Vom Kunstflug zur Kriegsmaschine: In Rangsdorf südlich von Berlin starteten Karrieren berühmter Pilotinnen. Was als sportliche Emanzipation begann, mündete bald in NS-Verstrickung. Ein Kunstprojekt nähert sich nun dem Thema – mit Lücken
Bis zum Krieg war die Gräfin von Stauffenberg Melitta Schenk als Mitarbeiterin und Erbrobungsfliegerin bei der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt
Foto: United Archives/gettyimages
Mit seinem wunderbaren See südlich der Reichshauptstadt gelegen, war Rangsdorf in den 1920er- und 1930er-Jahren Sehnsuchtsort betuchter Berliner. 1936 wurde hier der „Reichssportflughafen“ eröffnet, der im Mobilmachungsplan der Luftwaffe als Flugplatz der „Kriegsflieger Ersatzabteilung“ eingestuft war.
Zuvor schon hatte sich der Ort als erste Adresse der Sportfliegerei in Deutschland empfohlen. Besonders junge Frauen fühlten sich von seinem Flair und den Möglichkeiten, hier zu fliegen, angezogen. Dazu gehörten Liesel Bach, Elly Beinhorn, Vera von Bissing, Liese-Lotte Georgi, Hanna Reitsch, Ilse Fastenrath, Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg, Beate Uhse. Starke Frauen, die sich innerhalb der Männerdomäne Fliegen behaupteten – und das während der NS-Zeit und eines verheerenden Krieges.
Mit einem Kunstprojekt den Fliegerinnen nähern
Dies legt den Gedanken nahe, sich diesem Phänomen mit den Mitteln der Kunst zu nähern. Die Geschäftsführerin der GEDOK Brandenburg e. V., Karin Stahmleder, und ihr Team entschieden, das Thema „Frauen – Fliegen in Rangsdorf“ mit einer kürzlich zu Ende gegangenen Ausstellung der Öffentlichkeit nahezubringen.
Ein über die Region hinaus ausstrahlendes Projekt, dem sich zwei Künstlerinnen stellten: Frauke Beeck, die seit 2020 mittels Spray-Technik in unterschiedlichen Formaten zu Frauendenkmälern im öffentlichen Raum arbeitet, und Barbara Noculak, die sich dem Thema Fliegen mit Zeichnungen, Textrollen und Großfotos widmet. Eine Plastik, eine Statue oder etwas Verwandtes – für alle Frauen, die hier flogen, so ihr Anliegen. Zu fragen bleibt, wem hatte man sich mit dieser „Spurensuche“ verschrieben, welche Zeitläufte in den Blick genommen?
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Vor gut hundert Jahren war das Fliegen etwas ungemein Exklusives. Nicht nur wegen des Geldes. Die Flugzeuge waren von der Konstruktion her häufig noch fragil, die Flugsicherung von unterschiedlicher Professionalität. Fliegen war gefährlich. Kunstflug ohnehin. Am Anfang standen nicht selten naive Neugier und ein Interesse für Ungewöhnliches, das über das schrittweise Beherrschen des Flugapparates zur Leidenschaft wurde. Die „Rangsdorferinnen“ durchliefen eine Ausbildung, deren Kern der Kunstflug war – die Königsklasse der Fliegerei.
Das Ringen um Perfektion und Eleganz geschah in aller Öffentlichkeit, über den Köpfen derer, die am Boden staunten. Unglaublich motivierend für jene, die sich an der Spitze behaupteten. Wenn sich dazu noch die Anerkennung durch Staat wie Politik gesellte und zu öffentlicher Ehrung führte, lag Selbstüberschätzung in der Luft. Man war bereit, Kompromisse einzugehen, damit diese Quelle des Wohlbefindens, des Einsseins mit Land und Leuten, nicht versiegte.
Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg: Bis zu 15 Sturzflüge am Tag
Das Fliegeridol Ernst Udet hatte 1931 in den USA Sturzflüge mit dem punktgenauen Abwerfen von Sandsäcken erlebt. Dieses Element der Luftkriegsführung wurde auf sein Drängen hin mit unterschiedlichen Flugtypen erprobt. Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg war eine der Testpilotinnen. Es gab Tage, an denen sie, die auch ausgebildete Ingenieurin war, bis zu 15 Sturzflüge absolvierte. Sie galt als überragende Fliegerin und kam aus einer jüdischen Familie.
1937 heiratete sie Alexander von Stauffenberg, den Bruder des späteren Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Das Paar lebte in ständiger Gefahr, entrechtet zu werden. 1944 stellte man Melitta aufgrund ihres Einsatzes für die deutsche Luftwaffe „arischen Personen“ gleich. Sie wurde schließlich mit dem Eisernen Kreuz und der Goldenen Frontflug-spange mit Brillanten ausgezeichnet.
Im Mai 1944, als Stauffenberg entschlossen war, das Attentat selbst zu übernehmen, erfuhren Melitta und Alexander von den Umsturzplänen. Stauffenberg bat seine Schwägerin, die an der Luftkriegsakademie in Berlin-Gatow die Versuchsstelle für Sonderfluggeräte leitete, ihn zu Adolf Hitler in die Wolfsschanze zu fliegen. Sie war dazu bereit, doch stand ihr nur ein „Fieseler Storch“, eine Maschine mit geringer Geschwindigkeit, zur Verfügung. Zu unsicher für das Vorhaben. Mit dem Fieseler Storch zu fliegen wurde verworfen.
Nach dem missglückten Attentat wurde Melitta in Sippenhaft genommen, konnte aber im September 1944 ihre Tätigkeit wieder aufnehmen. Sie nutzte das, um anderen Verfolgten, vor allem ihrem Mann, zu helfen. Als sie am 8. Mai 1945 zu ihm fliegen wollte, wurde sie bei Straßkirchen in Bayern durch ein US-Flugzeug abgeschossen und erlag ihren Verletzungen.
Elly Beinhorn und Bernd Rosemeyer galten der NS-Propaganda für ihren Einsatz beim Beherrschen modernster Technik als beispielhaftes arisches Ehepaar. Sie, die tapfere Fliegerin, die in der Wüste notlandet, sich halb verdurstet durchschlägt. Er, bester Rennfahrer seiner Zeit und überzeugter Nationalsozialist. Rosemeyer starb 1938 bei einem Rekordversuch. Elly Beinhorn war im Zweiten Weltkrieg nur begrenzt als Flugzeugführerin im Einsatz.
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Hanna Reitsch: Unbeachtet verließ sie den Berliner Luftraum
Auch Hanna Reitsch, ebenfalls Testfliegerin, nannte Rangsdorf ihr fliegerisches Zuhause. Hier erprobte sie Lenksysteme der Gleitbombe Henschel 293. Anderenorts flog Reitsch als erste Frau Hubschrauber, testete den Sturzkampfbomber Ju 87, später den Raketenjäger Me 163. Mit dem Eisernen Kreuz und anderen Auszeichnungen hoch dekoriert, legte sie am 28. Februar 1944 Hitler ihren „SO-Plan“ vor. Piloten sollten sich mit sprengstoffbeladenen Maschinen auf den Gegner stürzen. Sie selbst war dazu bereit.
Hitler lehnte zunächst ab. Am 16. April 1945 startete dann aber doch in Jüterbog-Damm ein erster „Selbstopfer-Verband“ mit neun Flugzeugen, um mit der Zerstörung der Oderbrücken die Rote Armee aufzuhalten. Am 17. April folgte eine zweite Aktion mit 30 Maschinen. Am 24. April meldete sich kein Pilot mehr zum Flug ohne Wiederkehr.
Hanna Reitsch indes landete mit dem Chef der Luftwaffe, Ritter von Greim, am 26. April 1945 in Berlin auf der Ost-West-Achse, um Hitler in seinem Bunker aufzusuchen. Zum Abschied ging je eine Cyanid-Kapsel aus dessen Hand in die Hände der Gäste. Sie würden sich nie ergeben, so die Beschenkten. Am 28. April gelang Reitsch der Start, unbeachtet verließ sie den Berliner Luftraum.
Die Rangsdorferinnen mitten im NS-Taumel
Neben der rasanten technischen Entwicklung der 1930er-Jahre verändert sich auch die deutsche Gesellschaft. Dem NS-Regime gelingt es, den größten Teil des Volkes für seine Politik zu gewinnen – mittendrin die durch das Fliegen privilegierten „Rangsdorferinnen“. Inwieweit und wann sie sich des sich verstärkenden, schrillen, menschenfeindlichen Sounds im Lande bewusst werden, gilt es noch zu ergründen. Augenscheinlich widmen sie sich bis zum Eintritt in die Militärfliegerei vor allem ihrem Sport. Von Begeisterung getragen, erreichen ihre Karrieren mit dem Kunstflugwettbewerb in Rangsdorf anlässlich der Olympischen Spiele 1936 ihren Höhepunkt.
Dabei konnte, wer heute Sportmaschinen erprobte, morgen schon Sturzkampfbomber testen – der Übergang geschah fließend, war aber wesentlich. Irgendwann kam man aus diesem Sog nicht mehr unbeschadet heraus. Es blieb beim Versuch, Schaden zu begrenzen, wie ihn Melitta Stauffenberg gegen Ende des Krieges unternahm. Ohne Frage, die „Rangsdorferinnen“ waren Kinder ihrer Zeit, verführt von den Verheißungen jener Jahre. Und sie stellten sich mit ihren Fähigkeiten in den Dienst eines Systems, das zum Krieg und zur Expansion trieb.
Blick auf die Biografien: Schlecht ausgeleuchtet
Wie produktiv ist es heute, sich mit den Biografien der Protagonistinnen für ein Kunstprojekt wie dem eingangs beschriebenen auseinanderzusetzen? Selbst wenn man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen kann – Kunst sollte den Blick weiten –, ist festzustellen, dass bei der „Spurensuche“ noch nicht einmal die Werkstatt betreten wurde, auch wenn die in der Ausstellung gezeigten Blätter das suggerieren. Bestenfalls wurde das schlecht ausgeleuchtete Materiallager entdeckt, überwältigt von der Menge Leben, aus dem sich schöpfen ließ.
Produktiv und erkenntnisfördernd wäre es gewesen, mit dem Blick auf die „Rangsdorferinnen“, sich mit den Mechanismen der Verführung, des Kaperns und Umdrehens von Idealen zu befassen – als angemessenes künstlerisches Anliegen in Zeiten der schleichenden Indoktrination, angestrebter Kriegstüchtigkeit. Den subversiven Charakter von Kunst im Auge wäre zu fragen, wie stehen die Chancen, sich als Künstler dem Missbrauch von Leidenschaft und Engagement zu widersetzen, die eigenen Widerstandskräfte zu stärken, sich treu zu bleiben?
Die hohe Zeit der „Rangsdorferinnen“ waren die Jahre zwischen 1936 und 1945. Das ist die Folie, vor der sich deren Leben abspielte. Das einzufangen ist der Ausstellung nicht gelungen. Des politischen Backgrounds entkernt wurde auf Emanzipation und Fliegerei abgestellt. Dort, wo der Zeitbezug dann doch hergestellt wurde, landete man in Verehrung der Fliegerinnen als tapfere Kriegerinnen. Was bleibt, ist nicht nur die „Schwierigkeit mit der Wahrheit“, sondern auch die „Schwierigkeit mit der Vergangenheit“.
haupteten – und das während der NS-Zeit und eines verheerenden Krieges.Mit einem Kunstprojekt den Fliegerinnen nähernDies legt den Gedanken nahe, sich diesem Phänomen mit den Mitteln der Kunst zu nähern. Die Geschäftsführerin der GEDOK Brandenburg e. V., Karin Stahmleder, und ihr Team entschieden, das Thema „Frauen – Fliegen in Rangsdorf“ mit einer kürzlich zu Ende gegangenen Ausstellung der Öffentlichkeit nahezubringen.Ein über die Region hinaus ausstrahlendes Projekt, dem sich zwei Künstlerinnen stellten: Frauke Beeck, die seit 2020 mittels Spray-Technik in unterschiedlichen Formaten zu Frauendenkmälern im öffentlichen Raum arbeitet, und Barbara Noculak, die sich dem Thema Fliegen mit Zeichnungen, Textrollen und Großfotos widmet. Eine Plastik, eine Statue oder etwas Verwandtes – für alle Frauen, die hier flogen, so ihr Anliegen. Zu fragen bleibt, wem hatte man sich mit dieser „Spurensuche“ verschrieben, welche Zeitläufte in den Blick genommen?Placeholder image-1Vor gut hundert Jahren war das Fliegen etwas ungemein Exklusives. Nicht nur wegen des Geldes. Die Flugzeuge waren von der Konstruktion her häufig noch fragil, die Flugsicherung von unterschiedlicher Professionalität. Fliegen war gefährlich. Kunstflug ohnehin. Am Anfang standen nicht selten naive Neugier und ein Interesse für Ungewöhnliches, das über das schrittweise Beherrschen des Flugapparates zur Leidenschaft wurde. Die „Rangsdorferinnen“ durchliefen eine Ausbildung, deren Kern der Kunstflug war – die Königsklasse der Fliegerei.Das Ringen um Perfektion und Eleganz geschah in aller Öffentlichkeit, über den Köpfen derer, die am Boden staunten. Unglaublich motivierend für jene, die sich an der Spitze behaupteten. Wenn sich dazu noch die Anerkennung durch Staat wie Politik gesellte und zu öffentlicher Ehrung führte, lag Selbstüberschätzung in der Luft. Man war bereit, Kompromisse einzugehen, damit diese Quelle des Wohlbefindens, des Einsseins mit Land und Leuten, nicht versiegte.Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg: Bis zu 15 Sturzflüge am TagDas Fliegeridol Ernst Udet hatte 1931 in den USA Sturzflüge mit dem punktgenauen Abwerfen von Sandsäcken erlebt. Dieses Element der Luftkriegsführung wurde auf sein Drängen hin mit unterschiedlichen Flugtypen erprobt. Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg war eine der Testpilotinnen. Es gab Tage, an denen sie, die auch ausgebildete Ingenieurin war, bis zu 15 Sturzflüge absolvierte. Sie galt als überragende Fliegerin und kam aus einer jüdischen Familie.1937 heiratete sie Alexander von Stauffenberg, den Bruder des späteren Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Das Paar lebte in ständiger Gefahr, entrechtet zu werden. 1944 stellte man Melitta aufgrund ihres Einsatzes für die deutsche Luftwaffe „arischen Personen“ gleich. Sie wurde schließlich mit dem Eisernen Kreuz und der Goldenen Frontflug-spange mit Brillanten ausgezeichnet.Im Mai 1944, als Stauffenberg entschlossen war, das Attentat selbst zu übernehmen, erfuhren Melitta und Alexander von den Umsturzplänen. Stauffenberg bat seine Schwägerin, die an der Luftkriegsakademie in Berlin-Gatow die Versuchsstelle für Sonderfluggeräte leitete, ihn zu Adolf Hitler in die Wolfsschanze zu fliegen. Sie war dazu bereit, doch stand ihr nur ein „Fieseler Storch“, eine Maschine mit geringer Geschwindigkeit, zur Verfügung. Zu unsicher für das Vorhaben. Mit dem Fieseler Storch zu fliegen wurde verworfen.Nach dem missglückten Attentat wurde Melitta in Sippenhaft genommen, konnte aber im September 1944 ihre Tätigkeit wieder aufnehmen. Sie nutzte das, um anderen Verfolgten, vor allem ihrem Mann, zu helfen. Als sie am 8. Mai 1945 zu ihm fliegen wollte, wurde sie bei Straßkirchen in Bayern durch ein US-Flugzeug abgeschossen und erlag ihren Verletzungen.Elly Beinhorn und Bernd Rosemeyer galten der NS-Propaganda für ihren Einsatz beim Beherrschen modernster Technik als beispielhaftes arisches Ehepaar. Sie, die tapfere Fliegerin, die in der Wüste notlandet, sich halb verdurstet durchschlägt. Er, bester Rennfahrer seiner Zeit und überzeugter Nationalsozialist. Rosemeyer starb 1938 bei einem Rekordversuch. Elly Beinhorn war im Zweiten Weltkrieg nur begrenzt als Flugzeugführerin im Einsatz.Placeholder image-2Hanna Reitsch: Unbeachtet verließ sie den Berliner LuftraumAuch Hanna Reitsch, ebenfalls Testfliegerin, nannte Rangsdorf ihr fliegerisches Zuhause. Hier erprobte sie Lenksysteme der Gleitbombe Henschel 293. Anderenorts flog Reitsch als erste Frau Hubschrauber, testete den Sturzkampfbomber Ju 87, später den Raketenjäger Me 163. Mit dem Eisernen Kreuz und anderen Auszeichnungen hoch dekoriert, legte sie am 28. Februar 1944 Hitler ihren „SO-Plan“ vor. Piloten sollten sich mit sprengstoffbeladenen Maschinen auf den Gegner stürzen. Sie selbst war dazu bereit. Hitler lehnte zunächst ab. Am 16. April 1945 startete dann aber doch in Jüterbog-Damm ein erster „Selbstopfer-Verband“ mit neun Flugzeugen, um mit der Zerstörung der Oderbrücken die Rote Armee aufzuhalten. Am 17. April folgte eine zweite Aktion mit 30 Maschinen. Am 24. April meldete sich kein Pilot mehr zum Flug ohne Wiederkehr.Hanna Reitsch indes landete mit dem Chef der Luftwaffe, Ritter von Greim, am 26. April 1945 in Berlin auf der Ost-West-Achse, um Hitler in seinem Bunker aufzusuchen. Zum Abschied ging je eine Cyanid-Kapsel aus dessen Hand in die Hände der Gäste. Sie würden sich nie ergeben, so die Beschenkten. Am 28. April gelang Reitsch der Start, unbeachtet verließ sie den Berliner Luftraum.Die Rangsdorferinnen mitten im NS-TaumelNeben der rasanten technischen Entwicklung der 1930er-Jahre verändert sich auch die deutsche Gesellschaft. Dem NS-Regime gelingt es, den größten Teil des Volkes für seine Politik zu gewinnen – mittendrin die durch das Fliegen privilegierten „Rangsdorferinnen“. Inwieweit und wann sie sich des sich verstärkenden, schrillen, menschenfeindlichen Sounds im Lande bewusst werden, gilt es noch zu ergründen. Augenscheinlich widmen sie sich bis zum Eintritt in die Militärfliegerei vor allem ihrem Sport. Von Begeisterung getragen, erreichen ihre Karrieren mit dem Kunstflugwettbewerb in Rangsdorf anlässlich der Olympischen Spiele 1936 ihren Höhepunkt.Dabei konnte, wer heute Sportmaschinen erprobte, morgen schon Sturzkampfbomber testen – der Übergang geschah fließend, war aber wesentlich. Irgendwann kam man aus diesem Sog nicht mehr unbeschadet heraus. Es blieb beim Versuch, Schaden zu begrenzen, wie ihn Melitta Stauffenberg gegen Ende des Krieges unternahm. Ohne Frage, die „Rangsdorferinnen“ waren Kinder ihrer Zeit, verführt von den Verheißungen jener Jahre. Und sie stellten sich mit ihren Fähigkeiten in den Dienst eines Systems, das zum Krieg und zur Expansion trieb.Blick auf die Biografien: Schlecht ausgeleuchtetWie produktiv ist es heute, sich mit den Biografien der Protagonistinnen für ein Kunstprojekt wie dem eingangs beschriebenen auseinanderzusetzen? Selbst wenn man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen kann – Kunst sollte den Blick weiten –, ist festzustellen, dass bei der „Spurensuche“ noch nicht einmal die Werkstatt betreten wurde, auch wenn die in der Ausstellung gezeigten Blätter das suggerieren. Bestenfalls wurde das schlecht ausgeleuchtete Materiallager entdeckt, überwältigt von der Menge Leben, aus dem sich schöpfen ließ.Produktiv und erkenntnisfördernd wäre es gewesen, mit dem Blick auf die „Rangsdorferinnen“, sich mit den Mechanismen der Verführung, des Kaperns und Umdrehens von Idealen zu befassen – als angemessenes künstlerisches Anliegen in Zeiten der schleichenden Indoktrination, angestrebter Kriegstüchtigkeit. Den subversiven Charakter von Kunst im Auge wäre zu fragen, wie stehen die Chancen, sich als Künstler dem Missbrauch von Leidenschaft und Engagement zu widersetzen, die eigenen Widerstandskräfte zu stärken, sich treu zu bleiben?Die hohe Zeit der „Rangsdorferinnen“ waren die Jahre zwischen 1936 und 1945. Das ist die Folie, vor der sich deren Leben abspielte. Das einzufangen ist der Ausstellung nicht gelungen. Des politischen Backgrounds entkernt wurde auf Emanzipation und Fliegerei abgestellt. Dort, wo der Zeitbezug dann doch hergestellt wurde, landete man in Verehrung der Fliegerinnen als tapfere Kriegerinnen. Was bleibt, ist nicht nur die „Schwierigkeit mit der Wahrheit“, sondern auch die „Schwierigkeit mit der Vergangenheit“.