Für Aleppo gilt nach einer Woche der Gefechte eine fragile Waffenruhe. Die Befürchtungen bleiben groß, dass es über die Großstadt hinaus zu einem Schlagabtausch zwischen der Regierungsarmee und kurdischen Selbstverteidigungskräften kommt
Syrische Armee im kurdischen Stadtviertel Scheich Maksud in Aleppo
Foto: Anadolu Agency/Imago Images
Die kurdischen Viertel Sheikh Maqsoud, Ashrafieh und Bani Zeid von Aleppo liegen verlassen, auf den Straßen türmen sich zurückgelassene Habseligkeiten, Unrat und Müll. Es sind humanitäre Korridore und Notunterkünfte eingerichtet. Sie sollten Zehntausenden während der vergangenen Tage einen sicheren Ausweg weisen. Etwa 150.000 Zivilisten hätten sich zeitweise in Sicherheit gebracht, teilt die Direktion für Soziales und Arbeit in Aleppo mit.
Viele Unbeteiligte starben in den kurdischen Vierteln, die Zahl der gefallenen oder verwundeten Kombattanten auf beiden Seiten liegt indes ungleich höher. Viele Vertriebene haben sich einen Weg in andere Provinzen gebahnt, doch bei weitem nicht alle haben die Mittel dazu und suchen noch immer Schutz in Moscheen und Kirchen an der Peripherie von Aleppo.
Das Ziel bestand unverkennbar darin, die kurdischen Kämpfer aus der gesamten Stadt Aleppo zu vertreiben
Fast eine Woche dauerten die Gefechte zwischen der Regierungsarmee von Interimspräsident Ahmed al-Scharaaund kurdischen Kräften, die sich verzweifelt an ihre Präsenz in der Millionenstadt klammerten. Die Brisanz dieses Konflikts ergibt sich auch daraus, dass die USA bisher zu den Unterstützern der kurdischen Selbstbestimmung in Syrien gehörten. Das heißt, sie standen damit hinter den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) als maßgebender Organisation dieser Volksgruppe.
Die jüngsten Kämpfe waren nach dem Urteil sämtlicher Beobachter die heftigsten in Syrien seit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024. Dies schürte die Befürchtung eines umfassenderen Konflikts zwischen Regierungstruppen und den kurdischen Verbänden, die große Teile Nordostsyriens – fast ein Drittel des syrischen Territoriums – kontrollieren.
Was ist die Vereinbarung noch wert, wonach der militärische Arm der SDF bis Ende 2025 in die syrische Armee integriert werden sollte? Was sich nun in Aleppo abgespielt hat, ist mehr als nur ein Indiz dafür, dass dies gründlich misslang oder für die Kurden unter Bedingungen stattfinden sollte, die nicht hinnehmbar waren. Das Ziel der Führung in Damaskus bestand unverkennbar darin, die kurdischen Kämpfer aus dem gesamten Stadtgebiet von Aleppo zu vertreiben und Vorsorge zu treffen, dass sie nicht zurückkehren können.
Dieses Vorhaben verschärft die Spannungen zwischen der Regierung und dem kurdischen Block im Nordosten. Die SDF bestreiten, von außen Kämpfer in die kurdischen Viertel Aleppos entsandt zu haben. Sie spricht stattdessen von lokalen Selbstverteidigungskräften, die in der Stadt verwurzelt waren und dort angegriffen worden seien, daher das Recht hätten, sich zu verteidigen.
Die Kurden wollen die Waffen behalten, um so ihre Autonomie zu sichern
Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig der Menschenrechtsverletzungen. Kommandeure der Regierungsarmee behaupten, die SDF habe Zivilisten als menschlichen Schutzschild missbraucht, sie an der Evakuierung gehindert und auf sie geschossen, als sie versuchten, eine Zuflucht zu finden. Die SDF ihrerseits haben Videos veröffentlicht, die Regierungstruppen beim Beschuss eines Krankenhauses in Aleppo zeigen sowie bei einem, wie sie es nennen, „brutalen Artilleriebeschuss“ bewohnter Gebiete in Sheikh Maqsoud.
Kern des Konflikts sind anhaltende Differenzen über den Status der SDF im Syrien nach Baschar al-Assad. Sie zehren vom Bonus, als Partner der US-Streitkräfte an den Anti-IS-Missionen in Syrien beteiligt gewesen zu sein. Die SDF streben nach wie vor eine weitgehende Autonomie an und bestehen nach Massakern an Drusen und Alawiten in der syrischen Küstenregion darauf, im Besitz ihrer Waffen zu bleiben.
Einige der Fraktionen der neuen syrischen Armee bekämpfen die SDF seit Jahren und suchen nun womöglich die finale Entscheidung. Treffen in Damaskus, um die ausgebrochenen Feindseligkeiten wenigstens einzudämmen, blieben erfolglos. Das Misstrauen auf beiden Seiten jedenfalls ist weiter gewachsen. Regierungsanhänger reagierten empört auf die in den sozialen Medien kursierenden Bilder von Zivilisten, die angeblich durch SDF-Beschuss getötet wurden. Gleichzeitig versammelten sich Tausende Demonstranten in Qamischli, De-facto-Hauptstadt der von den SDF kontrollierten Gebiete im Nordosten Syriens, um Solidarität mit den kurdischen Kämpfern zu bekunden. Farhad Schami, Sprecher der SDF, nannte die syrischen Regierungstruppen mittlerweile „Dschihadisten“ und erklärte, Aleppo bleibe eine offene Wunde.