Den Eindruck, dass die Heilung oder Vermeidung von Alzheimer vor der Tür steht, könnte man gewinnen, wenn man die Studie liest, die Williams et al. (2026) gerade in Nature veröffentlicht haben:
Denn darin schreiben die Autoren:
„Unsere Ergebnisse, die auf Daten aus mehreren Bevölkerungs-basierten und Fall-kontrollierten Studien basieren, legen übereinstimmend den Schluss nahe, dass es dann, wenn wir die negativen Effekte von ε3 und ε4 beseitigen könnten, möglich wäre, die größte Zahl von Alzheimer Erkrankungen zu vermeiden.“
Im Original:
„Our findings, spanning several large population-based and case-control datasets, consistently indicate that if interventions could eliminate the detrimental effects of ε3 and ε4 carriage, we could expect to prevent most AD and a large proportion of all dementia.
Ein sehr optimistischer Schluss, den die Autoren auf Grund der in der der folgenden Tabelle dargestellten Ergebnisse generalisierter linearer Modelle für gerechtfertig und begründet halten.
Uff. Viele schwer verdauliche Brocken. Der Reihe nach.
In der Studie von Williams et al. (2026) geht es um Apolipoprotein E (APOE), ein Gen das Informationen zur Erstellung eines Proteins enthält (mit dem selben Namen), dessen Aufgabe darin besteht, Cholesterol im Körper zu transportieren, dahin, wo es gebraucht wird, also z.B. ins Gehirn. APOE ist für Reparatur beschädigter Zellen und die Beseitigung von Amyloid von besonderer Bedeutung und steht entsprechend im Zusammenhang mit Alzheimer als der Krankheit, bei der die Beseitigung von „amyloiden Abfallstoffen“ im Gehirn nicht gelingt.
APOE kommt in drei Formen, Allelen, die in Episilon 2, 3 und 4 Allele unterschieden werden. Ein Allele ist eine Version des Bauplans, der im Gen getragen wird, meist mit einer kleinen Änderung, einer kleinen Abweichung vom „Gen“-Plan, Abweichungen, die groß genug sind, um drei Allele, eben ε2, ε3 und ε4 zu unterscheiden. Dabei ist ε3 am weitesten verbreitet. Es findet sich bei den meisten Menschen. ε2 ist am seltesten, kommt in rund 5% bis 10% der Menschen vor. Dazwischen liegt ε4, das mit einer Verbreitung von rund 25% aufwarten kann. Im Hinblick auf Alzheimer gilt ε2, das seltenste Allele, als Schutz. Wer es trägt, hat ein geringeres Risiko auf Alzheimer als z.B. Träger von ε3, das im Hinblick auf Alzheimer als neutral gilt, weder schädigt noch schützt. Dagegen ist ε4 mit Alzheimer assoziiert. Personen, die das Allele tragen, haben ein höheres Risko, Alzheimer in ihrem späteren Leben zu entwickeln.
Um die Sache noch etwas zu würzen: Jeder von uns trägt zwei Allele, eine Folge der Säugetier-Version der Fortpflanzung, eines von seiner Mutter, eines von seinem Vater, was dazu führt, dass Personen, die ein ε4 Allele mit einem ε4 Allele kombinieren, im Hinblick auf Alzheimer und wie die Tabelle, die Williams et al. (2026) so weitreichend interpretieren, zeigt, die „Gearschten“ sind, mit einem satt erhöhten Risiko auf Alzheimer, während man denen, die ε2 mit ε2 kombinieren, das sind vermutlich 1% bis 2% der Bevölkerung, fast schon Immunität vor Alzheimer attestieren kann.
An dieser Stelle setzen Williams et al. (2026) an, um zu untersuchen, wie sich die jeweilige Kombination von ε-Allelen (ε2/ε2;ε2/ε3;ε2/ε4;ε3/ε3;ε3/ε4 und ε4/ε4) in Risiko, im Alter Alzheimer zu entwickeln, überführen lässt, ein Unterfangen, das durch die große Datenbasis, auf die sie zurückgreifen können, recht erfolgversprechend ist, kombinieren die Autoren doch Daten aus der britischen Biobank, der Finnischen Datenbank, FINGen und die Daten einer Studie, die in den USA, Australien, Kanada und Japan auf Basis von bereits an Alzheimer Erkrankten Personen durchgeführt wurde. Insgesamt verfügen die Autoren über Daten von rund 480.000 Personen aus drei unterschiedlichen Studien. Die Kombination unterschiedlicher Studien bringt gemeinhin unterschiedliche Operationalisierungen mit sich, und so reicht die Feststellung von Alzheimer bei einem Probanden von selbstberichteten Störungen kognitiver Funktionen bis zur posthumen Feststellung amyloider Strukturen im Gehirn des Verblichenen. Ein ziemlicher Range, der die Ergebnisse etwas „fishy“ macht.
Indes, was die Ergebnisse eigentlich in ihrer Aussagekraft in Frage stellt, das ist die Referenzkategorie. Die Autoren rechnen General Linear Models, eine statistische Methode, die Ergebnisse im VERGLEICH zu einer Referenzgruppe liefert. Die Referenzgruppe der Autoren sind Probanden mit der ε2/ε2-Allele Kombination, also Vertreter der seltensten Gruppe (1% bis 2% der Bevölkerung), die mit dem GERINGSTEN Risiko von Alzheimer einhergeht. Und hier beginnen die Probleme der Interpretation, denn wenn man Abstinenzler zur Referenzkategorie für Alkoholismus macht, dann kommt man zwangsläufig zu dem Ergebnis, dass diejenigen, die wenig bis moderat trinken, ebenfalls ein Risiko haben, Alkoholiker zu werden. Mit anderen Worten, die Autoren, die in ihrer eigenen Interpretation der Ergebnisse die Ausmerzung von Alzheimer dann in Aussicht stellen, wenn es gelingt, den Einfluss von ε3 und ε4, zwei Allele, die rund 90% der Menschheit tragen, zu reduzieren, begehen einen Fehlschluss.
Der Schluss, mit dem die Autoren ein valides statistisches Ergebnis fehlinterpretieren, entspricht der Behauptung, dass das Nichtanlegen von Schwimmwesten die Wahrscheinlichkeit, beim Schwimmen zu ertrinken, erhöht. Offenkundig ist es so, und offenkundig ertrinken dennoch die wenigsten der Schwimmer, die keine Schwimmwesten tragen. Schlimmer ist indes der Fehlschluss, der Autoren, der dazu führt, dass sie eine Eliminierung von Alzheimer in Aussicht stellen, wenn es gelingt, ε3 und ε4 im APOE-Gen in ε2 umzuschreiben. Ein Humbug sondersgleichen, der zum einen auf einem Fehlschluss der Bejahung des Konsequens basiert, nicht jeder Träger von ε3 oder ε4 erkrankt an Alzheimer, zum anderen auf der Verwechselung von Anfälligkeit mit Erkrankung. Dass eine bestimmte Kombination von APOE-Allelen die Träger anfälliger für Alzheimer macht bzw. besser: deren Wahrscheinlichkeit für Alzheimer (leicht, mittel, deutlich?) erhöht, bedeutet nicht, dass sie auch an Alzheimer erkranken werden. Hier werden Korrelationen als Kausalitäten ausgegeben und das Ganze auf Basis eines Extremgruppenvergleichs.
Keine Junk Science, aber hart dran. Kurz: Der Schlüssel zur Behandlung von Alzheimer ist nicht gefunden. Dass APOE irgendwie an der Entstehung von Alzheimer beteiligt ist, war schon vor Williams et al. (2026) bekannt. Dass ε4/ε4-Träger ein erhöhtes Risiko auf Alzheimer haben, haben Williams et al. (2026) zeigen können. Dass ε3/ε4-Träger ebenfalls ein erhöhtes Risiko auf Alzheimer haben, ist schon aufgrund der geringen Effektstärke vermutlich kein Ergebnis, sondern ein statistisches Artefakt, das der Wahl der Referenzgruppe geschuldet ist.
Nichts Neues in Amyloiden Strukturen.
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