Wann beginnt Erziehung? Ist es, wenn das Kind in der Vorschule zum ersten Mal einen Klassenraum betritt? Oder wenn es zum ersten Mal ein Buch öffnet? Oder zum ersten Mal eine wichtige Frage stellt? Ich würde vorschlagen, dass Erziehung vor all diesen Ereignissen beginnt – so wichtig diese auch sein mögen.
Erziehung bedeutet, den ganzen Menschen dem Licht der Wirklichkeit zu öffnen, damit Körper, Geist und Seele von der Leuchtkraft des Seins durchdrungen werden können. Und dieses Licht beginnt in der frühen Kindheit zu leuchten – schrittweise heller werdend, wie die frühen morgendlichen Sonnenstrahlen. Somit beginnt der Prozess der Erziehung lange bevor das erste Schulbuch jemals geöffnet wird.
Unser spezialisiertes, mechanistisches Fließbanderziehungsmodell hat uns darauf trainiert, Erziehung ausschließlich als Buchlernen, technisches Know-how und Berufsausbildung zu betrachten. Aber Erziehung ist so viel mehr als das – auch wenn sie diese Elemente enthält.
Wahre Erziehung formt die ganze Person, von den Gliedmaßen über Emotionen bis zum Gedächtnis, zur Vorstellungskraft und zum Intellekt. Diese Formung beginnt im Zuhause – vom Beginn des Lebens an.

Kinder, die regelmäßig lesen und denen vorgelesen wird, entwickeln einen größeren Wortschatz und ein besseres Hörverständnis, bevor die formale Schulbildung beginnt.
Drei Stufen der bildenden Erziehung
Aristoteles lehrte, dass alles Wissen in den Sinnen beginnt. Aus diesem Grund findet die erste Ebene der Erziehung auf der Ebene des Körpers statt – und seines direkten Kontakts mit der Welt um ihn herum. Der Pädagoge John Senior – der sich auf Aristoteles und andere traditionelle Denker stützte – entwarf drei Hauptstufen oder Dimensionen der Erziehung. Diese folgen, wenn auch mit reichlich Überschneidungen, aufeinander.
- Die erste Stufe ist die gymnastische Stufe. Hier entwickeln die Schüler ihre physischen und sensorischen Fähigkeiten. Sie stimmen ihren Körper auf die Welt ab. Sie lernen, das Summen, den Rhythmus und das Rauschen natürlicher Dinge zu hören, zu schmecken und zu sehen.
- Die zweite Stufe ist die poetische. Hier entzünden die Sinneserfahrungen der ersten Stufe die Vorstellungskraft, welche durch Poesie, Gesang, Tanz, Kunst, Mythos und Ähnliches entwickelt wird. Diese Vorstellungskraft lenkt den Blick, hin zu großen Taten der Vergangenheit und den Mysterien der Natur, wie den Sternen.
- Die dritte Stufe ist die philosophische. Hier tauchen die Schüler am tiefsten in abstrakte Konzepte und den Erwerb von Weisheit ein. Diese kann nun fest auf der gesunden Entwicklung des Körpers, der Emotionen, der Vorstellungskraft und des Gedächtnisses errichtet werden. Dies wurde zuvor in den ersten beiden Stufen erreicht.

Die Wunder der Natur zu bestaunen, hilft den eigenen Geist zu erweitern.
Foto: Dylan Winter/iStock
In Seniors eigenen Worten, zitiert von Bethel – „the first two stages of education allow the mind to become awake“ –, „die ersten beiden Stufen der Erziehung ermöglichen dem Geist zu erwachen“, um dann wirklich vom Streben nach Weisheit auf höchstem Niveau profitieren zu können.
Vor diesem Hintergrund lässt sich verstehen, wie die gymnastischen und poetischen Phasen der Erziehung lange vor dem Beginn der formalen Bildung einsetzen. Sie setzen sich auch innerhalb und außerhalb von Klassenzimmerkontexten fort – das ganze Leben lang. Dies ist der Grund, warum das häusliche Umfeld, das wir unseren Kindern bieten, so wichtig ist. Es beginnt bereits, ihren Körper, ihre Sinne, ihre Vorstellungskraft und ihre Emotionen zu formen.
Bethel schreibt: „It is here [in the home] that we receive the first good or bad impressions that form our soul.“, was frei übersetzt bedeutet: „Hier [im Zuhause] empfangen wir die ersten guten oder schlechten Eindrücke, die unsere Seele formen.“ Für Senior ist es von tiefer Bedeutung, den Geist der Kinder mit gesunden, schönen, edlen und erhebenden sensorischen Sinneseindrücken zu nähren – von den Bildern, die sie sehen, über die Musik, die sie hören, bis hin zu den Objekten, die sie mit ihren Händen berühren.
Das Geheimnis eines guten häuslichen Umfeldes
Doch wie gestaltet man ein häusliches Umfeld, das eine gesunde Entwicklung des Kindes im gymnastischen und poetischen Modus unterstützt und aufrechterhält? Glücklicherweise sind die Schritte einfach und einleuchtend, auch wenn es vielleicht ungewöhnlich ist, dass Menschen ihr häusliches Umfeld mit einer solchen Intention betrachten.
Pater Bethel, der sich auf Seniors Denken stützt, bietet einige Orientierungshilfen. Er beginnt damit zu sagen, dass das Zuhause nah an der Natur sein sollte. Das ist bestenfalls auf dem Land, zumindest aber mit Zugang zu natürlichen Räumen in der Nähe, etwa einem Park. Er fügt hinzu: „The home itself should be of natural materials, simple and attractive, with harmonious wood furnishings and handmade objects.“ („Das Haus selbst sollte aus natürlichen Materialien bestehen, einfach und attraktiv sein, passend dazu Holzmöbel und handgefertigte Gegenstände.“)
Menschen werden mit einer angeborenen Affinität zur Natur und zu natürlichen Materialien geboren. Deren Verwendung im Haus beginnt damit, im Kind diese gesunde Verbindung zur Schöpfung zu fördern. Senior und Bethel raten auch dazu, mit Wildtieren und Haustieren zusammenzuleben und sich um sie zu kümmern. Das weckt im Kind Staunen und Verantwortung, sowie die Freude der Gemeinschaft zwischen Lebewesen.
Erholung sollte gleichermaßen nah an der Natur stattfinden. Sie sollte eher einen aktiven als einen passiven Charakter haben. Beispiele sind etwa Wandern auf dem Land, Zeichnen, Sport treiben, auf Bäume klettern, Hütten bauen und so weiter.
In ähnlicher Weise sollten die Vorstellungswelten junger Kinder mit heilsamen Geschichten, Charakteren, Kinderreimen und Gedichten stimuliert und bevölkert werden. Es könnte ein „Garten der Verse“ sein, in dem sie umherwandern können, in Anlehnung an den Titel einer berühmten Gedichtsammlung für Kinder von Robert Louis Stevenson. Wenige Dinge nähren die Vorstellungskraft und formen das Weltbild von Kindern tiefer als Geschichten und die Künste. Kleine Kinder können in diese Welt eingeführt werden, indem ihre Eltern ihnen laut vorlesen.
Senior schrieb: „Twelve years of formal instruction in reading and composition given in modern schools are ineffective substitutes for the habit of poetry and prose which can be acquired only by reading the best aloud night after night … The best instruction in writing is good reading and good talk.“ – „Zwölf Jahre formalen Unterrichts im Lesen und Aufsatzschreiben, die in modernen Schulen gegeben werden, sind ineffektive Ersatzmittel gegenüber der Angewohnheit Poesie und Prosa zu verinnerlichen, indem man Nacht für Nacht das Beste laut vorliest … Die beste Unterweisung im Schreiben sind gute Lektüre und gute Gespräche.“
Senior plädiert also für ein häusliches Umfeld, das von Kunst, Handwerk, Natur, Geschichten, Liedern und anderen traditionellen Freuden geprägt ist.
Eine Aufgabe, die Geduld erfordet
Die Aufgabe der frühkindlichen Erziehung ist nicht kompliziert, obwohl sie manchmal schwierig ist. Sie beinhaltet, den Blick eines Kindes auf die elementaren Dinge des Lebens zu lenken – Bäume, Gras, Vögel, Wasser, Musik, Mütter, Väter, Familie, Helden, Schurken, Mut, Liebe, Hoffnung.
Sie beinhaltet, ihnen zu helfen, die Güte dieser Dinge wahrzunehmen, ihnen zu zeigen, wie man tief von dem süßen, nährenden Nektar trinkt, der aus der Schöpfung fließt, wie der reine Saft von Ahornbäumen im zeitigen Frühjahr oder der klebrige Honig aus den Stöcken schläfriger Bienen im späten Sommer.
Es ist eine stille, geduldige Aufgabe, eine, die sowohl das Abschirmen des Kindes vor negativen Einflüssen als auch das Einladen positiver Einflüsse beinhaltet. Der gute Erzieher, besonders in dieser frühen Phase, ist der Erwachsene, der die Fenster öffnet, um den Sonnenschein hereinzulassen, und das Glas sauber hält, damit das Licht nicht verzerrt oder verschmutzt wird.
Aber hier ist der Punkt, an dem die Erziehung selbst eines sehr kleinen Kindes am schwierigsten wird. Sie erfordert eine Art innere Umkehr seitens des Elternteils oder Lehrers, der, um eine physische und spirituelle Atmosphäre der Güte und Heilsamkeit zu schaffen, daran arbeiten muss, potenzielle Quellen der Kontamination – Chemikalien, verarbeitete Lebensmittel, Technologieabhängigkeit, Konsumismus, primitive Unterhaltung und so weiter – aus seinem eigenen Leben zu verbannen.
Trotz der Herausforderungen ist es eine schöne Berufung und ein Geschenk für Eltern ebenso wie für Kinder. Denn in den staunenden Augen des Kindes können die müden Augen des Elternteils die Welt reflektiert sehen, vielleicht klarer. Und der Ruf, ein Kind zu erziehen, ist immer ein Ruf, uns selbst neu zu erziehen. Es ist ein kontinuierlicher Prozess der Rückkehr zu dem, was wirklich zählt.

Säuglinge erkunden die Welt durch Tasten, Sehen und Hören, lange bevor sie sprechen können.