Der Erfolg der Linken steckt in einem Widerspruch: Geschlossenheit einerseits, andererseits ist die Partei von Heidi Reichinnek bis Gregor Gysi so vielfältig aufgestellt wie selten. Stärke oder Schwäche für die Wahlen 2026?
Heidi Reichinnek, Die Linke, jubelnd während des neunten Parteitages in Chemnitz, 09.05.2025
Foto: Amreix Schulz/Imago
Parteien sind ein wenig wie Popgruppen. Letztere erkennt man oft an ihrem unverkennbaren Stil. Politische Parteien dagegen besitzen einen programmatischen Kern, der sie unverwechselbar macht. Und so, wie Popbands von markanten Stimmen und dem auffälligen Auftreten zumindest ihrer Frontleute leben, zehren politische Parteien von der Popularität und dem Charisma ihres Spitzenpersonals. Musiker*innen wie Politiker*innen werden beide nicht allein nach ihrem Können, sondern auch nach ihrer Performance beurteilt. Da hat die Linkspartei zuletzt einen unerwartet guten Auftritt hingelegt.
Nicht nur ist es ihr gelungen, sich nach dem Weggang von Sahra Wagenknecht wieder auf ihren Markenkern zu besinnen, ihre eigentliche Leitmelodie: dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Konfliktträchtige Trigger-Themen wie Migration, Klima und Fragen der Außenpolitik, insbesondere Ukraine und Nahost, rückte sie im Wahlkampf bewusst in den Hintergrund. Das sollte sich als Erfolgsrezept erweisen.
Die Frage, wie die Partei mit den Trigger-Themen umgehen soll, bleibt jedoch umstritten. Denn paradoxerweise haben die Themen, welche die Linke im Wahlkampf eigentlich vermeiden wollte, am Ende erheblich zu ihrem Erfolg beigetragen – insbesondere ihr Widerstand gegen den Migrationskurs von Merz, wie er in der Brandmauer-Rede von Heidi Reichinnek zum Ausdruck kam. Bernd Ulrich schrieb darüber in der Zeit, die Partei habe auf den gesellschaftlichen Triggerpunkten „einen Stepptanz vollführt“.
Stellt sich raus: Die Linke ist gar nicht so, wie Wagenknecht immer behauptet hat
Erfolgreich hat die Linke aber auch das Klischeebild zertrümmert, das ihre Nemesis Sahra Wagenknecht jahrelang von ihrer einstigen Partei gezeichnet hatte – dass sie sich angeblich nur noch um vermeintlich abgehobene Wokeness-Belange kümmere, die lediglich ein großstädtisches und akademisches Publikum interessierten, und Menschen belehren wolle, wie sie zu leben und zu sprechen hätten. Von Gendersternchen und Transgendertoiletten war im Wahlkampf der Linken keine Rede.
Stattdessen konzentrierte sie sich ganz auf „Brot und Butter“-Themen, die viele Menschen betreffen, und bot mit Sozialberatungen, „Mietwucherrechner“ und „Heizkostencheck“ praktische Hilfe an, um ihren persönlichen Gebrauchswert – und damit auch ihre gesellschaftliche Relevanz – unter Beweis zu stellen. Bei der Bundestagswahl konkurrierten mit der Linken und dem BSW praktisch zwei Spielarten eines Sozialpopulismus miteinander. Doch Sahra Wagenknechts Idee, man müsse in Fragen von Migration, beim Klimaschutz und gesellschaftlicher Vielfalt einer konservativen Mehrheit nach dem Mund reden, um erfolgreich zu sein, hat die Linke eindrucksvoll entkräftet.
Das Comeback der Linken wäre ohne die große personelle Bandbreite der Partei jedoch kaum möglich gewesen. Sie besitzt jetzt eine ganze Reihe von Identifikationsfiguren – also Menschen, mit denen man sich emotional identifizieren kann, weil man glaubt, mit ihnen ähnliche Werte oder Wesenszüge, Einstellungen oder Erfahrungen zu teilen.
Heidi Reichinnek, Jan van Aken, Ines Schwerdtner, Gregoy Gysi: So viel personelle Breite gab es noch nie
Dazu gehören nicht nur die neuen Gesichter an der Spitze, die für ein frisches und unverbrauchtes Erscheinungsbild gesorgt haben – allen voran Heidi Reichinnek, die in den sozialen Medien die „Generation Tiktok“ abgeholt und dafür gesorgt hat, dass die Linke insbesondere bei jungen Frauen in größeren Städten so abräumte, sowie Jan van Aken, der mit seiner unangepassten, zuweilen etwas ruppigen Art daran erinnerte, wie unangepasst einst auch die Grünen einmal auftraten, und damit viele ihrer bisherigen Wähler ansprach.
Dazu zählen aber auch die „Silberlocken“ Gregor Gysi, Bodo Ramelow und Dietmar Bartsch, die der Stammwählerschaft im Osten Kontinuität signalisierten, sowie Neulinge wie Ferat Kocak, der in Berlin-Neukölln zum ersten Mal in einem einst ausschließlich westdeutschen Bezirk der Stadt ein Direktmandat errang. Mit Stella Merendino, Cem Ince, Mirze Edis und anderen weisen mehrere Abgeordnete in der Linken-Fraktion zudem eine Herkunft aus klassischen Arbeiter- und Pflegeberufen aus – eine wichtige Voraussetzung, um glaubwürdig als „Arbeiterpartei“ auftreten zu können, als die insbesondere Co-Parteichefin Ines Schwerdtner die Linke wieder in Stellung bringen will.
Sie alle prägen nun das Gesamtbild der Partei, die heute so gut dasteht wie seit ihrer Gründung vor fast 20 Jahren nicht mehr. Damals waren es die beiden Zugpferde Gregor Gysi und Oskar Lafontaine, die das Profil der Partei prägten. Nun ist es eine Vielzahl von Personen, die ihr Erscheinungsbild ausmacht.
Für die Linke mag es ungewohnt sein, ihre Vielfalt als Stärke zu begreifen – und nicht als Störgeräusch, das durch die dissonante Kakophonie entsteht, wenn alle durcheinanderreden. Die Vielfalt erwies sich aber auch nur als Stärke, weil die Partei in einer noch nie dagewesenen Geschlossenheit auftrat. Sogar die Parteispitze und die Bundestagsfraktion zogen an einem Strang, was es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hatte. Die Nahtoderfahrung hat die Partei diszipliniert.
Die Linke hat das auch den anderen Parteien voraus
Nur zwei Monate vor der Wahl hatte sie noch unter fünf Prozent gelegen, ein ganzes Jahr lang dümpelte sie 2024 in der politischen Todeszone bei rund drei Prozent. Doch die neue Parteispitze hat es geschafft, die Partei selbst beim heiklen Thema Israel und Palästina auf einen gemeinsamen Kurs festzulegen. Bei allem Konsens zeigen sich dabei zwar immer wieder Unsicherheiten und Risse, die den Eindruck der Einmütigkeit stören, und die alte Lust am Grundsatzstreit bricht immer wieder durch.
Manchen Parteigranden wie Bodo Ramelow fällt es schwer, sich in innerparteilichen Konflikten zurückzuhalten und immer den richtigen Ton zu treffen. Zudem führt das Primat der Geschlossenheit zu einer gewissen Schwerfälligkeit. Deshalb hat die Linke erst sehr spät zu einer bundesweiten Großdemonstration gegen den Genozid in Gaza aufgerufen, und damit die Geduld eines großen Teils ihrer Anhänger und Sympathisanten strapaziert.
Aber mit ihrer Vielfalt hat die Linkspartei den meisten anderen Parteien eine Menge voraus. Dazu muss man sich nur einmal im aktuellen Bundestag umschauen. Die grauen Männer in der ersten Reihe der Union, die in Berlin gerade den Ton angeben, wirken dagegen etwa ziemlich gleichförmig – als hätten nicht nur alle wie Friedrich Merz einst Jura studiert, sondern als würden sie mit ihm den gleichen Herrenschneider teilen.
Und was ist mit der AfD?
Die personelle Bandbreite der SPD ist auf Bärbel Bas und Lars Klingbeil zusammengeschrumpft. Und die Grünen wirken immer noch wie die Musterschüler von Robert Habeck und Annalena Baerbock, deren übermächtiger Schatten immer noch über ihrer ehemaligen Fraktion hängt. Sie wirkt im Bundestag ein wenig orientierungslos, seit ihre beiden ehemaligen Helikopter-Eltern auf dem Selbstverwirklichungstrip das Weite gesucht haben.
Im Vergleich zu den drei selbsternannten „Parteien der Mitte“ bietet ausgerechnet die rechtsextreme AfD die größte Bandbreite an Personen auf, die in verschiedene Milieus hinein anschlussfähig sind. Da ist zum einen die Parteichefin Alice Weidel, die an die sozialdarwinistischen und rassistisch eingestellten Leistungseliten appelliert und für einen rabiaten Homo-Nationalismus steht, während ihr Co-Chef Tino Chrupalla als gelernter Maler und Lackierer die bodenständigen, aber auch ressentimentbehafteten Handwerker und Kleinunternehmer anspricht, die sich abgehängt und zurückgesetzt fühlen.
Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet die Partei, die am meisten gegen gesellschaftliche Vielfalt agitiert, eine Doppelspitze aufweist, die in Sachen Alter, Geschlecht, Schicht und sogar sexueller Orientierung von allen Parteien die größte Diversität aufweist. Am rechten Rand lauern knallharte rechtsextreme Ideologen wie Thüringens AfD-Chef Björn Höcke und seine Vertrauten im Bundestag, die echte Nazis begeistern, und windige rechte Winkeladvokaten wie Maximilian Krah, der die halbseidenen Glücksritter und Karrieristen adressiert, die am Aufstieg der Rechten teilhaben wollen.
Und dann sind da noch die Parteigranden wie Beatrix von Storch, die den reaktionären alten Adel und das fundamentalistische Christentum repräsentiert, sowie Alexander Gauland, der für die radikalisierten Studienräte und andere Bildungsbürger eine Autorität darstellt. Diese Bandbreite, die für die Anschlussfähigkeit der AfD in unterschiedliche Milieus sorgt, ist einer der bislang stark unterschätzten Gründe für ihren Erfolg.
Im kommenden Jahr stehen fünf Landtagswahlen an: Sie könnten die Republik verändern
Das bevorstehende Wahljahr könnte die Republik verändern. In fünf Bundesländern werden neue Landesregierungen gewählt, in drei weiteren finden Kommunalwahlen statt. Die Linke wird sich ihre Vielfalt bei gleichzeitiger Geschlossenheit bewahren müssen, um dabei zu bestehen. Bereits im Frühjahr 2026 könnte die Linke in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz erstmals in den Landtag einziehen. Die Chancen stehen gut, denn seit der letzten Bundestagswahl ist die Linke endgültig im Westen angekommen; in den meisten Groß- und Universitätsstädten schnitt sie dort zweistellig ab.
In Berlin wurde die Linke bei der Bundestagswahl sogar überraschend die stärkste Kraft. Dort wird im Herbst 2026 ein neuer Senat gewählt, und in der Hauptstadt könnte es deshalb nun erstmals zwischen der Linken-Kandidatin Elif Eralp und dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner von der CDU zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen um das Rote Rathaus kommen. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wird im September ebenfalls gewählt, doch dort ist die Ausgangslage völlig anders, denn in beiden ostdeutschen Ländern liegt die AfD in Umfragen derzeit weit vorne.
Der Linken könnte dort eine Schlüsselrolle zufallen, um einen Ministerpräsidenten von Gnaden der AfD zu verhindern. Linken-Chef Jan van Aken hat der CDU kürzlich angeboten, eine von ihr geführte Minderheitsregierung in Sachsen-Anhalt „punktuell zu unterstützen“ – so, wie es die Linke bereits in Sachsen und Thüringen hält. Eine Koalition schloss er dagegen aus. Doch der alte Streit, wie staatstragend die Linke als Oppositionspartei im Zweifel sein will, ist damit nicht vom Tisch. Und welche Rolle dem BSW – jetzt „Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft“ – in den ostdeutschen Ländern künftig zufallen wird, steht noch in den Sternen.
Doch noch wichtiger ist: Weder die Linke noch das Bündnis Sahra Wagenknecht haben es bisher geschafft, Wählerinnen und Wähler der AfD in nennenswerter Zahl zugewinnen. Auch nicht jene, die früher die Linke gewählt haben. Das wird aber nötig sein, damit sich politisch künftig wirklich etwas dreht. Sonst dürfte ihre Aufgabe vorerst darin liegen, Schadensbegrenzung zu betreiben.
en Markenkern zu besinnen, ihre eigentliche Leitmelodie: dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Konfliktträchtige Trigger-Themen wie Migration, Klima und Fragen der Außenpolitik, insbesondere Ukraine und Nahost, rückte sie im Wahlkampf bewusst in den Hintergrund. Das sollte sich als Erfolgsrezept erweisen.Die Frage, wie die Partei mit den Trigger-Themen umgehen soll, bleibt jedoch umstritten. Denn paradoxerweise haben die Themen, welche die Linke im Wahlkampf eigentlich vermeiden wollte, am Ende erheblich zu ihrem Erfolg beigetragen – insbesondere ihr Widerstand gegen den Migrationskurs von Merz, wie er in der Brandmauer-Rede von Heidi Reichinnek zum Ausdruck kam. Bernd Ulrich schrieb darüber in der Zeit, die Partei habe auf den gesellschaftlichen Triggerpunkten „einen Stepptanz vollführt“.Stellt sich raus: Die Linke ist gar nicht so, wie Wagenknecht immer behauptet hatErfolgreich hat die Linke aber auch das Klischeebild zertrümmert, das ihre Nemesis Sahra Wagenknecht jahrelang von ihrer einstigen Partei gezeichnet hatte – dass sie sich angeblich nur noch um vermeintlich abgehobene Wokeness-Belange kümmere, die lediglich ein großstädtisches und akademisches Publikum interessierten, und Menschen belehren wolle, wie sie zu leben und zu sprechen hätten. Von Gendersternchen und Transgendertoiletten war im Wahlkampf der Linken keine Rede.Stattdessen konzentrierte sie sich ganz auf „Brot und Butter“-Themen, die viele Menschen betreffen, und bot mit Sozialberatungen, „Mietwucherrechner“ und „Heizkostencheck“ praktische Hilfe an, um ihren persönlichen Gebrauchswert – und damit auch ihre gesellschaftliche Relevanz – unter Beweis zu stellen. Bei der Bundestagswahl konkurrierten mit der Linken und dem BSW praktisch zwei Spielarten eines Sozialpopulismus miteinander. Doch Sahra Wagenknechts Idee, man müsse in Fragen von Migration, beim Klimaschutz und gesellschaftlicher Vielfalt einer konservativen Mehrheit nach dem Mund reden, um erfolgreich zu sein, hat die Linke eindrucksvoll entkräftet.Das Comeback der Linken wäre ohne die große personelle Bandbreite der Partei jedoch kaum möglich gewesen. Sie besitzt jetzt eine ganze Reihe von Identifikationsfiguren – also Menschen, mit denen man sich emotional identifizieren kann, weil man glaubt, mit ihnen ähnliche Werte oder Wesenszüge, Einstellungen oder Erfahrungen zu teilen.Heidi Reichinnek, Jan van Aken, Ines Schwerdtner, Gregoy Gysi: So viel personelle Breite gab es noch nieDazu gehören nicht nur die neuen Gesichter an der Spitze, die für ein frisches und unverbrauchtes Erscheinungsbild gesorgt haben – allen voran Heidi Reichinnek, die in den sozialen Medien die „Generation Tiktok“ abgeholt und dafür gesorgt hat, dass die Linke insbesondere bei jungen Frauen in größeren Städten so abräumte, sowie Jan van Aken, der mit seiner unangepassten, zuweilen etwas ruppigen Art daran erinnerte, wie unangepasst einst auch die Grünen einmal auftraten, und damit viele ihrer bisherigen Wähler ansprach.Dazu zählen aber auch die „Silberlocken“ Gregor Gysi, Bodo Ramelow und Dietmar Bartsch, die der Stammwählerschaft im Osten Kontinuität signalisierten, sowie Neulinge wie Ferat Kocak, der in Berlin-Neukölln zum ersten Mal in einem einst ausschließlich westdeutschen Bezirk der Stadt ein Direktmandat errang. Mit Stella Merendino, Cem Ince, Mirze Edis und anderen weisen mehrere Abgeordnete in der Linken-Fraktion zudem eine Herkunft aus klassischen Arbeiter- und Pflegeberufen aus – eine wichtige Voraussetzung, um glaubwürdig als „Arbeiterpartei“ auftreten zu können, als die insbesondere Co-Parteichefin Ines Schwerdtner die Linke wieder in Stellung bringen will.Sie alle prägen nun das Gesamtbild der Partei, die heute so gut dasteht wie seit ihrer Gründung vor fast 20 Jahren nicht mehr. Damals waren es die beiden Zugpferde Gregor Gysi und Oskar Lafontaine, die das Profil der Partei prägten. Nun ist es eine Vielzahl von Personen, die ihr Erscheinungsbild ausmacht.Für die Linke mag es ungewohnt sein, ihre Vielfalt als Stärke zu begreifen – und nicht als Störgeräusch, das durch die dissonante Kakophonie entsteht, wenn alle durcheinanderreden. Die Vielfalt erwies sich aber auch nur als Stärke, weil die Partei in einer noch nie dagewesenen Geschlossenheit auftrat. Sogar die Parteispitze und die Bundestagsfraktion zogen an einem Strang, was es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hatte. Die Nahtoderfahrung hat die Partei diszipliniert.Die Linke hat das auch den anderen Parteien vorausNur zwei Monate vor der Wahl hatte sie noch unter fünf Prozent gelegen, ein ganzes Jahr lang dümpelte sie 2024 in der politischen Todeszone bei rund drei Prozent. Doch die neue Parteispitze hat es geschafft, die Partei selbst beim heiklen Thema Israel und Palästina auf einen gemeinsamen Kurs festzulegen. Bei allem Konsens zeigen sich dabei zwar immer wieder Unsicherheiten und Risse, die den Eindruck der Einmütigkeit stören, und die alte Lust am Grundsatzstreit bricht immer wieder durch.Manchen Parteigranden wie Bodo Ramelow fällt es schwer, sich in innerparteilichen Konflikten zurückzuhalten und immer den richtigen Ton zu treffen. Zudem führt das Primat der Geschlossenheit zu einer gewissen Schwerfälligkeit. Deshalb hat die Linke erst sehr spät zu einer bundesweiten Großdemonstration gegen den Genozid in Gaza aufgerufen, und damit die Geduld eines großen Teils ihrer Anhänger und Sympathisanten strapaziert.Aber mit ihrer Vielfalt hat die Linkspartei den meisten anderen Parteien eine Menge voraus. Dazu muss man sich nur einmal im aktuellen Bundestag umschauen. Die grauen Männer in der ersten Reihe der Union, die in Berlin gerade den Ton angeben, wirken dagegen etwa ziemlich gleichförmig – als hätten nicht nur alle wie Friedrich Merz einst Jura studiert, sondern als würden sie mit ihm den gleichen Herrenschneider teilen.Und was ist mit der AfD? Die personelle Bandbreite der SPD ist auf Bärbel Bas und Lars Klingbeil zusammengeschrumpft. Und die Grünen wirken immer noch wie die Musterschüler von Robert Habeck und Annalena Baerbock, deren übermächtiger Schatten immer noch über ihrer ehemaligen Fraktion hängt. Sie wirkt im Bundestag ein wenig orientierungslos, seit ihre beiden ehemaligen Helikopter-Eltern auf dem Selbstverwirklichungstrip das Weite gesucht haben.Im Vergleich zu den drei selbsternannten „Parteien der Mitte“ bietet ausgerechnet die rechtsextreme AfD die größte Bandbreite an Personen auf, die in verschiedene Milieus hinein anschlussfähig sind. Da ist zum einen die Parteichefin Alice Weidel, die an die sozialdarwinistischen und rassistisch eingestellten Leistungseliten appelliert und für einen rabiaten Homo-Nationalismus steht, während ihr Co-Chef Tino Chrupalla als gelernter Maler und Lackierer die bodenständigen, aber auch ressentimentbehafteten Handwerker und Kleinunternehmer anspricht, die sich abgehängt und zurückgesetzt fühlen.Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet die Partei, die am meisten gegen gesellschaftliche Vielfalt agitiert, eine Doppelspitze aufweist, die in Sachen Alter, Geschlecht, Schicht und sogar sexueller Orientierung von allen Parteien die größte Diversität aufweist. Am rechten Rand lauern knallharte rechtsextreme Ideologen wie Thüringens AfD-Chef Björn Höcke und seine Vertrauten im Bundestag, die echte Nazis begeistern, und windige rechte Winkeladvokaten wie Maximilian Krah, der die halbseidenen Glücksritter und Karrieristen adressiert, die am Aufstieg der Rechten teilhaben wollen.Und dann sind da noch die Parteigranden wie Beatrix von Storch, die den reaktionären alten Adel und das fundamentalistische Christentum repräsentiert, sowie Alexander Gauland, der für die radikalisierten Studienräte und andere Bildungsbürger eine Autorität darstellt. Diese Bandbreite, die für die Anschlussfähigkeit der AfD in unterschiedliche Milieus sorgt, ist einer der bislang stark unterschätzten Gründe für ihren Erfolg.Im kommenden Jahr stehen fünf Landtagswahlen an: Sie könnten die Republik verändernDas bevorstehende Wahljahr könnte die Republik verändern. In fünf Bundesländern werden neue Landesregierungen gewählt, in drei weiteren finden Kommunalwahlen statt. Die Linke wird sich ihre Vielfalt bei gleichzeitiger Geschlossenheit bewahren müssen, um dabei zu bestehen. Bereits im Frühjahr 2026 könnte die Linke in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz erstmals in den Landtag einziehen. Die Chancen stehen gut, denn seit der letzten Bundestagswahl ist die Linke endgültig im Westen angekommen; in den meisten Groß- und Universitätsstädten schnitt sie dort zweistellig ab.In Berlin wurde die Linke bei der Bundestagswahl sogar überraschend die stärkste Kraft. Dort wird im Herbst 2026 ein neuer Senat gewählt, und in der Hauptstadt könnte es deshalb nun erstmals zwischen der Linken-Kandidatin Elif Eralp und dem Regierenden Bürgermeister Kai Wegner von der CDU zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen um das Rote Rathaus kommen. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wird im September ebenfalls gewählt, doch dort ist die Ausgangslage völlig anders, denn in beiden ostdeutschen Ländern liegt die AfD in Umfragen derzeit weit vorne.Der Linken könnte dort eine Schlüsselrolle zufallen, um einen Ministerpräsidenten von Gnaden der AfD zu verhindern. Linken-Chef Jan van Aken hat der CDU kürzlich angeboten, eine von ihr geführte Minderheitsregierung in Sachsen-Anhalt „punktuell zu unterstützen“ – so, wie es die Linke bereits in Sachsen und Thüringen hält. Eine Koalition schloss er dagegen aus. Doch der alte Streit, wie staatstragend die Linke als Oppositionspartei im Zweifel sein will, ist damit nicht vom Tisch. Und welche Rolle dem BSW – jetzt „Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft“ – in den ostdeutschen Ländern künftig zufallen wird, steht noch in den Sternen.Doch noch wichtiger ist: Weder die Linke noch das Bündnis Sahra Wagenknecht haben es bisher geschafft, Wählerinnen und Wähler der AfD in nennenswerter Zahl zugewinnen. Auch nicht jene, die früher die Linke gewählt haben. Das wird aber nötig sein, damit sich politisch künftig wirklich etwas dreht. Sonst dürfte ihre Aufgabe vorerst darin liegen, Schadensbegrenzung zu betreiben.