Ein Teppichstück konnte bei ihr von der Menschenverachtung des NSU erzählen, Ikea-Klappstühle von den Verwerfungen der 1990er im Osten: Henrike Naumann war einzigartig und zugleich eine der einflussreichsten Künstlerinnen ihrer Generation


Henrike Naumann (1984–2026)

Foto: Hanna Wiedemann


Henrike Naumann, geboren 1984 im sächsischen Zwickau, arrangierte Möbel, Designobjekte, Teppiche und Videoarbeiten. Das war ihre Kunst. Und darin war sie einzigartig und international erfolgreich. Sie nannte diese Räume „imaginäre Interieurs von Menschen in besonderen gesellschaftlichen Konstellationen“. Ihre Installationen wurden in vielen wichtigen Museen in Deutschland gezeigt. International war sie unter anderem in Frankreich, den USA, Südkorea, Polen, der Ukraine oder Russland präsent. Sie arbeitete nicht für eine kleine Schar von Auserwählten in der Auskenner-Nische, sondern wollte immer ein möglichst breites und großes Publikum erreichen.

Kunst war für sie auch ein Teil der öffentlichen Debatte. Ihr in Zusammenarbeit mit Bastian Hagedorn produziertes Werk Trance-Orgel war im Sommer 2022 auf der documenta in Kassel zu sehen. In diesem Jahr wird eine Installation von ihr im Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig gezeigt, der anderen wichtigen Weltkunstschau. Henrike Naumann war zweifellos eine der einflussreichsten Künstlerinnen ihrer Generation. Im Oktober hätte sie eine Professur an der HfBK in Hamburg antreten sollen.

„Möbel repräsentierten gesellschaftliche Strukturen“, erklärte Naumann, wenn sie gefragt wurde, warum sie in ihrer künstlerischen Praxis oft auf Alltagsgegenstände zurückgriff. Niemand konnte die stumme Objektwelt so kunstvoll zum Sprechen bringen wie sie. Dann erzählten Tische und Stühle aus dem Keller des Hauses der Kunst in München plötzlich von der völkischen Ideologie der NS-Vergangenheit, Ikea-Klappstühle aus den 1990er Jahren von den Verwerfungen der Transformationszeit in Ostdeutschland und ein Teppichstück vom Zwickauer Versteck der NSU-Terroristen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt und deren mörderischer Menschenverachtung.

Kunst zu machen, das hieß bei Henrike Naumann, Fragen in den Raum zu stellen

Immer wieder beschäftigte sich Naumann kritisch mit der Vergangenheit und Gegenwart rechter Ideologien. Schrankwände arrangierte die Künstlerin in Stonehenge-Formation, um über die Gefährlichkeit der Reichsbürger-Ideologie zu reflektieren. Kunst zu machen, das hieß bei ihr, Fragen in den Raum zu stellen. Etwa die nach dem seltsamen Nebeneinander von Rave-Exzess und Neonaziterror während der „Baseballschlägerjahre“ in Ostdeutschland. Darum drehte sich ihre erste große Installation Triangular Stories (Amnesia & Terror) von 2012.

Während ihres Kunststudiums in Dresden und einem anschließenden Bühnen- und Kostümbild-Studium in Potsdam entwickelte sie ein untrügliches Gespür für Räume. Nicht nur diesbezüglich war Henrike Naumann ein genauer Mensch, sie recherchierte tiefgründig und war sich der Macht der Sprache bewusst. Das Wort „Wiedervereinigung“ etwa verwendete sie nur in Anführungsstrichen, da es ihr ein wenig zu „reichsideologisch“ klang. Dabei war sie kein Mensch, der andere eines Besseren belehren wollte.

Naumann war zugewandt, warmherzig, intellektuell und politisch. Wenn sie sich auf die vergessene Ostkunstgeschichte bezog, dann war das immer auch persönlich. Denn Naumann stammte aus einer Künstlerfamilie. Die Bilder ihres 1997 gestorbenen Großvaters Karl Heinz Jakob integrierte sie etwa in ihre eigenen Installationen. So erreichte sie, dass seine Bilder in zeitgenössischen Sammlungen landeten und anlässlich einer Performance in Chemnitz sogar im Spiegel über den DDR-Künstler berichtet wurde.

Henrike Naumann war gegen faule Kompromisse

Im Großem wie im Kleinen stellte sie den Status quo infrage. Sie war gegen faule Kompromisse. So verzichtete sie in den letzten Jahren etwa auf eine Galerievertretung. Sie begründete es so: „Ich möchte in alle Prozesse involviert sein, auch in die ökonomischen, und sie selbst gestalten.“ Sie war eine Meisterin der Überzeugungskraft. Sie musste es sein, damit sie ihre ästhetisch gewagten Installationen in den Museen verwirklichen konnte. Sie war auf die Risikobereitschaft auf der institutionellen Seite angewiesen. Oft genug musste sie diese in langwierigen Verhandlungsprozessen erst mal wecken. Das war kräftezehrend. Denn sie wollte sich und ihr Publikum überraschen.

Das galt auch für alle anderen ritualisierten Formen: Als Naumann etwa einmal den Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung verliehen bekam, wünschte sie sich vom Chefredakteur zur Preisverleihung eine Vase statt des üblichen Blumenstraußes. So vermied sie elegant das langweilige Pressebild mit Blumenübergabe. Besonders engagierte sie sich für die zeitgenössische Kultur Ostmitteleuropas und nahm etwa 2023 mit der Sound-Tanz-Performance Breathe an der von Vasyl Cherepanyn geleiteten Kyiv Biennale teil.

„Ich bin eine Ideenmaschine“, erzählte Naumann neulich der Zeit. „Ich habe immer eher zu viele.“ Aber auch für dieses Problem fand Henrike Naumann schließlich eine sehr gute Lösung. Im Berliner Bierke Verlag erschien im vergangenen Jahr ein Buchobjekt, in dem sie alle ihre Ideen, die realisierten und die unrealisierten veröffentlichte. Rund 100 Projekte sind in diesem Aktenordner aus Stahl eingeheftet. Das metallische Ding wiegt schwer und ist auch ein bisschen scharfkantig. Es ist plötzlich zu einer Art Vermächtnis geworden.

Henrike Naumann starb am 14. Februar in Berlin infolge einer Krebserkrankung mit nur 41 Jahren im Kreis ihrer Familie und Freund*innen. Ihre Ideen, ihre Kunst, ihre Energie, ihr Humanismus und ihre Intellektualität werden zukünftig schmerzhaft fehlen, nicht nur in der Kunstszene, sondern weit darüber hinaus.

Zusammenarbeit mit Bastian Hagedorn produziertes Werk Trance-Orgel war im Sommer 2022 auf der documenta in Kassel zu sehen. In diesem Jahr wird eine Installation von ihr im Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig gezeigt, der anderen wichtigen Weltkunstschau. Henrike Naumann war zweifellos eine der einflussreichsten Künstlerinnen ihrer Generation. Im Oktober hätte sie eine Professur an der HfBK in Hamburg antreten sollen.„Möbel repräsentierten gesellschaftliche Strukturen“, erklärte Naumann, wenn sie gefragt wurde, warum sie in ihrer künstlerischen Praxis oft auf Alltagsgegenstände zurückgriff. Niemand konnte die stumme Objektwelt so kunstvoll zum Sprechen bringen wie sie. Dann erzählten Tische und Stühle aus dem Keller des Hauses der Kunst in München plötzlich von der völkischen Ideologie der NS-Vergangenheit, Ikea-Klappstühle aus den 1990er Jahren von den Verwerfungen der Transformationszeit in Ostdeutschland und ein Teppichstück vom Zwickauer Versteck der NSU-Terroristen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt und deren mörderischer Menschenverachtung.Kunst zu machen, das hieß bei Henrike Naumann, Fragen in den Raum zu stellenImmer wieder beschäftigte sich Naumann kritisch mit der Vergangenheit und Gegenwart rechter Ideologien. Schrankwände arrangierte die Künstlerin in Stonehenge-Formation, um über die Gefährlichkeit der Reichsbürger-Ideologie zu reflektieren. Kunst zu machen, das hieß bei ihr, Fragen in den Raum zu stellen. Etwa die nach dem seltsamen Nebeneinander von Rave-Exzess und Neonaziterror während der „Baseballschlägerjahre“ in Ostdeutschland. Darum drehte sich ihre erste große Installation Triangular Stories (Amnesia & Terror) von 2012.Während ihres Kunststudiums in Dresden und einem anschließenden Bühnen- und Kostümbild-Studium in Potsdam entwickelte sie ein untrügliches Gespür für Räume. Nicht nur diesbezüglich war Henrike Naumann ein genauer Mensch, sie recherchierte tiefgründig und war sich der Macht der Sprache bewusst. Das Wort „Wiedervereinigung“ etwa verwendete sie nur in Anführungsstrichen, da es ihr ein wenig zu „reichsideologisch“ klang. Dabei war sie kein Mensch, der andere eines Besseren belehren wollte.Naumann war zugewandt, warmherzig, intellektuell und politisch. Wenn sie sich auf die vergessene Ostkunstgeschichte bezog, dann war das immer auch persönlich. Denn Naumann stammte aus einer Künstlerfamilie. Die Bilder ihres 1997 gestorbenen Großvaters Karl Heinz Jakob integrierte sie etwa in ihre eigenen Installationen. So erreichte sie, dass seine Bilder in zeitgenössischen Sammlungen landeten und anlässlich einer Performance in Chemnitz sogar im Spiegel über den DDR-Künstler berichtet wurde.Henrike Naumann war gegen faule KompromisseIm Großem wie im Kleinen stellte sie den Status quo infrage. Sie war gegen faule Kompromisse. So verzichtete sie in den letzten Jahren etwa auf eine Galerievertretung. Sie begründete es so: „Ich möchte in alle Prozesse involviert sein, auch in die ökonomischen, und sie selbst gestalten.“ Sie war eine Meisterin der Überzeugungskraft. Sie musste es sein, damit sie ihre ästhetisch gewagten Installationen in den Museen verwirklichen konnte. Sie war auf die Risikobereitschaft auf der institutionellen Seite angewiesen. Oft genug musste sie diese in langwierigen Verhandlungsprozessen erst mal wecken. Das war kräftezehrend. Denn sie wollte sich und ihr Publikum überraschen.Das galt auch für alle anderen ritualisierten Formen: Als Naumann etwa einmal den Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung verliehen bekam, wünschte sie sich vom Chefredakteur zur Preisverleihung eine Vase statt des üblichen Blumenstraußes. So vermied sie elegant das langweilige Pressebild mit Blumenübergabe. Besonders engagierte sie sich für die zeitgenössische Kultur Ostmitteleuropas und nahm etwa 2023 mit der Sound-Tanz-Performance Breathe an der von Vasyl Cherepanyn geleiteten Kyiv Biennale teil.„Ich bin eine Ideenmaschine“, erzählte Naumann neulich der Zeit. „Ich habe immer eher zu viele.“ Aber auch für dieses Problem fand Henrike Naumann schließlich eine sehr gute Lösung. Im Berliner Bierke Verlag erschien im vergangenen Jahr ein Buchobjekt, in dem sie alle ihre Ideen, die realisierten und die unrealisierten veröffentlichte. Rund 100 Projekte sind in diesem Aktenordner aus Stahl eingeheftet. Das metallische Ding wiegt schwer und ist auch ein bisschen scharfkantig. Es ist plötzlich zu einer Art Vermächtnis geworden.Henrike Naumann starb am 14. Februar in Berlin infolge einer Krebserkrankung mit nur 41 Jahren im Kreis ihrer Familie und Freund*innen. Ihre Ideen, ihre Kunst, ihre Energie, ihr Humanismus und ihre Intellektualität werden zukünftig schmerzhaft fehlen, nicht nur in der Kunstszene, sondern weit darüber hinaus.



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