Dass die Weltordnung seinerzeit in Jalta und Potsdam von der Sowjetunion, den USA und Großbritannien festgelegt wurde, war für Resteuropa nicht gerade schmeichelhaft, aber akzeptabel. Jüngste Entwicklungen deuten indes eine neue „Große Troika“ an, bei der Großbritannien durch China ersetzt und Europa endgültig an den geopolitischen Straßenrand abgedrängt wird.

Von Alexander Jakowenko

Die jüngste, überreife Krise im Nahen Osten überschneidet sich mit der Ukraine-Krise. Gleichzeitig hat sie sich zu einem Katalysator für die Entfremdung in den transatlantischen Beziehungen entwickelt: Während bezüglich der Ukraine-Krise europäische NATO-Verbündete und überhaupt die EU versucht haben, Donald Trump davon zu überzeugen, die Ukraine nicht im Stich zu lassen, wies diesmal insbesondere Bundeskanzler Friedrich Merz Washingtons Forderung nach einer Beteiligung an einer gewaltsamen „Wiederöffnung“ der Straße von Hormus scharf zurück. Donald Trump versprach im Gegenzug, dies nicht zu vergessen und bezeichnete die NATO als „Papiertiger“. Alles deutet darauf hin, dass die nächsten zwei bis drei Wochen entscheidend für den militärischen Überfall der USA und Israels auf Iran sein werden – sie werden die weitere Entwicklung und die Tragweite der vielschichtigen Folgen bestimmen.

Krise in den transatlantischen Beziehungen

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Die transatlantischen Beziehungen befinden sich bekanntermaßen in einer akuten Krise – diesmal allerdings mit äußerst ungewissem Ausgang. Man kann die Europäer verstehen: Wenn schon die USA mit all ihrer militärischen Macht, auf die die Europäer auch selber eigentlich oder angeblich angewiesen sind, die Straße von Hormus nicht öffnen können – dann können die Europäer ihrerseits erst recht nicht ihre Truppen riskieren, die deutlich geringeren Erfolgsaussichten zusätzlich mitgedacht. Schon dies sieht wie ein Todesurteil aus.

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Doch noch etwas anderes ist ebenfalls wichtig. Die Meinungsverschiedenheiten über die Ukraine bestärken die europäischen Eliten in ihrem Wunsch nach einer Niederlage Trumps, die ein Schlüsselfaktor für einen Sieg der Demokraten bei den Zwischenwahlen am 3. November werden könnte. Dann könnte Washington Trumps „Sonderweg“ verlassen, und die transatlantischen Beziehungen würden zu ihrem früheren Kurs der westlichen Einheit auf der Grundlage einer starken antirussischen Haltung zurückkehren. 

Ebenso viel Besorgnis erregt in Europas Hauptstädten eine weitere Folge von Trumps Scheitern im Iran-Konflikt – und seine europäischen Verbündeten sind hier tatsächlich nicht in der Lage, ihm zu helfen. Allenfalls könnte Washington ihnen diese Niederlage anlasten, wie es bereits im Ukraine-Konflikt geschah – eine Absicht, die sich bereits in den Ansätzen der Biden-Regierung abzeichnete, die sich als ebenso unvorbereitet auf eine langwierige Konfrontation mit Russland erwiesen hat. Es geht hierbei um Folgendes: Eine Niederlage im Iran-Konflikt beraubt die Vereinigten Staaten jeder Möglichkeit, mit Peking aus einer Position der Stärke heraus zu verhandeln. Der erste Fehltritt ereignete sich letztes Jahr, als China Exportkontrollen für Seltene Erden als Verteidigungs- und Vergeltungsmaßnahme gegen Trumps aggressive Zölle verhängte.

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Nun aber geht auch die Rechnung nicht auf, die US-Kontrolle über die iranischen Erdöl- und Erdgasressourcen herzustellen. Darüber hinaus hat Teheran durch die Kontrolle über die Straße von Hormus (wie von US-Geheimdiensten vorhergesagt) die Gefahr einer wirtschaftlichen Destabilisierung der USA selbst geschaffen – ganz zu schweigen von der Gefahr einer globalen Rezession, die auch die US-Aktienmärkte zum Einsturz bringen würde. Letzteres zu verhindern, ist ein Schlüsselelement der Wahlkampfstrategie der Republikaner.

Und es wäre ja eine Sache, wenn der Zusammenbruch auf natürliche Weise erfolgte (die Märkte sind bei einer Marktkapitalisierung von 500 Prozent längst überfällig für eine traditionelle Korrektur) – aber etwas ganz anderes ist es, wenn Trump mit seinem Iran-Abenteuer dazu beigetragen hat. Obendrein trifft die Energiekrise ausgerechnet die Hightech-Unternehmen im Bereich der künstlichen Intelligenz, die in letzter Zeit das Wachstum der Börsenindikatoren getragen haben.

Schreckgespenst einer neuen „Großen Troika“

Europa sieht sich somit der Aussicht auf eine neue „Große Troika“ gegenüber, diesmal bestehend aus den Vereinigten Staaten, China und Russland – drei wahrhaft globale Supermächte, die ihren Status in der Praxis beweisen und als solche keine andere Wahl haben, als untereinander zu verhandeln. Dies erinnert an den Präzedenzfall des Zweiten Weltkriegs und das System von Jalta und Potsdam in Europa: Winston Churchills Platz würde eben vom chinesischen Staatschef eingenommen werden, und es entstünde ein globales Triumvirat, diesmal ohne die Beteiligung des „alten“ Europas, das sich somit am Rande der Weltpolitik wiederfände.

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Dies wäre auch das Ende von 200 Jahren westlicher Eindämmungspolitik gegenüber Russland, die – was der Ukraine-Konflikt beschleunigte – ihr Potenzial inzwischen ausgeschöpft hat.

Russlands Beteiligung an dieser Konstellation wird unter anderem durch die Notwendigkeit bedingt sein, das Scheitern der westlichen Eindämmungsstrategie gegenüber China zu kaschieren (unabhängige US-amerikanische Beobachter schreiben bereits, Washington habe Peking schlichtweg „die Vorfahrt überlassen“). Moskau könnte zum Vermittler in den US-amerikanisch-chinesischen Beziehungen werden – einschließlich der Beteiligung an trilateralen Kontakten zu Fragen der strategischen Stabilität. Der Zeitpunkt für diese wird früher oder später kommen, sobald Peking sein nukleares Raketenpotenzial auf das Niveau der USA und Russlands ausbaut (vermutlich bis zum Jahr 2030). Vor diesem Hintergrund erscheint Moskaus Vorschlag, einen Gipfel der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates einzuberufen, angesichts der Unvermeidbarkeit einer „Dreiecksdiplomatie“ à la Kissinger wie ein Segen – und eine Art Trostpflaster für London und Paris.

Berlin allerdings ist ein anderer Fall.

„Deutsche Frage“ – nach wie vor aktuell

Die Militarisierung der falschen

Ungeachtet der persönlicher Präferenzen Trumps werden die USA ihre Militärpräsenz in Europa im Zuge einer Normalisierung der bilateralen Beziehungen zu Moskau reduzieren müssen. Eine solche Normalisierung kann, nach den Erfahrungen mit der Ukraine, nur auf gegenseitigem Vertrauen und der Berücksichtigung der jeweiligen Interessen der Seiten beruhen. Doch dann taucht ein weiteres Gespenst auf, das die europäische Politik heimsucht: die Rückkehr zur Vorkriegszeit – mit entsprechenden Vorkehrungen, die aus der Notwendigkeit resultieren, ein vereintes Deutschland einzudämmen. Bislang wurde diese Aufgabe im Rahmen der NATO, unter Beteiligung der Vereinigten Staaten, und im Rahmen der Europäischen Union erfüllt. Die starke D-Mark etwa wurde zur Grundlage des Euro. Und aktuellen wirtschaftlichen Problemen zum Trotz verfügt Deutschland weiterhin über das größte wirtschaftliche Potenzial in der EU. London und Paris versuchen ganz offensichtlich, ihren Vorteil gegenüber Berlin als Atommächte auszunutzen – was auf die Erfahrungen der Entente verweist.

Auch im deutsch-französischen Motor der europäischen Integration ist etwas ins Stocken geraten – die Partnerschaft befindet sich in einer schwierigen Phase. Es ist zudem schwer vorherzusagen, wie Washington Deutschlands Status als eines von den USA besetzten Landes ausspielen werden. Unter diesen Umständen steht Berlin vor der Wahl: Entweder erneut zum Instrument antirussischer Politik westlicher Eliten zu werden wie schon in den beiden Weltkriegen – oder aber positive Beziehungen zu Russland aufzubauen, die nicht nur den Frieden in Europa sichern, sondern auch Deutschland selber einen würdigen Platz in der Weltpolitik garantieren würden.

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Westliche Experten fordern unterdessen, die Re-Nationalisierung der Verteidigung in Europa zu verhindern. Insbesondere Liana Fix empfiehlt in der aktuellen Ausgabe von Foreign Affairs eine gemeinsame Finanzierung der europäischen Aufrüstung – auf dass Berlin für seine „kleineren Brüder“ aufkomme und vor allem  sie auch militärisch nicht überrunde. Es scheint sogar einen Präzedenzfall hierfür zu geben – die Entscheidung der EU vom vergangenen März, 800 Milliarden Euro für die Aufrüstung bereitzustellen, wovon die einzelnen Staaten jeweils im Alleingang 650 Milliarden Euro aufbringen sollen. Um dies zu erreichen, werden derzeit die Vorgaben des Stabilitäts- und Wachstumspakts hinsichtlich der Haushaltsdefizite und Staatsverschuldung gelockert. Die Deutschen übertreffen jedenfalls in Bezug auf ihren Verteidigungshaushalt alle anderen EU-Mitglieder deutlich.

Dies ist mit der Sinn des 90-Milliarden-Euro-Kredits an die Ukraine, den Brüssel bisher nicht umsetzen konnte: Von separaten bilateralen Krediten an Kiew hin zu nationalen Aufrüstungsprogrammen ist es eigentlich nur ein Schritt.

Regierungserklärung von Kanzler Merz: Deutschland als Zentrum einer neuen EU-Machtpolitik

Aber auch die Polen und die Franzosen kommen nicht umhin, die revanchistischen Untertöne in Merz’ jüngsten Äußerungen wahrzunehmen. Unter anderem Berlins Umgang mit Griechenland vor zehn Jahren, als es die griechischen Banken auf Kosten der wachsenden Schuldenlast Athens rettete, ist ihnen noch gut in Erinnerung.

Wie dem auch sei, die europäische Politik tritt in eine äußerst gefährliche Phase ein, die das Potenzial für historische Konsequenzen birgt (welche sich wiederum mit unangenehmen geschichtlichen Entwicklungen der Vergangenheit reimen werden). Europas passive außenpolitische Linie, die darauf abzielt, Trumps Amtszeit auszusitzen, gepaart mit Teherans Absicht, weder Trump noch Netanjahu ungeschoren davonkommen zu lassen und die Neuordnung des Nahen Ostens, einschließlich der Straße von Hormus, zu verhindern – dies alles dürfte kaum ausreichen, um Europa in einem grundlegend neuen geopolitischen Umfeld, das auch von Trumps transaktionaler Diplomatie geprägt ist, in die hohe Politik einzuführen. Die europäischen Hauptstädte selbst sind sich keineswegs im Klaren darüber, was sie zu dieser Politik beitragen können, wenn all ihre Trümpfe – militärische und wirtschaftliche Stärke, die grüne Agenda und die Förderung von „Freiheit und Demokratie“ – entweder wirkungslos geworden sind oder gar nur noch Relikte vergangener Zeiten darstellen.

Europas Chance zum Beenden seiner geistigen Umnachtung durch Trumps Iran-Krieg

Die Zeit fordert von Europa eine Abkehr von historisch angehäuften Illusionen und Vorurteilen und den Übergang zu einer kreativen Außenpolitik – und beides ist ohne den Aufstieg national orientierter Eliten unwahrscheinlich.

Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei „RIA Nowosti“ am 22. März 2026.

Alexander Jakowenko ist ein russischer Diplomat (außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter Russlands) und Rektor der Diplomatischen Akademie beim Außenministerium der Russischen Föderation. Er war außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter Russlands in Großbritannien, stellvertretender Außenminister sowie Mitglied des Diplomatischen Kollegiums des russischen Außenministeriums.

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