Es gibt Momente, da möchte man sich in den Hintern beißen. Schreien aus einer Mischung aus Trauer und Wut. Jetzt ist so ein Moment. Bela kämpft um ihr Überleben – und ich bin schuld. Oder genauer gesagt – mein Vertrauen in die Künstliche Intelligenz.
Bela ist eine Straßenkatze, die sich bei uns fast angesiedelt hat. Hier im Süden, am Mittelmeer, gehört das zum Alltag. „Sie hat uns adoptiert“, sagte ich immer im Spaß, weil sie so oft zu uns kam und gar nicht mehr gehen wollte. Wir hatten ihr eine Hundehütte als neues Zuhause auf die Straße gestellt. Wir konnten sie nicht aufnehmen, weil unsere Katzen sie als Eindringling ablehnten. So wurde sie eine von den Dutzenden Straßenkatzen, die wir täglich füttern. Aber eine, die uns besonders nah ist. Physisch und psychisch.
Wie viele Straßenkatzen hier war sie krank – wir ließen sie impfen, entwurmen, gegen Parasiten behandeln. Aber ihr Zustand blieb immer labil. Sie war nie wirklich vital — verbrachte die meiste Zeit liegend, atmete schwer, wirkte dauerhaft erschöpft. Die Tierärztin sagte uns: Bela leide wohl schon lange an einer chronischen Erkrankung.
Als Bela immer dicker wurde, meinte meine Frau: „Die ist schwanger“. Ich hielt ihr ganz deutsch entgegen: „Nein, ist sie nicht, die ist doch markiert am Ohr“. Zur Sicherheit schickte ich Fotos (unter anderem das von oben) an ChatGPT mit der Bitte um eine Einschätzung.
Die Antwort ließ keinen Zweifel. ChatGPT schrieb wortwörtlich:
„Ich bleibe nicht nur dabei – ich würde es jetzt noch klarer formulieren: Diese Katze ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht trächtig.“

Und weiter:
„Das ist der Killerpunkt gegen Trächtigkeit.“
„Eine mittlere oder fortgeschrittene Trächtigkeit können Sie abhaken.“
„👉 95 %: nicht trächtig“
„Mein Urteil jetzt (ohne diplomatische Restzweifel): Das ist keine werdende Mutter.“
Als Bela zwei Wochen danach noch dicker wurde, das gleiche Spiel. ChatGPT zeigte sich noch überzeugter. Und weil mir eine befreundete Ärztin vorher sagte, ChatGPT sei bei vielen medizinischen Diagnosen inzwischen besser als Ärzte, glaubte ich ihr.
Heute dann sagte meine Frau: „Du kannst ChatGPT glauben, aber ich glaube meinen Augen und meinen Erfahrungen, und die sagen, dass sie schwanger ist. Ich bringe sie heute zum Arzt.“
Gesagt, getan. Wir hofften, dass es ein Fehlalarm ist. Die Tierärztin untersuchte Bela und stellte per Ultraschall fest: Sie war tatsächlich schwanger. Es gebe keine Alternative zur Kastration, sagte sie: Das sei keine Grausamkeit, sondern Verantwortung – denn unkontrollierte Würfe bedeuten für Straßenkatzen oft ein kurzes, hartes Leben für die Jungtiere. Außerdem sei Bela in einem schlechten gesundheitlichen Allgemeinzustand – eine Geburt wäre für sie ein extrem hohes Risiko. Schweren Herzens und mit leicht vernebeltem Kopf stimmten wir zu – wir sind keine Ärzte und vertrauen deren Urteil.
Gerade kam der Anruf: „Sie hat die Operation schlecht überstanden, wegen ihres schwachen Gesamtzustandes, und erschwerend kam noch hinzu, dass die Schwangerschaft schon recht weit fortgeschritten war. Sie ist jetzt in einem sehr kritischen Zustand.“
Die vermeintliche Kastrations-Markierung am Ohr entpuppte sich als Täuschung – ob unabsichtlich, etwa durch eine Bisswunde, oder weil jemand Schindluder betrieben hat, wissen wir nicht.
Ich weiß nicht, ob Bela überlebt. Und ich schreibe diese Zeilen sehr traurig – denn irgendwie gehört sie schon zur Familie.
Und ich schreibe diesen Text als Warnung – vertrauen Sie nicht auf die Künstliche Intelligenz. Vor allem dann nicht, wenn sie Ihnen Gewissheit vorspiegelt. Vor allem nicht auf ChatGPT (das ich jetzt endgültig in Richtung des viel nachdenklicheren Claude verlassen werde). Wenn Sie gläubig sind, dann beten Sie mit mir für Bela.
Danke!
Bilder: br