Da waren’s nur noch sechs: Lag die CDU in Baden-Württemberg im Mai 2025 noch satte elf Punkte vor den Grünen, waren es im Oktober nur noch neun. Jetzt rangieren die Schwarzen bei 29, die Grünen bei 23 Prozent. Der Rückstand schmilzt, die Stimmung bei der Partei von Spitzenkandidat Cem Özdemir steigt. Der will nach der Landtagswahl am 8. März der nächste Ministerpräsident werden, nach 15 Jahren grün-knorriger Winfried-Kretschmann-Dominanz.
„Das ist das Signal, auf das wir gewartet haben“, kommentiert Martin Hahn die ermittelten Zahlen. Der Agrarexperte vom Bodensee war vor fünf Jahren mit fast 37 Prozent direkt in den Landtag wiedergewählt worden. Es sei eben bloß eine Legende, dass Ökothemen wie Klima oder Energiewende nur in Unistädten für Wählerzustimmung sorgen.
Die aufmunternden Ergebnisse der jüngsten Umfrage sichern Özdemir jedenfalls weiterhin jene Beinfreiheit gegenüber seiner Partei, auf die schon Kretschmann großen Wert gelegt hatte. So sehr, dass viele Menschen zwischen Main und Bodensee der Ansicht sind, eigentlich könne er mühelos auch bei der CDU eintreten, was er selbst heftig bestreitet. Tatsächlich bekam der schwarze Juniorpartner im Stuttgarter Koalitionsalltag aber immer mal wieder um des lieben Friedens willen mehr Gewicht eingeräumt als die eigene Partei.
Südwest-Grüne an der Landesspitze, im Vorstand, in der Landtagsfraktion, selbst Bundestagsabgeordnete sind es also gewohnt, dass sie in vielen Fragen bestenfalls die zweite Geige spielen. Selbst das Publikum ließ sich ausweislich der Wahlergebnisse seit 2011 von diesem geradezu zelebrierten Sonderweg nicht abschrecken. Unvergessen Kretschmanns vor acht Jahren heimlich auf Video gebannte Entrüstung über den Bundesparteitagsbeschluss zum Verbrenner-Aus schon ab 2030. Als Ministerpräsident gewann er so Profil, hinzu kamen Ansehen und Autorität als alter weiser Mann.
Jan van Aken beschimpfte ihn
Özdemir will es ihm nachmachen, streicht oft heraus, dass dieser Landesverband einfach anders tickt als die anderen und solche ideologischen Dehnübungen problemlos verträgt. Ein Beispiel für den bürgerlichen Grundsound war ein FAZ-Text über seine Tochter und deren Freundinnen, die in Berlin „von Männern mit Migrationshintergrund unangenehm begafft oder sexualisiert“ worden seien. Linken-Chef Jan van Aken bedachte den Grünen aus Bad Urach dafür unflätig mit dem A-Wort. Das Problem seien doch nicht „Bleichgesichter oder Migranten, sondern das Problem sind die Männer“. Der Applaus für diesen Ausritt im Stuttgarter DGB-Haus war beträchtlich. Wenig später wird Infratest dimap herausgefunden haben, dass auch immerhin 61 Prozent des Linken-Anhangs Cem Özdemir bei einer Direktwahl zum Regierungschef machen würden.
Einen nicht unähnlichen Ausritt unternahm der 60-Jährige, der mit 15 bei den Grünen eintrat, im Streit um das Mercosur-Abkommen. Auch deutsche Grünen-Europa-Abgeordnete hatten dafür gestimmt, den Vertrag erst einmal zwecks Prüfung dem Europäischen Gerichtshof vorzulegen. Es sei tölpelhaft gewesen, so Özdemir, dass sie nicht mitbedachten, wie viel innenpolitisches Verhetzungspotenzial in ihrer Entscheidung steckte. Vor allem auch, weil viele Kommentatoren argumentierten, dass sich Europa hier – unter Trump’schem Dauerfeuer – selbst ins Knie geschossen habe. Özdemir formulierte die Kritik an den eigenen Parteigenossen ähnlich.
Zur Wahrheit gehört indes, dass konservative Europa-Abgeordnete vom eigenen Votum ablenken wollen. Ausgerechnet ein Özdemir-Kumpel aus den 1990ern möchte für ehrliche Klarheit sorgen: Armin Laschet, einer der CDUler, die vor Jahrzehnten in der Bonner Pizza-Connection Schnittmengen mit den Grünen suchten, macht kein Hehl daraus, dass Parlamentarier von EVP, Sozialisten und Liberalen das Stoppschild für Mercosur mit aufgerichtet haben. Özdemir, eigentlich Europa-Enthusiast und ehedem selbst Mitglied des Brüsseler Parlaments, rüffelte die eigenen Parteifreunde im heute journal update rund um Mitternacht, mit durchschnittlich 700.000 bis eine Million Zuschauenden: Von ihnen hätte er erwartet, dass sie sich ihr Stimmverhalten vorher überlegen und „nicht nachher auf den Trichter kommen“. Das Votum aus den Reihen der CDU-Parteienfamilie mache die Sache nicht besser.
Das Sechs-Minuten-Interview nutzt er aber zugleich geschickt, um für sich und die Grünen zu werben und für den Gedanken an ein Kopf-an-Kopf-Rennen im früher mal so genannten Musterländle. Die Botschaft, dass sich „Kollegen der CDU in die Furche gelegt haben“, während er als Bundeslandwirtschaftsminister für Mercosur gekämpft habe, bringt er auch noch unter.
Für solche Auftritte lässt die grüne Parteilinke dem Realo vom Scheitel bis zur Sohle die allzu bürgerlichen Ausrutscher durchgehen. Niemand will querschießen, nicht zuletzt, um nicht die Verantwortung zugeschoben zu bekommen, wenn es doch nicht reicht für Platz eins.
Ihm den erfolgreich streitig machen will CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel. Der 37-Jährige scheut bundesweite TV-Auftritte mit dem provinziell anmutenden Hinweis, Ministerpräsidenten müssten sich in Rathäusern wohler fühlen als in Talkshows. Der Landespartei- und Fraktionschef hat noch nie Exekutiverfahrung sammeln können. Er tourt aber schon seit Monaten mit dem pfiffigen Satz durchs Land, Kretschmanns Erbe sei bei seiner Partei „in den besten Händen“.
Das Problem: Der Vater von drei Söhnen möchte dieses Erbe am liebsten ohne Beteiligung der Grünen antreten. Viele an der Basis und auch etliche innerparteilich Mächtige haben die Grünen nach deren 15 Regierungsjahren, fünf mit der SPD und zehn mit der CDU, gründlich satt. Gerade deshalb liebäugelt Hagel mit einer komplizierten Deutschlandkoalition aus CDU, SPD und FDP. Die Liberalen aber müssen um den Einzug in den Landtag bangen. Die im Fach Kommunikation glücklos agierenden Sozialdemokraten (Wahlspruch: „Weil es um Dich geht“) kommen aktuell auf deprimierende acht Prozent. Dennoch rühmte Manuel Hagel sogar am Tag nach der neuesten Umfrage und den gemeinsamen 42 Prozent die Spitzenkandidaten seiner beiden Wunschpartner tapfer weiter: Man kenne sich seit vielen Jahren und aus gemeinsamer Arbeit im Alltag, und da habe sich eine „vertrauensvolle Beziehung entwickelt“.
Solche Sticheleien gegen den grünen Kontrahenten verfehlen bisher ihre Wirkung. Özdemir, von 2008 bis 2018 Vorsitzender der Bundespartei und am Ende der Ampel zweifacher Bundesminister, ist nach wie vor weitaus bekannter als Hagel in der realen und der digitalen Welt, mit rund 680.000 Followern. Und bekommt für seine Politik deutlich bessere Noten – sogar unter CDU-Anhängern, wie Infratest dimap ermittelte. Denn von diesen sind 42 Prozent zufrieden mit der Politik des Bankbetriebswirts Hagel, aber 51 Prozent mit der des Diplompädagogen Özdemir. Bei einer Direktwahl des Ministerpräsidenten läge Özdemir mit 39 Prozent 16 Punkte über seiner Partei, während Hagel mit nur 19 Prozent die für die CDU erhobenen Zahlen um satte zehn Punkte unterschreitet.
Gibt „Kretsch“ den Ausschlag?
Aber nicht nur Bekanntheit und Zufriedenheit könnten zählen, wenn es im März an die Eröffnung von Kretschmanns Testament geht. Vielmehr könnte dem Erblasser höchstpersönlich auf der Zielgeraden eine Schlüsselrolle zufallen. Zwar legt er Wert auf die Feststellung, er wolle sich als Wahlkämpfer nicht in den Vordergrund spielen, sondern „mit Anstand“ zu Ende regieren. Aber er erweist sich, wie in seinen besten Tagen mit Beliebtheitswerten weit über 80 Prozent, als Magnet.
Im Stuttgarter Theaterhaus verfolgten Mitte Januar 1.000 aufgeräumte Zuhörende, keineswegs nur aus der grünen Blase, einen seiner wenigen Auftritte mit Özdemir. Beim Landesparteitag in Ludwigsburg legte der 77-jährige Ex-Studienrat einen fulminanten Auftritt hin. Den Delegierten, vor allem Vertretern von Verbänden oder Gewerkschaften, wurde deutlich, dass Kretschmann in dieser kämpferischen Verfassung noch deutliche Impulse geben könnte. Hagel behauptet dagegen, die Grünen seien „nach dem Desaster der Ampel und der Bundestagswahl in einer Phase zwischen Trotz und Tränen“. Bald wird sich weisen, wer näher an der Realität im mit elf Millionen Einwohnern drittgrößten Bundesland landen wird.
Johanna Henkel-Waidhofer hat nicht nur 16 Folgen der Reihe Die drei ??? verfasst, sondern, gemeinsam mit Peter Henkel, auch zwei Bücher über Winfried Kretschmann und eins über Cem Özdemir
ma oder Energiewende nur in Unistädten für Wählerzustimmung sorgen.Die aufmunternden Ergebnisse der jüngsten Umfrage sichern Özdemir jedenfalls weiterhin jene Beinfreiheit gegenüber seiner Partei, auf die schon Kretschmann großen Wert gelegt hatte. So sehr, dass viele Menschen zwischen Main und Bodensee der Ansicht sind, eigentlich könne er mühelos auch bei der CDU eintreten, was er selbst heftig bestreitet. Tatsächlich bekam der schwarze Juniorpartner im Stuttgarter Koalitionsalltag aber immer mal wieder um des lieben Friedens willen mehr Gewicht eingeräumt als die eigene Partei.Südwest-Grüne an der Landesspitze, im Vorstand, in der Landtagsfraktion, selbst Bundestagsabgeordnete sind es also gewohnt, dass sie in vielen Fragen bestenfalls die zweite Geige spielen. Selbst das Publikum ließ sich ausweislich der Wahlergebnisse seit 2011 von diesem geradezu zelebrierten Sonderweg nicht abschrecken. Unvergessen Kretschmanns vor acht Jahren heimlich auf Video gebannte Entrüstung über den Bundesparteitagsbeschluss zum Verbrenner-Aus schon ab 2030. Als Ministerpräsident gewann er so Profil, hinzu kamen Ansehen und Autorität als alter weiser Mann.Jan van Aken beschimpfte ihnÖzdemir will es ihm nachmachen, streicht oft heraus, dass dieser Landesverband einfach anders tickt als die anderen und solche ideologischen Dehnübungen problemlos verträgt. Ein Beispiel für den bürgerlichen Grundsound war ein FAZ-Text über seine Tochter und deren Freundinnen, die in Berlin „von Männern mit Migrationshintergrund unangenehm begafft oder sexualisiert“ worden seien. Linken-Chef Jan van Aken bedachte den Grünen aus Bad Urach dafür unflätig mit dem A-Wort. Das Problem seien doch nicht „Bleichgesichter oder Migranten, sondern das Problem sind die Männer“. Der Applaus für diesen Ausritt im Stuttgarter DGB-Haus war beträchtlich. Wenig später wird Infratest dimap herausgefunden haben, dass auch immerhin 61 Prozent des Linken-Anhangs Cem Özdemir bei einer Direktwahl zum Regierungschef machen würden.Einen nicht unähnlichen Ausritt unternahm der 60-Jährige, der mit 15 bei den Grünen eintrat, im Streit um das Mercosur-Abkommen. Auch deutsche Grünen-Europa-Abgeordnete hatten dafür gestimmt, den Vertrag erst einmal zwecks Prüfung dem Europäischen Gerichtshof vorzulegen. Es sei tölpelhaft gewesen, so Özdemir, dass sie nicht mitbedachten, wie viel innenpolitisches Verhetzungspotenzial in ihrer Entscheidung steckte. Vor allem auch, weil viele Kommentatoren argumentierten, dass sich Europa hier – unter Trump’schem Dauerfeuer – selbst ins Knie geschossen habe. Özdemir formulierte die Kritik an den eigenen Parteigenossen ähnlich.Zur Wahrheit gehört indes, dass konservative Europa-Abgeordnete vom eigenen Votum ablenken wollen. Ausgerechnet ein Özdemir-Kumpel aus den 1990ern möchte für ehrliche Klarheit sorgen: Armin Laschet, einer der CDUler, die vor Jahrzehnten in der Bonner Pizza-Connection Schnittmengen mit den Grünen suchten, macht kein Hehl daraus, dass Parlamentarier von EVP, Sozialisten und Liberalen das Stoppschild für Mercosur mit aufgerichtet haben. Özdemir, eigentlich Europa-Enthusiast und ehedem selbst Mitglied des Brüsseler Parlaments, rüffelte die eigenen Parteifreunde im heute journal update rund um Mitternacht, mit durchschnittlich 700.000 bis eine Million Zuschauenden: Von ihnen hätte er erwartet, dass sie sich ihr Stimmverhalten vorher überlegen und „nicht nachher auf den Trichter kommen“. Das Votum aus den Reihen der CDU-Parteienfamilie mache die Sache nicht besser.Das Sechs-Minuten-Interview nutzt er aber zugleich geschickt, um für sich und die Grünen zu werben und für den Gedanken an ein Kopf-an-Kopf-Rennen im früher mal so genannten Musterländle. Die Botschaft, dass sich „Kollegen der CDU in die Furche gelegt haben“, während er als Bundeslandwirtschaftsminister für Mercosur gekämpft habe, bringt er auch noch unter.Für solche Auftritte lässt die grüne Parteilinke dem Realo vom Scheitel bis zur Sohle die allzu bürgerlichen Ausrutscher durchgehen. Niemand will querschießen, nicht zuletzt, um nicht die Verantwortung zugeschoben zu bekommen, wenn es doch nicht reicht für Platz eins.Ihm den erfolgreich streitig machen will CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel. Der 37-Jährige scheut bundesweite TV-Auftritte mit dem provinziell anmutenden Hinweis, Ministerpräsidenten müssten sich in Rathäusern wohler fühlen als in Talkshows. Der Landespartei- und Fraktionschef hat noch nie Exekutiverfahrung sammeln können. Er tourt aber schon seit Monaten mit dem pfiffigen Satz durchs Land, Kretschmanns Erbe sei bei seiner Partei „in den besten Händen“.Das Problem: Der Vater von drei Söhnen möchte dieses Erbe am liebsten ohne Beteiligung der Grünen antreten. Viele an der Basis und auch etliche innerparteilich Mächtige haben die Grünen nach deren 15 Regierungsjahren, fünf mit der SPD und zehn mit der CDU, gründlich satt. Gerade deshalb liebäugelt Hagel mit einer komplizierten Deutschlandkoalition aus CDU, SPD und FDP. Die Liberalen aber müssen um den Einzug in den Landtag bangen. Die im Fach Kommunikation glücklos agierenden Sozialdemokraten (Wahlspruch: „Weil es um Dich geht“) kommen aktuell auf deprimierende acht Prozent. Dennoch rühmte Manuel Hagel sogar am Tag nach der neuesten Umfrage und den gemeinsamen 42 Prozent die Spitzenkandidaten seiner beiden Wunschpartner tapfer weiter: Man kenne sich seit vielen Jahren und aus gemeinsamer Arbeit im Alltag, und da habe sich eine „vertrauensvolle Beziehung entwickelt“. Solche Sticheleien gegen den grünen Kontrahenten verfehlen bisher ihre Wirkung. Özdemir, von 2008 bis 2018 Vorsitzender der Bundespartei und am Ende der Ampel zweifacher Bundesminister, ist nach wie vor weitaus bekannter als Hagel in der realen und der digitalen Welt, mit rund 680.000 Followern. Und bekommt für seine Politik deutlich bessere Noten – sogar unter CDU-Anhängern, wie Infratest dimap ermittelte. Denn von diesen sind 42 Prozent zufrieden mit der Politik des Bankbetriebswirts Hagel, aber 51 Prozent mit der des Diplompädagogen Özdemir. Bei einer Direktwahl des Ministerpräsidenten läge Özdemir mit 39 Prozent 16 Punkte über seiner Partei, während Hagel mit nur 19 Prozent die für die CDU erhobenen Zahlen um satte zehn Punkte unterschreitet.Gibt „Kretsch“ den Ausschlag?Aber nicht nur Bekanntheit und Zufriedenheit könnten zählen, wenn es im März an die Eröffnung von Kretschmanns Testament geht. Vielmehr könnte dem Erblasser höchstpersönlich auf der Zielgeraden eine Schlüsselrolle zufallen. Zwar legt er Wert auf die Feststellung, er wolle sich als Wahlkämpfer nicht in den Vordergrund spielen, sondern „mit Anstand“ zu Ende regieren. Aber er erweist sich, wie in seinen besten Tagen mit Beliebtheitswerten weit über 80 Prozent, als Magnet.Im Stuttgarter Theaterhaus verfolgten Mitte Januar 1.000 aufgeräumte Zuhörende, keineswegs nur aus der grünen Blase, einen seiner wenigen Auftritte mit Özdemir. Beim Landesparteitag in Ludwigsburg legte der 77-jährige Ex-Studienrat einen fulminanten Auftritt hin. Den Delegierten, vor allem Vertretern von Verbänden oder Gewerkschaften, wurde deutlich, dass Kretschmann in dieser kämpferischen Verfassung noch deutliche Impulse geben könnte. Hagel behauptet dagegen, die Grünen seien „nach dem Desaster der Ampel und der Bundestagswahl in einer Phase zwischen Trotz und Tränen“. Bald wird sich weisen, wer näher an der Realität im mit elf Millionen Einwohnern drittgrößten Bundesland landen wird.