Eins vorweg: Ich halte Julian Reichelt für einen exzellenten Journalisten. Aber persönlich mag ich ihn nicht — da ist mir zu viel Ego, zu viel von oben herab. Was für mich aber noch schwerer wiegt: Er hat mich selbst ins Messer laufen lassen (siehe hier). Und als ich angegriffen wurde, hat er stets geschwiegen.

Das sage ich, damit klar ist: Was ich jetzt schreibe, hat nichts mit Solidarität unter Gleichgesinnten zu tun. Nur mit dem, was ich als Anstand auffasse – ganz ungeachtet von Personen.

Was in diesen Tagen geschieht, wühlt mich auf. Ein Lkw dreht vor dem Bundestag seine Runden. Auf der Ladefläche: das Foto eines Mannes, sein Name, und ein Urteil — zusammengeklaubt aus dem Bodensatz anonymer Kommentarspalten, die politische Aktivisten gezielt als Munition gesammelt haben. Das nennt sich Medienkritik. Ich nenne es einen Pranger mit Diesel-Antrieb. Die Urheber nenne ich nicht beim Namen; man sollte solchen Hetzen keine Bühne bieten. Denn genau die suchen sie.

Die Konstruktion, auf die sie zurückgreifen, ist dabei besonders hinterhältig: Diese Menschen fischen das Schlimmste heraus, was aufgeregte Leser unter Nius-Artikeln schreiben, kleben es Reichelt persönlich ans Revers — und verkaufen diesen intellektuellen Tiefflug aus der Agitprop-Denkschule als Enthüllung. Die taz greift es dankbar auf. Nach dieser Logik wäre jede Redaktion für den letzten Irren verantwortlich, der unter ihren Artikeln kommentiert. Die taz eingeschlossen.