Eins vorweg: Ich halte Julian Reichelt für einen exzellenten Journalisten. Aber persönlich mag ich ihn nicht — da ist mir zu viel Ego, zu viel von oben herab. Was für mich aber noch schwerer wiegt: Er hat mich selbst ins Messer laufen lassen (siehe hier). Und als ich angegriffen wurde, hat er stets geschwiegen.
Das sage ich, damit klar ist: Was ich jetzt schreibe, hat nichts mit Solidarität unter Gleichgesinnten zu tun. Nur mit dem, was ich als Anstand auffasse – ganz ungeachtet von Personen.
Was in diesen Tagen geschieht, wühlt mich auf. Ein Lkw dreht vor dem Bundestag seine Runden. Auf der Ladefläche: das Foto eines Mannes, sein Name, und ein Urteil — zusammengeklaubt aus dem Bodensatz anonymer Kommentarspalten, die politische Aktivisten gezielt als Munition gesammelt haben. Das nennt sich Medienkritik. Ich nenne es einen Pranger mit Diesel-Antrieb. Die Urheber nenne ich nicht beim Namen; man sollte solchen Hetzen keine Bühne bieten. Denn genau die suchen sie.
Die Konstruktion, auf die sie zurückgreifen, ist dabei besonders hinterhältig: Diese Menschen fischen das Schlimmste heraus, was aufgeregte Leser unter Nius-Artikeln schreiben, kleben es Reichelt persönlich ans Revers — und verkaufen diesen intellektuellen Tiefflug aus der Agitprop-Denkschule als Enthüllung. Die taz greift es dankbar auf. Nach dieser Logik wäre jede Redaktion für den letzten Irren verantwortlich, der unter ihren Artikeln kommentiert. Die taz eingeschlossen.
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„Das ist kein Chefredakteur, das ist ein geistig zurückgebliebener Menschenfeind“ steht neben dem Reichelt-Porträt auf dem Lastwagen. „Das Kranke und Böse steht dem Ex-Bild-Chefredakteur schon ins Gesicht geschrieben“, raunen die Aktivisten in ihren Clips.
Erinnert Sie das an das Gleiche, an das es mich erinnert? An etwas, was ich hier gar nicht auszusprechen wage? Das ist keine Kritik mehr, das ist die totale Entmenschlichung. Durch das Vokabular der Propaganda-Gosse. Wer das Böse im Gesicht eines Menschen „abliest“ — der bedient sich aus dem Werkzeugkasten totalitärer Propaganda. Nicht nur der braunen. Auch der roten.
Doch es kommt noch schlimmer. Man könnte sagen – das sind verwirrte Seelen. Da ist der Grünen Abgeordnete Erik Marquardt, der ein Bild der Aktion auf X postet mit dem Kommentar: „Das hier fährt übrigens heute um den Bundestag.“ Beiläufig. Als wäre es das Normalste der Welt. Und da ist Ruprecht Polenz. Ehemaliger CDU-Generalsekretär, Merkels Liebling, Berufs-Demokrat mit Europafahne im Profilbild. Immer zur Stelle, wenn es darum geht, andere von der hohen Kanzel herab abzuurteilen. Derselbe Polenz verbreitet diese unsägliche, finstere Aktion begeistert. Und nicht nur als Mitläufer. Als Einpeitscher. Ein Mann, der sich seit Jahren als moralische Instanz inszeniert, jubelt einem fahrenden Pranger zu. Das ist nicht Heuchelei am Rande. Das ist die moralische Bankrotterklärung der selbsternannten demokratischen Mitte. Die selbsternannten „Anständigen“, die andere ständig des Hasses und der Hetze bezichtigt – und nicht wahrnehmen, wie sehr sie selbst genau davon getrieben sind.
Bin nicht sicher, ob Reichelt das meldet, denn „alle gezeigten Zitate stammen aus den Kommentarspalten von Nius, verfasst von einer durch die Berichterstattung des Portals aufgestachelten Leserschaft und ausschließlich gegen prominente Frauen gerichtet.“https://t.co/BrS6BakOPT https://t.co/DkEdSWuM2j pic.twitter.com/dF7eFW2i05
— Ruprecht Polenz🇪🇺 (@polenz_r) March 20, 2026
Sie projizieren ihren eigenen Hass auf den Gegner, um sich dabei selbst als geläutert zu inszenieren. Besonders perfide: Ein Mann wie Polenz mit mehr als 200.000 Abonnenten auf X nutzt sein institutionelles Gewicht und seine Reichweite, um den Mob zu nobilitieren. Das ist kein Twitter-Troll; das ist das Establishment, das die Jagd auf Abweichler freigibt.
Stellen Sie sich vor, diese Kampagne richtete sich gegen einen Redakteur von ARD oder Spiegel. Der Aufschrei wäre ohrenbetäubend, die Solidaritätsbekundungen staatstragend. Zu Recht. Doch bei einem Kritiker des rot-grünen Zeitgeists herrscht betretenes Schweigen oder unverhohlene Schadenfreude. Reichelt ist in diesem Milieu offenbar vogelfrei. Sein Verbrechen: Er besitzt die falsche Meinung im falschen Medium.
Es ist widerlich. Und sie merken das nicht mal mehr. Sie merken nicht, dass es keine Frage politischer Einordnung ist — ob man Reichelt mag oder nicht, ob man Nius gut findet oder nicht, ist hier komplett irrelevant. Was hier passiert, verlässt den Bereich legitimer Medienkritik vollständig.
Es ist keine Auseinandersetzung. Das ist ein ritueller Vernichtungsfeldzug. Und vor lauter Verblendung und missionarischem Übereifer merken sie nicht mal mehr, dass ausgerechnet sie die beste Werbung für Reichelt und Nius in diesen Tagen gemacht haben.
Außenwirkung hin oder her – das Feigste an dieser Aktion: Die Konstruktion ist juristisch wohl austariert. Man versteckt sich hinter „Zitaten“, um die Grenzen des Rechtsstaats auszureizen, während man menschlich die Grenze zur Barbarei überschreitet.
Und wer trägt die Verantwortung, wenn auf einen öffentlich Gebrandmarkten irgendwann jemand losgeht? Die Frage ist nicht hypothetisch. Wir kennen die Antwort — nicht nur aus der Geschichte, sondern aus den Nachrichten. Die Brandstifter von heute sind meistens diejenigen, die am lautesten vor dem Feuer warnen.
P.S. Reichelt hat einen Millionen-Sponsor im Rücken. Ich habe Sie. Wenn Sie finden, dass solche Texte geschrieben werden müssen — Sie wissen, wo der Spenden-Button ist.
Bild: Screenshot: X/@ErikMarquardt
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