Selbst bei den Oscars wächst die Ungleichheit: Dieselben vier, fünf Filme sind in allen Kategorien nominiert. Aber es gibt auch noch verstreute „Dark Horses“, manche davon mit einer echten Chance darauf, den Favoriten zu entthronen


Fast ein Jahrhundert „Americana“: Joel Edgerton als Tagelöhner Robert in der oscar-nominierten Literaturverfilmung „Train Dreams“ von Clint Bentley

Foto: Netflix


Träume aus Stahl und Rauch

Sollte Train Dreams am Ende den Oscar als bester Film davontragen, wäre das mindestens eine so große Überraschung wie damals 2017, als Moonlight über La La Land triumphierte. Zwar sind die Aussichten dieses klassischen Indie-Films mit Premiere beim Sundance in keiner der vier Kategorien, in denen er nominiert ist, besonders hoch. Bemerkenswert ist aber die Nachhaltigkeit, mit der er sich den Menschen einprägt. Dass Netflix ihn gekauft und weltweit in Umlauf gebracht hat, mag dazu beigetragen haben.

Joel Edgerton spielt in der Adaption eines Denis-Johnson-Romans den Tagelöhner Robert, dessen Leben in den Wäldern von Idaho von um 1900 bis zum ersten Mondflug geschildert wird. Es ist ein stilles, unauffälliges Leben, markiert von Verlust und Armut. Der Film macht daraus ein Stück „Americana“ im besten Sinn: reich an historischen Details und gesättigt mit Gefühl für alles, was verloren ging.

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„Times have never been so good“

In Deutschland ging Song Sung Blue beim Kinostart vor wenigen Wochen sang- und klanglos unter. Dabei schien der Film prädestiniert zu sein für jene Art Sleeper-Arthouse-Hit, wie sie vor Corona ab und zu üblich war. Erzählt wird die ungewöhnliche Geschichte des Ehepaars Mike und Claire Sardina (gespielt von Hugh Jackman und Kate Hudson), die als Neil-Diamond-Tribute-Band immer wieder kurz vor dem ganz großen Erfolg stehen, nur um Mal um Mal von Schicksalsschlägen heimgesucht zu werden.

Inspiration für Craig Brewers Spielfilm lieferte eine wahre Geschichte, über die es bereits einen Dokumentarfilm gibt, den viele Kritiker sogar für die bessere Version halten. Was an Song Sung Blue besticht, sind dennoch die Darsteller in diesem Provinz-Milieu der Elvis- und James-Brown-Imitatoren, allen voran eine wunderbar pragmatische Kate Hudson als Claire – die durchaus als beste Schauspielerin gewinnen könnte.

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Wer hat Angst vor der Essstörung?

Unter den Oscar-Kategorien für Schauspieler sind die Wettchancen nirgendwo so ungleich verteilt wie bei der besten Hauptdarstellerin. Laut Polymarket geht die Statuette zu 89 Prozent an Jessie Buckley für ihre Rolle als Shakespeares trauernde Ehefrau Agnes in Hamnet. Aber wo die „Dad“-Fraktion der Academy für Kate Hudson die Daumen drückt, ist es im Fall von Rose Byrne die ganze Indie- und Arthouse-Szene. Ihr Auftritt in Mary Bronsteins If I Had Legs I’d Kick You berührt nicht nur, sondern geht als Akt radikaler, auf Eitelkeiten verzichtender Ehrlichkeit unter die Haut.

Byrne verkörpert die Mutter einer magersüchtigen Tochter nah am Nervenzusammenbruch. Man bekommt das im Krankenhaus liegende Kind nie zu Gesicht, eine fordernde Stimme wird zum ständigen Quälgeist der überarbeiteten Mutter, die, das deuten der Film und Byrnes Spiel nur an, wohl selbst unter einer Essstörung leidet.

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Was ist das beste Zitat aus „Casablanca“?

Ethan Hawke dreht seit über 30 Jahren immer wieder Filme mit Richard Linklater, für Boyhood (2014) gab es sogar schon mal eine Nominierung im Fach „Bester Nebendarsteller“. In Blue Moon spielt er den legendären Songtexter Lorenz Hart, der im Duo mit Richard Rodgers Musicals und Lieder wie eben das titelgebende Blue Moon geschrieben hat.

Linklaters Film imaginiert den wegen seines Alkoholismus bereits Arbeitsunfähigen und Abgehängten am Premierenabend von Oklahoma!, dem Musical, das Rodgers mit seinem nächsten Schreibpartner, Oscar Hammerstein, berühmt machen sollte. Die schütteren Haare über die Halbglatze gekämmt, mit sturem Blick aufs nächste Glas, perlen ihm giftige und geistreiche Beobachtungen – etwa über das beste Zitat aus Casablanca: „Nobody ever loved me that much“ – nur so über die Lippen. Den Oscar hätte Hawke mehr als verdient, der Film kommt hier Ende Februar ins Kino.

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Notwehr oder ganz alltäglicher Rassismus

Eigentlich steht der Dokumentarfilm The Perfect Neighbor in dieser Aufzählung falsch, er ist nämlich der Favorit seiner Kategorie. Denn kein anderer Kandidat kann ihn an schmerzlicher Aktualität im Hinblick auf die jüngsten Ereignisse in den USA übertreffen. Zwar war es hier eine ganz gewöhnliche (weiße) Nachbarin und nicht das ICE, die zur Waffe griff, als sie sich bedroht fühlte. Aber nachdem sie durch die Tür ihres Häuschens die davorstehende (schwarze) Nachbarin und vierfache Mutter Ajike Owens erschoss, berief sie sich in ähnlicher Weise auf Notwehr.

Geeta Gandbhir schneidet in ihrem Film, der nach der Sundance-Premiere von Netflix gekauft wurde, ausschließlich freigegebenes Material der Überwachungskameras und Body-Cams der Polizisten zusammen, die über Jahre immer wieder zur Schlichtung gerufen wurden. Heraus kommt eine so erhellende wie beklemmende Montage einer Gewalteskalation.

ragen haben.Joel Edgerton spielt in der Adaption eines Denis-Johnson-Romans den Tagelöhner Robert, dessen Leben in den Wäldern von Idaho von um 1900 bis zum ersten Mondflug geschildert wird. Es ist ein stilles, unauffälliges Leben, markiert von Verlust und Armut. Der Film macht daraus ein Stück „Americana“ im besten Sinn: reich an historischen Details und gesättigt mit Gefühl für alles, was verloren ging.Placeholder image-1„Times have never been so good“ In Deutschland ging Song Sung Blue beim Kinostart vor wenigen Wochen sang- und klanglos unter. Dabei schien der Film prädestiniert zu sein für jene Art Sleeper-Arthouse-Hit, wie sie vor Corona ab und zu üblich war. Erzählt wird die ungewöhnliche Geschichte des Ehepaars Mike und Claire Sardina (gespielt von Hugh Jackman und Kate Hudson), die als Neil-Diamond-Tribute-Band immer wieder kurz vor dem ganz großen Erfolg stehen, nur um Mal um Mal von Schicksalsschlägen heimgesucht zu werden.Inspiration für Craig Brewers Spielfilm lieferte eine wahre Geschichte, über die es bereits einen Dokumentarfilm gibt, den viele Kritiker sogar für die bessere Version halten. Was an Song Sung Blue besticht, sind dennoch die Darsteller in diesem Provinz-Milieu der Elvis- und James-Brown-Imitatoren, allen voran eine wunderbar pragmatische Kate Hudson als Claire – die durchaus als beste Schauspielerin gewinnen könnte.Placeholder image-3Wer hat Angst vor der Essstörung? Unter den Oscar-Kategorien für Schauspieler sind die Wettchancen nirgendwo so ungleich verteilt wie bei der besten Hauptdarstellerin. Laut Polymarket geht die Statuette zu 89 Prozent an Jessie Buckley für ihre Rolle als Shakespeares trauernde Ehefrau Agnes in Hamnet. Aber wo die „Dad“-Fraktion der Academy für Kate Hudson die Daumen drückt, ist es im Fall von Rose Byrne die ganze Indie- und Arthouse-Szene. Ihr Auftritt in Mary Bronsteins If I Had Legs I’d Kick You berührt nicht nur, sondern geht als Akt radikaler, auf Eitelkeiten verzichtender Ehrlichkeit unter die Haut.Byrne verkörpert die Mutter einer magersüchtigen Tochter nah am Nervenzusammenbruch. Man bekommt das im Krankenhaus liegende Kind nie zu Gesicht, eine fordernde Stimme wird zum ständigen Quälgeist der überarbeiteten Mutter, die, das deuten der Film und Byrnes Spiel nur an, wohl selbst unter einer Essstörung leidet.Placeholder image-2Was ist das beste Zitat aus „Casablanca“? Ethan Hawke dreht seit über 30 Jahren immer wieder Filme mit Richard Linklater, für Boyhood (2014) gab es sogar schon mal eine Nominierung im Fach „Bester Nebendarsteller“. In Blue Moon spielt er den legendären Songtexter Lorenz Hart, der im Duo mit Richard Rodgers Musicals und Lieder wie eben das titelgebende Blue Moon geschrieben hat.Linklaters Film imaginiert den wegen seines Alkoholismus bereits Arbeitsunfähigen und Abgehängten am Premierenabend von Oklahoma!, dem Musical, das Rodgers mit seinem nächsten Schreibpartner, Oscar Hammerstein, berühmt machen sollte. Die schütteren Haare über die Halbglatze gekämmt, mit sturem Blick aufs nächste Glas, perlen ihm giftige und geistreiche Beobachtungen – etwa über das beste Zitat aus Casablanca: „Nobody ever loved me that much“ – nur so über die Lippen. Den Oscar hätte Hawke mehr als verdient, der Film kommt hier Ende Februar ins Kino.Placeholder image-4Notwehr oder ganz alltäglicher Rassismus Eigentlich steht der Dokumentarfilm The Perfect Neighbor in dieser Aufzählung falsch, er ist nämlich der Favorit seiner Kategorie. Denn kein anderer Kandidat kann ihn an schmerzlicher Aktualität im Hinblick auf die jüngsten Ereignisse in den USA übertreffen. Zwar war es hier eine ganz gewöhnliche (weiße) Nachbarin und nicht das ICE, die zur Waffe griff, als sie sich bedroht fühlte. Aber nachdem sie durch die Tür ihres Häuschens die davorstehende (schwarze) Nachbarin und vierfache Mutter Ajike Owens erschoss, berief sie sich in ähnlicher Weise auf Notwehr.Geeta Gandbhir schneidet in ihrem Film, der nach der Sundance-Premiere von Netflix gekauft wurde, ausschließlich freigegebenes Material der Überwachungskameras und Body-Cams der Polizisten zusammen, die über Jahre immer wieder zur Schlichtung gerufen wurden. Heraus kommt eine so erhellende wie beklemmende Montage einer Gewalteskalation.



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