Erbarmungslos verfolgen die USA ihre „Shock and Awe“-Strategie gegenüber der Welt – doch in Deutschland beklatschen Transatlantiker Reaktionäre wie Marco Rubio. Mark Carneys Rede ist schon vergessen. Wie kann sich Europa selbst behaupten?


US-Außenminister Marco Rubio und Bundeskanzler Friedrich Merz während eines bilateralen Treffens am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz

Foto: Alex Brandon/Getty Images


Die treuesten Freunde der USA wollen noch immer nicht begreifen, dass ihr Traum vom großen Bruder geplatzt ist. Auf die Schock-Rede von US-Vizepräsident J.D. Vance bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 folgte dieses Jahr die „Awe-Rede“ von Außenminister Marco Rubio.

„Shock and Awe“ – Schrecken und (Ehr)Furcht – nennen US-Militärs ihre seit der Jahrtausendwende praktizierte Interventionsdoktrin. Durch massiven Gewalteinsatz soll der Gegner gleich zu Beginn physisch paralysiert und psychisch gebrochen werden. Es gilt, blitzschnell Dominanz herzustellen.

Europas Applaus für Marco Rubios reaktionäre Rede

Rubio hat diese Doktrin in München meisterlich umgesetzt. Seine europäischen Zuhörer beklatschten wie betäubt den reaktionären Quark, den ihnen Rubio in die vor Ehrfurcht offenstehenden Münder stopfte. Kein Widerspruch, weder Buhrufe noch Gelächter. Die „epochale Rede“ des kanadischen Premierministers Mark Carney, die dieser erst vier Wochen zuvor in Davos gehalten hatte, war schon wieder vergessen. Europäische Selbstbehauptung? Keine Spur. Willenlos ließ man sich spalten. Und die weiter den Ton angebenden Transatlantiker merken selbst nach einem Vierteljahrhundert „Shock and Awe“ noch nicht, wer der Adressat der „Teile-und-herrsche-Strategie“ der USA ist.

2003 beschimpfte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Deutschland und Frankreich wegen ihrer ablehnenden Haltung zum Irakkrieg. Die beiden würden das abgehalfterte „alte Europa“ repräsentieren, während die frisch in die EU integrierten Länder Osteuropas das proamerikanische „neue Europa“ anzeigten. Es musste erst ein Premierminister aus Kanada einfliegen, um den betriebsblinden Europäern zu erklären, was seither Sache ist: Die USA betrachten die EU als gefährlichen Konkurrenten.

Gegen den US-Imperialismus: Mark Carney rief, aber keiner kam

Doch kluge Reden sind das eine, mutige Handlungen das andere. Auf Carneys Anregung, die mittleren Mächte sollten sich zusammentun, um dem imperialen Appetit der Großmächte zu entgehen, folgte … nichts. Manche, wie der Bund der Steuerzahler, schlagen vor, die in New York gelagerten deutschen Goldbarren (1.236 Tonnen im Wert von 165 Milliarden Euro) zurückzuholen, bevor Donald Trump das Gold als „Wiedergutmachung“ beschlagnahmen könnte.

Andere ventilieren die Idee, die von EU-Staaten gehaltenen US-Staatsanleihen auf einen Schlag zu verkaufen, um so die Zinszahlungen für die hoch verschuldeten USA in die Höhe zu treiben und Trump zum Einlenken zu zwingen. Aber solche „Vergeltungsmaßnahmen“ könnten auch als Krisen-Bumerang auf Europa zurückfallen. Man müsste schon so diskret vorgehen wie Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle in den 1960er Jahren.

Die „Operation Taschendieb“ unter Charles de Gaulle

De Gaulle ließ die französischen Goldbarren in einer drei Jahre dauernden „Operation Taschendieb“ klammheimlich und portionsweise per Schiff und Flugzeug in die Heimat transportieren. Danach tauschte Frankreich seine Dollarbestände in Gold um, trat aus den militärischen Strukturen der NATO aus, schloss deren Hauptquartier in Paris und schickte die 30.000 in Frankreich stationierten NATO-Soldaten nach Hause. Ein souveräner Schachzug – und ein gutes Geschäft dazu. Denn wenige Jahre später brach das Bretton-Woods-System (die Goldbindung des Dollars) aufgrund der enormen Kosten des Vietnamkriegs zusammen, Frankreich bekam viel mehr US-Dollars für sein Gold als je zuvor.

Daraus könnte man lernen. Doch leider hat Deutschland derzeit kein besonders gutes Verhältnis zu Frankreich. Und weder Kanzler Friedrich Merz noch Vize Lars Klingbeil wollen das ändern.

Interventionsdoktrin. Durch massiven Gewalteinsatz soll der Gegner gleich zu Beginn physisch paralysiert und psychisch gebrochen werden. Es gilt, blitzschnell Dominanz herzustellen.Europas Applaus für Marco Rubios reaktionäre RedeRubio hat diese Doktrin in München meisterlich umgesetzt. Seine europäischen Zuhörer beklatschten wie betäubt den reaktionären Quark, den ihnen Rubio in die vor Ehrfurcht offenstehenden Münder stopfte. Kein Widerspruch, weder Buhrufe noch Gelächter. Die „epochale Rede“ des kanadischen Premierministers Mark Carney, die dieser erst vier Wochen zuvor in Davos gehalten hatte, war schon wieder vergessen. Europäische Selbstbehauptung? Keine Spur. Willenlos ließ man sich spalten. Und die weiter den Ton angebenden Transatlantiker merken selbst nach einem Vierteljahrhundert „Shock and Awe“ noch nicht, wer der Adressat der „Teile-und-herrsche-Strategie“ der USA ist.2003 beschimpfte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld Deutschland und Frankreich wegen ihrer ablehnenden Haltung zum Irakkrieg. Die beiden würden das abgehalfterte „alte Europa“ repräsentieren, während die frisch in die EU integrierten Länder Osteuropas das proamerikanische „neue Europa“ anzeigten. Es musste erst ein Premierminister aus Kanada einfliegen, um den betriebsblinden Europäern zu erklären, was seither Sache ist: Die USA betrachten die EU als gefährlichen Konkurrenten.Gegen den US-Imperialismus: Mark Carney rief, aber keiner kamDoch kluge Reden sind das eine, mutige Handlungen das andere. Auf Carneys Anregung, die mittleren Mächte sollten sich zusammentun, um dem imperialen Appetit der Großmächte zu entgehen, folgte … nichts. Manche, wie der Bund der Steuerzahler, schlagen vor, die in New York gelagerten deutschen Goldbarren (1.236 Tonnen im Wert von 165 Milliarden Euro) zurückzuholen, bevor Donald Trump das Gold als „Wiedergutmachung“ beschlagnahmen könnte.Andere ventilieren die Idee, die von EU-Staaten gehaltenen US-Staatsanleihen auf einen Schlag zu verkaufen, um so die Zinszahlungen für die hoch verschuldeten USA in die Höhe zu treiben und Trump zum Einlenken zu zwingen. Aber solche „Vergeltungsmaßnahmen“ könnten auch als Krisen-Bumerang auf Europa zurückfallen. Man müsste schon so diskret vorgehen wie Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle in den 1960er Jahren.Die „Operation Taschendieb“ unter Charles de GaulleDe Gaulle ließ die französischen Goldbarren in einer drei Jahre dauernden „Operation Taschendieb“ klammheimlich und portionsweise per Schiff und Flugzeug in die Heimat transportieren. Danach tauschte Frankreich seine Dollarbestände in Gold um, trat aus den militärischen Strukturen der NATO aus, schloss deren Hauptquartier in Paris und schickte die 30.000 in Frankreich stationierten NATO-Soldaten nach Hause. Ein souveräner Schachzug – und ein gutes Geschäft dazu. Denn wenige Jahre später brach das Bretton-Woods-System (die Goldbindung des Dollars) aufgrund der enormen Kosten des Vietnamkriegs zusammen, Frankreich bekam viel mehr US-Dollars für sein Gold als je zuvor.Daraus könnte man lernen. Doch leider hat Deutschland derzeit kein besonders gutes Verhältnis zu Frankreich. Und weder Kanzler Friedrich Merz noch Vize Lars Klingbeil wollen das ändern.



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