Die Inselrepublik Zypern will die EU-Ratspräsidentschaft diesmal nicht vorrangig dazu nutzen, sich am ewigen Rivalen Türkei abzuarbeiten. Vielmehr soll an Statur in der Mittelmeer-Region und in Nordafrika gewonnen werden


Frau von der Leyen hat es die Krawatte von Präsident Nikos Christodoulides schwer angetan

Foto: Petros Karadjias/AFP/Getty Images


Gerade erst hatte Nikos Christodoulides, Präsident der griechisch dominierten Republik Zypern, damit begonnen, die internationale Aufmerksamkeit zu genießen, die ihm die Europäische Ratspräsidentschaft seit dem 1. Januar beschert. Da tauchte nur eine Woche später auf X ein perfekt zusammengeschnittenes Video auf. Darin brüstete sich Christodoulides’ Stabschef Charalambos Charalambous damit, dass freigiebige und wohltätige Spender oder Sponsoren über ihn einen direkten Zugang zum Präsidenten finden könnten. Am 12. Januar musste Charalambous zurücktreten.

Dabei hatten sich Präsident Christodoulides und sein Team in Nikosia viele Gedanken darüber gemacht, wie man den sechsmonatigen EU-Ratsvorsitz für die Interessen der Inselrepublik nutzen könnte. Man wusste, die Kunst würde darin bestehen, eigene Interessen als gemeinsame Anliegen der EU zu präsentieren. 2012, als die Republik Zypern (RZ) erstmals den Vorsitz innehatte, ist das Politikern und Diplomaten aus Nikosia kaum gelungen.

Der Inselstaat war erst 2004 im Schatten der damaligen Osterweiterung in die EU aufgenommen worden. Diese Entscheidung fiel, obwohl der Norden Zyperns seit 1974 von der Türkei besetzt ist und Ankara dort die Türkische Republik Nordzypern (TRNZ) ausgerufen hat.

Zypern galt als trojanisches Pferd Russlands in der europäischen Gemeinschaft

Die Republik Zypern war der EU vor allem beigetreten, weil sie hoffte, dadurch die türkische Präsenz loszuwerden, was nicht aufgegangen ist. „Wir kannten damals nur ein Thema, die Türkei und die türkische Besatzung“, gestand Nikos Christodoulides jüngst vor Journalisten aus Europa. Diesmal solle alles anders werden. So will Nikosia die Aufnahme in den Schengenraum erreichen und daran arbeiten, die von der EU 2024 beschlossene Asylreform umzusetzen.

Das hat besonders einen Grund: Gemessen an der Zahl seiner Bevölkerung nimmt Zypern in der EU schon seit Jahren die meisten Flüchtlinge auf. Ganz oben auf der Agenda, so der zyprische Präsident, stehe aber „eine autonome Europäische Union, offen für die Welt“. Zum Zweiten will die Inselrepublik, dass sich die EU stärker im östlichen Mittelmeer, dazu in Nordafrika und im Nahen Osten engagiert. Ziel sei es, diese Regionen zu stabilisieren – im wohlverstandenen Interesse von Gesamteuropa, versteht sich. Begründet wird dieses Ziel mit den geopolitischen Verwerfungen des Augenblicks, dem Krieg Russlands in der Ukraine und der US-Politik unter Donald Trump.

Beim Ukraine-Konflikt achtet Nikosia auf Nähe zur Brüsseler EU-Zentrale. Das war nicht immer so, lange galt Zypern als enger Partner, wenn nicht trojanisches Pferd Russlands in der europäischen Gemeinschaft. Russische Oligarchen konnten in Zypern Geld waschen, zwischen 30.0000 und 40.000 russische Staatsbürger ließen sich in der Inselrepublik nieder, erwarben Immobilien, gründeten eine russische Schule und eine russische Kirche. Die Ferienmetropole Limassol erhielt den Spitznamen „Limassolgrad“.

Noch nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 schlossen Moskau und Nikosia 67 Verträge, nicht nur zur Zusammenarbeit bei Handel und Finanzen, zum Tourismus und zur Energieversorgung. Kooperiert wurde ebenso bei der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Russische Kriegsschiffe erhielten die Erlaubnis, zyprische Häfen anzulaufen. Schluss war damit erst, als russische Truppen Ende Februar 2022 die Grenze zur Ukraine überschritten.

Präsident Christodoulides verglich den Einmarsch umgehend mit der türkischen Invasion auf der Insel im Juli 1974. Zypern beteiligt sich an allen Sanktionen gegen Russland, und gleich zu Beginn seiner Ratspräsidentschaft empfing Nikos Christodoulides Wolodymyr Selenskyj.

Zypern für Indien, Botswana und Libanon als Türöffner nach Brüssel

Doch wenn es um mehr europäische Autonomie vom Partner USA geht, ist Zyperns Politik ähnlich ratlos wie die der Bundesrepublik. Denn wie Deutschland in seiner Furcht vor Russland sieht die Republik Zypern bei ihrem Ressentiment gegenüber der Türkei nur die USA als wirklich potenten Bürgen eigener Sicherheit.

In Nikosia klammert man sich an die Paragrafen des US-East Med Security and Energy Partnership Act von 2019, der Zypern zusammen mit Griechenland Beistand für die Sicherheit (gegenüber der Türkei) verspricht. Man hofft außerdem, ein Engagement von amerikanischen Öl- und Gaskonzernen rund um die Insel werde dafür sorgen, dass Washington nicht abseits steht, falls die Türkei erneut intervenieren sollte. Man nimmt sehr beruhigt zur Kenntnis, dass die USA den Flughafen von Paphos ausbauen, und sei es nur für humanitäre Zwecke.

Ähnlich wie Deutschland sucht Zypern technische Hilfe für seine Luftabwehr nicht etwa bei Rüstungsunternehmen in Europa, sondern in Israel. Berlin importiert aus Tel Aviv das Flugabwehrraketensystem „Arrow 3“, Zypern hat bereits das israelische Abwehrsystem „Iron Dome“ installiert. „Wir wollen die EU unserer Region näherbringen“, lautet ein weiteres Ziel der zyprischen Ratspräsidentschaft.

Das Instrument dafür ist der „Pakt für den Mittelmeerraum“, den die EU-Kommission im November 2025 vorgestellt hat. Zyperns Ratspräsidentschaft soll helfen, ihn umzusetzen. Geplant sind eine Fülle von Projekten und Programmen bis hin zu Investitionen in grüne Energie und das Eindämmen von Migration. Über allem stehen die Essentials Entwicklung und Stabilität.

Die Inselrepublik will in den kommenden Monaten darüber hinaus ihr Standing in diversen Regionen erhöhen und präsentiert sich als Türöffner nach Brüssel. Von Indien und den Philippinen über Botswana und Belize bis nach Algerien und den Libanon reicht die Liste der Länder, denen der zyprische Außenminister versprochen hat, für mehr Investitionen aus der EU und einen besseren Zugang dieser Länder nach Europa zu sorgen. Fast möchte man an den jüngsten Skandal in Nikosia denken, bei dem dieses Angebot womöglich auch im Hintergrund stand und den Stabschef des Präsidenten inspirierte.

ressen der Inselrepublik nutzen könnte. Man wusste, die Kunst würde darin bestehen, eigene Interessen als gemeinsame Anliegen der EU zu präsentieren. 2012, als die Republik Zypern (RZ) erstmals den Vorsitz innehatte, ist das Politikern und Diplomaten aus Nikosia kaum gelungen.Der Inselstaat war erst 2004 im Schatten der damaligen Osterweiterung in die EU aufgenommen worden. Diese Entscheidung fiel, obwohl der Norden Zyperns seit 1974 von der Türkei besetzt ist und Ankara dort die Türkische Republik Nordzypern (TRNZ) ausgerufen hat.Zypern galt als trojanisches Pferd Russlands in der europäischen GemeinschaftDie Republik Zypern war der EU vor allem beigetreten, weil sie hoffte, dadurch die türkische Präsenz loszuwerden, was nicht aufgegangen ist. „Wir kannten damals nur ein Thema, die Türkei und die türkische Besatzung“, gestand Nikos Christodoulides jüngst vor Journalisten aus Europa. Diesmal solle alles anders werden. So will Nikosia die Aufnahme in den Schengenraum erreichen und daran arbeiten, die von der EU 2024 beschlossene Asylreform umzusetzen.Das hat besonders einen Grund: Gemessen an der Zahl seiner Bevölkerung nimmt Zypern in der EU schon seit Jahren die meisten Flüchtlinge auf. Ganz oben auf der Agenda, so der zyprische Präsident, stehe aber „eine autonome Europäische Union, offen für die Welt“. Zum Zweiten will die Inselrepublik, dass sich die EU stärker im östlichen Mittelmeer, dazu in Nordafrika und im Nahen Osten engagiert. Ziel sei es, diese Regionen zu stabilisieren – im wohlverstandenen Interesse von Gesamteuropa, versteht sich. Begründet wird dieses Ziel mit den geopolitischen Verwerfungen des Augenblicks, dem Krieg Russlands in der Ukraine und der US-Politik unter Donald Trump.Beim Ukraine-Konflikt achtet Nikosia auf Nähe zur Brüsseler EU-Zentrale. Das war nicht immer so, lange galt Zypern als enger Partner, wenn nicht trojanisches Pferd Russlands in der europäischen Gemeinschaft. Russische Oligarchen konnten in Zypern Geld waschen, zwischen 30.0000 und 40.000 russische Staatsbürger ließen sich in der Inselrepublik nieder, erwarben Immobilien, gründeten eine russische Schule und eine russische Kirche. Die Ferienmetropole Limassol erhielt den Spitznamen „Limassolgrad“.Noch nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 schlossen Moskau und Nikosia 67 Verträge, nicht nur zur Zusammenarbeit bei Handel und Finanzen, zum Tourismus und zur Energieversorgung. Kooperiert wurde ebenso bei der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Russische Kriegsschiffe erhielten die Erlaubnis, zyprische Häfen anzulaufen. Schluss war damit erst, als russische Truppen Ende Februar 2022 die Grenze zur Ukraine überschritten.Präsident Christodoulides verglich den Einmarsch umgehend mit der türkischen Invasion auf der Insel im Juli 1974. Zypern beteiligt sich an allen Sanktionen gegen Russland, und gleich zu Beginn seiner Ratspräsidentschaft empfing Nikos Christodoulides Wolodymyr Selenskyj.Zypern für Indien, Botswana und Libanon als Türöffner nach BrüsselDoch wenn es um mehr europäische Autonomie vom Partner USA geht, ist Zyperns Politik ähnlich ratlos wie die der Bundesrepublik. Denn wie Deutschland in seiner Furcht vor Russland sieht die Republik Zypern bei ihrem Ressentiment gegenüber der Türkei nur die USA als wirklich potenten Bürgen eigener Sicherheit.In Nikosia klammert man sich an die Paragrafen des US-East Med Security and Energy Partnership Act von 2019, der Zypern zusammen mit Griechenland Beistand für die Sicherheit (gegenüber der Türkei) verspricht. Man hofft außerdem, ein Engagement von amerikanischen Öl- und Gaskonzernen rund um die Insel werde dafür sorgen, dass Washington nicht abseits steht, falls die Türkei erneut intervenieren sollte. Man nimmt sehr beruhigt zur Kenntnis, dass die USA den Flughafen von Paphos ausbauen, und sei es nur für humanitäre Zwecke.Ähnlich wie Deutschland sucht Zypern technische Hilfe für seine Luftabwehr nicht etwa bei Rüstungsunternehmen in Europa, sondern in Israel. Berlin importiert aus Tel Aviv das Flugabwehrraketensystem „Arrow 3“, Zypern hat bereits das israelische Abwehrsystem „Iron Dome“ installiert. „Wir wollen die EU unserer Region näherbringen“, lautet ein weiteres Ziel der zyprischen Ratspräsidentschaft.Das Instrument dafür ist der „Pakt für den Mittelmeerraum“, den die EU-Kommission im November 2025 vorgestellt hat. Zyperns Ratspräsidentschaft soll helfen, ihn umzusetzen. Geplant sind eine Fülle von Projekten und Programmen bis hin zu Investitionen in grüne Energie und das Eindämmen von Migration. Über allem stehen die Essentials Entwicklung und Stabilität.Die Inselrepublik will in den kommenden Monaten darüber hinaus ihr Standing in diversen Regionen erhöhen und präsentiert sich als Türöffner nach Brüssel. Von Indien und den Philippinen über Botswana und Belize bis nach Algerien und den Libanon reicht die Liste der Länder, denen der zyprische Außenminister versprochen hat, für mehr Investitionen aus der EU und einen besseren Zugang dieser Länder nach Europa zu sorgen. Fast möchte man an den jüngsten Skandal in Nikosia denken, bei dem dieses Angebot womöglich auch im Hintergrund stand und den Stabschef des Präsidenten inspirierte.



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