Die Sehnsucht nach familiärer Harmonie ist groß – das Konfliktpotenzial oft größer. Psycholog*innen und eine Glücksforscherin erklären, wie wir entspannter durch die Feiertage kommen
Wenn der Baum brennt, Nerven bewahren
Foto: Friedrich Bungert/SZ Photo/picture alliance
Die Feiertage gelten als Zeit der Nähe, der Harmonie, des Zusammenseins. Doch für viele Menschen ist genau das der Moment, vor dem sie sich insgeheim fürchten. Kaum sitzt die Familie am Tisch, reichen ein schiefer Blick, eine beiläufige Bemerkung oder ein alter Konflikt – und die Stimmung kippt.
Warum eskalieren ausgerechnet an Feiertagen familiäre Spannungen? Und was hilft, wenn alte Muster wieder auftauchen?
Hohe Erwartungen, alte Rollen – eine explosive Mischung
„An Feiertagen ist die Erwartung, dass alles harmonisch und festlich sein soll, besonders hoch“, erklärt der Psychologe Peter Kaiser. Gerade Weihnachten sei für viele Familien ein emotional aufgeladenes Ritual, auf das sich das ganze Jahr über Erwartungen ansammeln.
Das Problem: Diese Erwartungen werden selten ausgesprochen. „Wenn Erwartungen – gerade hohe Erwartungen – enttäuscht werden, steigt die Konfliktanfälligkeit erheblich“, sagt Kaiser. Alte Beziehungsprobleme, ungeklärte Verletzungen und aktuelle Enttäuschungen verstärken einander. In der Psychologie spricht man von einem kumulativen Effekt: Stress kommt zu Stress – und kann schließlich zur Eskalation führen.
Das emotionale Gedächtnis vergisst nicht
Darüber hinaus treffen an den Feiertagen Konstellationen aufeinander, die im Alltag kaum existieren. Angehörige, die sich sonst selten sehen, verbringen plötzlich viele Stunden oder sogar mehrere Tage miteinander. Viele Menschen starten zudem bereits erschöpft in die Feiertage, sagt Familien- und Paartherapeutin Beatrix Heizmann: „Die Zeit davor ist beruflich und privat oft besonders stressig, weil noch vieles erledigt werden muss.“ Statt Erholung beginnt das Fest nicht selten mit dem Gefühl, eigentlich erst einmal Ruhe zu brauchen – schlechte Voraussetzungen für entspannte Tage.
Das emotionale Gedächtnis vergisst nicht
Warum aber verletzen gerade kleine Bemerkungen aus der Familie so tief – viel stärker als ähnliche Kommentare von Kolleg*innen oder Freund*innen? „Familienbeziehungen sind Bindungsbeziehungen“, erklärt Kaiser. In ihnen geht es um Grundbedürfnisse wie Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstwert. Wer in seiner Beziehungsgeschichte Kränkungen erlebt hat, trägt diese emotionalen Spuren weiter mit sich. Sie verschwinden nicht – auch wenn man im Alltag nicht mehr bewusst an sie denkt.
„Das emotionale Gedächtnis vergisst nicht“, sagt der Psychologe. Bestimmte Reize – ein Tonfall, ein Blick, ein Satz – können alte emotionale Schemata aktivieren. Die Gefühle sind dann „wie am ersten Tag“ wieder da. Das Entscheidende: Diese Reaktionen laufen größtenteils neuropsychologisch ab, also nicht rein bewusst oder rational steuerbar. Deshalb hilft der gut gemeinte Satz „Reg dich doch nicht so auf“ kaum – im Gegenteil, er verschärft oft die Situation.
Warum wir in der Familie weniger sachlich bleiben können
Viele Menschen wundern sich, warum sie im Berufsleben souverän diskutieren können, während sie bei der eigenen Familie emotional überreagieren. Für Kaiser ist das kein Widerspruch: „Es gibt keinen emotionsfreien Raum.“ Auch im Alltag und im Job sind Emotionen beteiligt – in der Familie jedoch greifen sie tiefer, weil Identität und Selbstwert stärker berührt sind.
Dazu kommt: Wahrnehmung ist immer subjektiv. „Die menschliche Wahrnehmung bildet Realität nicht objektiv ab“, erklärt er. Jeder Mensch filtert Situationen durch eigene Erfahrungen, Erwartungen und Gefühle. Was für die eine Person harmlos wirkt, kann für die andere eine alte Kränkung reaktivieren. Ohne dieses Wissen geraten Gespräche schnell auf eine persönliche Ebene, auf der es nicht mehr um Inhalte geht, sondern um gefühlte Abwertung.
Der häufigste Fehler: sich selbst nicht ernst nehmen
Aus Kaisers Sicht machen viele Menschen an Feiertagen denselben Fehler: Sie setzen sich nicht ausreichend mit ihren eigenen Wünschen und Befürchtungen auseinander. „Man kann nicht keine Erwartungen haben“, sagt er. Wer sie ignoriert, tappt umso leichter in die Enttäuschungsfalle.
Statt sich einzureden, man werde „schon irgendwie klarkommen“, empfiehlt er eine ehrliche Selbstklärung im Vorfeld – besonders in Partnerschaften. Was wollen wir erleben? Was wollen wir vermeiden? Und wo liegen unsere Grenzen? Werden diese Fragen nicht geklärt, entstehen nicht nur Familien-, sondern auch Paarkonflikte.
Man kann nicht keine Erwartungen haben
Heizmann ergänzt: „Viele denken, alle anderen feiern friedlich und harmonisch im Kreis der Familie – das ist ein klassischer Irrtum.“ Diese Vorstellung verstärkt den Druck zusätzlich.
Vorbereitung statt Eskalation: Was wirklich hilft
Entlastung entsteht dort, wo Erwartungen frühzeitig abgestimmt werden. Das kann bedeuten, Aufgaben zu verteilen, Besuchszeiten zu begrenzen oder auch bewusst zu entscheiden, mit wem man Zeit verbringen möchte – und mit wem nicht. „Manchmal ist es auch besser, getrennte Arrangements zu finden“, sagt Kaiser. Nähe um jeden Preis sei kein Zeichen von Beziehungsstärke.
Kommt es dennoch zum Streit, rät Kaiser von Argumentation ab. Wer emotional aufgebracht ist, fühlt sich durch Gegenargumente schnell weiter angegriffen. Deeskalierend wirkt stattdessen, aktiv zuzuhören und Fragen zu stellen: Was bräuchtest du gerade? Wie müsste es sein, damit du zufrieden bist? Das signalisiert Interesse und Wertschätzung – ohne Zustimmung zu erzwingen. „Verständnis ist keine Zustimmung“, betont er.
Weniger Perfektion, mehr Menschlichkeit
Auch Glücksforscherin Maike van den Boom plädiert für einen Perspektivwechsel. Aus ihrer Sicht ist es vor allem der Perfektionismus, der Feiertage belastet. „Es wäre viel besser, das Ganze entspannter zu sehen – und nicht so perfekt“, sagt sie. Humor könne helfen, Druck herauszunehmen und festgefahrene Muster aufzubrechen. Denn fast jede Misere hat auch eine komische Seite: Perfektionismus ist selten lustig, kleine Pannen hingegen oft schon – und genau darum geht es an Feiertagen schließlich: um eine gute Stimmung.
Statt immer gleiche Rituale zu wiederholen, empfiehlt sie spielerische Elemente: kleine Dankbarkeitsrunden, gemeinsame Spiele oder bewusst neue Traditionen. Die Glücksforscherin verrät dabei, was in der Glücksforschung als einer der wichtigsten Schlüssel zum Glück gilt: Dankbarkeit. „Fünf Dinge am Tag aufzuschreiben, für die man dankbar ist, hebt das Glücksniveau“, erklärt sie. Auch an Feiertagen lasse sich das gut aufgreifen – etwa, indem jede Person einer anderen sagt, was sie an ihr schätzt. „Das lenkt Gespräche auf eine andere Ebene – auf das, was gut läuft“, sagt sie.
Fünf Dinge am Tag aufzuschreiben, für die man dankbar ist, hebt das Glücksniveau
Inspiration könne man sich auch aus anderen Kulturen holen, etwa aus dem schwedischen Konzept „Lagom“: nicht zu viel, nicht zu wenig, sondern genau richtig. Wer nach diesem Prinzip plant, reduziert automatisch den Druck, das perfekte Fest zu inszenieren – weder der größte Baum, das opulenteste Essen noch die teuersten Geschenke sind nötig. Das Glück liegt in der Mitte – nicht im Maximum. „Lagom“ erinnert daran: Es geht um das Miteinander, nicht um Perfektion.
Entlastend sei auch, Hilfe anzunehmen. „Helfen macht glücklich – und um Hilfe bitten auch“, betont sie. Wer um Hilfe bittet, zeigt Bereitschaft, Verantwortung zu teilen, und signalisiert Vertrauen und Verbundenheit. Das nehme nicht nur Druck von Einzelnen, sondern stärke das Gemeinschaftsgefühl.
Streit heißt nicht: gescheiterte Familie
Konflikte an Feiertagen sind kein Beweis für dysfunktionale Beziehungen. Im Gegenteil: Sie entstehen dort, wo Nähe, Bedeutung und Erwartungen besonders groß sind. Entscheidend ist nicht, ob es kracht – sondern wie damit umgegangen wird. Wo Gespräche ergebnisoffen bleiben, kann Streit sogar verbindend wirken, betont Heizmann.
„Überlegen Sie sich, was Ihnen an Weihnachten am wichtigsten ist und worauf Sie sich wirklich freuen“, rät Kaiser. Wer den Fokus von Perfektion auf Verbindung verschiebt, senkt die Eskalationsgefahr erheblich.
Oder, wie van den Boom es formuliert: weniger Stress, weniger Anspruch, mehr Wärme. Nähe entsteht nicht durch makellose Feste – sondern durch ehrliche Begegnungen.
ze Jahr über Erwartungen ansammeln.Das Problem: Diese Erwartungen werden selten ausgesprochen. „Wenn Erwartungen – gerade hohe Erwartungen – enttäuscht werden, steigt die Konfliktanfälligkeit erheblich“, sagt Kaiser. Alte Beziehungsprobleme, ungeklärte Verletzungen und aktuelle Enttäuschungen verstärken einander. In der Psychologie spricht man von einem kumulativen Effekt: Stress kommt zu Stress – und kann schließlich zur Eskalation führen.Das emotionale Gedächtnis vergisst nichtPeter Kaiser, PsychologeDarüber hinaus treffen an den Feiertagen Konstellationen aufeinander, die im Alltag kaum existieren. Angehörige, die sich sonst selten sehen, verbringen plötzlich viele Stunden oder sogar mehrere Tage miteinander. Viele Menschen starten zudem bereits erschöpft in die Feiertage, sagt Familien- und Paartherapeutin Beatrix Heizmann: „Die Zeit davor ist beruflich und privat oft besonders stressig, weil noch vieles erledigt werden muss.“ Statt Erholung beginnt das Fest nicht selten mit dem Gefühl, eigentlich erst einmal Ruhe zu brauchen – schlechte Voraussetzungen für entspannte Tage.Das emotionale Gedächtnis vergisst nichtWarum aber verletzen gerade kleine Bemerkungen aus der Familie so tief – viel stärker als ähnliche Kommentare von Kolleg*innen oder Freund*innen? „Familienbeziehungen sind Bindungsbeziehungen“, erklärt Kaiser. In ihnen geht es um Grundbedürfnisse wie Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstwert. Wer in seiner Beziehungsgeschichte Kränkungen erlebt hat, trägt diese emotionalen Spuren weiter mit sich. Sie verschwinden nicht – auch wenn man im Alltag nicht mehr bewusst an sie denkt.„Das emotionale Gedächtnis vergisst nicht“, sagt der Psychologe. Bestimmte Reize – ein Tonfall, ein Blick, ein Satz – können alte emotionale Schemata aktivieren. Die Gefühle sind dann „wie am ersten Tag“ wieder da. Das Entscheidende: Diese Reaktionen laufen größtenteils neuropsychologisch ab, also nicht rein bewusst oder rational steuerbar. Deshalb hilft der gut gemeinte Satz „Reg dich doch nicht so auf“ kaum – im Gegenteil, er verschärft oft die Situation.Warum wir in der Familie weniger sachlich bleiben könnenViele Menschen wundern sich, warum sie im Berufsleben souverän diskutieren können, während sie bei der eigenen Familie emotional überreagieren. Für Kaiser ist das kein Widerspruch: „Es gibt keinen emotionsfreien Raum.“ Auch im Alltag und im Job sind Emotionen beteiligt – in der Familie jedoch greifen sie tiefer, weil Identität und Selbstwert stärker berührt sind.Dazu kommt: Wahrnehmung ist immer subjektiv. „Die menschliche Wahrnehmung bildet Realität nicht objektiv ab“, erklärt er. Jeder Mensch filtert Situationen durch eigene Erfahrungen, Erwartungen und Gefühle. Was für die eine Person harmlos wirkt, kann für die andere eine alte Kränkung reaktivieren. Ohne dieses Wissen geraten Gespräche schnell auf eine persönliche Ebene, auf der es nicht mehr um Inhalte geht, sondern um gefühlte Abwertung.Der häufigste Fehler: sich selbst nicht ernst nehmenAus Kaisers Sicht machen viele Menschen an Feiertagen denselben Fehler: Sie setzen sich nicht ausreichend mit ihren eigenen Wünschen und Befürchtungen auseinander. „Man kann nicht keine Erwartungen haben“, sagt er. Wer sie ignoriert, tappt umso leichter in die Enttäuschungsfalle.Statt sich einzureden, man werde „schon irgendwie klarkommen“, empfiehlt er eine ehrliche Selbstklärung im Vorfeld – besonders in Partnerschaften. Was wollen wir erleben? Was wollen wir vermeiden? Und wo liegen unsere Grenzen? Werden diese Fragen nicht geklärt, entstehen nicht nur Familien-, sondern auch Paarkonflikte.Man kann nicht keine Erwartungen habenPeter Kaiser, PsychologeHeizmann ergänzt: „Viele denken, alle anderen feiern friedlich und harmonisch im Kreis der Familie – das ist ein klassischer Irrtum.“ Diese Vorstellung verstärkt den Druck zusätzlich.Vorbereitung statt Eskalation: Was wirklich hilftEntlastung entsteht dort, wo Erwartungen frühzeitig abgestimmt werden. Das kann bedeuten, Aufgaben zu verteilen, Besuchszeiten zu begrenzen oder auch bewusst zu entscheiden, mit wem man Zeit verbringen möchte – und mit wem nicht. „Manchmal ist es auch besser, getrennte Arrangements zu finden“, sagt Kaiser. Nähe um jeden Preis sei kein Zeichen von Beziehungsstärke.Kommt es dennoch zum Streit, rät Kaiser von Argumentation ab. Wer emotional aufgebracht ist, fühlt sich durch Gegenargumente schnell weiter angegriffen. Deeskalierend wirkt stattdessen, aktiv zuzuhören und Fragen zu stellen: Was bräuchtest du gerade? Wie müsste es sein, damit du zufrieden bist? Das signalisiert Interesse und Wertschätzung – ohne Zustimmung zu erzwingen. „Verständnis ist keine Zustimmung“, betont er.Weniger Perfektion, mehr MenschlichkeitAuch Glücksforscherin Maike van den Boom plädiert für einen Perspektivwechsel. Aus ihrer Sicht ist es vor allem der Perfektionismus, der Feiertage belastet. „Es wäre viel besser, das Ganze entspannter zu sehen – und nicht so perfekt“, sagt sie. Humor könne helfen, Druck herauszunehmen und festgefahrene Muster aufzubrechen. Denn fast jede Misere hat auch eine komische Seite: Perfektionismus ist selten lustig, kleine Pannen hingegen oft schon – und genau darum geht es an Feiertagen schließlich: um eine gute Stimmung.Statt immer gleiche Rituale zu wiederholen, empfiehlt sie spielerische Elemente: kleine Dankbarkeitsrunden, gemeinsame Spiele oder bewusst neue Traditionen. Die Glücksforscherin verrät dabei, was in der Glücksforschung als einer der wichtigsten Schlüssel zum Glück gilt: Dankbarkeit. „Fünf Dinge am Tag aufzuschreiben, für die man dankbar ist, hebt das Glücksniveau“, erklärt sie. Auch an Feiertagen lasse sich das gut aufgreifen – etwa, indem jede Person einer anderen sagt, was sie an ihr schätzt. „Das lenkt Gespräche auf eine andere Ebene – auf das, was gut läuft“, sagt sie.Fünf Dinge am Tag aufzuschreiben, für die man dankbar ist, hebt das GlücksniveauMaike van den Boom, GlücksforscherinInspiration könne man sich auch aus anderen Kulturen holen, etwa aus dem schwedischen Konzept „Lagom“: nicht zu viel, nicht zu wenig, sondern genau richtig. Wer nach diesem Prinzip plant, reduziert automatisch den Druck, das perfekte Fest zu inszenieren – weder der größte Baum, das opulenteste Essen noch die teuersten Geschenke sind nötig. Das Glück liegt in der Mitte – nicht im Maximum. „Lagom“ erinnert daran: Es geht um das Miteinander, nicht um Perfektion.Entlastend sei auch, Hilfe anzunehmen. „Helfen macht glücklich – und um Hilfe bitten auch“, betont sie. Wer um Hilfe bittet, zeigt Bereitschaft, Verantwortung zu teilen, und signalisiert Vertrauen und Verbundenheit. Das nehme nicht nur Druck von Einzelnen, sondern stärke das Gemeinschaftsgefühl.Streit heißt nicht: gescheiterte FamilieKonflikte an Feiertagen sind kein Beweis für dysfunktionale Beziehungen. Im Gegenteil: Sie entstehen dort, wo Nähe, Bedeutung und Erwartungen besonders groß sind. Entscheidend ist nicht, ob es kracht – sondern wie damit umgegangen wird. Wo Gespräche ergebnisoffen bleiben, kann Streit sogar verbindend wirken, betont Heizmann.„Überlegen Sie sich, was Ihnen an Weihnachten am wichtigsten ist und worauf Sie sich wirklich freuen“, rät Kaiser. Wer den Fokus von Perfektion auf Verbindung verschiebt, senkt die Eskalationsgefahr erheblich.Oder, wie van den Boom es formuliert: weniger Stress, weniger Anspruch, mehr Wärme. Nähe entsteht nicht durch makellose Feste – sondern durch ehrliche Begegnungen.