TikTok, Instagram & Co. befördern Bulimie, Magersucht, Holocaust-Leugnung und Andrew-Tate-Machismo – aber den Kindern Social Media verbieten? Das erscheint vielen Eltern unvorstellbar – sie müssten dafür ja ihr eigenes Smartphone weglegen


Niemand bei Verstand würde einen Fremden ins Kinderzimmer hereinlassen

Collage: der Freitag, Material: KI-Bilder


Die Konservativen haben recht. Auch so ein Satz, von dem ich nicht dachte, dass ich ihn jemals tippen würde. Vor ein paar Tagen sprach sich die CDU auf ihrem Bundesparteitag für die Regulierung der Social-Media-Nutzung von Jugendlichen aus. Jugendliche unter 14 sollen Plattformen wie Tiktok und Instagram nicht nutzen dürfen.

Der liberale Aufschrei ist groß, kein Wunder! Geht es um Fragen der Social-Media-Nutzung, verhalten sich deutsche Eltern wie US-amerikanische Waffennarren, die beteuern, dass nicht Waffen Menschen töten, sondern Menschen.

Analog heißt es für Social Media: Nicht die Netzwerke seien per se schlecht; es komme auf die Nutzung an. Entscheidend sei die „Medienkompetenz“. Unbeantwortet bleibt, wer den Jugendlichen die Medienkompetenz nahebringen soll. Die Eltern, die so stark mit ihrem Endgerät verwachsen sind, dass sie inzwischen wie deren Wurmfortsatz anmuten? Oder die Boomer-Lehrer, die in ihren Telegram-Chatgruppen KI-Videos von tanzenden Affen teilen?

Wie sollen Jungen, die vaterlos aufwachsen, Andrew Tate als problematisch einstufen?

Was überhaupt soll diese Medienkompetenz sein? Wie realistisch ist es, dass im Tiktok-Feed, der im Sekundentakt neue Videos zuspielt, mal eben das (nicht vorhandene) Impressum des Urhebers überprüft wird? Von Produkten erwarten wir, dass sie geprüft in den Handel geraten. Für Medieninhalte gibt es keine Begrenzung, nicht einmal für Kinder; die sind selbst schuld, sich nicht die Kompetenz der Gefahrenerkennung draufgeschafft zu haben.

Wie aber sollen Kinder, die die Shoah im Geschichtsunterricht noch gar nicht behandelt haben, Holocaust-Leugnung im Netz als Fake News identifizieren? Wie sollen Jungen, die vaterlos aufwachsen, den Machismo der GymBros und Andrew Tates dieser Welt als problematisch einstufen?

Vor zwei Jahrzehnten warnte die Klicksafe-Kampagne „Wo ist Klaus?“ Eltern vor Gefahren im Netz. Darin verlangen nacheinander Skinheads, Pornodarsteller und ein schussfreudiger Roboter Einlass ins Haus. Die Mutter schickt die Eindringlinge zu ihrem Klaus ins obere Stockwerk. Zum Schluss möchte ein älterer Herr die kleine Anna mitnehmen, um ihr „einen Hasen“ zu zeigen.

Die Mutter schickt ihr Kind mit dem Fremden weg. Die Botschaft der Kampagne ist klar: „Im wirklichen Leben würden Sie Ihre Kinder schützen.“ Kein Mensch bei Verstand würde einem Wildfremden Zutritt zum heimischen Kinderzimmer gewähren. Doch im World Wide Web sind Cybergrooming und gewaltverherrlichende Inhalte für Kids längst Realität.

„Medienkompetenz“? Wir trainieren doch auch nicht die „Drogenkompetenz“ unserer Kinder

Wir schützen unsere Kinder selbstverständlich vor den Gefahren des Alkohol- und Drogenkonsums und kämen nie auf die Idee, ihnen eine Stange Zigaretten zu kaufen, nur weil ihnen Freunde früher oder später eine Zigarette oder einen Joint anbieten könnten. Wir trainieren also nicht die „Drogen-Kompetenz“ unserer Kinder.

Soziale Netzwerke sind noch gefährlicher, weil ihre Algorithmen in Echtzeit auf das Nutzerverhalten reagieren – oder sie, basierend auf der Demografie des Nutzers, „interessante“ Inhalte darbieten. Vor diesem algorithmischen Anfixen sind auch wir Erwachsenen nicht sicher. Wie sollen es Kinder sein?

Wir Eltern stehen schulterzuckend daneben. Den Kindern Social Media zu verbieten, erscheint aussichtslos. Ist es nicht überall? Ist es nicht Grundvoraussetzung für soziale Teilhabe, weil heute doch alle auf Social Media herumhängen, sich über Chatgruppen vernetzen, den Streams von Freunden beiwohnen?

Wie Social Media Bulimie und Magersucht befördert

Es nützt nichts, dass Ärzte und Psychologen vor den dramatisch veränderten Körperbildern von Kindern und Jugendlichen warnen. Laut einer Erhebung der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie gab ein Fünftel der Befragten unter 30 an, Social-Media-Posts hätten bei ihnen den Wunsch erzeugt, den eigenen Körper zu verändern.

Auch Magersucht und Bulimie werden auf Social Media befördert. Nicht nur, indem Influencer und Promis unrealistische Körperideale vorführen – wer wirklich dünn sein möchte, findet entsprechende Gruppen, die Thinspiration posten (das ist ein Kofferwort aus „Dünn“ und „Inspiration“), oder man vernetzt sich in Pro-Mia-(Pro-Bulimie) und Pro-Ana-(Pro-Magersucht)Chatgruppen.

Wenn Eltern selbst im Anti-„Schwurbler“-Rabbit Hole festhängen

Seien wir ehrlich: Die meisten Eltern können sich ein Social-Media-Verbot für ihre Kids nicht vorstellen, weil es Sprengstoff im Familienalltag birgt. Klar hat man keine Lust, das smoothe Dahingleiten des Alltags durch Szenen jugendlichen Protestes und elterlicher Autoritätsdarbietungen unterbrechen zu müssen.

Um den Kids den Konsum von Social Media verbieten zu können, müsste man ja geistig anwesend sein oder das eigene Smartphone aus der Hand legen, was schwer ist, wenn dieser ultra-unterhaltsame Vincent mal wieder ein Video über den schwurbelnden Xavier Naidoo droppt und damit die elterliche Medienkompetenz trainiert.

Wie gesagt, ich bin hier ganz bei den Konservativen, ja, bei der Konservativen schlechthin. Wie gemahnt uns die Pastorengattin Helen Lovejoy bei den Simpsons? „Won’t somebody please think of the children!“ Verdammt richtig, denk doch einer mal an die Kinder!

chlecht; es komme auf die Nutzung an. Entscheidend sei die „Medienkompetenz“. Unbeantwortet bleibt, wer den Jugendlichen die Medienkompetenz nahebringen soll. Die Eltern, die so stark mit ihrem Endgerät verwachsen sind, dass sie inzwischen wie deren Wurmfortsatz anmuten? Oder die Boomer-Lehrer, die in ihren Telegram-Chatgruppen KI-Videos von tanzenden Affen teilen?Wie sollen Jungen, die vaterlos aufwachsen, Andrew Tate als problematisch einstufen?Was überhaupt soll diese Medienkompetenz sein? Wie realistisch ist es, dass im Tiktok-Feed, der im Sekundentakt neue Videos zuspielt, mal eben das (nicht vorhandene) Impressum des Urhebers überprüft wird? Von Produkten erwarten wir, dass sie geprüft in den Handel geraten. Für Medieninhalte gibt es keine Begrenzung, nicht einmal für Kinder; die sind selbst schuld, sich nicht die Kompetenz der Gefahrenerkennung draufgeschafft zu haben.Wie aber sollen Kinder, die die Shoah im Geschichtsunterricht noch gar nicht behandelt haben, Holocaust-Leugnung im Netz als Fake News identifizieren? Wie sollen Jungen, die vaterlos aufwachsen, den Machismo der GymBros und Andrew Tates dieser Welt als problematisch einstufen?Vor zwei Jahrzehnten warnte die Klicksafe-Kampagne „Wo ist Klaus?“ Eltern vor Gefahren im Netz. Darin verlangen nacheinander Skinheads, Pornodarsteller und ein schussfreudiger Roboter Einlass ins Haus. Die Mutter schickt die Eindringlinge zu ihrem Klaus ins obere Stockwerk. Zum Schluss möchte ein älterer Herr die kleine Anna mitnehmen, um ihr „einen Hasen“ zu zeigen.Die Mutter schickt ihr Kind mit dem Fremden weg. Die Botschaft der Kampagne ist klar: „Im wirklichen Leben würden Sie Ihre Kinder schützen.“ Kein Mensch bei Verstand würde einem Wildfremden Zutritt zum heimischen Kinderzimmer gewähren. Doch im World Wide Web sind Cybergrooming und gewaltverherrlichende Inhalte für Kids längst Realität.„Medienkompetenz“? Wir trainieren doch auch nicht die „Drogenkompetenz“ unserer KinderWir schützen unsere Kinder selbstverständlich vor den Gefahren des Alkohol- und Drogenkonsums und kämen nie auf die Idee, ihnen eine Stange Zigaretten zu kaufen, nur weil ihnen Freunde früher oder später eine Zigarette oder einen Joint anbieten könnten. Wir trainieren also nicht die „Drogen-Kompetenz“ unserer Kinder.Soziale Netzwerke sind noch gefährlicher, weil ihre Algorithmen in Echtzeit auf das Nutzerverhalten reagieren – oder sie, basierend auf der Demografie des Nutzers, „interessante“ Inhalte darbieten. Vor diesem algorithmischen Anfixen sind auch wir Erwachsenen nicht sicher. Wie sollen es Kinder sein?Wir Eltern stehen schulterzuckend daneben. Den Kindern Social Media zu verbieten, erscheint aussichtslos. Ist es nicht überall? Ist es nicht Grundvoraussetzung für soziale Teilhabe, weil heute doch alle auf Social Media herumhängen, sich über Chatgruppen vernetzen, den Streams von Freunden beiwohnen?Wie Social Media Bulimie und Magersucht befördertEs nützt nichts, dass Ärzte und Psychologen vor den dramatisch veränderten Körperbildern von Kindern und Jugendlichen warnen. Laut einer Erhebung der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie gab ein Fünftel der Befragten unter 30 an, Social-Media-Posts hätten bei ihnen den Wunsch erzeugt, den eigenen Körper zu verändern.Auch Magersucht und Bulimie werden auf Social Media befördert. Nicht nur, indem Influencer und Promis unrealistische Körperideale vorführen – wer wirklich dünn sein möchte, findet entsprechende Gruppen, die Thinspiration posten (das ist ein Kofferwort aus „Dünn“ und „Inspiration“), oder man vernetzt sich in Pro-Mia-(Pro-Bulimie) und Pro-Ana-(Pro-Magersucht)Chatgruppen.Wenn Eltern selbst im Anti-„Schwurbler“-Rabbit Hole festhängenSeien wir ehrlich: Die meisten Eltern können sich ein Social-Media-Verbot für ihre Kids nicht vorstellen, weil es Sprengstoff im Familienalltag birgt. Klar hat man keine Lust, das smoothe Dahingleiten des Alltags durch Szenen jugendlichen Protestes und elterlicher Autoritätsdarbietungen unterbrechen zu müssen.Um den Kids den Konsum von Social Media verbieten zu können, müsste man ja geistig anwesend sein oder das eigene Smartphone aus der Hand legen, was schwer ist, wenn dieser ultra-unterhaltsame Vincent mal wieder ein Video über den schwurbelnden Xavier Naidoo droppt und damit die elterliche Medienkompetenz trainiert.Wie gesagt, ich bin hier ganz bei den Konservativen, ja, bei der Konservativen schlechthin. Wie gemahnt uns die Pastorengattin Helen Lovejoy bei den Simpsons? „Won’t somebody please think of the children!“ Verdammt richtig, denk doch einer mal an die Kinder!



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