Bruce Springsteen macht mit seinem Anti-ICE-Song „Streets of Minneapolis“ die Protesthymne wieder populär. Was das Genre noch so hergibt? Ob gegen das Patriarchat oder für mehr Solidarität: Autor Linus Volkmann hat fünf passende Songs parat


Klar, linke Folklore, aber auch identitätsstiftend: Rio Reiser 1984 auf dem Platz der Republik in Berlin

Foto: Votos-Roland Owsnitzki/Imago


1. Petrol Girls „Touch Me Again“

Bis zu Minute 2:30 wähnt man sich im Glauben, der Refrain dieses herausgespienenen Stücks lautet: „It’s my body and my choice“ – und auch so wäre das hier ein ziemlicher Hit. Doch dann rollt erst die Klimax ein. Die Stimme von Sängerin Ren Aldridge überschlägt sich und wiederholt wütend, verletzt, wild entschlossen das Credo: „Touch me again – and I fuckin’ kill you!“

Die englische Band, die bis dato nur Szenekundigen bekannt war, wird mit dieser Eruption zu einer Wegmarke des aktuellen Queerfeminismus. Einen Verstärker stellen auch die Bilder dar, die das Video aufbringt: Man sieht nicht nur FLINTA* zu dem Stück performen, sondern genauso Ausschnitte von Protesten, Aufmärschen gegen Patriarchat und Übergriffskultur. Aus allen Kulturen, aus verschiedenen Zeiten.

Der Song macht damit deutlich, wie universell das Problem ist und wie universell und intersektional die Antwort darauf sein muss. Mehr Empowerment und Wut als in Touch Me Again passt in keinen Rocksong.

2. Ton Steine Scherben „Keine Macht für Niemand“

Klar, dieser Song ist linke Folklore, aber hierbei handelt es sich nicht bloß um gefühlig identitätsstiftenden Kitt für sozialistische Träumer*innen, sondern um eine bis heute gültige Utopie, die von Solidarität und Herrschaftsfreiheit erzählt.

Im Jahre 1972 erschien das Album Keine Macht für Niemand mit dem gleichnamigen Titelstück auf dem bandeigenen Label David Volksmund Produktion. Der Erstauflage der Platte lag eine Zwille bei – auch das fungierte als pointiertes Statement für gelebten Protest, es war schließlich die Zeit von Demos und Häuserkampf.

Bis heute, also auch über 30 Jahre nach dem Tod von Sänger Rio Reiser, wird der Song von nachwachsenden Generationen wieder neu entdeckt. „Komm rüber Bruder, reih‘ dich ein / Komm rüber Schwester, du bist nicht allein“ – dem ist nichts hinzuzufügen.

3. The Specials „Racist Friend“

Ein Beweis dafür, dass dich ein Protestlied nicht einfach stumpf anschreien muss, um seine Wirkung zu entfalten. The Specials waren eine einflussreiche englische Ska-Band, deren Höhepunkt die frühen 1980er Jahre darstellte. Bei The Specials fanden sich sowohl Schwarze als auch weiße Musiker zusammen – die Hits der Band sind Message to You Rudy und Too Much Too Young.

Einen Ehrenplatz im Protestsonggewerbe nimmt aber ihr Stück Racist Friend von 1983 ein. Weiblicher Gast-Gesang von mehreren souligen Pop-Stimmen prägt den Song, der später unter anderem auch von der deutschen Band Tocotronic gecovert werden wird. Die Story des Textes: Alltagsrassismus fängt nicht bei Fremden auf der Straße, sondern im eigenen Umfeld an. Hier ist Widerspruch gefragt – auch wenn es unangenehm sein mag: „If you have a racist friend / Now is the time for your friendship to end“.

4. Die Ärzte „Schrei nach Liebe“

Solange waren sich Die Ärzte gar nicht aufgelöst, lediglich zwischen 1988 und 1992 ruhte die Band. Doch in dieser Zeit sahen sich die Welt und vor allem der deutsche Planet ziemlich durcheinandergewirbelt. Auf die Euphorie der Wiedervereinigung folgten an vielen Orten Frust, Enttäuschung, Hass. Sinnbildlich stehen dafür Städte wie Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, aber auch das westdeutsche Mölln.

Die Angriffe auf Asylbewerberheime quittierten Die Ärzte mit der ersten Single nach ihrem Comeback deutlich. Dabei stimmten sie nicht ein in wohlfeile Pazifismusbekundungen oder sahen sich in jenen Lichterketten repräsentiert, die Zivilgesellschaft und Politik damals gegen den Schrecken anboten. Ihr Schrei nach Liebe steht viel eher für die Wehrhaftigkeit einer neuen Generation, die nun selbst für Demokratie eintreten muss. Und er steht genauso für eine Wut, was in Deutschland erneut möglich ist. Nie wieder? Träum weiter!

5. Chumbawamba „Enough Is Enough“

Das Anarchopunk-Kollektiv hatte in den 1990er Jahren einen Vertrag bei einer großen Plattenfirma unterzeichnet. Doch der „Ausverkauf“-Ruf blieb der eigenen Szene im Hals stecken, als klar wurde, wie die nordenglische Band diesen Deal interpretierte. Statt Gitarrenpunk mit Parolen erschufen sie nun zauberhafte Popsongs mit Folkeinflüssen. Fürs Radio und fürs gedankenverlorene Mitsummen scheinbar perfekt geeignet.

Das zarte Enough Is Enough von der Platte Anarchy bescherte der Band ihren ersten Chart-Erfolg. Zu dem gefühlvoll gehauchten Refrain von Sängerin Alice Nutter findet sich – ebenso eingängig – der Ragga-Part der HipHop-Band Credit To The Nation ein. Er lautet: „Give the fascist man a gun shot“.

Chumbawamba brachten durch eine griffige Ästhetik das Protestlied tief in den Mainstream. Eine radikale Band, die als U-Boot tief in fernen Gewässern agierte.

rformen, sondern genauso Ausschnitte von Protesten, Aufmärschen gegen Patriarchat und Übergriffskultur. Aus allen Kulturen, aus verschiedenen Zeiten.Der Song macht damit deutlich, wie universell das Problem ist und wie universell und intersektional die Antwort darauf sein muss. Mehr Empowerment und Wut als in Touch Me Again passt in keinen Rocksong.2. Ton Steine Scherben „Keine Macht für Niemand“Klar, dieser Song ist linke Folklore, aber hierbei handelt es sich nicht bloß um gefühlig identitätsstiftenden Kitt für sozialistische Träumer*innen, sondern um eine bis heute gültige Utopie, die von Solidarität und Herrschaftsfreiheit erzählt.Im Jahre 1972 erschien das Album Keine Macht für Niemand mit dem gleichnamigen Titelstück auf dem bandeigenen Label David Volksmund Produktion. Der Erstauflage der Platte lag eine Zwille bei – auch das fungierte als pointiertes Statement für gelebten Protest, es war schließlich die Zeit von Demos und Häuserkampf.Bis heute, also auch über 30 Jahre nach dem Tod von Sänger Rio Reiser, wird der Song von nachwachsenden Generationen wieder neu entdeckt. „Komm rüber Bruder, reih‘ dich ein / Komm rüber Schwester, du bist nicht allein“ – dem ist nichts hinzuzufügen.3. The Specials „Racist Friend“Ein Beweis dafür, dass dich ein Protestlied nicht einfach stumpf anschreien muss, um seine Wirkung zu entfalten. The Specials waren eine einflussreiche englische Ska-Band, deren Höhepunkt die frühen 1980er Jahre darstellte. Bei The Specials fanden sich sowohl Schwarze als auch weiße Musiker zusammen – die Hits der Band sind Message to You Rudy und Too Much Too Young.Einen Ehrenplatz im Protestsonggewerbe nimmt aber ihr Stück Racist Friend von 1983 ein. Weiblicher Gast-Gesang von mehreren souligen Pop-Stimmen prägt den Song, der später unter anderem auch von der deutschen Band Tocotronic gecovert werden wird. Die Story des Textes: Alltagsrassismus fängt nicht bei Fremden auf der Straße, sondern im eigenen Umfeld an. Hier ist Widerspruch gefragt – auch wenn es unangenehm sein mag: „If you have a racist friend / Now is the time for your friendship to end“.4. Die Ärzte „Schrei nach Liebe“Solange waren sich Die Ärzte gar nicht aufgelöst, lediglich zwischen 1988 und 1992 ruhte die Band. Doch in dieser Zeit sahen sich die Welt und vor allem der deutsche Planet ziemlich durcheinandergewirbelt. Auf die Euphorie der Wiedervereinigung folgten an vielen Orten Frust, Enttäuschung, Hass. Sinnbildlich stehen dafür Städte wie Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, aber auch das westdeutsche Mölln.Die Angriffe auf Asylbewerberheime quittierten Die Ärzte mit der ersten Single nach ihrem Comeback deutlich. Dabei stimmten sie nicht ein in wohlfeile Pazifismusbekundungen oder sahen sich in jenen Lichterketten repräsentiert, die Zivilgesellschaft und Politik damals gegen den Schrecken anboten. Ihr Schrei nach Liebe steht viel eher für die Wehrhaftigkeit einer neuen Generation, die nun selbst für Demokratie eintreten muss. Und er steht genauso für eine Wut, was in Deutschland erneut möglich ist. Nie wieder? Träum weiter!5. Chumbawamba „Enough Is Enough“Das Anarchopunk-Kollektiv hatte in den 1990er Jahren einen Vertrag bei einer großen Plattenfirma unterzeichnet. Doch der „Ausverkauf“-Ruf blieb der eigenen Szene im Hals stecken, als klar wurde, wie die nordenglische Band diesen Deal interpretierte. Statt Gitarrenpunk mit Parolen erschufen sie nun zauberhafte Popsongs mit Folkeinflüssen. Fürs Radio und fürs gedankenverlorene Mitsummen scheinbar perfekt geeignet.Das zarte Enough Is Enough von der Platte Anarchy bescherte der Band ihren ersten Chart-Erfolg. Zu dem gefühlvoll gehauchten Refrain von Sängerin Alice Nutter findet sich – ebenso eingängig – der Ragga-Part der HipHop-Band Credit To The Nation ein. Er lautet: „Give the fascist man a gun shot“.Chumbawamba brachten durch eine griffige Ästhetik das Protestlied tief in den Mainstream. Eine radikale Band, die als U-Boot tief in fernen Gewässern agierte.



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