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Rauelsson – Niu

Der Terminus Neo-Klassik verkam in den vergangenen Jahren mehr und mehr. Zu sehr rückten seichte Funktionalität und Sentimentalität in den Vordergrund. Substanz und kompositorische Qualität wurden durch vor sich hindümpelnden simplizistischen Harmonien und Kitsch in unzähligen Kuschel- oder Teetrinken-im-Winter-Playlistes verdrängt. Wenn man gemein sein will, wurde das instrumentale Genre zur Musik für Leute, die distinguiert vorgeben, sich mit Musik auseinandersetzen, aber eigentlich zu faul dafür sind.

Raúl Pastor Medall aka Rauelsson beweist mit seinem Album Niu, dass moderne, pop-anschlussfähige klassische Musik, das alles nicht sein muss. Es ist ein bescheidenes, aber durchaus großes Meisterwerk. Nicht zu überhören sind die Reminiszenzen an den zu früh verstorbenen Jóhann Jóhannsson. Auch Rauelsson bewegt sich an den flirrenden Schnittmengen von impressionistischer Klassik, Elektronik, Ambient und Cinemasinfonischem. Fesselnde, wundersame Harmonien und Arrangements, die stets im kammermusikalischen Raum bleiben und gerade im Kleinen und Intimen ihre große Kraft entfalten.

In jedem der neun Songs werden die klanglichen Mittel neu ausgelotet. Neben Streichern und Bläsern, kommen auch Synthesizer und Slide-Gitarren zum Einsatz. Das hat in keinem Moment etwas Borniertes oder Arrogantes. Es ist die Suche nach dem Nukleus musikalischer Eleganz und Schönheit. Eine musikalische Reise, die man immer und immer wieder bestreiten möchte und jedes Mal mit neuen Details, Zwischenräumen und Geschichten begeistert.

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Oklou – Choke Enough

Nicht Taylor Swift, Tate McRae oder Sabrina Carpenter – es ist die 31-jährige Marylou Vanina Mayniel aka Oklou, die mit Choke Enough das Pop-Album des Jahres veröffentlicht hat. Die Produzentin und Musikerin aus Frankreich lernte Cello und Klavier und ging die vergangenen Jahre unter anderem mit Caroline Polachek und Oneohtrix Point Never auf Tournee.

Oklou verortet ihren Sound und ihre Songs bewusst in den Klangwelten des Pop. Eingängige Toplines, klare Strukturen, trancige Synthesizer-Sounds und Effekte wie Autotune werden hier selbstverständlich und ohne ironische Hintertür benutzt. Das ist nicht nur mutig, sondern zeigt auch das Potenzial, das Pop eigentlich noch innewohnt – wenn denn wie hier eine so talentierte Autorinnenschaft und darüber hinaus versierte Produktionsskills dahinterstecken und eben keine militärstabsmäßig organisierten Hundertschaften, die heutzutage wie Fabriken an den nächsten großen Hits arbeiten.

Hier werden private Geschichten erzählt, die es schaffen, sonst übliche Hype-Zitate und -Sounds in etwas Zeitloses zu überführen. Mit Choke Enough gelang Oklou dieses Jahr ihr internationaler Durchbruch. Auch weil es ein Album ist, das perfekt in diese Zeit passt. Es sucht und findet Orientierung und Selbstbestimmung in chaotischen Zeiten. In klanglichen Koordinatensystemen, die niemand erst neu erfinden muss.

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Eiko Ishibashi – Antigone

Die japanische Komponistin und Musikerin Eiko Ishibashi erlangte internationale Aufmerksamkeit durch ihre Soundtrack-Arbeiten für die Filme Drive My Car und Evil Does Not Exist von Regisseur Ryusuke Hamaguchi. Ihr Album Antigone, das dieses Jahr auf dem Label Drag City erschien, zeigt sie aber auch als brillante Songwriterin und Interpretin.

Wie selbstverständlich gelingt es ihr, Intimität mit pointierter Opulenz zu verbinden. Hinter vermeintlich verschrobenen, verhaltenen Songideen verstecken sich ständig große Momente. Film-Soundtracks von Ennio Morricone und Joe Hisaishi schimmern durch. Genauso japanischer City Pop und Proto-J-Pop, der in den komplexen Chordprogressionen für fordernde und kitzelnde Momente sorgt. Die Produktion lässt viel Raum für die jazzige, experimentelle Verspieltheit des Albums und lässt das kompliziert Virtuose nie verkopft oder bleischwer erscheinen.

Das ist faszinierend, aber auch mütterlich umarmend. Als würde man in ein fluffiges japanisches Sahne-Erdbeer-Sandwich beißen und dabei gleichzeitig etwas nachhaltig Kluges fürs Leben lernen.

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Model/Actriz – Pirouette

Das zweite Album der New Yorker Post-Punkband Model/Actriz war dieses Jahr so etwas wie ein Redaktionsliebling, zumindest beim Kulturressort, oder genauer gesagt bei der Redakteurin Christine Käppeler und mir. Nun ja. So viel über Musik wird im harten politisch geprägten Redaktionsalltag dann doch nicht diskutiert, was natürlich schade ist.

Pirouette ist ein musikalischer Entwurf, der in vielerlei Hinsicht speziell ist. Das Album ist eine konsequente, aber auch überraschende Weiterentwicklung jenes kompromisslosen Sounds, der beim Debüt Dogsday von 2023 bereits aufgezogen wurde. Pirouette ist eines der präzisesten Rockalben der vergangenen Jahre. In gewisser Weise schreiben Model/Actriz die New Yorker Dance-Punk-Geschichte fort, die Anfang des Jahrhunderts durch Labels wie DFA Records (LCD Soundsystem, The Rapture) geprägt wurde. Allerdings ohne Machismo und plumpe Knallerei.

Model/Actriz erinnern in ihrer minimalistischen aber brachial rasiermesserscharfen Spielweise an die österreichische Band Electro Guzzi. Treibend harte Club-Beats und das genial perkussive Gitarrenspiel von Jack Etmore bilden die perfekte Bühne für die Vocal-Performances von Cole Haden, die diesmal auch epische Melodien und Hooklines ohne Kitsch en masse bieten und live noch viel größer zur Geltung kommen. Einige Kritiker sagen nicht zu unrecht, dass es wohl keine Band auf der Welt gibt, die so klingt wie Model/Actriz. Das gilt es in der Post-Postmoderne erstmal zu schaffen.

Auch das Livekonzert im Berliner Lido im Juni dieses Jahres zeigte, was für eine Gewalt und Spektakel diese Band ist. Nicht nur weil Model/Actriz mindestens die Hälfte der Welt an die Wand spielen würde. Auch war Rock ’n’ Roll noch nie sui generis so queer und im Positiven camp, ohne auch nur eine Nanosekunde konzeptuell oder affektiert zu wirken. So als wäre es nie anders gewesen.

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Kali Malone & Drew McDowall – Magnetism

Elektronischer Musik haftet häufig der Nimbus des Kühlen, Kalkulierten und Berechnenden an. Wozu monophone modulare Synthesizer-Patches indes in der Lage sein können, zeigt das Album Magnetism, der ersten Zusammenarbeit von Kali Malone und Drew McDowall.

Ein ungleiches Paar, auch weil 33 Lebensjahre die beiden trennen. Drew McDowall prägte einst mit seinen Acts Coil und Psychic TV die Industrial-Avantgarde. Kali Malone erarbeitete sich in den vergangenen Jahren den Ruf als Neuerfinderin der Orgel. Das monumentale Kircheninstrument nutzte sie auf abstrahierende Weise, um inspirierende experimentelle, elektroakustische Musik zu komponieren.

Beim ersten Hören könnte man meinen, Magnetism sei hintergründig. Man denkt vielleicht an Drone oder Kunstinstallationen. Die Stücke entstanden im Rahmen diverser Jam-Sessions in McDowalls Studio in Brooklyn. Trotz des vermeintlich Improvisatorischen und Volatilen, ist das Album aber standhaft, akribisch und zielgerichtet.

Es ist eine Soundexkursion, ein spiritueller Drift, letztlich aber auch eine meisterhafte Lehrstunde in Sounddesign und Narration. Wie direkt Atmosphäre und Emotionen entstehen können, dass gerade die abstrakten liturgischen Melodien und Harmonien von Kali Malone tief berühren, ohne formelhaft zu sein. Und inwiefern Intonation und Verzerrung oft reichen, imposante Gemälde zu schaffen, wenn man diese Parameter nur zu bedienen weiß.

k, das alles nicht sein muss. Es ist ein bescheidenes, aber durchaus großes Meisterwerk. Nicht zu überhören sind die Reminiszenzen an den zu früh verstorbenen Jóhann Jóhannsson. Auch Rauelsson bewegt sich an den flirrenden Schnittmengen von impressionistischer Klassik, Elektronik, Ambient und Cinemasinfonischem. Fesselnde, wundersame Harmonien und Arrangements, die stets im kammermusikalischen Raum bleiben und gerade im Kleinen und Intimen ihre große Kraft entfalten.In jedem der neun Songs werden die klanglichen Mittel neu ausgelotet. Neben Streichern und Bläsern, kommen auch Synthesizer und Slide-Gitarren zum Einsatz. Das hat in keinem Moment etwas Borniertes oder Arrogantes. Es ist die Suche nach dem Nukleus musikalischer Eleganz und Schönheit. Eine musikalische Reise, die man immer und immer wieder bestreiten möchte und jedes Mal mit neuen Details, Zwischenräumen und Geschichten begeistert.Placeholder image-2Oklou – Choke EnoughNicht Taylor Swift, Tate McRae oder Sabrina Carpenter – es ist die 31-jährige Marylou Vanina Mayniel aka Oklou, die mit Choke Enough das Pop-Album des Jahres veröffentlicht hat. Die Produzentin und Musikerin aus Frankreich lernte Cello und Klavier und ging die vergangenen Jahre unter anderem mit Caroline Polachek und Oneohtrix Point Never auf Tournee.Oklou verortet ihren Sound und ihre Songs bewusst in den Klangwelten des Pop. Eingängige Toplines, klare Strukturen, trancige Synthesizer-Sounds und Effekte wie Autotune werden hier selbstverständlich und ohne ironische Hintertür benutzt. Das ist nicht nur mutig, sondern zeigt auch das Potenzial, das Pop eigentlich noch innewohnt – wenn denn wie hier eine so talentierte Autorinnenschaft und darüber hinaus versierte Produktionsskills dahinterstecken und eben keine militärstabsmäßig organisierten Hundertschaften, die heutzutage wie Fabriken an den nächsten großen Hits arbeiten.Hier werden private Geschichten erzählt, die es schaffen, sonst übliche Hype-Zitate und -Sounds in etwas Zeitloses zu überführen. Mit Choke Enough gelang Oklou dieses Jahr ihr internationaler Durchbruch. Auch weil es ein Album ist, das perfekt in diese Zeit passt. Es sucht und findet Orientierung und Selbstbestimmung in chaotischen Zeiten. In klanglichen Koordinatensystemen, die niemand erst neu erfinden muss.Placeholder image-3Eiko Ishibashi – AntigoneDie japanische Komponistin und Musikerin Eiko Ishibashi erlangte internationale Aufmerksamkeit durch ihre Soundtrack-Arbeiten für die Filme Drive My Car und Evil Does Not Exist von Regisseur Ryusuke Hamaguchi. Ihr Album Antigone, das dieses Jahr auf dem Label Drag City erschien, zeigt sie aber auch als brillante Songwriterin und Interpretin.Wie selbstverständlich gelingt es ihr, Intimität mit pointierter Opulenz zu verbinden. Hinter vermeintlich verschrobenen, verhaltenen Songideen verstecken sich ständig große Momente. Film-Soundtracks von Ennio Morricone und Joe Hisaishi schimmern durch. Genauso japanischer City Pop und Proto-J-Pop, der in den komplexen Chordprogressionen für fordernde und kitzelnde Momente sorgt. Die Produktion lässt viel Raum für die jazzige, experimentelle Verspieltheit des Albums und lässt das kompliziert Virtuose nie verkopft oder bleischwer erscheinen.Das ist faszinierend, aber auch mütterlich umarmend. Als würde man in ein fluffiges japanisches Sahne-Erdbeer-Sandwich beißen und dabei gleichzeitig etwas nachhaltig Kluges fürs Leben lernen.Placeholder image-4Model/Actriz – PirouetteDas zweite Album der New Yorker Post-Punkband Model/Actriz war dieses Jahr so etwas wie ein Redaktionsliebling, zumindest beim Kulturressort, oder genauer gesagt bei der Redakteurin Christine Käppeler und mir. Nun ja. So viel über Musik wird im harten politisch geprägten Redaktionsalltag dann doch nicht diskutiert, was natürlich schade ist.Pirouette ist ein musikalischer Entwurf, der in vielerlei Hinsicht speziell ist. Das Album ist eine konsequente, aber auch überraschende Weiterentwicklung jenes kompromisslosen Sounds, der beim Debüt Dogsday von 2023 bereits aufgezogen wurde. Pirouette ist eines der präzisesten Rockalben der vergangenen Jahre. In gewisser Weise schreiben Model/Actriz die New Yorker Dance-Punk-Geschichte fort, die Anfang des Jahrhunderts durch Labels wie DFA Records (LCD Soundsystem, The Rapture) geprägt wurde. Allerdings ohne Machismo und plumpe Knallerei.Model/Actriz erinnern in ihrer minimalistischen aber brachial rasiermesserscharfen Spielweise an die österreichische Band Electro Guzzi. Treibend harte Club-Beats und das genial perkussive Gitarrenspiel von Jack Etmore bilden die perfekte Bühne für die Vocal-Performances von Cole Haden, die diesmal auch epische Melodien und Hooklines ohne Kitsch en masse bieten und live noch viel größer zur Geltung kommen. Einige Kritiker sagen nicht zu unrecht, dass es wohl keine Band auf der Welt gibt, die so klingt wie Model/Actriz. Das gilt es in der Post-Postmoderne erstmal zu schaffen.Auch das Livekonzert im Berliner Lido im Juni dieses Jahres zeigte, was für eine Gewalt und Spektakel diese Band ist. Nicht nur weil Model/Actriz mindestens die Hälfte der Welt an die Wand spielen würde. Auch war Rock ’n’ Roll noch nie sui generis so queer und im Positiven camp, ohne auch nur eine Nanosekunde konzeptuell oder affektiert zu wirken. So als wäre es nie anders gewesen.Placeholder image-5Kali Malone & Drew McDowall – MagnetismElektronischer Musik haftet häufig der Nimbus des Kühlen, Kalkulierten und Berechnenden an. Wozu monophone modulare Synthesizer-Patches indes in der Lage sein können, zeigt das Album Magnetism, der ersten Zusammenarbeit von Kali Malone und Drew McDowall.Ein ungleiches Paar, auch weil 33 Lebensjahre die beiden trennen. Drew McDowall prägte einst mit seinen Acts Coil und Psychic TV die Industrial-Avantgarde. Kali Malone erarbeitete sich in den vergangenen Jahren den Ruf als Neuerfinderin der Orgel. Das monumentale Kircheninstrument nutzte sie auf abstrahierende Weise, um inspirierende experimentelle, elektroakustische Musik zu komponieren.Beim ersten Hören könnte man meinen, Magnetism sei hintergründig. Man denkt vielleicht an Drone oder Kunstinstallationen. Die Stücke entstanden im Rahmen diverser Jam-Sessions in McDowalls Studio in Brooklyn. Trotz des vermeintlich Improvisatorischen und Volatilen, ist das Album aber standhaft, akribisch und zielgerichtet.Es ist eine Soundexkursion, ein spiritueller Drift, letztlich aber auch eine meisterhafte Lehrstunde in Sounddesign und Narration. Wie direkt Atmosphäre und Emotionen entstehen können, dass gerade die abstrakten liturgischen Melodien und Harmonien von Kali Malone tief berühren, ohne formelhaft zu sein. Und inwiefern Intonation und Verzerrung oft reichen, imposante Gemälde zu schaffen, wenn man diese Parameter nur zu bedienen weiß.



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