Begrüßt dich deine Zimmergeranie mit „Hallo“ und spürt, dass es dir nicht gut geht? Ildikó Enyedi erzählt in „Silent Friend“ von Einsamkeit und möglichen Kommunikationswegen zwischen Mensch und Pflanze


Marburg 2020, 1972 – und 1908: Grete (Luna Wedler) ist die erste Biologie-Studentin, Thomas (Johannes Hegemann) unterstützt sie

Foto: Lenke Szilagy/Pandora Film


Die erste Begegnung mit dem Baum ist alles andere als charmant: Tony Wong (Tony Leung Chiu-wai), Professor für Neurologie aus Hongkong, ist zum Forschungsaufenthalt nach Marburg gekommen und wurde von seinen Universitätskollegen zu Bier und Schweinshaxe ausgeführt. Von Übelkeit geplagt, lehnt er sich später im Botanischen Garten der Universität an den mächtigen Stamm eines Ginkgo-Baums – und übergibt sich. Die Kamera zeigt im Querschnitt, wie das Erbrochene in den Grund und bis in die Wurzelspitzen dieses Baums sickert – und wie der Baum das und vermutlich auch die Erschöpfung von Tony erspürt.

Fast 200 Jahre alt ist der Ginkgo-Baum in Silent Friend, in dem die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi in drei zu unterschiedlichen Epochen spielenden Episoden von menschlicher Vereinzelung und Erkenntnissen zu artübergreifender Verbindung und Interaktion erzählt. Was zunächst abstrakt und dröge klingen mag, verwandelt Enyedi in eine sich leise und kraftvoll ausdehnende Narration mit geschmeidigen Übergängen. Auf ähnlich fesselnde Weise hatte sie schon 2017 in ihrem mit dem Goldenen Berlinale-Bären ausgezeichneten Körper und Seele von zwei in ihrer Einsamkeit verkapselten Menschen erzählt, die durch geteilte, wiederkehrende Träume auch in der Realität zueinanderfinden.

Andere Arten als die Spezies Mensch hat Tony in Silent Friend aber zunächst nicht im Sinn. Seine Forschung fokussiert die Bewusstseinsentwicklung bei Neugeborenen, deren Gehirnströme ganz andere Muster als jene von Erwachsenen aufzeigen. Doch es ist 2020, und nur wenige Wochen nach seiner Ankunft wird Tonys Lehrauftrag von den Corona-Auflagen unterbrochen. Fast gänzlich auf sich allein gestellt, findet er sich auf dem verlassenen Universitätsgelände wieder. Beim Spaziergang durch den Botanischen Garten fällt ihm der Ginkgo erneut ins Auge; ihm kommt die Idee, dass der ausladende Baum mehr als dekoratives Beiwerk sein könnte.

1908 als erste weibliche Biologie-Studentin

Im Parallelschnitt dazu hat Silent Friend schon eine andere an der Universität situierte Erzählung begonnen, die in Schwarz-Weiß-Aufnahmen ins Jahr 1908 zurückversetzt: Grete (Luna Wedler) gehört zu den ersten weiblichen Studentinnen an der Fakultät und muss in ihrer Aufnahmeprüfung zum Biologie-Studium eine diskriminierende Tortur über sich ergehen lassen. Die Befragung zu Carl von Linnés Kategorisierung von Pflanzen nach ihrer Sexualität nutzen die Professoren für Anzüglichkeiten und Abschätzigkeit ihr gegenüber. Grete besteht, wird an der Universität aber fortan als seltsames Kuriosum betrachtet und mit patriarchalen Begrenztheiten konfrontiert. Als sie beim Fotografen Herrn Fuchs (Martin Wuttke) eine Stelle als Assistentin antritt, schärft sich ihr Blick auf die Beschaffenheit von Pflanzen wie auf sich selbst und ihren Körper.

Auf subtile, eben nicht zwanghaft um Erklärung bemühte Weise arbeitet Silent Friend die Verbindungspunkte zwischen Tony, Grete und dem Dritten im Bunde dieser über Zeitalter hinweggreifenden Erzählung aus. Der Germanistikstudent Hannes (Enzo Brumm) hat 1972 ebenfalls Probleme mit gefühlter wie echter Ausgrenzung. Seinen Kommilitonen gilt er als naives Landei, das nicht so recht in ihre Revoluzzer-Kreise hineinpasst. Lediglich seine Mitbewohnerin, die Biologie-Studentin Gundula (Marlene Burow), versucht Kontakt mit dem unbeholfenen Hannes zu knüpfen und flirtet ihn wiederholt an, vergeblich.

Wie einst Grete und später Tony fremdelt auch Hannes mit seiner Umgebung, die in diesem Erzählstrang in der farbsatten Körnigkeit von 16mm-Aufnahmen aufleuchtet und die psychedelische Visualität der 1970er heraufbeschwört. Erst als Gundula in den Semesterferien wegfährt und ihm zur Aufsicht ihr Pflanzenexperiment überlässt, taut Hannes auf: In der mit Sensoren versehenen Geranie, die Gundula zur Erforschung der Wahrnehmung von Pflanzen dient, sieht Hannes bald mehr als eine lästige Verpflichtung. Von der Reaktionsfreudigkeit des pinkblütigen Gewächses überrascht, beginnt er eigene Tests.

Was ist, wenn sie uns beobachten?

„Was ist, wenn sie uns beobachten, genauso wie wir sie beobachten?“, ist die Frage, die Tony während seiner Zwangsquarantäne mit der französischen Botanikerin Alice (Léa Seydoux) im Videocall diskutiert. Es ist auch die Frage, die in sanfter Provokation über Silent Friend schwebt und darauf verweist, dass wir Menschen selbst in tiefster innerer Abschottung immer noch von jemandem wahrgenommen werden – wenn nicht von Mitmenschen, dann von der uns umgebenden Natur. Diese Erkenntnis verbindet nicht nur die drei zentralen Filmfiguren in ihren Handlungssträngen, sondern sie bildet jeweils auch den Trigger für einen Ausbruch aus der Isolation, so viel Überwindung er auch kosten mag.

Zeitgleich wagt Silent Friend den Versuch, von der Wahrnehmungswelt der Pflanzen zu erzählen. Das bleibt zwar bei aller Experimentierfreude Enyedis meist durch die (menschlichen) Figuren perspektiviert, aber stellt dennoch eine erfrischende Abweichung von bisherigen Spielfilmen dar, die Pflanzen meist zu dekorativen Objekten reduzieren oder eben in Bedrohungsszenarien gar als Übeltäter ausmachen – man denke nur an das unheilvolle Treiben der Pflanzen in M. Night Shyamalans The Happening. Damit hat der weibliche Ginkgo von Silent Friend wenig gemein, dem man am Ende gar so etwas wie eine rührende „Character Arc“ zuschreiben kann.

Silent Friend Ildikó Enyedi Deutschland/Frankreich/Ungarn, 147 Min.

d, in dem die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi in drei zu unterschiedlichen Epochen spielenden Episoden von menschlicher Vereinzelung und Erkenntnissen zu artübergreifender Verbindung und Interaktion erzählt. Was zunächst abstrakt und dröge klingen mag, verwandelt Enyedi in eine sich leise und kraftvoll ausdehnende Narration mit geschmeidigen Übergängen. Auf ähnlich fesselnde Weise hatte sie schon 2017 in ihrem mit dem Goldenen Berlinale-Bären ausgezeichneten Körper und Seele von zwei in ihrer Einsamkeit verkapselten Menschen erzählt, die durch geteilte, wiederkehrende Träume auch in der Realität zueinanderfinden.Andere Arten als die Spezies Mensch hat Tony in Silent Friend aber zunächst nicht im Sinn. Seine Forschung fokussiert die Bewusstseinsentwicklung bei Neugeborenen, deren Gehirnströme ganz andere Muster als jene von Erwachsenen aufzeigen. Doch es ist 2020, und nur wenige Wochen nach seiner Ankunft wird Tonys Lehrauftrag von den Corona-Auflagen unterbrochen. Fast gänzlich auf sich allein gestellt, findet er sich auf dem verlassenen Universitätsgelände wieder. Beim Spaziergang durch den Botanischen Garten fällt ihm der Ginkgo erneut ins Auge; ihm kommt die Idee, dass der ausladende Baum mehr als dekoratives Beiwerk sein könnte.1908 als erste weibliche Biologie-Studentin Im Parallelschnitt dazu hat Silent Friend schon eine andere an der Universität situierte Erzählung begonnen, die in Schwarz-Weiß-Aufnahmen ins Jahr 1908 zurückversetzt: Grete (Luna Wedler) gehört zu den ersten weiblichen Studentinnen an der Fakultät und muss in ihrer Aufnahmeprüfung zum Biologie-Studium eine diskriminierende Tortur über sich ergehen lassen. Die Befragung zu Carl von Linnés Kategorisierung von Pflanzen nach ihrer Sexualität nutzen die Professoren für Anzüglichkeiten und Abschätzigkeit ihr gegenüber. Grete besteht, wird an der Universität aber fortan als seltsames Kuriosum betrachtet und mit patriarchalen Begrenztheiten konfrontiert. Als sie beim Fotografen Herrn Fuchs (Martin Wuttke) eine Stelle als Assistentin antritt, schärft sich ihr Blick auf die Beschaffenheit von Pflanzen wie auf sich selbst und ihren Körper.Auf subtile, eben nicht zwanghaft um Erklärung bemühte Weise arbeitet Silent Friend die Verbindungspunkte zwischen Tony, Grete und dem Dritten im Bunde dieser über Zeitalter hinweggreifenden Erzählung aus. Der Germanistikstudent Hannes (Enzo Brumm) hat 1972 ebenfalls Probleme mit gefühlter wie echter Ausgrenzung. Seinen Kommilitonen gilt er als naives Landei, das nicht so recht in ihre Revoluzzer-Kreise hineinpasst. Lediglich seine Mitbewohnerin, die Biologie-Studentin Gundula (Marlene Burow), versucht Kontakt mit dem unbeholfenen Hannes zu knüpfen und flirtet ihn wiederholt an, vergeblich.Wie einst Grete und später Tony fremdelt auch Hannes mit seiner Umgebung, die in diesem Erzählstrang in der farbsatten Körnigkeit von 16mm-Aufnahmen aufleuchtet und die psychedelische Visualität der 1970er heraufbeschwört. Erst als Gundula in den Semesterferien wegfährt und ihm zur Aufsicht ihr Pflanzenexperiment überlässt, taut Hannes auf: In der mit Sensoren versehenen Geranie, die Gundula zur Erforschung der Wahrnehmung von Pflanzen dient, sieht Hannes bald mehr als eine lästige Verpflichtung. Von der Reaktionsfreudigkeit des pinkblütigen Gewächses überrascht, beginnt er eigene Tests.Was ist, wenn sie uns beobachten?„Was ist, wenn sie uns beobachten, genauso wie wir sie beobachten?“, ist die Frage, die Tony während seiner Zwangsquarantäne mit der französischen Botanikerin Alice (Léa Seydoux) im Videocall diskutiert. Es ist auch die Frage, die in sanfter Provokation über Silent Friend schwebt und darauf verweist, dass wir Menschen selbst in tiefster innerer Abschottung immer noch von jemandem wahrgenommen werden – wenn nicht von Mitmenschen, dann von der uns umgebenden Natur. Diese Erkenntnis verbindet nicht nur die drei zentralen Filmfiguren in ihren Handlungssträngen, sondern sie bildet jeweils auch den Trigger für einen Ausbruch aus der Isolation, so viel Überwindung er auch kosten mag.Zeitgleich wagt Silent Friend den Versuch, von der Wahrnehmungswelt der Pflanzen zu erzählen. Das bleibt zwar bei aller Experimentierfreude Enyedis meist durch die (menschlichen) Figuren perspektiviert, aber stellt dennoch eine erfrischende Abweichung von bisherigen Spielfilmen dar, die Pflanzen meist zu dekorativen Objekten reduzieren oder eben in Bedrohungsszenarien gar als Übeltäter ausmachen – man denke nur an das unheilvolle Treiben der Pflanzen in M. Night Shyamalans The Happening. Damit hat der weibliche Ginkgo von Silent Friend wenig gemein, dem man am Ende gar so etwas wie eine rührende „Character Arc“ zuschreiben kann.



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