Eigentlich paradox: Auch wenn man das Essen nie probieren kann, das im Fernsehen gezeigt wird, sind Kochen und TV ein Paar wie Pommes und Ketchup. Als hätte es nie was anderes gegeben. Unser Autor stellt seine fünf wichtigsten Kochshows vor


Niemand kochte länger im deutschen Fernsehen als Bernd „Moritz“ Neuner-Duttenhofer und Martina Meuth

Foto: WDR/Imhoff Realisation/E.Graeff,


Culinary Class Wars: Sozialdarwinistischer Klassenkampf

Squid Game trifft kulinarischen Klassenkampf. Südkorea steht wie kaum ein anderes Wirtschaftsland für knallharten Sozialdarwinismus und zugleich bombastische Popkultur. In Culinary Class Wars treten 100 Köch:innen in zwei Klassen gegeneinander an. Am Ende gewinnt einer. Die schwarzen Kochjacken stehen für die namenlose Unterschicht, die weißen für die sternendekorierte Aristokratie ihrer Zunft, die dem Druck von unten standhalten und ihren Status um jeden Preis verteidigen muss.

Die Netflix-Produktion ist mit ihren gigantischen Studiobauten dramaturgisch pointiert und lässt die Sat1-Show The Taste wie ein Handpuppentheater wirken. Zudem wird man Zeuge, wie sich mit und durch die Sendung die Esskultur eines Landes öffnet und entwickelt. Wie demütig respektvoll in Europa gelernte Edelkulinariker koreanische Klassiker neu erfinden, ohne sich an Traditionen festzuknabbern, könnte zeigen, dass Korea wie bei Pop und Smartphones auch kulinarisch bald an der Weltspitze ist.

Kitchen Impossible: Food-Forensik aus der Blackbox

„Lumump, Fickscheiße!“ „Du alter Pisser!“ Dass Fernsehkoch Tim Mälzer eine mindestens so große Klappe hat wie ein neapolitanischer Pizza-Ofen, lernt man bei Kitchen Impossible schnell. Aber auch, dass er (zumindest mit seinen Händen) mehr draufhat, als nur heiße Luft in den Raum zu pusten. Im Zeitalter weltweit gleicher Franchise-Shows ist die Vox-Sendung eine erfrischende Ausnahme, vielleicht das spannendste Kochformat überhaupt.

Mälzer duelliert sich mit anderen Star-Köch:innen. Sie schicken sich um die Welt, um Gerichte aus einer mysteriösen Box in der Originalküche nachzukochen – und das Essen einer Jury zu servieren, deren Lieblingsessen es ist. Von Sterneküchen bis zu Privatwohnungen ist alles dabei. Es geht um Food-Forensik, darum, Gegner an ihren eigenen Schwachstellen auszuhebeln, und um besondere Momente: so wie wenn Tim Raue mit Louis-Vuitton-Taschen in den Händen verdattert feststellen muss, dass er in einer kalten mongolischen Jurte zu übernachten hat.

Kochen mit Martina und Moritz: Bis dass der Tod euch scheidet

Martina Meuth und Bernd „Moritz“ Neuner-Duttenhofer lernten sich Ende der 1970er in München beim Burda-Verlag kennen. Beide arbeiteten als Journalisten, heirateten 1983 und produzierten von 1988 bis 2021 414 Folgen ihrer Sendung Kochen mit Martina und Moritz. Niemand hat länger im Fernsehen gekocht.

In ihrer Küche auf dem 478.000 Quadratmeter großen Apfelgut in Sulz-Hopfau kochten sie Tausende Gerichte und waren für viele Generationen Inspiration fürs heimische Kochen. Auch weil die beiden nahbar und nicht kandidelt waren. Sie haben Kochen nie als Macho-Kunst inszeniert, auch weil Martina in der Küche die Chefschürze anhatte.

Die kauzigen Kabbeleien, die Ehepaare nach gemeinsamen Jahrzehnten an den Tag legen, gehörten zum charmanten Ton dazu. Sie bereisten die Welt und veröffentlichten über 60 Kochbücher. Was man mit Journalismus damals nicht alles erreichen konnte … Letztes Jahr verkauften sie ihr Apfelgut. Nun leben sie in München. Dort, wo alles begann.

Chef’s Table: Kochen wie Vivaldi

Als David Gelb 2011 den Film Jiro und das beste Sushi der Welt über den Großmeister Jiro Ono drehte, erfand er ein neues Genre der Kochdokumentation. Der Mensch, die Inspiration, die Biografie standen im Fokus des Storytellings und nicht praktische Tipps oder Kochanleitungen. Gelb produzierte aufwendig und cineastisch anspruchsvoll, so wurde im gleichen Stil Chef’s Table entwickelt. Die erfolgreiche Netflix-Serie startete 2015 und prägte das Filmen über das Kochen für immer.

Mit viel Pathos werden Virtuosität und Kunstfertigkeit der Protagonisten inszeniert. Die Vergänglichkeit eines Tellers wird auf Zelluloid verewigt – der Anspruch, dass Essen Kunst ist, wird hier immer wieder suggeriert. Aber wie die Kunst ist die Sterneküche oft auch elitär. Die Schnittmenge zwischen Genie, Wahnsinn und Exklusivität war die ersten Staffeln über aufregend und inspirierend. Aber mit den Jahren erschöpfte sich das Format. Nicht nur, weil alle anderen den Stil kopierten. Man wurde zur satirischen Vorlage seiner selbst.

Alfredissimo: The Greatest Showman

Alfredissimo mit dem 2021 verstorbenen Showmaster und Moderator Alfred Biolek lief von 1994 bis 2007. 459 Folgen in 13 Jahren wurden aufgenommen. Große Namen aus Politik, Sport und Showgeschäft nahmen die Einladung zum gemeinsamen Kochen an, und eigentlich konnte man sagen: Wer nicht bei Alfredissimo war, war nicht bekannt. Eigentlich ging es gar nicht so sehr ums Kochen. Biolek war ein ausgezeichneter Interviewer, wenn ihm die politische Presse auch oft Kuschelei und zu wenig Kritik vorwarf. Aber darum ging es ihm nie.

Biolek bereitete sich auf seine Gäste wie in seiner Talkshow Boulevard Bio mit Interview-Tonbändern vor, die sein Team zuvor mit den Gästen aufzeichnete. Denn wer vor laufender Kamera versucht, sich beim Kochen nicht zu blamieren – und der Druck war real –, der redet auch, ohne sich hinter gekünstelten Fassaden verstecken zu können. So entstanden ehrliche, aufrichtige Gespräche, die Stars so zeigten, wie sie eigentlich waren. Eine große Leistung.

d lässt die Sat1-Show The Taste wie ein Handpuppentheater wirken. Zudem wird man Zeuge, wie sich mit und durch die Sendung die Esskultur eines Landes öffnet und entwickelt. Wie demütig respektvoll in Europa gelernte Edelkulinariker koreanische Klassiker neu erfinden, ohne sich an Traditionen festzuknabbern, könnte zeigen, dass Korea wie bei Pop und Smartphones auch kulinarisch bald an der Weltspitze ist.Kitchen Impossible: Food-Forensik aus der Blackbox „Lumump, Fickscheiße!“ „Du alter Pisser!“ Dass Fernsehkoch Tim Mälzer eine mindestens so große Klappe hat wie ein neapolitanischer Pizza-Ofen, lernt man bei Kitchen Impossible schnell. Aber auch, dass er (zumindest mit seinen Händen) mehr draufhat, als nur heiße Luft in den Raum zu pusten. Im Zeitalter weltweit gleicher Franchise-Shows ist die Vox-Sendung eine erfrischende Ausnahme, vielleicht das spannendste Kochformat überhaupt.Mälzer duelliert sich mit anderen Star-Köch:innen. Sie schicken sich um die Welt, um Gerichte aus einer mysteriösen Box in der Originalküche nachzukochen – und das Essen einer Jury zu servieren, deren Lieblingsessen es ist. Von Sterneküchen bis zu Privatwohnungen ist alles dabei. Es geht um Food-Forensik, darum, Gegner an ihren eigenen Schwachstellen auszuhebeln, und um besondere Momente: so wie wenn Tim Raue mit Louis-Vuitton-Taschen in den Händen verdattert feststellen muss, dass er in einer kalten mongolischen Jurte zu übernachten hat.Kochen mit Martina und Moritz: Bis dass der Tod euch scheidet Martina Meuth und Bernd „Moritz“ Neuner-Duttenhofer lernten sich Ende der 1970er in München beim Burda-Verlag kennen. Beide arbeiteten als Journalisten, heirateten 1983 und produzierten von 1988 bis 2021 414 Folgen ihrer Sendung Kochen mit Martina und Moritz. Niemand hat länger im Fernsehen gekocht.In ihrer Küche auf dem 478.000 Quadratmeter großen Apfelgut in Sulz-Hopfau kochten sie Tausende Gerichte und waren für viele Generationen Inspiration fürs heimische Kochen. Auch weil die beiden nahbar und nicht kandidelt waren. Sie haben Kochen nie als Macho-Kunst inszeniert, auch weil Martina in der Küche die Chefschürze anhatte.Die kauzigen Kabbeleien, die Ehepaare nach gemeinsamen Jahrzehnten an den Tag legen, gehörten zum charmanten Ton dazu. Sie bereisten die Welt und veröffentlichten über 60 Kochbücher. Was man mit Journalismus damals nicht alles erreichen konnte … Letztes Jahr verkauften sie ihr Apfelgut. Nun leben sie in München. Dort, wo alles begann.Chef’s Table: Kochen wie Vivaldi Als David Gelb 2011 den Film Jiro und das beste Sushi der Welt über den Großmeister Jiro Ono drehte, erfand er ein neues Genre der Kochdokumentation. Der Mensch, die Inspiration, die Biografie standen im Fokus des Storytellings und nicht praktische Tipps oder Kochanleitungen. Gelb produzierte aufwendig und cineastisch anspruchsvoll, so wurde im gleichen Stil Chef’s Table entwickelt. Die erfolgreiche Netflix-Serie startete 2015 und prägte das Filmen über das Kochen für immer.Mit viel Pathos werden Virtuosität und Kunstfertigkeit der Protagonisten inszeniert. Die Vergänglichkeit eines Tellers wird auf Zelluloid verewigt – der Anspruch, dass Essen Kunst ist, wird hier immer wieder suggeriert. Aber wie die Kunst ist die Sterneküche oft auch elitär. Die Schnittmenge zwischen Genie, Wahnsinn und Exklusivität war die ersten Staffeln über aufregend und inspirierend. Aber mit den Jahren erschöpfte sich das Format. Nicht nur, weil alle anderen den Stil kopierten. Man wurde zur satirischen Vorlage seiner selbst.Alfredissimo: The Greatest Showman Alfredissimo mit dem 2021 verstorbenen Showmaster und Moderator Alfred Biolek lief von 1994 bis 2007. 459 Folgen in 13 Jahren wurden aufgenommen. Große Namen aus Politik, Sport und Showgeschäft nahmen die Einladung zum gemeinsamen Kochen an, und eigentlich konnte man sagen: Wer nicht bei Alfredissimo war, war nicht bekannt. Eigentlich ging es gar nicht so sehr ums Kochen. Biolek war ein ausgezeichneter Interviewer, wenn ihm die politische Presse auch oft Kuschelei und zu wenig Kritik vorwarf. Aber darum ging es ihm nie.Biolek bereitete sich auf seine Gäste wie in seiner Talkshow Boulevard Bio mit Interview-Tonbändern vor, die sein Team zuvor mit den Gästen aufzeichnete. Denn wer vor laufender Kamera versucht, sich beim Kochen nicht zu blamieren – und der Druck war real –, der redet auch, ohne sich hinter gekünstelten Fassaden verstecken zu können. So entstanden ehrliche, aufrichtige Gespräche, die Stars so zeigten, wie sie eigentlich waren. Eine große Leistung.



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