Demonstranten bei einer AfD-Kundgebung halten eine 30-Meter lange Deutschlandfahne als Sichtschutz zur Gegendemonstration
Foto: Hannes Jung/laif
Der Zeitgeist unter Jugendlichen ist rechts. In Spremberg oder Cottbus zeigt sich das im Klassenzimmer, auf dem Pausenhof, im Jugendclub. Was bräuchte es, um diese Entwicklung zu stoppen? Eltern, SchülerInnen, Sozialarbeiter erzählen
Draußen regnet es, als die Bürgermeisterin von Spremberg in ihrem Büro empfängt, mit Blick auf den leeren Marktplatz. Zwei Monate sind vergangen, seit Christine Herntier mit einem Brandbrief an die Öffentlichkeit ging und damit die kleine Stadt in der Lausitz in den bundesweiten Fokus rückte. Es ging um rechte Jugendliche und Rechtsextreme, die junge Menschen ködern – manchmal direkt auf dem Marktplatz, wenn sich junge Männer mit Seitenscheiteln und Bomberjacken abends zum Abhängen treffen.
„Es gab keinen einzelnen besonders schlimmen Vorfall“, erzählt Herntier, „aber es hatte eine Grenze erreicht, als ich gelesen habe, dass der III. Weg stolz darauf ist, Kinder und Jugendliche zu bekehren.“ Tatsächlich ist die Neonazi-Kleinpartei verstärkt in Spremberg und der Lausitz unterwegs, ihre Kader kleben Sticker oder verteilen Flyer an Schulen: „Schulhof-Offensive“ nennen sie das. Weil es auch am Erwin-Strittmatter-Gymnasium in Spremberg Probleme mit rechten Jugendlichen gibt, hat sich bereits 2018 eine Arbeitsgemeinschaft gegründet. Anfangs nannte sie sich „Mut“ und traf sich aus Angst vor Anfeindungen heimlich in der Schulbibliothek. Inzwischen trifft sie sich als AG „Vielfalt und Toleranz“ ganz offiziell in einem Klassenzimmer. Angefeindet werden die Teilnehmenden trotzdem.
Es ist ein Mittag, als die AG für ein Interview zusammenkommt. Es sind mehr Mädchen als Jungs, die meisten 15 oder 16 Jahre alt. Ihre Antworten geben sie gerne zusammen oder durcheinander, sie haben alle viel zu sagen. „Manchmal quatschen wir hier auch einfach nur“, sagt eine von ihnen. Sie trägt lange blonde Haare, eine runde Metallbrille, große Creolen, schwarze Klamotten. „Für uns ist die AG auch ein Safe-Space, um positive wie negative Erfahrungen auszutauschen.“
Sind bei euch rechtsextreme Vorfälle Alltag an der Schule?
In Klassenchats werden oft „Späßchen“ über den Holocaust gemacht, dann gehen so Sticker rum mit dem Gesicht von Hitler, dazu der Spruch „Du bist lustig, dich vergas‘ ich zuletzt“. Viele tragen Shirts von der Marke „Lonsdale“ unter ihren Jacken und legen dann nur die Buchstaben „nsda“ frei. Es ist auf jeden Fall cool an unserer Schule, rechts zu sein. Es gibt Schülerinnen in unserer Stufe, die sagen, sie möchten unbedingt einen Rechten.
Und ihr seid dann die Uncoolen.
Wir sind auf jeden Fall nicht beliebt in der Schule. Wenn man bei uns in der AG mitmacht, muss man damit rechnen, beleidigt zu werden. Um den Busbahnhof, wo viele rechte Jugendliche abhängen, machen wir einen großen Bogen.
Wie wirken die rechten Jugendlichen auf euch?
Sie suchen nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Sitzen am Dönerladen, essen Baklava und zeigen den Hitlergruß. Manche haben selbst einen Migrationshintergrund. Es reicht schon, einen strengen Seitenscheitel zu tragen oder einen schlechten rechten Witz zu reißen, und dann gehört man dazu.
Die Eltern sind ja selber rechts
Wie wird das Problem in euren Augen angegangen?
Wir haben die Stadtverordnetenversammlung verfolgt, wo auch über rechte Jugendliche und den III. Weg gesprochen wurde. Es wurde gesagt, dass man unbedingt die Eltern kontaktieren müsste. Aber was bringt das? Die Eltern sind ja selber rechts. Sie sind der Grund, warum die Kinder auch so sind. Uns regt es auf, dass kein richtiges Interesse da ist, das Problem zu bekämpfen. Die Jugendlichen können noch so rechts sein, aber sie sollen keine Nazi-Sticker mehr in der Stadt kleben – so nehmen wir das wahr.
Wie geht ihr als AG das Problem an?
Wir versuchen, Themen anzusprechen, die zu kurz im Unterricht kommen. Bei uns in der Klasse ist der Nationalsozialismus komplett weggefallen. Wir haben lediglich eine Doku darüber angeschaut, während ein Teil der Klasse sich gegenseitig die Haare geflochten hat. Daher haben wir auch bei der Verlegung von Stolpersteinen mitgemacht und ein Projekt über Anne Frank in der Schule unterstützt. Sowas wird aber viel seltener in Medien erwähnt als Jugendliche, die Hitlergrüße zeigen.
Es wird also zu wenig über Positives berichtet?
Ja! Wir als Gesellschaft müssen viel mehr formulieren, wofür wir stehen, als nur gegen etwas zu sein.
Unweit des Erwin-Strittmatter-Gymnasiums befindet sich ein Skatepark voller Graffiti. Ein anarchistisches „A“ ist durchgestrichen. Und da, wo mal ein Hakenkreuz hin gesprüht wurde, ist jetzt ein rotes Herz, erzählt Benny Stobinski. Er könnte selbst als Skater durchgehen, trägt Sweater, Jeans und Sneaker. Doch Stobinski ist Anfang 40 und Sozialarbeiter, er verbringt regelmäßig Zeit mit Jugendlichen am Skatepark, und das nicht nur aus einer politischen Richtung. „Links hängen die rechten Jugendlichen ab und rechts die Linken, also genau verkehrt herum“, sagt Stobinski mit Blick auf den Park. Vor 23 Jahren hat er angefangen, als Sozialarbeiter zu arbeiten. Auf die heutige Jugend pflegt er einen schonungslosen Blick.
Wie kommt es, dass immer mehr junge Menschen Antidemokraten in die Hände fallen?
Vielen Jugendlichen fehlt der Meinungsdiskurs. Sie gucken am Abend ihre Netflix-Serie oder Youtube-Shorts, da kriegen sie das Kompaktprogramm – und je nachdem, wo sie sich bewegen, bekommen sie immer nur einen Ausschnitt. Wenn der Nachbar irgendeine Grafik von Nius teilt, dann wird das halt geliked und dann ploppen solche Positionen immer wieder auf Social Media auf. Viele Jugendliche sind in ihrer Bubble gefangen.
Und tragen ihre rechte Gesinnung raus ins echte Leben.
Am Skatepark erlebe ich öfter mal, dass sich die Jungs mit „Heil Hitler“ begrüßen, auch welche mit Migrationshintergrund. Dann sage ich: Was habt ihr denn Falsches gegessen? Wird mal Zeit, dass ihr wieder zu Verstand kommt, gerade ihr mit Migrationshintergrund wärt die ersten, die hier weg wären. Oft sind es die schmächtigen Typen mit Zahnspange, die denken, sich mit radikalen Aussagen beweisen zu müssen. Das ist ja das Groteske: Die Schwachen, die Ausgegrenzten werden oft zum radikalsten Nazi.
Diesen latenten Rassismus, diesen Hass, diesen Neid findet man inzwischen in der Mitte der Gesellschaft
Können Orte wie der Skatepark helfen?
Hier gibt es eben auch Jugendliche mit Migrationshintergrund und Leute, die linke Positionen vertreten. Aufgrund dieser Gruppendynamik sollen sie merken, dass die anderen gar nicht so schlimm sind. Sobald sie den Skatepark verlassen, haben sie wieder ihre gewohnte Rolle: In der Schule bin ich bei den Rechten, die gegen Ausländer sind, aber nachmittags fahre ich mit Mohammed und Hassan Skateboard oder nuckele an deren Vape.
Leben die Jugendlichen nur nach, was ihnen Erwachsene vorleben?
Früher hat man dem Rechten gesagt, sag das nicht zu laut, das bringt dir nur Nachteile. Jetzt ist es ja eher so, dass man dem Linken sagt, du hast völlig recht, aber geh‘ vorsichtig damit um, um dich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Man findet nicht überall diese hardcore rechten Positionen, aber diesen latenten Rassismus, diesen Hass, diesen Neid findet man inzwischen in der Mitte der Gesellschaft.
Was brauchen junge Menschen, damit sie nicht diese Haltung übernehmen?
Wir brauchen ein Land, das wieder stolz auf seine Jugend ist. Wir reden immer nur über Jugend, wenn es ein Problem gibt oder sich alte Männer wieder Verbote ausdenken. Eine positive Berichterstattung über Jugendliche gibt nur einmal im Jahr, wenn berichtet wird, wie viele ein 1,0-Abi haben, aber was bei „Jugend forscht“ entdeckt wurde, schafft es nicht in die Leitmedien. Es gibt halt keine Motivation für Jugendliche. Sie sind da und das war‘s.
Bei den Rechten geht es viel um behauptetes Gemeinschaftsgefühl. Der „III. Weg“ bietet kostenlose Freizeitangebote für Jugendliche an. Versagt da der Staat?
Es wird an der falschen Stelle gespart. Durch Ferienfahrten lernen Kinder, füreinander Verantwortung zu übernehmen, sie lernen einen Wertekanon, den unsere Gesellschaft einfach bräuchte: Weniger Ich, mehr Gemeinschaft. Wenn es keinen Jugendclub mehr gibt, weil der Staat den Sozialarbeitern keinen Nachtzuschlag zahlen will, kommt eben die braune Fraktion abends auf den Dorfanger mit zwei Kästen Bier und sammelt die Jugend ein.
Viele fühlen sich an die Baseballschlägerjahre erinnert.
Ich warne immer davor, das so laut zu sagen, nicht dass es den einen oder anderen noch motiviert, sich einen Baseballschläger zu bestellen, aber ja, es ist so. Gegen alles zu sein, was links ist, und im Zweifelsfall mit Gewalt gegen Andersdenkende, gegen Geflüchtete, gegen Menschen mit anderer sexueller Identität zu sein, das ist wieder da – in all seiner Ekeligkeit und Brutalität. Nur ist es noch schlimmer geworden als in den Neunzigern.
Schlimmer als zu einer Zeit, als etliche Asylheime brannten?
In den Neunzigern ging es ausschließlich um Asylbewerber. Heute wettern die Rechten gegen gefühlt alles: Sie sind gegen Regenbogenfahnen, gegen erneuerbare Energien, gegen Bundestagsabgeordnete, die andere Meinungen vertreten. Sie wettern gegen alles, was grün oder links ist, es geht gegen die da oben, also ja, eigentlich ist es schlimmer. Und die, die so denken, sind längst nicht nur Neonazis mit Bomberjacke. Diejenigen, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen, sind zwar nicht gewaltbereit, aber sie decken die Gewaltbereiten, weil sie deren Meinung teilen. Sie sind sozusagen die stützende Mauer dahinter.
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Wenige Wochen, nachdem die Bürgermeisterin Herntier ihren Brandbrief veröffentlicht hatte, meldete die Neonazi-Partei „III. Weg“ eine Demonstration in Spremberg an. Trotz Ferienzeit trommelte das Bündnis „Unteilbar Spremberg“ knapp hundert Leute für eine Gegendemo zusammen. Und so standen sich an jenem Tag im August etwa 50 junge männliche Rechte und doppelt so viele Menschen mit bunten Plakaten unweit des Spremberger Busbahnhofes gegenüber. Selbst gebastelte Plakate mit „Vielfalt statt Einfalt“ oder „Herz statt Hetze“ versus bedruckte Transparente mit „Überfremdung stoppen. Schützt unsere Heimat“ oder „Nationalrevolutionäre Jugend“, die Jugendorganisation des III. Wegs.
Angemeldet wurde die Gegendemo von Bianca Broda. Sie ist in Spremberg geboren und aufgewachsen, ging zum Studieren nach München und kam erst 2018 wieder zurück. „Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um in Spremberg wieder anzukommen“, erzählt sie. „Es gibt hier sehr viele Unzufriedenheiten. Bei Umbrüchen ist es so, dass Menschen nicht gut mitgenommen werden.“ Broda leitet ehrenamtlich das Bündnis, hauptberuflich ist sie Sozialpädagogin. In einem Café am Marktplatz erzählt sie: „Wenn wir Aktionen machen, sind immer ganz viele Generationen dabei. Das ist total schön, aber es macht mir auch Sorgen.“ Dort, wo sie bei der Gegendemo standen, ist von einem Haus etwas auf sie runtergeworfen worden: Eine gefüllte Tüte mit Mandarinenstücken und einer übel riechenden Flüssigkeit. „Ich vermute, dass jemand in die Tüte gepinkelt hat.“ Da bei ihren Aktionen auch Kinder und alte Menschen dabei wären, wünscht sich Broda, dass die lokale Polizei mehr tut. Broda hat selbst vier Kinder, die alle in Spremberg zur Schule gehen oder gegangen sind. Zwei ihrer Kinder sind bereits weggezogen.
Mit deinem Sohn hast du schon 2023 in einem Fernsehbeitrag über rechtsextreme Vorfälle am Spremberger Gymnasium gesprochen. Wurdet ihr anschließend angefeindet?
Damals war das Thema noch tabuisiert. Man wollte einfach nicht wahrhaben, dass es solche rechtsextremen Vorfälle an Schulen gibt. Dabei gibt es die schon viel länger. Nach der Ausstrahlung des Fernsehbeitrags wurde mein Sohn von der Klasse angefeindet und wir wurden von den Elternsprechern der Schule zu einem Gespräch geladen, bei dem wir richtig an den Pranger gestellt wurden, das war ganz furchtbar. Heute kann man das immerhin klar ansprechen. Das ist ja auch eine positive Entwicklung.
Du leitest das Bündnis „Unteilbar Spremberg“, das sich für Vielfalt und gegen Rassismus einsetzt. Wie kommt das in der Stadt an?
Ich wurde mal auf dem Weihnachtsmarkt von einer Frau angeschrien, dass ich eine Schande für die Stadt sei. Wenn es mir hier nicht gefalle, solle ich wieder abhauen. Bislang waren es ausschließlich verbale Angriffe. Aber wir sind vorsichtig: Wenn wir Veranstaltungen machen, teilen wir uns danach auf und begleiten die Leute nach Hause.
Warum kann sich der „III. Weg“ in der Lausitz so gut ausbreiten?
Diese ganz Ultra-Rechten – die waren früher da, die sind heute da, diese Region ist davon schon immer geprägt. Jetzt gibt es aber eine Partei wie die AfD, die populistische Meinungen bündelt und dadurch extrem rechte Positionen gesellschaftlich anerkannter werden. Aber das ist eine Entwicklung, die wir überall haben.
Bei der letzten Bundestagswahl hat die AfD in Spremberg rund 45 Prozent der Zweitstimmen bekommen.
Ja, es wählen hier sehr viele AfD, aber das heißt nicht, dass die alle rechtsextrem sind. Viele wählen aus Protest oder hoffen, dass sich dadurch etwas ändert. Aber so ein latenter Rassismus ist schon deutlich zu spüren. Und der macht es auch so schwierig für Kinder aus anderen Ländern, Fuß zu fassen. Ein Mädchen, das Kopftuch trägt, hat in Spremberg eine Praktikumsstelle gesucht und es war für sie unmöglich, hier etwas zu finden.
Das geht nicht von den Jugendlichen aus, das wird vom Elternhaus mitgegeben
Ist es wirklich die Angst vor dem Fremden, die die Menschen zur AfD treibt?
Wenn hier in der Oberschule organisiert wird, dass Schüler eine Moschee oder eine Synagoge besuchen, gibt es leider Eltern, die nicht möchten, dass sich ihre Kinder dafür anmelden. Aber wie soll man denn Unterschiedlichkeiten kennenlernen, wenn man das Unbekannte so sehr scheut? Wenn wir so etwas nicht machen, dann erfahren wir auch nicht, dass das auch Menschen sind, die sehr ähnlich sind, die nur andere Rituale haben. Und das geht nicht von den Jugendlichen aus, das wird vom Elternhaus mitgegeben.
Was können Schulen gegen rechtsextreme Vorfälle tun?
Es braucht auf jeden Fall einen nachhaltigeren Umgang. Was bringen schon zwei Tage Schulverbot? Wenn alles beschmiert und kaputt gemacht wird, dann kann man vielleicht auch mit Schülern etwas bauen, was nicht kaputt gemacht wird. Da gibt es die kreativsten Möglichkeiten, wie andere Schulen damit umgehen. Wir beschäftigen uns viel zu sehr mit dem, was geht und was nicht geht, als endlich etwas zu tun: mehr Räume für Jugendliche schaffen, mehr Streetworker engagieren, die in der Stadt Präventionsarbeit leisten.
Was braucht es noch?
An allererster Stelle ausreichend gut ausgebildete Lehrkräfte und kleinere Klassen, aber das sind Dinge, die braucht es an so vielen Orten in Deutschland. In Spremberg ist es vielleicht besonders wichtig, eine klare Haltung zu zeigen. Und die Lehrer und Schüler, die dies tun, sollten Rückendeckung bekommen und unterstützt werden. Dabei meine ich die Gesellschaft und auch Behörden.
Nördlich von Spremberg, noch nicht mal eine halbe Autostunde entfernt, liegt Cottbus. Eine Stadt mit rund 95.000 Einwohnern, mehr als viermal so viel wie Spremberg. Cottbus gilt als Hotspot des Rechtsextremismus – vor allem im Fußball. Die rechte Szene ist dort besonders stark und gut vernetzt. Der Verfassungsschutz hat Cottbus daher mal als „toxisches Gebilde“ bezeichnet. Mirjam Lüder, die sich vornehmlich mit jungen Fußballfans beschäftigt, erklärt das Toxische so: „Cottbus ist wie eine Kette: Der kennt den, der nicht radikal ist, der kennt wiederum jemanden, der ein bisschen radikal ist und so weiter. Am Ende greift niemand niemanden an, weil keiner sich von irgendwem distanziert.“
Lüder ist studierte Sozialarbeiterin und leitet die Kickerstube und das Fanprojekt Cottbus, mit dem sie etwa auf Heim- und Auswärtsspielen von Energie Cottbus dabei ist, um junge Fans beim Erwachsenwerden zu begleiten. Die Kickerstube befindet sich in der Cottbuser Innenstadt. Sie ist ein Treff für Jugendliche und junge Fußballfans. Im Schaufenster hängt neben einer Fahne von Energie auch eine Regenbogenflagge. Drinnen gibt es Kickertische, eine Tischtennisplatte. Irgendwo liegt die kostenlose Ausgabe des Deutschen Grundgesetzes. An einer Wand kleben Sticker von links wie rechts. „Ultras Energie“, „Ohne Vielfalt keine Energie“. Dorthin lädt Lüder an einem Septembermorgen zu einem Gespräch ein.
Sind es nur männliche Fußballfans, mit denen das Fanprojekt zu tun hat?
Durch den Erfolg von Energie Cottbus hat Fußball wieder eine Sogwirkung auf Jugendliche, daher haben wir auch einen starken Zuwachs an minderjährigen Mädchen, die ins Stadion gehen. Wir haben in diesem Jahr schon zwei U-18-Fahrten gemacht, also begleitete Fahrten zu Auswärtsspielen inklusive Übernachtung, wo wir nur Mädchen mitgenommen haben, die waren zwischen 14 und 17 Jahren, und das war beides Mal total toll zu erleben: Die kennen alle Fußballregeln, alle Fußballspieler.
Sind denn diese Mädchen auch politisch rechts eingestellt?
Es gibt auch linke Mädchen, die Fußballfans sind. Aber es gibt eben auch das Phänomen „Ostmulle“. So wie es seit letztem Jahr vermeintlich wieder in ist, Skin zu sein, sich die Haare abzurasieren und wieder Stiefel und Tarnfleck-Cargohose zu tragen, so ist es bei den Mädels zunehmend angesagt, Jogginghose und Lonsdale-T-Shirt anzuziehen und sich stark die Haare zu färben, weil das von zwei, drei Frauen online befeuert wird. Eine dieser Ostmullen hat mal bei TikTok einen Elektrobeat laufen lassen und dazu irgendwelche Goebbels-Reden abgespielt. Ich habe mal ein Mädchen in der Kickerstube auf das Video angesprochen und dann hat sie gesagt: Naja, das ist wegen der Überfremdung.
Hier drinnen kommen alle miteinander klar
Kommen denn auch Jugendliche in die Kickerstube, die nichts mit Fußball am Hut haben?
Zu uns kommt tatsächlich auch eine queere Community. Da gibt es eine Transfrau, die Energie-Fan ist. Und die muss dann ihren queeren Freunden erklären, warum Energie-Fans nicht alle Nazis sind, weil sie ja selbst zu den Spielen geht. Und dann haben wir umgekehrt unsere rechts orientierten Fußball-Fans, die wissen: Ah ja, die queeren Kiddies mit den wuscheligen Haaren, den Leinenhosen und den bunten Armbändern sind wieder da. Die einen rennen auf Demos gegen rechts und die anderen gehen auf Demos gegen Genderquatsch, aber hier drinnen kommen alle miteinander klar, weil wir als Fachkräfte auf einen respektvollen Umgangston achten.
Hat das Fanprojekt auch mit dem „III. Weg“ zu tun?
Unsere Jugendlichen reden nicht vom „III. Weg“. Aber bei rechtsextremen Gruppen wie „Deutsche Jugend voran“ merkt man deutlich, dass das so ein Sammelbecken für alle ist, die gerne wer wären, aber niemand sind. Das sind oft Mitläufer, die es nie in organisierte Ultra-Gruppen geschafft haben, aber bei denen man spürt, dass sie jemanden brauchen, der ihnen Zusammenhalt und Stärke signalisiert. Oft haben diese Jugendlichen kein stabiles soziales Umfeld.
Was brauchen junge Menschen, damit sie nicht in solchen rechtsextremen Gruppen landen?
Sie brauchen Erwachsene, die ihnen zuhören und die nicht gleich werten. Und sie müssen von Erwachsenen das Vertrauen bekommen, dass sie Entscheidungen treffen können, und zwar gute Entscheidungen. Nicht immer nur, nee, du machst das falsch, du siehst das nicht richtig, sondern die brauchen das Gefühl, dass jemand an ihnen interessiert ist. Die Nazis geben ihnen das Gefühl.
Gibt es dafür ein konkretes Beispiel?
In die Kickerstube kommt eine 15-Jährige, die sich über Regenbogenfahnen aufgeregt hat, dabei hängt ja hier eine. Ich habe sie mal gefragt, was sie eigentlich daran aufregt. Und dann meinte sie: Ich find ein traditionelles Familienbild schon wichtig. Darauf habe ich geantwortet: Wenn du einen Mann und Kinder haben willst, ist doch alles gut. Nur weil die Regenbogenfahne da hängt, nimmt dir doch keiner weg, diese Entscheidung zu treffen. Und dann hat sie mir von einem Vorfall in der Schule erzählt.
Was war das für ein Vorfall?
Sie hat mal im Unterricht von einem traditionellen Familienbild gesprochen, und da hätte der Lehrer gleich gesagt: Nee, das geht überhaupt nicht, wir sind eine Gesellschaft, die Menschen egal welcher sexuellen Orientierung respektiert. Bei ihr ist dann hängengeblieben, sie könne nicht mal sagen, dass ihr selbst ein traditionelles Familienbild vorschwebt. Ich verstehe, dass eher progressive Kräfte aufgrund der politischen Entwicklungen in Deutschland denken, sie müssten Stellung beziehen, aber damit bauen sie bei einem jungen Menschen, der sich nur mitteilen will, eine Mauer auf.
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Östlich der Innenstadt befindet sich Sandow. Es ist der Stadtteil mit der höchsten Jugendarmut in Cottbus. Ende 2024 eröffnete „Sandow Peer“, ein selbstverwalteter Jugendclub, bestehend aus sechs Containern. Es ist ein Projekt von Jugendlichen für Jugendliche. „Im Club können wir kreativ werden, Ideen entwickeln und umsetzen, uns als Jugend beteiligen“, erzählt in einem dieser Container Ezèquiel, der das Projekt von Anfang an begleitet. Neben ihm sitzen an einem langen Tisch weitere Jugendliche, alle zwischen 18 und 23 Jahren. Sie treffen sich regelmäßig hier. Da ist Nadine, die gerade eine Ausbildung zur Erzieherin macht, und da ist Sarah, die noch nicht ganz genau weiß, was sie mal werden will. Da ist Jannik, der sich auch gerade als Erzieher ausbilden lässt, und da ist Nils, der Informatik studiert. Sie nennen sich „Engagierte Jugend Sandow“.
Warum wollt ihr euch als Jugendliche engagieren?
Es fehlt an Geld und an Angeboten für Jugendliche. Wenn wir in der Stadt rumlaufen, müssen wir immer überlegen, wie wir kostenfrei unsere Freizeit verbringen können. Klar, wir können im Einkaufszentrum bummeln, ohne was zu kaufen, aber viel mehr ist da nicht. Außerdem kann es nicht sein, dass wir den sozialen Sektor als erstes einsparen. In Cottbus müssen fünf Schul- und Sozialarbeiter eingespart werden und eigentlich bräuchte es viel mehr. Das gilt auch für solche Projekte wie unseren Jugendclub: Wenn mehr Geld da gewesen wäre, säßen wir jetzt nicht in einem Container, sondern vielleicht in einem Neubau.
Dürfen auch Jugendliche zu euch, die mit der AfD sympathisieren?
Wenn Jugendliche mit unterschiedlichen politischen Einstellungen in den Club kommen, ist das ja auch ein wichtiger Prozess und eine wichtige Eigenschaft der Demokratie. Dass man über bestimmte Themen miteinander diskutieren kann. Wenn jetzt jemand zu uns zu Besuch kommen würde, der Mitglied der AfD ist, hätte der Verein damit kein Problem. Als Mitglied aufnehmen würden wir diese Person aber nicht. Grundsätzlich gilt: Wir wollen aufzeigen, dass Faschismus keine Option ist.
Sollte das nicht auch die Schule schaffen?
Gerade im Geschichtsunterricht sprechen wir immer nur von der Vergangenheit, statt einen Blick auf die aktuelle Politik zu werfen. Die Situation rund um die USA ist ja eigentlich perfekt für den Geschichtsunterricht geeignet, wie sich gerade eine Diktatur aufbaut. Und eigentlich auch in vielen Ländern Europas mittlerweile.
Wie habt ihr denn im Geschichtsunterricht die NS-Zeit behandelt?
Einmal kam von einem Schüler die Frage, ob die Nazis nicht auch irgendwas gut gemacht haben? Und mein Lehrer hat darauf geantwortet, dass die Nazis böse waren, es daran auch keinen Zweifel gibt und wir das hier auch nicht in Frage stellen. Als der Schüler darauf reagieren wollte, hat er ihn abgebrochen. Man hätte ja auch gucken können, was hinter der Frage steckt, statt den Schüler gleich mundtot zu machen.
Sollten Lehrer Schülern mehr auf Augenhöhe begegnen?
Es gibt definitiv ein Machtgefälle an Schulen. Viele Lehrpersonen haben es versucht, dieses Machtgefälle zu mindern, aber auf Augenhöhe war es nie. Sie blicken auf einen runter und denken: Yo, was ich sage, das ist richtig.
Über die aktuelle Situation an Schulen weiß Christian Müller viel zu erzählen. Seit über zehn Jahren ist er als Bildungsreferent tätig, gestaltet Workshops an Schulen, spricht mit Kindern und Jugendlichen über Geschlechtervielfalt, Pubertät oder Demokratie. „Ich arbeite mit hochpolitischen Themen, auf die Schüler reagieren. Und wie sie darauf reagieren, zeigt mir, was aktuell der Modus an Schulen ist“, erzählt Müller im Cottbuser Kulturzentrum Regenbogenkombinat. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, schwarze Jeans, dazu bunte Chucks, als wolle er mit ihnen ein kleines Statement setzen, in einer Stadt, in der queere Menschen manchmal lieber nicht auffallen möchten. Momentan könne er sich vor Anfragen nicht retten.
Wie verläuft so ein Workshop?
Zuerst schreiben die SchülerInnen in kleinen Gruppen auf Flipcharts, was ihnen zu den Themen Sexualität und Pubertät einfällt: Liebe, Stress, Gefühle. Aber da landen auch Hakenkreuze und SS-Runen drauf. Es werden Dinge geschrieben wie „AfD“, „es gibt nur zwei Geschlechter“ oder „Schwule sind scheiße“. All das macht deutlich, dass es Einzelne in den Klassen gibt, die queerfeindlich und antidemokratisch sind, die die Grundhaltung der AfD verstanden haben, sie auch wiedergeben können und Minderheiten plattmachen wollen.
Wie geht man am besten mit solchen Aussagen um?
Ich frage die Schüler dann: Die Aufgabe war ja, sich zum Thema Pubertät Gedanken zu machen, wie kommt ihr denn darauf, dass es eine inhaltliche Schnittmenge zur AfD gibt? Oder: Was hat denn das Thema mit dem Hakenkreuz zu tun? Ich nehme die Schüler ernst bei den Themen, die sie platzieren, und versuche dann herauszufinden, was sie zu ihrer Haltung bewegt. In den Workshops, die ich gerade hinter mir habe, ist deutlich geworden, dass ein sehr großer Druck existiert.
Ich will den Spieß umdrehen und den Erwachsenen zeigen, dass auch ich mächtig bin
Was für ein Druck?
Besonders Jungs haben oft das Gefühl, dass Macht von Lehrkräften missbraucht wird, dass man sie vorführt, dass sie nicht ernst genommen werden, dass ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das sind auch häufig die Jungs, die SS-Runen auf die Flipcharts malen. Die Mädchen beschreiben häufig eine Schulsituation, die sie als hoch belastend und unfair empfinden, sie fühlen sich ohnmächtig, weil sie eine schwache Position haben.
Was resultiert daraus?
Wenn ich den ganzen Tag in der Schule Macht erlebe, die mich klein hält, dann will ich den Spieß umdrehen und den Erwachsenen zeigen, dass auch ich mächtig bin. Das ist anschlussfähig an den Modus der AfD, an den Modus von Antidemokraten. Für SchülerInnen ist es hoch attraktiv, gerade für Jungs, sich an den sogenannten Stärkeren oder denen, die immer gegen das System sind, zu orientieren. Und das hat auch viel damit zu tun, wie im antidemokratischen Spektrum Männlichkeiten präsentiert werden, wie machtvoll auch mit den Worten umgegangen wird, wie stark mit Hass und Diskriminierung agiert wird.
Alice Weidel ist ja selbst homosexuell. Wie nehmen das die Schüler hin, die sich gegen Homosexualität und für die AfD positionieren?
Bei solchen Nachfragen lande ich schnell bei den Mustersätzen, die auch Weidel öffentlich sagt. Wenn ich konkreter nachfrage, merke ich immer: Das sind keine inneren Überzeugungen, die sie selbst haben, sondern vieles sind kopierte Sätze, die sie aus Social Media oder aus dem Elternhaus haben. Ein inneres Bewusstsein über die eigene Haltung treffe ich eher selten an.
Aber was genau sollen dann die SS-Runen?
In erster Linie geht es darum, mich zu provozieren und zu schauen, wie weit sie gehen können. Sie erwarten von mir, wie sie das auch vom Schulalltag kennen, dass ich mich durchsetze. Sie sind dann immer ganz irritiert, dass ich eben keine Macht ausübe. Ich versuche, ihnen verständlich zu machen: Wenn ich Macht einsetze, führt das dazu, dass ich sie zum Objekt mache, und den daraus entstandenen Schmerz kompensieren sie dadurch, indem sie eins oben draufsetzen. Es ist ein über Jahrhunderte gewachsenes Bildungsproblem und die Schüler sitzen mittendrin. Und dann wundern wir uns, dass sie all das Negative aus der Schule auf ihre Freizeit oder ihr weiteres Leben adaptieren.
Bessere Schule macht bessere Gesellschaft?
Eine Demokratie ablehnen, Menschen plattmachen oder aussortieren wollen, das sind ja alles Aspekte, die damit zusammenhängen, dass ich selbst den Kontakt zu mir, zum Menschlichen verloren habe. Wenn ich einen menschlicheren Modus hätte, weil der in der Schule kultiviert und wertgeschätzt würde, dann käme ich ja überhaupt nicht auf solche Gedanken, mich abzureagieren oder dem System eine Watsche geben zu wollen. Es wäre also eine Arbeit notwendig, mit der junge Menschen ihre Menschlichkeit nicht abtrainiert bekommen. Wenn das gelinge, hätten wir eine andere Gesellschaft.
Ist es nicht zu hart zu sagen, dass Schüler ihre Menschlichkeit abtrainiert bekommen?
Ich habe gerade von einem Fall aus der Region gehört, bei dem eine Lehrerin einer Schülerin verweigert hat, auf die Toilette zu gehen. Die Schülerin musste sich dann vorne neben die Lehrerin stellen und warten. Sie hat sich dann vor der ganzen Klasse eingemacht. Und danach musste sie noch ihren Urin aufwischen. Oder einmal sagte eine Lehrerin voller Inbrunst zu mir, als sie ins Klassenzimmer lief, während ihre Schüler Spalier standen: Genau das sei der Grund, warum sie Lehrkraft geworden sei. Das sind ausgelebte Machtstrukturen, die mit der Würde eines Menschen nicht vereinbar sind.
Was lernen die Schüler aus dem Workshop?
Meine stille Hoffnung ist, dass unsere Begegnung bei dem ein oder anderen auslöst: Da ist eine erwachsene Person, die mich ernstgenommen und nicht ihre Macht missbraucht hat. Am Ende gebe ich ihnen noch mit: Das, was ihr da beim Schulsystem oder in der eigenen Erziehung anprangert, ist genau der Modus, den die AfD hat. Zweimal darüber nachgedacht und dann ist klar, dass ihr einer Partei nachrennt, wo ihr am Ende der Verlierer seid.
Wie queerfeindlich viele junge Leute sind, die mit der AfD sympathisieren, das berichten auch Tilda, Eddie und Jakob vom Landesschülerrat Brandenburg. Sie haben ihr ganzes Bundesland im Blick, dessen Probleme sich oft auch in anderen Bundesländern wiederholen. Eddie erzählt von einem Vorfall, der für ihn zum Symbolbild geworden ist: „Auf dem Weg nach Oranienburg zum CSD saß im Bus jemand, den ich kannte, nicht aber seine politische Einstellung. Wir sind beide an derselben Haltestelle ausgestiegen, nur bin ich zum CSD und er ist zur Gegendemo gegangen. Wir verstehen uns eigentlich super und er wusste auch, dass ich schwul bin, doch an dieser Stelle trennten sich unsere Wege.“ Eddie ist 17 Jahre alt, Jakob ist 15 und Tilda 16 Jahre alt. Sie sind für ein Gespräch nach Potsdam gekommen.
Gibt es auch an euren Schulen Probleme mit rechtsextremen Jugendlichen?
Tilda: Auf meinem Gymnasium gibt es eine problematische Klasse, das sind Zehntklässler, die bei einem Besuch im KZ ein Lied von der Neonazi-Band Landser gespielt haben, doch große Konsequenzen hatte dieser Vorfall nicht. Allerdings hat die Hälfte der Caterer für unsere Cafeteria abgesagt, weil sie nicht an einer rechtsextremen Schule Essen ausgeben wollen. Aber dann fehlte auch denen, die nicht rechts ticken, also dem Großteil der Schüler, das Essen.
Was sind das für Jugendliche, die die Nähe zum Rechtsextremen suchen?
Tilda: Entweder es sind die Lauten und Coolen, die provozieren, oder es sind ehemalige Mobbing-Opfer, die dazugehören wollen. Bei mir in der Nähe gibt es einen Jugendclub. Als ich das letzte Mal dort war, begrüßte mich jemand, der früher immer stark ausgegrenzt wurde, auf dem Flur mit „Heil“ und gehobenem Arm. Ich habe ihn dann zur Seite gezogen und gefragt, wieso er das tue, und er meinte dann, das sei ja nicht verboten.
Steckt wirklich nur Provokation dahinter?
Eddie: An meiner Schule provozieren die meisten, um Aufmerksamkeit zu bekommen, was aber keine Entschuldigung ist. Bei uns gibt es einen verpflichtenden Ausflug zur Gedenkstätte Sachsenhausen. Die Schüler, die sich vermehrt rechtsextrem positionieren, dürfen dann nicht mitkommen.
Bei vielen entsteht schon fast so eine Lebensverdrossenheit
Aber wäre nicht genau das wichtig?
Eddie: Klar, es sollen alle mitkommen, aber wenn die nur da sind, um „Heil Hitler“ zu rufen oder ins Gästebuch der Gedenkstätte zu schreiben „Wir brauchen wieder einen Holocaust“, dann würde auch ich mich dagegen entscheiden, sie mitzunehmen.
Tilda: Bei Schülern von der 7. bis zur 9. Klasse ist es schwierig, öffentlichen Druck aufzuerlegen. Bei so jungen Leuten ist es fraglich, ob es im kleinen Raum etwas bringt oder ob es im großen Raum zu mehr Druck führt und ihre Ansichten noch extremer werden. Es ist einfach ein riesiger Interessenskonflikt, was man mit diesen Schülern macht. Aber es ist nicht nur Provokation.
Sondern?
Tilda: Es ist vor allem auch Desinformation. Diese Schüler wurden von ihren Eltern oder sozialen Medien so indoktriniert, dass es fast schon schwierig ist, sie zu beschuldigen. Gerade in ostdeutschen Bundesländern ist der Lebensstandard nicht so hoch wie im Westen. Bei vielen entsteht schon fast so eine Lebensverdrossenheit. Und wenn dann die Schüler die Person finden, die in sozialen Medien sagt, bei all euren Problemen ist die Regierung dran schuld, dann haben die plötzlich einen Sündenbock, an dem man sich abarbeiten kann.
Eddie: Da fehlt es auch massiv an Informations- und Bildungsmöglichkeiten an der Schule. Beim Thema Demokratiebildung würden viele gleich sagen, diese links-grün-versiffte Scheiße wollen wir nicht haben, wurde bei mir auch mal so getätigt im Umkreis, aber die meisten wissen es nicht besser, weil sie in der Schule nur lernen, wie der Bundestag aufgebaut ist, aber nicht, was Demokratie in der Tiefe bedeutet und was das für ein Privileg ist.
Inwiefern seid ihr von rechten Jugendlichen betroffen?
Tilda: Ich muss mir ständig Frauen-Witze anhören, die gar nicht witzig sind: Du gehörst in die Küche, mach mir ein Sandwich oder hol mir ein Bier. Ich habe mal auf einer Party gesagt bekommen, als ich mit jemanden diskutiert habe: Du bist zu hübsch, um eine politische Meinung zu haben. Frauen werden hier auch „Weib“ genannt, als Scherz, na klar.
Eddie: Ich merke immer mehr, dass Witze zur Realität werden. Wie oft in meiner Umgebung das Wort „Schwuchtel“ noch als Beleidigung benutzt wird. Zu mir sagen sie: „Immer diese scheiß Schwuchteln, aber du bist okay.“
Jakob: Dass man Homosexualität oder Queerness komisch findet, damit geht es oft los, das ist so ein Einstieg in die rechte Bubble.
Tilda: Oder einfach das Anderssein.
Jakob: Ich habe in meinem Jahrgang eine nichtbinäre Person, die hat sich in der 10. Klasse geoutet und seitdem wurde sich konsequent über sie lustig gemacht. Das ist der Running-Gag vieler Jungs meines Jahrgangs, die eigentlich nichts gegen verschiedene Sexualitäten haben, zumindest äußern sie mir das gegenüber nicht. Aber sie nennen sie „Kampfhelikopter“ oder verwenden ihren alten Namen.
Tilda: Etwas ins Lächerliche ziehen, das spielt eine große Rolle bei den Rechten, in jedem Bereich. Die ganze linke Politik wird ja ins Lächerliche gezogen, Beispiel „Zigeunerschnitzel“: „Haben wir doch immer schon so genannt. Ist doch nur ein Essen!“ Oder sie erzählen, dass Feministen hypersensibel seien.
Eddie: Als ich jemandem gesagt habe, dass ich Feminist bin, wurde ich gefragt, ob ich dann nicht gegen mich selbst sei…
Tilda: Wenn ich sage, dass ich Feministin bin, werde ich gefragt, ob ich Männerhasserin sei. Weil die mit solchen Begriffen nicht viel anfangen können und nur mal auf Social Media gesehen haben, wie sich jemand darüber lustig macht. In ihrem Gehirn wird ein Samen gepflanzt und der gedeiht dann zu einem Baum.
Eddie: Antifa wird bei Rechten als Gruppe dargestellt wie die Elblandrevolte oder so. Es heißt dann immer „DIE Antifa“, bei der man für Demos bezahlt wird. Mich haben Leute schon mal ernsthaft gefragt, wie viel Geld ich denn schon für meine ganzen Demos bekommen hätte.
Tilda: Oder man ist linksextrem, wenn man einen Nazi einen Nazi nennt.
Jakob: Stimmt, dann ist man linksextrem, ein Wessi und wählt Heidi Reichinnek.
Tilda: Mich nervt diese ganze Heuchlerei, die die AfD und ihre Anhänger selbst nicht merken. Sie wollen keine Sprache vorgeschrieben bekommen, deswegen soll das Gendern verboten werden, dabei ist Verbieten ja eben genau das: etwas vorschreiben.
Eddie: Einmal hat unsere Mathe-Lehrerin statt Hans, Peter und Uwe die Namen Ali, Mohammed und Ibrahim in die Matheaufgabe genommen. Was haben die sich aufgeregt, nur, weil die Lehrerin einfach mal nicht typisch deutsche Namen verwendet hat.
Tilda: Sowas ist fast schon normal geworden, weil die Rechten die lautesten sind. Ich erinnere mich noch sehr genau, als ich im PB-Unterricht (politische Bildung) etwas gesagt habe, und dann sechs schreiende, größere, vor Wut rotgesichtige Typen plötzlich vor mir hatte, die mit den Tischen wackelten, dass die fast umkippten, nur weil sie meine Meinung nicht teilten. Bei sowas schreiten die Lehrer nicht ein, weil sie sich an den Beutelsbacher Konsens, nach dem sie nicht überwältigen dürfen, halten wollen, dabei ist es längst schon keine Debatte mehr, sondern ein Streitgespräch. Und dann ergeben sich auch so Risse in der Klassengemeinschaft, niemand sagt was, und ich stehe dann meistens alleine da.
Ich soll die Waffe in die Hand nehmen, aber darf nicht mitreden?
Du gehst also nicht gerne in die Schule?
Tilda: Ich habe eine Strichliste zu Hause, wie viele Tage ich noch in der Schule sein muss. Ich bin jetzt bei 56 Tagen, dann bin ich endlich raus. In den Augen der meisten Schüler bin ich die lächerliche Feministin, die hypersensibel ist, wenn ich sage, dass ich für Menschenrechte bin. Oder für die Verfassung. Das ist ganz schön anstrengend oder eben auch frustrierend.
Ihr habt den Beutelsbacher Konsens angesprochen. Der bedeutet, dass man als Lehrer Schüler nicht indoktrinieren darf. Was aber nicht bedeutet, dass man sich als Lehrer nicht für demokratische Werte einsetzen darf. Viele Lehrer deuten den Konsens aber so, dass sie nichts gegen antidemokratische Parteien sagen dürfen. Auch an euren Schulen?
Tilda: Man sieht es halt ganz häufig im Unterricht, dass viel zu wenig eingeordnet wird. Also im PB-Unterricht fand ich es super, dass wir vor den Europawahlen, als die ersten von uns wählen durften, einen Wahl-O-Mat gemacht haben. Aber ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie ich an meinem Tisch saß mit meiner linken Freundin, und sie mich bei jeder Frage gefragt hat: Was bedeutet das? Was hat das für Konsequenzen? Weil wir sowas eben nicht im Unterricht lernen.
Jakob: Mich haben Mitschüler beim Wahl-O-Maten gefragt, was die beste Antwort sei. Als wäre das ein Test.
Eddie: Ein Lehrer von mir ist vor den Europawahlen die Wahlprogramme durchgegangen und hat damit eine Abmahnung riskiert, weil er sich nicht an den Lehrplan gehalten hat. Das war aber total wichtig, denn die meisten Eltern würden sich nicht mit ihren Kindern hinsetzen und die Wahlprogramme durchgehen.
Jakob: Außerdem haben die meisten Eltern ja schon eine gefestigte politische Meinung und würden das weiter vorleben.
Tilda: Das ist so ein Teufelskreis. Die ganze Zeit habe ich das Gefühl, die Politik schiebt dieses Thema immer weiter auf, aber unsere Generation wird erwachsen. Und irgendwann stehen wir da und machen die Politik. Und dann ist es eben nicht nur der Landesschülerrat, der sich für die Demokratie einsetzt, sondern dann sind da auch die Rechten, die dann vielleicht in der Überzahl sind.
Macht ihr auch die derzeitige Politik für den Rechtsruck bei Jugendlichen verantwortlich?
Tilda: Viele junge Leute sind extrem frustriert über die Regierungsparteien. Die AfD war noch nie in der Regierung und viele glauben, die AfD müsste nur einmal in die Regierung kommen und dann wären alle unsere Probleme gelöst. Aber klar, jetzt ist die CDU wieder in der Regierung und die machen nichts für uns junge Menschen. Wir werden von der Regierung im Stich gelassen. Wie oft saß unser Generalsekretär von der Bundesschülerkonferenz bei Welt-TV und hat angeprangert, dass wir nicht mitreden dürfen, wenn über unsere Zukunft entschieden wird. Ich soll die Waffe in die Hand nehmen, aber darf nicht mitreden? Die 2005er und 2006er Geburtsjahrgänge haben den Kulturpass bekommen und wir kriegen die Wehrpflicht. Das sagt schon sehr viel aus.
Eddie: Wenn wir so weitermachen, erziehen wir uns die perfekten Rechtsextremisten.
Wie genau meinst du das?
Eddie: Unsere Generation bekommt nur Krisen mit: erst die Corona-Pandemie, dann der Ukraine-Krieg, dann der Nahost-Konflikt, dann die Inflation, dann die Wehrpflicht, dann schickt Russland Drohnen – es sind nur Ängste um uns herum, wir werden immer nur „beschossen“ mit schlechten Nachrichten, es gibt keinen Lichtblick, alles wird immer teurer. Es gibt so ein schönes Lied: Ich und meine Freunde haben Zukunftsangst.
Habt ihr auch Zukunftsängste?
Tilda: Ich komme eigentlich aus einem sehr privilegierten Haushalt, trotzdem habe ich Angst, dass ich mir später kein Haus leisten kann.
Jakob: Ein Haus wäre ja schon Luxus. Meine Schwester hat vier Wochen lang auch mal keine Nachrichten konsumiert, weil sie es einfach nicht mehr geistig hinbekommen hat, das alles zu verknuspern. Weil es so viele negative Nachrichten sind, die pausenlos auf einen einprasseln. Und wenn dann jemand kommt und dir eine einfache Lösung bietet und sagt: Weißt du, wer schuld ist? Alle – alle außer dir sind schuld. Und du kannst alle hassen außer uns…
Tilda: Oder: Die anderen wollen dir nur Angst machen. Dabei schürt ja die AfD die ganze Zeit Ängste. Sie tut immer so, als würde die Regierung gegen die Bevölkerung arbeiten.
Eddie: Es ist immer dieses Gefälle zwischen die da oben und wir hier unten…
Tilda: Selbst die AfD ist ja eigentlich die da oben, aber in diesem Feindbild ist die AfD mit da unten. Die dürfen ja nicht in die Regierung, die werden zu den Interviews nicht eingeladen. Und die sind ja immer das Opfer.
Eddie: Wir haben einen extremen Rechtsruck im Land, weil es die AfD verstanden hat, die größten Massenmedien der jungen Generation zu bespielen.
Tilda: Es wird sich viel zu wenig um Medienkompetenz an Schulen gekümmert. Dabei geht es nicht darum, wie wir eine Mail schreiben, wie ich ein Word-Dokument erstelle oder wie ich das in ein PDF konvertiere. Bei Medienkompetenz geht es darum, zu verstehen, wie ein Algorithmus funktioniert, warum mir genau das angezeigt wird, was mir angezeigt wird, wie ich Quellen checken kann und was da in meinem Gehirn passiert, wenn ich das gerade sehe. Wie kann ich checken, ob das jetzt echt ist, und wo kann ich das nachgucken, vergleichen. Dieses Fact-Checking machen wir an Texten aus einer Zeitung, aber nie an einem 30-Sekunden-TikTok-Video von Maximilian Krah.
Eva Kienholz arbeitet als Journalistin seit Langem zu AfD und extremer Rechten. Die Arbeit an diesem Text wurde von „Riff freie Medien“ mit einer Rechercheförderung unterstützt
unge Männer mit Seitenscheiteln und Bomberjacken abends zum Abhängen treffen.„Es gab keinen einzelnen besonders schlimmen Vorfall“, erzählt Herntier, „aber es hatte eine Grenze erreicht, als ich gelesen habe, dass der III. Weg stolz darauf ist, Kinder und Jugendliche zu bekehren.“ Tatsächlich ist die Neonazi-Kleinpartei verstärkt in Spremberg und der Lausitz unterwegs, ihre Kader kleben Sticker oder verteilen Flyer an Schulen: „Schulhof-Offensive“ nennen sie das. Weil es auch am Erwin-Strittmatter-Gymnasium in Spremberg Probleme mit rechten Jugendlichen gibt, hat sich bereits 2018 eine Arbeitsgemeinschaft gegründet. Anfangs nannte sie sich „Mut“ und traf sich aus Angst vor Anfeindungen heimlich in der Schulbibliothek. Inzwischen trifft sie sich als AG „Vielfalt und Toleranz“ ganz offiziell in einem Klassenzimmer. Angefeindet werden die Teilnehmenden trotzdem.Es ist ein Mittag, als die AG für ein Interview zusammenkommt. Es sind mehr Mädchen als Jungs, die meisten 15 oder 16 Jahre alt. Ihre Antworten geben sie gerne zusammen oder durcheinander, sie haben alle viel zu sagen. „Manchmal quatschen wir hier auch einfach nur“, sagt eine von ihnen. Sie trägt lange blonde Haare, eine runde Metallbrille, große Creolen, schwarze Klamotten. „Für uns ist die AG auch ein Safe-Space, um positive wie negative Erfahrungen auszutauschen.“Sind bei euch rechtsextreme Vorfälle Alltag an der Schule?In Klassenchats werden oft „Späßchen“ über den Holocaust gemacht, dann gehen so Sticker rum mit dem Gesicht von Hitler, dazu der Spruch „Du bist lustig, dich vergas‘ ich zuletzt“. Viele tragen Shirts von der Marke „Lonsdale“ unter ihren Jacken und legen dann nur die Buchstaben „nsda“ frei. Es ist auf jeden Fall cool an unserer Schule, rechts zu sein. Es gibt Schülerinnen in unserer Stufe, die sagen, sie möchten unbedingt einen Rechten. Und ihr seid dann die Uncoolen.Wir sind auf jeden Fall nicht beliebt in der Schule. Wenn man bei uns in der AG mitmacht, muss man damit rechnen, beleidigt zu werden. Um den Busbahnhof, wo viele rechte Jugendliche abhängen, machen wir einen großen Bogen. Wie wirken die rechten Jugendlichen auf euch?Sie suchen nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Sitzen am Dönerladen, essen Baklava und zeigen den Hitlergruß. Manche haben selbst einen Migrationshintergrund. Es reicht schon, einen strengen Seitenscheitel zu tragen oder einen schlechten rechten Witz zu reißen, und dann gehört man dazu. Die Eltern sind ja selber rechtsWie wird das Problem in euren Augen angegangen?Wir haben die Stadtverordnetenversammlung verfolgt, wo auch über rechte Jugendliche und den III. Weg gesprochen wurde. Es wurde gesagt, dass man unbedingt die Eltern kontaktieren müsste. Aber was bringt das? Die Eltern sind ja selber rechts. Sie sind der Grund, warum die Kinder auch so sind. Uns regt es auf, dass kein richtiges Interesse da ist, das Problem zu bekämpfen. Die Jugendlichen können noch so rechts sein, aber sie sollen keine Nazi-Sticker mehr in der Stadt kleben – so nehmen wir das wahr. Wie geht ihr als AG das Problem an?Wir versuchen, Themen anzusprechen, die zu kurz im Unterricht kommen. Bei uns in der Klasse ist der Nationalsozialismus komplett weggefallen. Wir haben lediglich eine Doku darüber angeschaut, während ein Teil der Klasse sich gegenseitig die Haare geflochten hat. Daher haben wir auch bei der Verlegung von Stolpersteinen mitgemacht und ein Projekt über Anne Frank in der Schule unterstützt. Sowas wird aber viel seltener in Medien erwähnt als Jugendliche, die Hitlergrüße zeigen.Es wird also zu wenig über Positives berichtet?Ja! Wir als Gesellschaft müssen viel mehr formulieren, wofür wir stehen, als nur gegen etwas zu sein.Unweit des Erwin-Strittmatter-Gymnasiums befindet sich ein Skatepark voller Graffiti. Ein anarchistisches „A“ ist durchgestrichen. Und da, wo mal ein Hakenkreuz hin gesprüht wurde, ist jetzt ein rotes Herz, erzählt Benny Stobinski. Er könnte selbst als Skater durchgehen, trägt Sweater, Jeans und Sneaker. Doch Stobinski ist Anfang 40 und Sozialarbeiter, er verbringt regelmäßig Zeit mit Jugendlichen am Skatepark, und das nicht nur aus einer politischen Richtung. „Links hängen die rechten Jugendlichen ab und rechts die Linken, also genau verkehrt herum“, sagt Stobinski mit Blick auf den Park. Vor 23 Jahren hat er angefangen, als Sozialarbeiter zu arbeiten. Auf die heutige Jugend pflegt er einen schonungslosen Blick.Wie kommt es, dass immer mehr junge Menschen Antidemokraten in die Hände fallen?Vielen Jugendlichen fehlt der Meinungsdiskurs. Sie gucken am Abend ihre Netflix-Serie oder Youtube-Shorts, da kriegen sie das Kompaktprogramm – und je nachdem, wo sie sich bewegen, bekommen sie immer nur einen Ausschnitt. Wenn der Nachbar irgendeine Grafik von Nius teilt, dann wird das halt geliked und dann ploppen solche Positionen immer wieder auf Social Media auf. Viele Jugendliche sind in ihrer Bubble gefangen.Und tragen ihre rechte Gesinnung raus ins echte Leben. Am Skatepark erlebe ich öfter mal, dass sich die Jungs mit „Heil Hitler“ begrüßen, auch welche mit Migrationshintergrund. Dann sage ich: Was habt ihr denn Falsches gegessen? Wird mal Zeit, dass ihr wieder zu Verstand kommt, gerade ihr mit Migrationshintergrund wärt die ersten, die hier weg wären. Oft sind es die schmächtigen Typen mit Zahnspange, die denken, sich mit radikalen Aussagen beweisen zu müssen. Das ist ja das Groteske: Die Schwachen, die Ausgegrenzten werden oft zum radikalsten Nazi.Diesen latenten Rassismus, diesen Hass, diesen Neid findet man inzwischen in der Mitte der GesellschaftKönnen Orte wie der Skatepark helfen?Hier gibt es eben auch Jugendliche mit Migrationshintergrund und Leute, die linke Positionen vertreten. Aufgrund dieser Gruppendynamik sollen sie merken, dass die anderen gar nicht so schlimm sind. Sobald sie den Skatepark verlassen, haben sie wieder ihre gewohnte Rolle: In der Schule bin ich bei den Rechten, die gegen Ausländer sind, aber nachmittags fahre ich mit Mohammed und Hassan Skateboard oder nuckele an deren Vape.Leben die Jugendlichen nur nach, was ihnen Erwachsene vorleben?Früher hat man dem Rechten gesagt, sag das nicht zu laut, das bringt dir nur Nachteile. Jetzt ist es ja eher so, dass man dem Linken sagt, du hast völlig recht, aber geh‘ vorsichtig damit um, um dich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Man findet nicht überall diese hardcore rechten Positionen, aber diesen latenten Rassismus, diesen Hass, diesen Neid findet man inzwischen in der Mitte der Gesellschaft.Was brauchen junge Menschen, damit sie nicht diese Haltung übernehmen?Wir brauchen ein Land, das wieder stolz auf seine Jugend ist. Wir reden immer nur über Jugend, wenn es ein Problem gibt oder sich alte Männer wieder Verbote ausdenken. Eine positive Berichterstattung über Jugendliche gibt nur einmal im Jahr, wenn berichtet wird, wie viele ein 1,0-Abi haben, aber was bei „Jugend forscht“ entdeckt wurde, schafft es nicht in die Leitmedien. Es gibt halt keine Motivation für Jugendliche. Sie sind da und das war‘s. Bei den Rechten geht es viel um behauptetes Gemeinschaftsgefühl. Der „III. Weg“ bietet kostenlose Freizeitangebote für Jugendliche an. Versagt da der Staat?Es wird an der falschen Stelle gespart. Durch Ferienfahrten lernen Kinder, füreinander Verantwortung zu übernehmen, sie lernen einen Wertekanon, den unsere Gesellschaft einfach bräuchte: Weniger Ich, mehr Gemeinschaft. Wenn es keinen Jugendclub mehr gibt, weil der Staat den Sozialarbeitern keinen Nachtzuschlag zahlen will, kommt eben die braune Fraktion abends auf den Dorfanger mit zwei Kästen Bier und sammelt die Jugend ein.Viele fühlen sich an die Baseballschlägerjahre erinnert.Ich warne immer davor, das so laut zu sagen, nicht dass es den einen oder anderen noch motiviert, sich einen Baseballschläger zu bestellen, aber ja, es ist so. Gegen alles zu sein, was links ist, und im Zweifelsfall mit Gewalt gegen Andersdenkende, gegen Geflüchtete, gegen Menschen mit anderer sexueller Identität zu sein, das ist wieder da – in all seiner Ekeligkeit und Brutalität. Nur ist es noch schlimmer geworden als in den Neunzigern.Schlimmer als zu einer Zeit, als etliche Asylheime brannten?In den Neunzigern ging es ausschließlich um Asylbewerber. Heute wettern die Rechten gegen gefühlt alles: Sie sind gegen Regenbogenfahnen, gegen erneuerbare Energien, gegen Bundestagsabgeordnete, die andere Meinungen vertreten. Sie wettern gegen alles, was grün oder links ist, es geht gegen die da oben, also ja, eigentlich ist es schlimmer. Und die, die so denken, sind längst nicht nur Neonazis mit Bomberjacke. Diejenigen, die aus der Mitte der Gesellschaft kommen, sind zwar nicht gewaltbereit, aber sie decken die Gewaltbereiten, weil sie deren Meinung teilen. Sie sind sozusagen die stützende Mauer dahinter.Placeholder image-1Wenige Wochen, nachdem die Bürgermeisterin Herntier ihren Brandbrief veröffentlicht hatte, meldete die Neonazi-Partei „III. Weg“ eine Demonstration in Spremberg an. Trotz Ferienzeit trommelte das Bündnis „Unteilbar Spremberg“ knapp hundert Leute für eine Gegendemo zusammen. Und so standen sich an jenem Tag im August etwa 50 junge männliche Rechte und doppelt so viele Menschen mit bunten Plakaten unweit des Spremberger Busbahnhofes gegenüber. Selbst gebastelte Plakate mit „Vielfalt statt Einfalt“ oder „Herz statt Hetze“ versus bedruckte Transparente mit „Überfremdung stoppen. Schützt unsere Heimat“ oder „Nationalrevolutionäre Jugend“, die Jugendorganisation des III. Wegs. Angemeldet wurde die Gegendemo von Bianca Broda. Sie ist in Spremberg geboren und aufgewachsen, ging zum Studieren nach München und kam erst 2018 wieder zurück. „Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um in Spremberg wieder anzukommen“, erzählt sie. „Es gibt hier sehr viele Unzufriedenheiten. Bei Umbrüchen ist es so, dass Menschen nicht gut mitgenommen werden.“ Broda leitet ehrenamtlich das Bündnis, hauptberuflich ist sie Sozialpädagogin. In einem Café am Marktplatz erzählt sie: „Wenn wir Aktionen machen, sind immer ganz viele Generationen dabei. Das ist total schön, aber es macht mir auch Sorgen.“ Dort, wo sie bei der Gegendemo standen, ist von einem Haus etwas auf sie runtergeworfen worden: Eine gefüllte Tüte mit Mandarinenstücken und einer übel riechenden Flüssigkeit. „Ich vermute, dass jemand in die Tüte gepinkelt hat.“ Da bei ihren Aktionen auch Kinder und alte Menschen dabei wären, wünscht sich Broda, dass die lokale Polizei mehr tut. Broda hat selbst vier Kinder, die alle in Spremberg zur Schule gehen oder gegangen sind. Zwei ihrer Kinder sind bereits weggezogen. Mit deinem Sohn hast du schon 2023 in einem Fernsehbeitrag über rechtsextreme Vorfälle am Spremberger Gymnasium gesprochen. Wurdet ihr anschließend angefeindet?Damals war das Thema noch tabuisiert. Man wollte einfach nicht wahrhaben, dass es solche rechtsextremen Vorfälle an Schulen gibt. Dabei gibt es die schon viel länger. Nach der Ausstrahlung des Fernsehbeitrags wurde mein Sohn von der Klasse angefeindet und wir wurden von den Elternsprechern der Schule zu einem Gespräch geladen, bei dem wir richtig an den Pranger gestellt wurden, das war ganz furchtbar. Heute kann man das immerhin klar ansprechen. Das ist ja auch eine positive Entwicklung. Du leitest das Bündnis „Unteilbar Spremberg“, das sich für Vielfalt und gegen Rassismus einsetzt. Wie kommt das in der Stadt an?Ich wurde mal auf dem Weihnachtsmarkt von einer Frau angeschrien, dass ich eine Schande für die Stadt sei. Wenn es mir hier nicht gefalle, solle ich wieder abhauen. Bislang waren es ausschließlich verbale Angriffe. Aber wir sind vorsichtig: Wenn wir Veranstaltungen machen, teilen wir uns danach auf und begleiten die Leute nach Hause. Warum kann sich der „III. Weg“ in der Lausitz so gut ausbreiten? Diese ganz Ultra-Rechten – die waren früher da, die sind heute da, diese Region ist davon schon immer geprägt. Jetzt gibt es aber eine Partei wie die AfD, die populistische Meinungen bündelt und dadurch extrem rechte Positionen gesellschaftlich anerkannter werden. Aber das ist eine Entwicklung, die wir überall haben. Bei der letzten Bundestagswahl hat die AfD in Spremberg rund 45 Prozent der Zweitstimmen bekommen. Ja, es wählen hier sehr viele AfD, aber das heißt nicht, dass die alle rechtsextrem sind. Viele wählen aus Protest oder hoffen, dass sich dadurch etwas ändert. Aber so ein latenter Rassismus ist schon deutlich zu spüren. Und der macht es auch so schwierig für Kinder aus anderen Ländern, Fuß zu fassen. Ein Mädchen, das Kopftuch trägt, hat in Spremberg eine Praktikumsstelle gesucht und es war für sie unmöglich, hier etwas zu finden. Das geht nicht von den Jugendlichen aus, das wird vom Elternhaus mitgegebenIst es wirklich die Angst vor dem Fremden, die die Menschen zur AfD treibt?Wenn hier in der Oberschule organisiert wird, dass Schüler eine Moschee oder eine Synagoge besuchen, gibt es leider Eltern, die nicht möchten, dass sich ihre Kinder dafür anmelden. Aber wie soll man denn Unterschiedlichkeiten kennenlernen, wenn man das Unbekannte so sehr scheut? Wenn wir so etwas nicht machen, dann erfahren wir auch nicht, dass das auch Menschen sind, die sehr ähnlich sind, die nur andere Rituale haben. Und das geht nicht von den Jugendlichen aus, das wird vom Elternhaus mitgegeben. Was können Schulen gegen rechtsextreme Vorfälle tun?Es braucht auf jeden Fall einen nachhaltigeren Umgang. Was bringen schon zwei Tage Schulverbot? Wenn alles beschmiert und kaputt gemacht wird, dann kann man vielleicht auch mit Schülern etwas bauen, was nicht kaputt gemacht wird. Da gibt es die kreativsten Möglichkeiten, wie andere Schulen damit umgehen. Wir beschäftigen uns viel zu sehr mit dem, was geht und was nicht geht, als endlich etwas zu tun: mehr Räume für Jugendliche schaffen, mehr Streetworker engagieren, die in der Stadt Präventionsarbeit leisten.Was braucht es noch?An allererster Stelle ausreichend gut ausgebildete Lehrkräfte und kleinere Klassen, aber das sind Dinge, die braucht es an so vielen Orten in Deutschland. In Spremberg ist es vielleicht besonders wichtig, eine klare Haltung zu zeigen. Und die Lehrer und Schüler, die dies tun, sollten Rückendeckung bekommen und unterstützt werden. Dabei meine ich die Gesellschaft und auch Behörden. Nördlich von Spremberg, noch nicht mal eine halbe Autostunde entfernt, liegt Cottbus. Eine Stadt mit rund 95.000 Einwohnern, mehr als viermal so viel wie Spremberg. Cottbus gilt als Hotspot des Rechtsextremismus – vor allem im Fußball. Die rechte Szene ist dort besonders stark und gut vernetzt. Der Verfassungsschutz hat Cottbus daher mal als „toxisches Gebilde“ bezeichnet. Mirjam Lüder, die sich vornehmlich mit jungen Fußballfans beschäftigt, erklärt das Toxische so: „Cottbus ist wie eine Kette: Der kennt den, der nicht radikal ist, der kennt wiederum jemanden, der ein bisschen radikal ist und so weiter. Am Ende greift niemand niemanden an, weil keiner sich von irgendwem distanziert.“ Lüder ist studierte Sozialarbeiterin und leitet die Kickerstube und das Fanprojekt Cottbus, mit dem sie etwa auf Heim- und Auswärtsspielen von Energie Cottbus dabei ist, um junge Fans beim Erwachsenwerden zu begleiten. Die Kickerstube befindet sich in der Cottbuser Innenstadt. Sie ist ein Treff für Jugendliche und junge Fußballfans. Im Schaufenster hängt neben einer Fahne von Energie auch eine Regenbogenflagge. Drinnen gibt es Kickertische, eine Tischtennisplatte. Irgendwo liegt die kostenlose Ausgabe des Deutschen Grundgesetzes. An einer Wand kleben Sticker von links wie rechts. „Ultras Energie“, „Ohne Vielfalt keine Energie“. Dorthin lädt Lüder an einem Septembermorgen zu einem Gespräch ein. Sind es nur männliche Fußballfans, mit denen das Fanprojekt zu tun hat?Durch den Erfolg von Energie Cottbus hat Fußball wieder eine Sogwirkung auf Jugendliche, daher haben wir auch einen starken Zuwachs an minderjährigen Mädchen, die ins Stadion gehen. Wir haben in diesem Jahr schon zwei U-18-Fahrten gemacht, also begleitete Fahrten zu Auswärtsspielen inklusive Übernachtung, wo wir nur Mädchen mitgenommen haben, die waren zwischen 14 und 17 Jahren, und das war beides Mal total toll zu erleben: Die kennen alle Fußballregeln, alle Fußballspieler. Sind denn diese Mädchen auch politisch rechts eingestellt?Es gibt auch linke Mädchen, die Fußballfans sind. Aber es gibt eben auch das Phänomen „Ostmulle“. So wie es seit letztem Jahr vermeintlich wieder in ist, Skin zu sein, sich die Haare abzurasieren und wieder Stiefel und Tarnfleck-Cargohose zu tragen, so ist es bei den Mädels zunehmend angesagt, Jogginghose und Lonsdale-T-Shirt anzuziehen und sich stark die Haare zu färben, weil das von zwei, drei Frauen online befeuert wird. Eine dieser Ostmullen hat mal bei TikTok einen Elektrobeat laufen lassen und dazu irgendwelche Goebbels-Reden abgespielt. Ich habe mal ein Mädchen in der Kickerstube auf das Video angesprochen und dann hat sie gesagt: Naja, das ist wegen der Überfremdung. Hier drinnen kommen alle miteinander klarKommen denn auch Jugendliche in die Kickerstube, die nichts mit Fußball am Hut haben?Zu uns kommt tatsächlich auch eine queere Community. Da gibt es eine Transfrau, die Energie-Fan ist. Und die muss dann ihren queeren Freunden erklären, warum Energie-Fans nicht alle Nazis sind, weil sie ja selbst zu den Spielen geht. Und dann haben wir umgekehrt unsere rechts orientierten Fußball-Fans, die wissen: Ah ja, die queeren Kiddies mit den wuscheligen Haaren, den Leinenhosen und den bunten Armbändern sind wieder da. Die einen rennen auf Demos gegen rechts und die anderen gehen auf Demos gegen Genderquatsch, aber hier drinnen kommen alle miteinander klar, weil wir als Fachkräfte auf einen respektvollen Umgangston achten.Hat das Fanprojekt auch mit dem „III. Weg“ zu tun?Unsere Jugendlichen reden nicht vom „III. Weg“. Aber bei rechtsextremen Gruppen wie „Deutsche Jugend voran“ merkt man deutlich, dass das so ein Sammelbecken für alle ist, die gerne wer wären, aber niemand sind. Das sind oft Mitläufer, die es nie in organisierte Ultra-Gruppen geschafft haben, aber bei denen man spürt, dass sie jemanden brauchen, der ihnen Zusammenhalt und Stärke signalisiert. Oft haben diese Jugendlichen kein stabiles soziales Umfeld. Was brauchen junge Menschen, damit sie nicht in solchen rechtsextremen Gruppen landen?Sie brauchen Erwachsene, die ihnen zuhören und die nicht gleich werten. Und sie müssen von Erwachsenen das Vertrauen bekommen, dass sie Entscheidungen treffen können, und zwar gute Entscheidungen. Nicht immer nur, nee, du machst das falsch, du siehst das nicht richtig, sondern die brauchen das Gefühl, dass jemand an ihnen interessiert ist. Die Nazis geben ihnen das Gefühl.Gibt es dafür ein konkretes Beispiel?In die Kickerstube kommt eine 15-Jährige, die sich über Regenbogenfahnen aufgeregt hat, dabei hängt ja hier eine. Ich habe sie mal gefragt, was sie eigentlich daran aufregt. Und dann meinte sie: Ich find ein traditionelles Familienbild schon wichtig. Darauf habe ich geantwortet: Wenn du einen Mann und Kinder haben willst, ist doch alles gut. Nur weil die Regenbogenfahne da hängt, nimmt dir doch keiner weg, diese Entscheidung zu treffen. Und dann hat sie mir von einem Vorfall in der Schule erzählt.Was war das für ein Vorfall?Sie hat mal im Unterricht von einem traditionellen Familienbild gesprochen, und da hätte der Lehrer gleich gesagt: Nee, das geht überhaupt nicht, wir sind eine Gesellschaft, die Menschen egal welcher sexuellen Orientierung respektiert. Bei ihr ist dann hängengeblieben, sie könne nicht mal sagen, dass ihr selbst ein traditionelles Familienbild vorschwebt. Ich verstehe, dass eher progressive Kräfte aufgrund der politischen Entwicklungen in Deutschland denken, sie müssten Stellung beziehen, aber damit bauen sie bei einem jungen Menschen, der sich nur mitteilen will, eine Mauer auf.Placeholder image-2Östlich der Innenstadt befindet sich Sandow. Es ist der Stadtteil mit der höchsten Jugendarmut in Cottbus. Ende 2024 eröffnete „Sandow Peer“, ein selbstverwalteter Jugendclub, bestehend aus sechs Containern. Es ist ein Projekt von Jugendlichen für Jugendliche. „Im Club können wir kreativ werden, Ideen entwickeln und umsetzen, uns als Jugend beteiligen“, erzählt in einem dieser Container Ezèquiel, der das Projekt von Anfang an begleitet. Neben ihm sitzen an einem langen Tisch weitere Jugendliche, alle zwischen 18 und 23 Jahren. Sie treffen sich regelmäßig hier. Da ist Nadine, die gerade eine Ausbildung zur Erzieherin macht, und da ist Sarah, die noch nicht ganz genau weiß, was sie mal werden will. Da ist Jannik, der sich auch gerade als Erzieher ausbilden lässt, und da ist Nils, der Informatik studiert. Sie nennen sich „Engagierte Jugend Sandow“.Warum wollt ihr euch als Jugendliche engagieren?Es fehlt an Geld und an Angeboten für Jugendliche. Wenn wir in der Stadt rumlaufen, müssen wir immer überlegen, wie wir kostenfrei unsere Freizeit verbringen können. Klar, wir können im Einkaufszentrum bummeln, ohne was zu kaufen, aber viel mehr ist da nicht. Außerdem kann es nicht sein, dass wir den sozialen Sektor als erstes einsparen. In Cottbus müssen fünf Schul- und Sozialarbeiter eingespart werden und eigentlich bräuchte es viel mehr. Das gilt auch für solche Projekte wie unseren Jugendclub: Wenn mehr Geld da gewesen wäre, säßen wir jetzt nicht in einem Container, sondern vielleicht in einem Neubau.Dürfen auch Jugendliche zu euch, die mit der AfD sympathisieren?Wenn Jugendliche mit unterschiedlichen politischen Einstellungen in den Club kommen, ist das ja auch ein wichtiger Prozess und eine wichtige Eigenschaft der Demokratie. Dass man über bestimmte Themen miteinander diskutieren kann. Wenn jetzt jemand zu uns zu Besuch kommen würde, der Mitglied der AfD ist, hätte der Verein damit kein Problem. Als Mitglied aufnehmen würden wir diese Person aber nicht. Grundsätzlich gilt: Wir wollen aufzeigen, dass Faschismus keine Option ist. Sollte das nicht auch die Schule schaffen?Gerade im Geschichtsunterricht sprechen wir immer nur von der Vergangenheit, statt einen Blick auf die aktuelle Politik zu werfen. Die Situation rund um die USA ist ja eigentlich perfekt für den Geschichtsunterricht geeignet, wie sich gerade eine Diktatur aufbaut. Und eigentlich auch in vielen Ländern Europas mittlerweile.Wie habt ihr denn im Geschichtsunterricht die NS-Zeit behandelt?Einmal kam von einem Schüler die Frage, ob die Nazis nicht auch irgendwas gut gemacht haben? Und mein Lehrer hat darauf geantwortet, dass die Nazis böse waren, es daran auch keinen Zweifel gibt und wir das hier auch nicht in Frage stellen. Als der Schüler darauf reagieren wollte, hat er ihn abgebrochen. Man hätte ja auch gucken können, was hinter der Frage steckt, statt den Schüler gleich mundtot zu machen. Sollten Lehrer Schülern mehr auf Augenhöhe begegnen?Es gibt definitiv ein Machtgefälle an Schulen. Viele Lehrpersonen haben es versucht, dieses Machtgefälle zu mindern, aber auf Augenhöhe war es nie. Sie blicken auf einen runter und denken: Yo, was ich sage, das ist richtig.Über die aktuelle Situation an Schulen weiß Christian Müller viel zu erzählen. Seit über zehn Jahren ist er als Bildungsreferent tätig, gestaltet Workshops an Schulen, spricht mit Kindern und Jugendlichen über Geschlechtervielfalt, Pubertät oder Demokratie. „Ich arbeite mit hochpolitischen Themen, auf die Schüler reagieren. Und wie sie darauf reagieren, zeigt mir, was aktuell der Modus an Schulen ist“, erzählt Müller im Cottbuser Kulturzentrum Regenbogenkombinat. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, schwarze Jeans, dazu bunte Chucks, als wolle er mit ihnen ein kleines Statement setzen, in einer Stadt, in der queere Menschen manchmal lieber nicht auffallen möchten. Momentan könne er sich vor Anfragen nicht retten.Wie verläuft so ein Workshop?Zuerst schreiben die SchülerInnen in kleinen Gruppen auf Flipcharts, was ihnen zu den Themen Sexualität und Pubertät einfällt: Liebe, Stress, Gefühle. Aber da landen auch Hakenkreuze und SS-Runen drauf. Es werden Dinge geschrieben wie „AfD“, „es gibt nur zwei Geschlechter“ oder „Schwule sind scheiße“. All das macht deutlich, dass es Einzelne in den Klassen gibt, die queerfeindlich und antidemokratisch sind, die die Grundhaltung der AfD verstanden haben, sie auch wiedergeben können und Minderheiten plattmachen wollen. Wie geht man am besten mit solchen Aussagen um?Ich frage die Schüler dann: Die Aufgabe war ja, sich zum Thema Pubertät Gedanken zu machen, wie kommt ihr denn darauf, dass es eine inhaltliche Schnittmenge zur AfD gibt? Oder: Was hat denn das Thema mit dem Hakenkreuz zu tun? Ich nehme die Schüler ernst bei den Themen, die sie platzieren, und versuche dann herauszufinden, was sie zu ihrer Haltung bewegt. In den Workshops, die ich gerade hinter mir habe, ist deutlich geworden, dass ein sehr großer Druck existiert.Ich will den Spieß umdrehen und den Erwachsenen zeigen, dass auch ich mächtig binWas für ein Druck?Besonders Jungs haben oft das Gefühl, dass Macht von Lehrkräften missbraucht wird, dass man sie vorführt, dass sie nicht ernst genommen werden, dass ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das sind auch häufig die Jungs, die SS-Runen auf die Flipcharts malen. Die Mädchen beschreiben häufig eine Schulsituation, die sie als hoch belastend und unfair empfinden, sie fühlen sich ohnmächtig, weil sie eine schwache Position haben. Was resultiert daraus?Wenn ich den ganzen Tag in der Schule Macht erlebe, die mich klein hält, dann will ich den Spieß umdrehen und den Erwachsenen zeigen, dass auch ich mächtig bin. Das ist anschlussfähig an den Modus der AfD, an den Modus von Antidemokraten. Für SchülerInnen ist es hoch attraktiv, gerade für Jungs, sich an den sogenannten Stärkeren oder denen, die immer gegen das System sind, zu orientieren. Und das hat auch viel damit zu tun, wie im antidemokratischen Spektrum Männlichkeiten präsentiert werden, wie machtvoll auch mit den Worten umgegangen wird, wie stark mit Hass und Diskriminierung agiert wird. Alice Weidel ist ja selbst homosexuell. Wie nehmen das die Schüler hin, die sich gegen Homosexualität und für die AfD positionieren?Bei solchen Nachfragen lande ich schnell bei den Mustersätzen, die auch Weidel öffentlich sagt. Wenn ich konkreter nachfrage, merke ich immer: Das sind keine inneren Überzeugungen, die sie selbst haben, sondern vieles sind kopierte Sätze, die sie aus Social Media oder aus dem Elternhaus haben. Ein inneres Bewusstsein über die eigene Haltung treffe ich eher selten an.Aber was genau sollen dann die SS-Runen?In erster Linie geht es darum, mich zu provozieren und zu schauen, wie weit sie gehen können. Sie erwarten von mir, wie sie das auch vom Schulalltag kennen, dass ich mich durchsetze. Sie sind dann immer ganz irritiert, dass ich eben keine Macht ausübe. Ich versuche, ihnen verständlich zu machen: Wenn ich Macht einsetze, führt das dazu, dass ich sie zum Objekt mache, und den daraus entstandenen Schmerz kompensieren sie dadurch, indem sie eins oben draufsetzen. Es ist ein über Jahrhunderte gewachsenes Bildungsproblem und die Schüler sitzen mittendrin. Und dann wundern wir uns, dass sie all das Negative aus der Schule auf ihre Freizeit oder ihr weiteres Leben adaptieren. Bessere Schule macht bessere Gesellschaft?Eine Demokratie ablehnen, Menschen plattmachen oder aussortieren wollen, das sind ja alles Aspekte, die damit zusammenhängen, dass ich selbst den Kontakt zu mir, zum Menschlichen verloren habe. Wenn ich einen menschlicheren Modus hätte, weil der in der Schule kultiviert und wertgeschätzt würde, dann käme ich ja überhaupt nicht auf solche Gedanken, mich abzureagieren oder dem System eine Watsche geben zu wollen. Es wäre also eine Arbeit notwendig, mit der junge Menschen ihre Menschlichkeit nicht abtrainiert bekommen. Wenn das gelinge, hätten wir eine andere Gesellschaft. Ist es nicht zu hart zu sagen, dass Schüler ihre Menschlichkeit abtrainiert bekommen?Ich habe gerade von einem Fall aus der Region gehört, bei dem eine Lehrerin einer Schülerin verweigert hat, auf die Toilette zu gehen. Die Schülerin musste sich dann vorne neben die Lehrerin stellen und warten. Sie hat sich dann vor der ganzen Klasse eingemacht. Und danach musste sie noch ihren Urin aufwischen. Oder einmal sagte eine Lehrerin voller Inbrunst zu mir, als sie ins Klassenzimmer lief, während ihre Schüler Spalier standen: Genau das sei der Grund, warum sie Lehrkraft geworden sei. Das sind ausgelebte Machtstrukturen, die mit der Würde eines Menschen nicht vereinbar sind. Was lernen die Schüler aus dem Workshop?Meine stille Hoffnung ist, dass unsere Begegnung bei dem ein oder anderen auslöst: Da ist eine erwachsene Person, die mich ernstgenommen und nicht ihre Macht missbraucht hat. Am Ende gebe ich ihnen noch mit: Das, was ihr da beim Schulsystem oder in der eigenen Erziehung anprangert, ist genau der Modus, den die AfD hat. Zweimal darüber nachgedacht und dann ist klar, dass ihr einer Partei nachrennt, wo ihr am Ende der Verlierer seid.Wie queerfeindlich viele junge Leute sind, die mit der AfD sympathisieren, das berichten auch Tilda, Eddie und Jakob vom Landesschülerrat Brandenburg. Sie haben ihr ganzes Bundesland im Blick, dessen Probleme sich oft auch in anderen Bundesländern wiederholen. Eddie erzählt von einem Vorfall, der für ihn zum Symbolbild geworden ist: „Auf dem Weg nach Oranienburg zum CSD saß im Bus jemand, den ich kannte, nicht aber seine politische Einstellung. Wir sind beide an derselben Haltestelle ausgestiegen, nur bin ich zum CSD und er ist zur Gegendemo gegangen. Wir verstehen uns eigentlich super und er wusste auch, dass ich schwul bin, doch an dieser Stelle trennten sich unsere Wege.“ Eddie ist 17 Jahre alt, Jakob ist 15 und Tilda 16 Jahre alt. Sie sind für ein Gespräch nach Potsdam gekommen. Gibt es auch an euren Schulen Probleme mit rechtsextremen Jugendlichen?Tilda: Auf meinem Gymnasium gibt es eine problematische Klasse, das sind Zehntklässler, die bei einem Besuch im KZ ein Lied von der Neonazi-Band Landser gespielt haben, doch große Konsequenzen hatte dieser Vorfall nicht. Allerdings hat die Hälfte der Caterer für unsere Cafeteria abgesagt, weil sie nicht an einer rechtsextremen Schule Essen ausgeben wollen. Aber dann fehlte auch denen, die nicht rechts ticken, also dem Großteil der Schüler, das Essen. Was sind das für Jugendliche, die die Nähe zum Rechtsextremen suchen?Tilda: Entweder es sind die Lauten und Coolen, die provozieren, oder es sind ehemalige Mobbing-Opfer, die dazugehören wollen. Bei mir in der Nähe gibt es einen Jugendclub. Als ich das letzte Mal dort war, begrüßte mich jemand, der früher immer stark ausgegrenzt wurde, auf dem Flur mit „Heil“ und gehobenem Arm. Ich habe ihn dann zur Seite gezogen und gefragt, wieso er das tue, und er meinte dann, das sei ja nicht verboten.Steckt wirklich nur Provokation dahinter?Eddie: An meiner Schule provozieren die meisten, um Aufmerksamkeit zu bekommen, was aber keine Entschuldigung ist. Bei uns gibt es einen verpflichtenden Ausflug zur Gedenkstätte Sachsenhausen. Die Schüler, die sich vermehrt rechtsextrem positionieren, dürfen dann nicht mitkommen. Bei vielen entsteht schon fast so eine LebensverdrossenheitAber wäre nicht genau das wichtig? Eddie: Klar, es sollen alle mitkommen, aber wenn die nur da sind, um „Heil Hitler“ zu rufen oder ins Gästebuch der Gedenkstätte zu schreiben „Wir brauchen wieder einen Holocaust“, dann würde auch ich mich dagegen entscheiden, sie mitzunehmen.Tilda: Bei Schülern von der 7. bis zur 9. Klasse ist es schwierig, öffentlichen Druck aufzuerlegen. Bei so jungen Leuten ist es fraglich, ob es im kleinen Raum etwas bringt oder ob es im großen Raum zu mehr Druck führt und ihre Ansichten noch extremer werden. Es ist einfach ein riesiger Interessenskonflikt, was man mit diesen Schülern macht. Aber es ist nicht nur Provokation.Sondern?Tilda: Es ist vor allem auch Desinformation. Diese Schüler wurden von ihren Eltern oder sozialen Medien so indoktriniert, dass es fast schon schwierig ist, sie zu beschuldigen. Gerade in ostdeutschen Bundesländern ist der Lebensstandard nicht so hoch wie im Westen. Bei vielen entsteht schon fast so eine Lebensverdrossenheit. Und wenn dann die Schüler die Person finden, die in sozialen Medien sagt, bei all euren Problemen ist die Regierung dran schuld, dann haben die plötzlich einen Sündenbock, an dem man sich abarbeiten kann. Eddie: Da fehlt es auch massiv an Informations- und Bildungsmöglichkeiten an der Schule. Beim Thema Demokratiebildung würden viele gleich sagen, diese links-grün-versiffte Scheiße wollen wir nicht haben, wurde bei mir auch mal so getätigt im Umkreis, aber die meisten wissen es nicht besser, weil sie in der Schule nur lernen, wie der Bundestag aufgebaut ist, aber nicht, was Demokratie in der Tiefe bedeutet und was das für ein Privileg ist.Inwiefern seid ihr von rechten Jugendlichen betroffen?Tilda: Ich muss mir ständig Frauen-Witze anhören, die gar nicht witzig sind: Du gehörst in die Küche, mach mir ein Sandwich oder hol mir ein Bier. Ich habe mal auf einer Party gesagt bekommen, als ich mit jemanden diskutiert habe: Du bist zu hübsch, um eine politische Meinung zu haben. Frauen werden hier auch „Weib“ genannt, als Scherz, na klar.Eddie: Ich merke immer mehr, dass Witze zur Realität werden. Wie oft in meiner Umgebung das Wort „Schwuchtel“ noch als Beleidigung benutzt wird. Zu mir sagen sie: „Immer diese scheiß Schwuchteln, aber du bist okay.“ Jakob: Dass man Homosexualität oder Queerness komisch findet, damit geht es oft los, das ist so ein Einstieg in die rechte Bubble. Tilda: Oder einfach das Anderssein.Jakob: Ich habe in meinem Jahrgang eine nichtbinäre Person, die hat sich in der 10. Klasse geoutet und seitdem wurde sich konsequent über sie lustig gemacht. Das ist der Running-Gag vieler Jungs meines Jahrgangs, die eigentlich nichts gegen verschiedene Sexualitäten haben, zumindest äußern sie mir das gegenüber nicht. Aber sie nennen sie „Kampfhelikopter“ oder verwenden ihren alten Namen.Tilda: Etwas ins Lächerliche ziehen, das spielt eine große Rolle bei den Rechten, in jedem Bereich. Die ganze linke Politik wird ja ins Lächerliche gezogen, Beispiel „Zigeunerschnitzel“: „Haben wir doch immer schon so genannt. Ist doch nur ein Essen!“ Oder sie erzählen, dass Feministen hypersensibel seien.Eddie: Als ich jemandem gesagt habe, dass ich Feminist bin, wurde ich gefragt, ob ich dann nicht gegen mich selbst sei…Tilda: Wenn ich sage, dass ich Feministin bin, werde ich gefragt, ob ich Männerhasserin sei. Weil die mit solchen Begriffen nicht viel anfangen können und nur mal auf Social Media gesehen haben, wie sich jemand darüber lustig macht. In ihrem Gehirn wird ein Samen gepflanzt und der gedeiht dann zu einem Baum.Eddie: Antifa wird bei Rechten als Gruppe dargestellt wie die Elblandrevolte oder so. Es heißt dann immer „DIE Antifa“, bei der man für Demos bezahlt wird. Mich haben Leute schon mal ernsthaft gefragt, wie viel Geld ich denn schon für meine ganzen Demos bekommen hätte.Tilda: Oder man ist linksextrem, wenn man einen Nazi einen Nazi nennt.Jakob: Stimmt, dann ist man linksextrem, ein Wessi und wählt Heidi Reichinnek. Tilda: Mich nervt diese ganze Heuchlerei, die die AfD und ihre Anhänger selbst nicht merken. Sie wollen keine Sprache vorgeschrieben bekommen, deswegen soll das Gendern verboten werden, dabei ist Verbieten ja eben genau das: etwas vorschreiben. Eddie: Einmal hat unsere Mathe-Lehrerin statt Hans, Peter und Uwe die Namen Ali, Mohammed und Ibrahim in die Matheaufgabe genommen. Was haben die sich aufgeregt, nur, weil die Lehrerin einfach mal nicht typisch deutsche Namen verwendet hat.Tilda: Sowas ist fast schon normal geworden, weil die Rechten die lautesten sind. Ich erinnere mich noch sehr genau, als ich im PB-Unterricht (politische Bildung) etwas gesagt habe, und dann sechs schreiende, größere, vor Wut rotgesichtige Typen plötzlich vor mir hatte, die mit den Tischen wackelten, dass die fast umkippten, nur weil sie meine Meinung nicht teilten. Bei sowas schreiten die Lehrer nicht ein, weil sie sich an den Beutelsbacher Konsens, nach dem sie nicht überwältigen dürfen, halten wollen, dabei ist es längst schon keine Debatte mehr, sondern ein Streitgespräch. Und dann ergeben sich auch so Risse in der Klassengemeinschaft, niemand sagt was, und ich stehe dann meistens alleine da. Ich soll die Waffe in die Hand nehmen, aber darf nicht mitreden?Du gehst also nicht gerne in die Schule?Tilda: Ich habe eine Strichliste zu Hause, wie viele Tage ich noch in der Schule sein muss. Ich bin jetzt bei 56 Tagen, dann bin ich endlich raus. In den Augen der meisten Schüler bin ich die lächerliche Feministin, die hypersensibel ist, wenn ich sage, dass ich für Menschenrechte bin. Oder für die Verfassung. Das ist ganz schön anstrengend oder eben auch frustrierend. Ihr habt den Beutelsbacher Konsens angesprochen. Der bedeutet, dass man als Lehrer Schüler nicht indoktrinieren darf. Was aber nicht bedeutet, dass man sich als Lehrer nicht für demokratische Werte einsetzen darf. Viele Lehrer deuten den Konsens aber so, dass sie nichts gegen antidemokratische Parteien sagen dürfen. Auch an euren Schulen?Tilda: Man sieht es halt ganz häufig im Unterricht, dass viel zu wenig eingeordnet wird. Also im PB-Unterricht fand ich es super, dass wir vor den Europawahlen, als die ersten von uns wählen durften, einen Wahl-O-Mat gemacht haben. Aber ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie ich an meinem Tisch saß mit meiner linken Freundin, und sie mich bei jeder Frage gefragt hat: Was bedeutet das? Was hat das für Konsequenzen? Weil wir sowas eben nicht im Unterricht lernen.Jakob: Mich haben Mitschüler beim Wahl-O-Maten gefragt, was die beste Antwort sei. Als wäre das ein Test.Eddie: Ein Lehrer von mir ist vor den Europawahlen die Wahlprogramme durchgegangen und hat damit eine Abmahnung riskiert, weil er sich nicht an den Lehrplan gehalten hat. Das war aber total wichtig, denn die meisten Eltern würden sich nicht mit ihren Kindern hinsetzen und die Wahlprogramme durchgehen.Jakob: Außerdem haben die meisten Eltern ja schon eine gefestigte politische Meinung und würden das weiter vorleben.Tilda: Das ist so ein Teufelskreis. Die ganze Zeit habe ich das Gefühl, die Politik schiebt dieses Thema immer weiter auf, aber unsere Generation wird erwachsen. Und irgendwann stehen wir da und machen die Politik. Und dann ist es eben nicht nur der Landesschülerrat, der sich für die Demokratie einsetzt, sondern dann sind da auch die Rechten, die dann vielleicht in der Überzahl sind. Macht ihr auch die derzeitige Politik für den Rechtsruck bei Jugendlichen verantwortlich? Tilda: Viele junge Leute sind extrem frustriert über die Regierungsparteien. Die AfD war noch nie in der Regierung und viele glauben, die AfD müsste nur einmal in die Regierung kommen und dann wären alle unsere Probleme gelöst. Aber klar, jetzt ist die CDU wieder in der Regierung und die machen nichts für uns junge Menschen. Wir werden von der Regierung im Stich gelassen. Wie oft saß unser Generalsekretär von der Bundesschülerkonferenz bei Welt-TV und hat angeprangert, dass wir nicht mitreden dürfen, wenn über unsere Zukunft entschieden wird. Ich soll die Waffe in die Hand nehmen, aber darf nicht mitreden? Die 2005er und 2006er Geburtsjahrgänge haben den Kulturpass bekommen und wir kriegen die Wehrpflicht. Das sagt schon sehr viel aus.Eddie: Wenn wir so weitermachen, erziehen wir uns die perfekten Rechtsextremisten. Wie genau meinst du das?Eddie: Unsere Generation bekommt nur Krisen mit: erst die Corona-Pandemie, dann der Ukraine-Krieg, dann der Nahost-Konflikt, dann die Inflation, dann die Wehrpflicht, dann schickt Russland Drohnen – es sind nur Ängste um uns herum, wir werden immer nur „beschossen“ mit schlechten Nachrichten, es gibt keinen Lichtblick, alles wird immer teurer. Es gibt so ein schönes Lied: Ich und meine Freunde haben Zukunftsangst. Habt ihr auch Zukunftsängste?Tilda: Ich komme eigentlich aus einem sehr privilegierten Haushalt, trotzdem habe ich Angst, dass ich mir später kein Haus leisten kann.Jakob: Ein Haus wäre ja schon Luxus. Meine Schwester hat vier Wochen lang auch mal keine Nachrichten konsumiert, weil sie es einfach nicht mehr geistig hinbekommen hat, das alles zu verknuspern. Weil es so viele negative Nachrichten sind, die pausenlos auf einen einprasseln. Und wenn dann jemand kommt und dir eine einfache Lösung bietet und sagt: Weißt du, wer schuld ist? Alle – alle außer dir sind schuld. Und du kannst alle hassen außer uns…Tilda: Oder: Die anderen wollen dir nur Angst machen. Dabei schürt ja die AfD die ganze Zeit Ängste. Sie tut immer so, als würde die Regierung gegen die Bevölkerung arbeiten. Eddie: Es ist immer dieses Gefälle zwischen die da oben und wir hier unten…Tilda: Selbst die AfD ist ja eigentlich die da oben, aber in diesem Feindbild ist die AfD mit da unten. Die dürfen ja nicht in die Regierung, die werden zu den Interviews nicht eingeladen. Und die sind ja immer das Opfer.Eddie: Wir haben einen extremen Rechtsruck im Land, weil es die AfD verstanden hat, die größten Massenmedien der jungen Generation zu bespielen. Tilda: Es wird sich viel zu wenig um Medienkompetenz an Schulen gekümmert. Dabei geht es nicht darum, wie wir eine Mail schreiben, wie ich ein Word-Dokument erstelle oder wie ich das in ein PDF konvertiere. Bei Medienkompetenz geht es darum, zu verstehen, wie ein Algorithmus funktioniert, warum mir genau das angezeigt wird, was mir angezeigt wird, wie ich Quellen checken kann und was da in meinem Gehirn passiert, wenn ich das gerade sehe. Wie kann ich checken, ob das jetzt echt ist, und wo kann ich das nachgucken, vergleichen. Dieses Fact-Checking machen wir an Texten aus einer Zeitung, aber nie an einem 30-Sekunden-TikTok-Video von Maximilian Krah.