. Folglich setzte sich der konservative Amtsinhaber Jean-Luc Moudenc klar durch, der gegen eine „Allianz der Schande“ zwischen Sozialisten und Unbeugsamen plakatiert hatte.

Die Zentristen um den extrem unbeliebten Staatschef Emmanuel Macron schrumpften. Hingegen dominiert das rechtsbürgerliche Lager erneut die mit Abstand meisten Rathäuser in ganz Frankreich.

Die weichgespülten und in den Medien sehr präsenten Rechtsnationalen um Marine Le Pen und ihren jungen Nachfolger Jordan Bardella haben ihre Stellung in allen Landesteilen ausbauen können. Auf einen spektakulären Sieg warteten sie jedoch vergeblich, in Marseille blieben sie in der Stichwahl bei 40 Prozent hängen.

Theorie der unversöhnlichen Linken

Wirklich zufrieden darf man bei den linken Parteien, die ja auch soziostrukturell benachteiligt sind, allerdings nicht sein: Sie haben praktisch nur noch in größeren Städten gepunktet, mit dem Ergebnis, dass 22 von 42 größeren Städten in progressiver Hand sind.

Bei La France Insoumise, deren Wortführer zuletzt gebetsmühlenartig einen „Durchbruch“ beschworen hatten, beschränkte der sich fast immer auf stark migrantisch geprägte Vororte. Dort, vor allem bei den Jungwählern, sucht und findet ihr Parteichef Jean-Luc Mélenchon viel Rückhalt. Doch spielt er mit seinem Kurs der Dauerpolarisierung gegenüber RN, den Traditionsrechten, den Macronisten und jetzt auch Sozialisten gerade jenen in die Hände, die er bekämpfen will: der Rechtsaußen-Partei von Marine Le Pen.

Wenn es darum geht, Wechselwähler aus dem bürgerlichen Lager zu gewinnen, ist LFI eher ein Hindernis. Analysten sprechen davon, dass sich die Theorie der unversöhnlichen Linken durchgesetzt habe – nicht unbedingt ein gutes Vorzeichen für das Präsidentenwahljahr 2027. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass sich die Bürgerlichen genauso wenig grün sind wie die Linken. Vielleicht hilft die Rückbesinnung auf einen allseits respektierten Sozialisten, der am Sonntag im Alter von 88 Jahren gestorben ist: Lionel Jospin, Ex-Trotzkist, enger Mitarbeiter des einstigen Präsidenten François Mitterrand und von 1997 bis 2002 Premierminister unter dem Gaullisten Jacques Chirac.

Jospin führte in seiner Regierungszeit bahnbrechende Reformen wie die 35-Stunden-Woche oder den freien Zugang für alle zum öffentlichen Gesundheitswesen ein. Er gilt zudem als Architekt einer pluralistischen Linken unter Beteiligung der Grünen.

Die Frage der Fragen in den nächsten Monaten

2027 dürfte die Linke nur eine Chance haben, wenn sie sich auf einen charismatischen Kompromisskandidaten einigt. Dies jedoch lehnen nach wie vor sowohl Jean-Luc Mélenchon als auch der rechte Flügel des Parti Socialiste ab.

Ob sich die große Mehrheit der linksorientierten Französinnen und Franzosen, die diese Einheit wollen, gegen jene Parteistrategen durchsetzen können, die genau das verhindern möchten? So lautet die Frage der Fragen, die in den kommenden Monaten nicht verstummen dürfte. Ein strategisches Chaos jedenfalls kann sich die Linke kaum leisten.

ubeln durfte selbst die KPDie Partei La France Insoumise (LFI), die „Unbeugsamen“, deren erklärtes Ziel die Überwindung der dysfunktional gewordenen Fünften Republik ist, wird erstmals in einigen Mittelstädten den Bürgermeister stellen – etwa im nordfranzösischen Roubaix oder in den Pariser Vorstädten Saint-Denis, Sarcelles und La Courneuve.Nicht nur die Sozialisten freuen sich über die klaren Wahlsiege in Paris und Marseille, wo sich Linksbündnisse ohne LFI gegen eine schwarz-blaue Rechte durchsetzten. Der grüne Amtsinhaber der drittgrößten französischen Metropole Lyon siegte denkbar knapp mit einer Allianz einschließlich der „Unbeugsamen“ – in jener Stadt also, wo der dramatische Tod eines jungen Rechtsextremisten vor einigen Wochen eine wochenlange, landesweite Anti-LFI-Kampagne ausgelöst hatte.Jubeln durfte selbst die KP als schwächstes Glied der in den vergangenen Monaten kaum noch existenten Neuen Volksfront, jener Linksallianz, die noch bei den Parlamentswahlen im Sommer 2024 einen Überraschungserfolg erzielt hatte. Im südfranzösischen Nîmes regiert künftig nach einem Sieg über den Kandidaten des rechtsnationalen Rassemblement National (RN) ein Kommunist. Grüne Bürgermeister, die großen Überraschungsprotagonisten der Kommunalwahlen 2020, verloren in Bordeaux, Strasbourg, Besançon oder Poitiers. Keine Frage, auch in Frankreich findet ein antiökologischer Backlash statt.Die bitterste Niederlage erlitt die Linke in Toulouse, wo sie sich in der zweiten Runde zusammengerauft hatte. Dort kam die von einem beliebten, vergleichsweise pragmatischen LFI-Kandidaten angeführte Gemeinschaftsliste in der Stichwahl auf weniger Stimmen als zusammengerechnet vor einer Woche. Folglich setzte sich der konservative Amtsinhaber Jean-Luc Moudenc klar durch, der gegen eine „Allianz der Schande“ zwischen Sozialisten und Unbeugsamen plakatiert hatte.Die Zentristen um den extrem unbeliebten Staatschef Emmanuel Macron schrumpften. Hingegen dominiert das rechtsbürgerliche Lager erneut die mit Abstand meisten Rathäuser in ganz Frankreich. Die weichgespülten und in den Medien sehr präsenten Rechtsnationalen um Marine Le Pen und ihren jungen Nachfolger Jordan Bardella haben ihre Stellung in allen Landesteilen ausbauen können. Auf einen spektakulären Sieg warteten sie jedoch vergeblich, in Marseille blieben sie in der Stichwahl bei 40 Prozent hängen. Theorie der unversöhnlichen LinkenWirklich zufrieden darf man bei den linken Parteien, die ja auch soziostrukturell benachteiligt sind, allerdings nicht sein: Sie haben praktisch nur noch in größeren Städten gepunktet, mit dem Ergebnis, dass 22 von 42 größeren Städten in progressiver Hand sind.Bei La France Insoumise, deren Wortführer zuletzt gebetsmühlenartig einen „Durchbruch“ beschworen hatten, beschränkte der sich fast immer auf stark migrantisch geprägte Vororte. Dort, vor allem bei den Jungwählern, sucht und findet ihr Parteichef Jean-Luc Mélenchon viel Rückhalt. Doch spielt er mit seinem Kurs der Dauerpolarisierung gegenüber RN, den Traditionsrechten, den Macronisten und jetzt auch Sozialisten gerade jenen in die Hände, die er bekämpfen will: der Rechtsaußen-Partei von Marine Le Pen.Wenn es darum geht, Wechselwähler aus dem bürgerlichen Lager zu gewinnen, ist LFI eher ein Hindernis. Analysten sprechen davon, dass sich die Theorie der unversöhnlichen Linken durchgesetzt habe – nicht unbedingt ein gutes Vorzeichen für das Präsidentenwahljahr 2027. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass sich die Bürgerlichen genauso wenig grün sind wie die Linken. Vielleicht hilft die Rückbesinnung auf einen allseits respektierten Sozialisten, der am Sonntag im Alter von 88 Jahren gestorben ist: Lionel Jospin, Ex-Trotzkist, enger Mitarbeiter des einstigen Präsidenten François Mitterrand und von 1997 bis 2002 Premierminister unter dem Gaullisten Jacques Chirac.Jospin führte in seiner Regierungszeit bahnbrechende Reformen wie die 35-Stunden-Woche oder den freien Zugang für alle zum öffentlichen Gesundheitswesen ein. Er gilt zudem als Architekt einer pluralistischen Linken unter Beteiligung der Grünen.Die Frage der Fragen in den nächsten Monaten2027 dürfte die Linke nur eine Chance haben, wenn sie sich auf einen charismatischen Kompromisskandidaten einigt. Dies jedoch lehnen nach wie vor sowohl Jean-Luc Mélenchon als auch der rechte Flügel des Parti Socialiste ab.Ob sich die große Mehrheit der linksorientierten Französinnen und Franzosen, die diese Einheit wollen, gegen jene Parteistrategen durchsetzen können, die genau das verhindern möchten? So lautet die Frage der Fragen, die in den kommenden Monaten nicht verstummen dürfte. Ein strategisches Chaos jedenfalls kann sich die Linke kaum leisten.



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