Wäre der Neoliberalismus eine Stadt, dann wohl New York: Symbol für Freiheit, radikalen Individualismus, Wall Street, unbezahlbare Mieten und zerfallende Infrastruktur. Ausgerechnet diese Stadt hat nun mit Zoran Mamdani seit einiger Zeit einen Bürgermeister, der sich als demokratischen Sozialisten bezeichnet und eine linke, gemeinwohlorientierte Politik betreibt. Wie konnte das passieren?

Sein Wahlerfolg wird zumeist mit Social Media erklärt. Weniger Beachtung findet seine politisch-strategische Ausrichtung, die sich als Gegenprogramm zum (neo-)liberalen Individualismus verstehen lässt. Mamdani stellte die Kraft von Gemeinschaft in den Mittelpunkt – ohne individuelle Lebensentwürfe abzuwerten. Konkret hieß das: Er kommunizierte Zugehörigkeit, skizzierte kollektive Handlungsmöglichkeiten und bot praktische Solidarität an. Gemeinschaft war damit nicht nur ein interner Mobilisierungsfaktor, wie die New York Times überrascht konstatierte, sondern wirkte auch nach außen in die Wählerschaft hinein.

Wir leben in Zeiten individualistischer Überforderung

Mamdani adressierte damit ein grundlegendes Bedürfnis, das im Postfordismus an Bedeutung gewinnt. Der moderne Liberalismus eröffnet zwar neue Räume individueller Selbstentfaltung, macht aber Selbstverantwortung und Eigeninteresse zu Grundpfeilern des Zusammenlebens. Gesellschaft erscheint so als Ansammlung vereinzelter, selbstbezogener Individuen. Jeder sei seines Glückes Schmied und damit auch selbst schuld, wenn er eben nicht vom Tellerwäscher zum Milliardär wird.

Dieser übersteigerte Individualismus hat sich als normative Grundlage (neo-)liberaler Politik in alle Lebensbereiche hineingefressen. Er erzeugt Unsicherheit, Entsolidarisierung und Vereinzelung.

Zugleich veränderte er die Sicht auf komplexe Problemlagen: Soziale Probleme, die sich nur oder zumindest besser durch kollektives Handeln lösen lassen, werden zu individuellen Optimierungsaufgaben umgedeutet. Wo sich diese Probleme aber der individuellen Bearbeitung entziehen, entstehen Erschöpfung, Scham und Ohnmachtsgefühle. Zugleich wächst das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Solidarität, also nach Gemeinschaft.

Gefühle der Selbstwirksamkeit entstehen in solidarischen Kollektiven

Dieses Bedürfnis, Problemen nicht ohnmächtig gegenüberzustehen, sondern innerhalb eines solidarischen Kollektivs Selbstwirksamkeit zu entwickeln, ist nicht neu. Sie ist eng mit den historischen Kämpfen der Arbeiterbewegung verknüpft. Mit dem Übergang von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft existierten zwar nur noch formal freie und gleiche Privatrechtssubjekte, die meisten blieben aber existenziell auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen. Es konstituierte sich ein asymmetrisches Austauschverhältnis, das den individuellen Arbeitsvertrag faktisch zum Knechtschaftsvertrag machte.

Die organisierte Arbeiterbewegung durchbrach gezielt diese Marktlogik durch kollektives Handeln: Streiks und Kollektivverträge hoben das individuelle Problem auf eine kollektive Ebene. Während das vereinzelte Individuum der Macht des Arbeitgebers ausgeliefert blieb, entstand in der Gemeinschaft kollektive Handlungsmacht. So konnte die Abhängigkeit vom Arbeitgeber relativiert und Einfluss auf Arbeits- und Lebensbedingungen gewonnen werden.

Entscheidend war, dass sich der individuelle Wille zwar an der Bildung des Kollektivwillens beteiligte, sich diesem aber kritisch-solidarisch unterordnete. Nur so entstand jene Macht, die in der Lage war, die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft zu durchbrechen und jene sozialen Errungenschaften zu erkämpfen, die unser Leben heute lebenswert machen.

Gemeinschaft ist mehr als ein subjektives Gefühl

Gemeinschaft war dabei nicht nur eine „subjektiv gefühlte Zugehörigkeit“ (Max Weber), sondern auch materiell-praktische Klassensolidarität. Als Teil einer solidarischen Gemeinschaft wurde individuelle Ohnmacht überwunden und das Bestehende durch solidarisches Miteinander verändert. Insofern richtete sich dieser Gemeinschaftsbegriff grundlegend gegen den Individualismus der bürgerlichen Gesellschaft, sodass er nicht nur auf die ökonomische und politische Sphäre begrenzt, sondern auch kulturell, institutionell und räumlich tief in den Lebenswelten der Arbeiter*innen verankert war.

Spätestens mit dem Aufstieg des Neoliberalismus gerieten diese solidarischen Gemeinschaften jedoch unter massiven Druck. Mit ihnen schwand auch das sozial-demokratische Gemeinschaftsverständnis. Zugleich galt der Begriff „Gemeinschaft“ innerhalb der Linken als diskreditiert. Konservative Vereinnahmung – von der Dorf- bis zur Volksgemeinschaft – und die Aufarbeitung des Nationalsozialismus verknüpften den Begriff spätestens seit 1968 mit autoritären Politiken. „Gemeinschaft“ erschien für emanzipatorische Projekte zunehmend unbrauchbar. An seine Stelle traten alternative Konzepte, die die Leerstelle jedoch nicht füllen konnten.

In diese stießen vor allem rechtspopulistische Akteure. Sie propagieren eine völkische, „sekundäre Form“ von Gemeinschaft, die ausschließlich auf einem subjektiven Zugehörigkeitsgefühl basiert, das durch Abwertung eines vermeintlich „Anderen“ erzeugt wird. Diese Vorstellung ist weder an direkte Interaktion noch an materiell-praktische Solidarität gebunden. Trotzdem findet sie in Teilen der Arbeiterklasse Resonanz, bietet sie doch eine Alternative zur liberalen Vereinzelung und bedient durch Abwertung das wachsende Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

Kommunitarismus von rechts – das AfD-Problem

Mit dem Aufstieg der AfD rückt die Frage nach Zugehörigkeit – von SPD bis Linkspartei – auch in der deutschen Linken wieder in den Fokus. Früh erspürte vor allem Sahra Wagenknecht dieses Bedürfnis nach Gemeinschaft und versuchte es strategisch fruchtbar zu machen. Das in ihrem Buch Die Selbstgerechten entfaltete Gemeinschaftsverständnis speiste sich jedoch nicht aus der Tradition der Arbeiterbewegung, sondern aus dem Kommunitarismus, einer vor allem in den 1990er-Jahren in den USA diskutierten philosophischen Strömung.

Der Kommunitarismus kritisiert den Liberalismus, indem er die Notwendigkeit von Gemeinschaft für individuelle Entfaltung betont. Gemeinschaft wird dabei primär national gedacht und als Produkt kollektiven politischen Handelns begriffen. Gemeinsame Werte, Sprache oder Kultur gelten als Voraussetzung gesellschaftlicher Integration. Einwanderung erscheint folglich als Kraftakt und Ressourcenaufwand, weil Zugewanderte an Kultur und Werte der bestehenden Gemeinschaft herangeführt werden müssen. Politische Handlungsfähigkeit entstehe erst, wenn sich alle Mitglieder auf grundlegende Werte verständigen und diese durch Praktiken und öffentliche Güter beständig reproduzieren.

Politische Gemeinschaften: das BSW schießt übers Ziel hinaus

Dieses Gemeinschaftsverständnis ermöglichte es Wagenknecht, sich sowohl von der alten Arbeiterbewegung als auch vom völkischen Gemeinschaftsbild abzugrenzen. Was medial als „linkskonservativ“ etikettiert wurde, ging letztlich auf eine Denktradition zurück, die die gemeinschaftliche Einbettung menschlicher Entfaltung betonte. Für Wagenknecht eröffnete sich so ein vermeintlicher dritter Weg: In der Migrationsdebatte hätte sie Einwanderung als Überforderung der Gemeinschaft kritisieren und zugleich höhere Investitionen in den Sozialstaat fordern können, ohne offen völkisch-rassistische Ressentiments zu bedienen.

Allerdings übernahm sie auch die konzeptionellen Schwächen des Kommunitarismus. Schon früh wurde dessen kulturalistische Verengung kritisiert, die ihn gegenüber autoritären Ideologien anfällig macht. Die Entwicklung des BSW scheint dies zu bestätigen: Die neue Partei um Wagenknecht zeigte sich konservativen und autoritären Strategien gegenüber nur wenig resistent.

Anders als das BSW knüpft die Linkspartei seit Wagenknechts Austritt verstärkt an das sozial-demokratische Gemeinschaftskonzept an. Mit der Wahl der neuen Führung um Ines Schwerdtner und Jan van Aken rückt die Partei ein klassenbezogenes „Wir“ ins Zentrum und verknüpft es mit praktischer Solidarität.

Im Bewusstsein, dass die Erosions- und Auflösungsprozesse vor allem die solidarischen Zusammenhänge der Arbeiterbewegung getroffen haben, scheint die politische Strategie darauf zu zielen, kollektive Handlungsmöglichkeiten sichtbar zu machen und Entsolidarisierung wie Individualisierung entgegenzuwirken. In Haustürgesprächen und Sozialsprechstunden positionierte sich die Partei im Bundestagswahlkampf als Akteurin zur Herstellung lokaler, klassenbasierter Gemeinschaften, indem die Herstellung eines subjektiven Zugehörigkeitsgefühls mit konkreter kollektiver Unterstützung verbunden wurde. Gemeinschaft wird als Lösungsstrategie für Probleme kommuniziert, die aufgrund herrschender Machtasymmetrien individuell nicht bewältigt werden können. Kollektive Organisierung in lokalen Strukturen wird als Voraussetzung für Veränderung gesehen, konkret vor Ort, im Stadtteil oder Dorf.

Die Linke fordert jetzt „Kiezkantinen“ – nicht neu, aber wirksam

Individuelle Identitäten wurden dabei weder überhöht noch abgewertet. Stattdessen setzte die Linkspartei auf eine Politik inklusiver Solidarität, die das Moment der Veränderbarkeit betont und mit der Herstellung von Gemeinschaft verbindet. Lokale Angebote wie die Mietwucher-App oder ein Meldeportal zum Mindestlohn übersetzten diesen Ansatz in konkrete Hilfen und niedrigschwellige Organisierung.

Der überraschende Erfolg bei den Bundestagswahlen bestätigte diese Strategie. Anders als BSW und SPD scheint die Linke erkannt zu haben, dass der sozial-demokratische Gemeinschaftsgedanke der Kern linker Politik und damit ein Schlüsselkonzept für die Revitalisierung der Linken darstellt. So fordert die Berliner Bürgermeisterkandidatin Elif Eralp stadtweite Kiezkantinen, die die Partei im Wahlkampf erproben will.

Sie sollen Begegnungsorte sein, wo günstig gegessen und Zugehörigkeit erfahren werden kann. Eralp betont ausdrücklich, dass ihre Idee an das Konzept der „Public Grocery Stores“ von Zoran Mamdani in New York anknüpft – ironischerweise hatte sich dieser selbst vom Bundestagswahlkampf der Linkspartei inspirieren lassen, in dem es hieß: „Niemals allein, immer gemeinsam.“

Felix Syrovatka ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena

den Mittelpunkt – ohne individuelle Lebensentwürfe abzuwerten. Konkret hieß das: Er kommunizierte Zugehörigkeit, skizzierte kollektive Handlungsmöglichkeiten und bot praktische Solidarität an. Gemeinschaft war damit nicht nur ein interner Mobilisierungsfaktor, wie die New York Times überrascht konstatierte, sondern wirkte auch nach außen in die Wählerschaft hinein.Wir leben in Zeiten individualistischer Überforderung Mamdani adressierte damit ein grundlegendes Bedürfnis, das im Postfordismus an Bedeutung gewinnt. Der moderne Liberalismus eröffnet zwar neue Räume individueller Selbstentfaltung, macht aber Selbstverantwortung und Eigeninteresse zu Grundpfeilern des Zusammenlebens. Gesellschaft erscheint so als Ansammlung vereinzelter, selbstbezogener Individuen. Jeder sei seines Glückes Schmied und damit auch selbst schuld, wenn er eben nicht vom Tellerwäscher zum Milliardär wird.Dieser übersteigerte Individualismus hat sich als normative Grundlage (neo-)liberaler Politik in alle Lebensbereiche hineingefressen. Er erzeugt Unsicherheit, Entsolidarisierung und Vereinzelung.Zugleich veränderte er die Sicht auf komplexe Problemlagen: Soziale Probleme, die sich nur oder zumindest besser durch kollektives Handeln lösen lassen, werden zu individuellen Optimierungsaufgaben umgedeutet. Wo sich diese Probleme aber der individuellen Bearbeitung entziehen, entstehen Erschöpfung, Scham und Ohnmachtsgefühle. Zugleich wächst das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Solidarität, also nach Gemeinschaft.Gefühle der Selbstwirksamkeit entstehen in solidarischen Kollektiven Dieses Bedürfnis, Problemen nicht ohnmächtig gegenüberzustehen, sondern innerhalb eines solidarischen Kollektivs Selbstwirksamkeit zu entwickeln, ist nicht neu. Sie ist eng mit den historischen Kämpfen der Arbeiterbewegung verknüpft. Mit dem Übergang von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft existierten zwar nur noch formal freie und gleiche Privatrechtssubjekte, die meisten blieben aber existenziell auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen. Es konstituierte sich ein asymmetrisches Austauschverhältnis, das den individuellen Arbeitsvertrag faktisch zum Knechtschaftsvertrag machte.Die organisierte Arbeiterbewegung durchbrach gezielt diese Marktlogik durch kollektives Handeln: Streiks und Kollektivverträge hoben das individuelle Problem auf eine kollektive Ebene. Während das vereinzelte Individuum der Macht des Arbeitgebers ausgeliefert blieb, entstand in der Gemeinschaft kollektive Handlungsmacht. So konnte die Abhängigkeit vom Arbeitgeber relativiert und Einfluss auf Arbeits- und Lebensbedingungen gewonnen werden.Entscheidend war, dass sich der individuelle Wille zwar an der Bildung des Kollektivwillens beteiligte, sich diesem aber kritisch-solidarisch unterordnete. Nur so entstand jene Macht, die in der Lage war, die Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft zu durchbrechen und jene sozialen Errungenschaften zu erkämpfen, die unser Leben heute lebenswert machen.Gemeinschaft ist mehr als ein subjektives Gefühl Gemeinschaft war dabei nicht nur eine „subjektiv gefühlte Zugehörigkeit“ (Max Weber), sondern auch materiell-praktische Klassensolidarität. Als Teil einer solidarischen Gemeinschaft wurde individuelle Ohnmacht überwunden und das Bestehende durch solidarisches Miteinander verändert. Insofern richtete sich dieser Gemeinschaftsbegriff grundlegend gegen den Individualismus der bürgerlichen Gesellschaft, sodass er nicht nur auf die ökonomische und politische Sphäre begrenzt, sondern auch kulturell, institutionell und räumlich tief in den Lebenswelten der Arbeiter*innen verankert war.Spätestens mit dem Aufstieg des Neoliberalismus gerieten diese solidarischen Gemeinschaften jedoch unter massiven Druck. Mit ihnen schwand auch das sozial-demokratische Gemeinschaftsverständnis. Zugleich galt der Begriff „Gemeinschaft“ innerhalb der Linken als diskreditiert. Konservative Vereinnahmung – von der Dorf- bis zur Volksgemeinschaft – und die Aufarbeitung des Nationalsozialismus verknüpften den Begriff spätestens seit 1968 mit autoritären Politiken. „Gemeinschaft“ erschien für emanzipatorische Projekte zunehmend unbrauchbar. An seine Stelle traten alternative Konzepte, die die Leerstelle jedoch nicht füllen konnten.In diese stießen vor allem rechtspopulistische Akteure. Sie propagieren eine völkische, „sekundäre Form“ von Gemeinschaft, die ausschließlich auf einem subjektiven Zugehörigkeitsgefühl basiert, das durch Abwertung eines vermeintlich „Anderen“ erzeugt wird. Diese Vorstellung ist weder an direkte Interaktion noch an materiell-praktische Solidarität gebunden. Trotzdem findet sie in Teilen der Arbeiterklasse Resonanz, bietet sie doch eine Alternative zur liberalen Vereinzelung und bedient durch Abwertung das wachsende Bedürfnis nach Zugehörigkeit.Kommunitarismus von rechts – das AfD-Problem Mit dem Aufstieg der AfD rückt die Frage nach Zugehörigkeit – von SPD bis Linkspartei – auch in der deutschen Linken wieder in den Fokus. Früh erspürte vor allem Sahra Wagenknecht dieses Bedürfnis nach Gemeinschaft und versuchte es strategisch fruchtbar zu machen. Das in ihrem Buch Die Selbstgerechten entfaltete Gemeinschaftsverständnis speiste sich jedoch nicht aus der Tradition der Arbeiterbewegung, sondern aus dem Kommunitarismus, einer vor allem in den 1990er-Jahren in den USA diskutierten philosophischen Strömung.Der Kommunitarismus kritisiert den Liberalismus, indem er die Notwendigkeit von Gemeinschaft für individuelle Entfaltung betont. Gemeinschaft wird dabei primär national gedacht und als Produkt kollektiven politischen Handelns begriffen. Gemeinsame Werte, Sprache oder Kultur gelten als Voraussetzung gesellschaftlicher Integration. Einwanderung erscheint folglich als Kraftakt und Ressourcenaufwand, weil Zugewanderte an Kultur und Werte der bestehenden Gemeinschaft herangeführt werden müssen. Politische Handlungsfähigkeit entstehe erst, wenn sich alle Mitglieder auf grundlegende Werte verständigen und diese durch Praktiken und öffentliche Güter beständig reproduzieren.Politische Gemeinschaften: das BSW schießt übers Ziel hinaus Dieses Gemeinschaftsverständnis ermöglichte es Wagenknecht, sich sowohl von der alten Arbeiterbewegung als auch vom völkischen Gemeinschaftsbild abzugrenzen. Was medial als „linkskonservativ“ etikettiert wurde, ging letztlich auf eine Denktradition zurück, die die gemeinschaftliche Einbettung menschlicher Entfaltung betonte. Für Wagenknecht eröffnete sich so ein vermeintlicher dritter Weg: In der Migrationsdebatte hätte sie Einwanderung als Überforderung der Gemeinschaft kritisieren und zugleich höhere Investitionen in den Sozialstaat fordern können, ohne offen völkisch-rassistische Ressentiments zu bedienen.Allerdings übernahm sie auch die konzeptionellen Schwächen des Kommunitarismus. Schon früh wurde dessen kulturalistische Verengung kritisiert, die ihn gegenüber autoritären Ideologien anfällig macht. Die Entwicklung des BSW scheint dies zu bestätigen: Die neue Partei um Wagenknecht zeigte sich konservativen und autoritären Strategien gegenüber nur wenig resistent.Anders als das BSW knüpft die Linkspartei seit Wagenknechts Austritt verstärkt an das sozial-demokratische Gemeinschaftskonzept an. Mit der Wahl der neuen Führung um Ines Schwerdtner und Jan van Aken rückt die Partei ein klassenbezogenes „Wir“ ins Zentrum und verknüpft es mit praktischer Solidarität.Im Bewusstsein, dass die Erosions- und Auflösungsprozesse vor allem die solidarischen Zusammenhänge der Arbeiterbewegung getroffen haben, scheint die politische Strategie darauf zu zielen, kollektive Handlungsmöglichkeiten sichtbar zu machen und Entsolidarisierung wie Individualisierung entgegenzuwirken. In Haustürgesprächen und Sozialsprechstunden positionierte sich die Partei im Bundestagswahlkampf als Akteurin zur Herstellung lokaler, klassenbasierter Gemeinschaften, indem die Herstellung eines subjektiven Zugehörigkeitsgefühls mit konkreter kollektiver Unterstützung verbunden wurde. Gemeinschaft wird als Lösungsstrategie für Probleme kommuniziert, die aufgrund herrschender Machtasymmetrien individuell nicht bewältigt werden können. Kollektive Organisierung in lokalen Strukturen wird als Voraussetzung für Veränderung gesehen, konkret vor Ort, im Stadtteil oder Dorf.Die Linke fordert jetzt „Kiezkantinen“ – nicht neu, aber wirksamIndividuelle Identitäten wurden dabei weder überhöht noch abgewertet. Stattdessen setzte die Linkspartei auf eine Politik inklusiver Solidarität, die das Moment der Veränderbarkeit betont und mit der Herstellung von Gemeinschaft verbindet. Lokale Angebote wie die Mietwucher-App oder ein Meldeportal zum Mindestlohn übersetzten diesen Ansatz in konkrete Hilfen und niedrigschwellige Organisierung.Der überraschende Erfolg bei den Bundestagswahlen bestätigte diese Strategie. Anders als BSW und SPD scheint die Linke erkannt zu haben, dass der sozial-demokratische Gemeinschaftsgedanke der Kern linker Politik und damit ein Schlüsselkonzept für die Revitalisierung der Linken darstellt. So fordert die Berliner Bürgermeisterkandidatin Elif Eralp stadtweite Kiezkantinen, die die Partei im Wahlkampf erproben will.Sie sollen Begegnungsorte sein, wo günstig gegessen und Zugehörigkeit erfahren werden kann. Eralp betont ausdrücklich, dass ihre Idee an das Konzept der „Public Grocery Stores“ von Zoran Mamdani in New York anknüpft – ironischerweise hatte sich dieser selbst vom Bundestagswahlkampf der Linkspartei inspirieren lassen, in dem es hieß: „Niemals allein, immer gemeinsam.“



Source link