Was wie ein gewöhnlicher “Handyshop” in Wien-Ottakring wirkte, steht im Zentrum eines der größten mutmaßlichen Schlepper-Netzwerke Europas. Ermittler stießen dort auf Hinweise, dass im Hinterzimmer Routen geplant und hohe Bargeldsummen bewegt wurden. Angeführt wurde die Organisation mutmaßlich von einem Afghanen.

Erste Hinweise zu Schleppern

Der Standard hatte im letzten August seine Recherchen präsentiert: Bereits im Sommer war das Geschäft ins Visier gerückt, als erste auffällige Aktivitäten öffentlich geworden waren. Ermittler stellten Fotos sicher, die große Bargeldmengen zeigten, versteckt in einer Schublade des Geschäfts. Auf Mobiltelefonen fanden sich zudem Bilder zahlreicher Reisepässe, von denen mehrere zu bereits bekannten Schleppern führten. Inhaftierte Kriminelle sagten aus, im Umfeld des Shops liefen die Fäden einer äußerst aktiven und Schlepper-Clique zusammen.

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Mutmaßliche Schlepper festgenommen

Im Laufe des Jahres kam es dann zu mehreren Festnahmen, darunter auch von Personen aus dem mutmaßlichen Führungszirkel. Laut Ermittlungsakten sollen im Hinterzimmer des Handyshops Schlepperrouten besprochen und Bargeld im sechsstelligen Bereich bewegt worden sein. Sämtliche Beschuldigte bestreiten die Vorwürfe, es gilt die Unschuldsvermutung.

Kriminelle Netzwerke von internationalem Ausmaß

Die forensische Auswertung sichergestellter Smartphones offenbarte rasch eine internationale Dimension. Ende 2025 organisierte Europol ein Vernetzungstreffen, bei dem österreichische Datensätze eine zentrale Rolle spielten. Nach Einschätzung der Ermittler übertraf das Ausmaß der mutmaßlichen Aktivitäten alles bisher Bekannte.

Laut den Dokumenten, die dem Standard vorliegen sollen, hatte ein Beschuldigter laut Polizei Kontakt zu 616 Schleppern. Nach Angaben der Ermittler wurden praktisch rund um die Uhr Schleppungen organisiert. Ein mutmaßlicher Kontaktmann gab an, im Jahr 2023 allein 72.000 (!) Migranten transportiert zu haben. Die Hauptrouten führten dabei von Ungarn nach Österreich und häufig weiter nach Deutschland.

Afghane soll Netzwerk geleitet haben

Als mutmaßlicher Kopf des Netzwerks gilt ein 46-jähriger Afghane mit dem Alias-Namen „Alik“. Er selbst gab an, lediglich im Shop gearbeitet zu haben, während andere Beteiligte ihn ausdrücklich als „Chef“ bezeichneten. Sein Telefonbuch enthielt Kontakte mit Tarnnamen wie „Auto Hendler“ (sic!) oder „The Wolf“. Das Netzwerk soll sich von Griechenland über den Balkan bis nach Wien und weiter nach Frankreich und Finnland erstreckt haben.

Beispielhaft für die internationale Kommunikation ist eine Chat-Nachricht eines bekannten Schleppers: „9 people Vinna“ (gemeint ist wohl Vienna). Zwischen „Alik“ und dem in Budapest ansässigen „Nasib Khan“ wurden hunderte Kontakte dokumentiert. „Nasib Khan“ gilt als Schlüsselfigur im internationalen Schlepper-Milieu und wurde inzwischen festgenommen.

Verdächtige mit möglichen Terror-Verbindungen

Ermittler stellten fest, dass fünf Kontakte aus „Aliks“ Telefonbuch laut Europol unter die höchste Geheimstufe fallen. Diese Personen könnten „größtenteils“ einen Konnex zu Terrorismus haben. Forensiker rekonstruierten zudem 37 gelöschte Videos, die mutmaßliche Werkstätten von Dokumenten-Fälschern zeigen. Außerdem wurden rund 50 Fotos gefälschter Dokumente entdeckt, darunter Aufenthaltstitel, Reisepässe und Blanko-Dokumente. Ein Chat belegt die aktive Vermittlung: „Schicke mir ein Reisepassfoto und ich lasse eine ID-Karte ausstellen. Kein Problem, verstehst du?“ Deutsche Behörden bestätigten die Fälschungen.

Gelder in großem Stil verschoben

„Alik“ räumte ein, im Shop ein illegales Hawala-Büro (islamisches Geldtransfer-System ohne Banken, Konten und behördliche Kontrolle) betrieben und dafür Provisionen kassiert zu haben. Bargeldbestände im Geschäft sollen aus diesen Transfers gestammt haben. Über das Hawala-System wurden laut Ermittlern auch Schlepper-Zahlungen abgewickelt. Während offiziell von Transfer-Limits bis zu 1.500 Euro die Rede ist, fanden Ermittler Chat-Nachrichten über Summen von 20.000 Euro und mehr.

Zur Verifizierung von Einzahlern und Empfängern dienten Codes – etwa Fotos von Fünf-Euro-Scheinen mit bestimmter Seriennummer. Ermittler bezeichnen diese Methode als typisch für das Schlepper-Milieu. Der frühere Betreiber des Geschäfts soll als Geldkurier fungiert haben. In einer Chat-Anweisung hieß es: „Es sind 20.000, du sollst sie zu diesem Bezirk bringen.“ Als Zieladresse wurde die Gudrunstraße im 10. Wiener Gemeindebezirk, dem migrantisch geprägten Favoriten, genannt. Auf dem Smartphone des Ex-Inhabers fanden sich zudem Hinweise auf Geldüberweisungen zwischen bekannten Schleusern. Eine Moneygram-Überweisung über 1.700 Euro wurde im Shop abgewickelt und am Geschäftspult fotografiert. Konfrontiert mit weiteren auffälligen Transaktionen reagierte der Ex-Inhaber lediglich mit: „Keine Ahnung.“



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