Neulich habe ich mich ganz privat für den Frieden entschieden und konnte direkt spüren, wie mir warm ums Herz wurde. Es geschah beim Treffen mit einem alten Freund, den ich fast schon unter „anderer Meinung“ abgestempelt hatte


Das Gefährliche – glaubt unsere Autorin – ist, dass der Krieg so lange her ist und wir glauben, ihn beherrschen zu können

Illustration: der Freitag


Wieso seufze ich immer, wenn ich aufwache? Seit ich nicht mehr jung bin, seufze ich, genau genommen, wache ich davon auf, von so einem lauten Ausatmen, lange bevor die Weltlage ins Bewusstsein sickert, bevor ich auf den Knopf des Radios drücke für die neue ungute Nachricht des Tages, bevor das Cortisol einschießt wie einst die Milch in meine Brüste und mit ihr der herrlich autoritäre Durst, der sofort bedient werden musste, sonst verschwand er ungestillt.

Seit ich nicht mehr jung bin, wache ich nachts alle zwei bis drei Stunden auf, jeweils mit so einem Seufzen. Zum Glück schlafe ich rasch wieder ein, dankbar für die Gnade, und schiebe auch dies aufs Älterwerden, das sich immer neue Marotten zulegt, um mich an die Endlichkeit zu erinnern; man könnte es „Zipperlein“ nennen, klänge das nicht so – alt.

Ambiguitätsintoleranz, schlimmer als zur Corona-Zeit

Zum Beispiel brauche ich ein festes Kissen zwischen den Knien, wenn ich auf der Seite schlafe, und viel Wärme um den Nacken, liege ich auf dem Bauch. Ich brauche eine schwere, im Winter unbedingt doppelte Decke, beim Aufstehen knacken die Knochen und so weiter. Wenn Sie nicht mehr ganz jung sind, kennen Sie das und seufzen jetzt vielleicht ein bisschen mit mir.

Der Frieden in Europa ist auch nicht mehr ganz jung, hat auch seine Zipperlein. Das gefährlichste ist womöglich, dass der Krieg so lange her ist. Wir haben ihn nicht mehr in den Knochen und glauben, ihn beherrschen zu können – nicht mit der Lust auf Frieden, sondern mit Drohnen. Mit Muskelspielen. Meine Zipperlein bekämpfe ich mit Sport und Versuchen, weise zu werden.

Wenn ich dann, gegen halb sieben in der Frühe, endgültig aufwache, seufze ich ein letztes Mal, nun nicht durch den Mund, sondern durch die Nase. Es ist keine Entscheidung, es kommt einfach, anders als Frieden, für den man sich, ahne ich, täglich neu entscheiden muss, so wie man sich gegen die Eindeutigkeitsfalle entscheiden muss, gegen die grassierende Ambiguitätsintoleranz, die schon schlimmer und länger wütet, als Corona es tat, seltsamerweise grassiert sie besonders virulent unter denen, die sich für kulturell gebildet halten.

Dann nahte schon das Thema Gaza, Israel, Iran

Neulich habe ich mich ganz privat für den Frieden entschieden und konnte direkt spüren, körperlich, wie mir warm ums Herz wurde. Es geschah beim Treffen mit einem alten Freund, den ich selten sehe. Auch er ist älter geworden, seine grauen Haare färbt er nicht, und einen Moment bin ich versucht, ihn abzustempeln, als „anderer Meinung“ oder so. Wir sprechen über Wehrpflicht, und er, der sich als junger Mann für Zivildienst entschieden hatte, sagt, er wisse nicht, wie er sich heute entscheiden würde.

Ich habe keine Lust auf Meinung, sie drückt wie eine lästige Pflicht; ich wehre mich innerlich gegen den Impuls, Anlauf zu nehmen zu einer Diskussion. Dann fällt mir auf, dass er gesagt hat, „ich weiß nicht“, sodass es gar keinen Grund gibt für Meinungszwang. Der Druck fällt ab von mir. Ich kann einfach zuhören und darüber nachdenken, was ich alles nicht weiß.

Wir informieren einander über Berufliches, über schwere Krankheiten von Nahestehenden, erkundigen uns über den Werdegang erwachsen gewordener Kinder, kommen irgendwann am Thema Nahost nicht vorbei, eine weitere Eindeutigkeitsfalle, zumal wir in einem vollen Café sitzen und die Teller der Anderen mit den Satzfetzen um die Wette klappern, man muss fast brüllen, und wer brüllt, wird wütend und hört nicht zu.

Das Leben ist mit Ratschlägen umstellt wie die Ostukraine von russischen Invasoren

Aber sogar Iran-Israel-Gaza führt uns an diesem Abend nicht an die Front, im Gegenteil. Wir seufzen gemeinsam, traurig ob der wiederholten Vergeblichkeit, Frieden zu schaffen, traurig darüber, dass Vernunft und Menschlichkeit den Interessen-, Macht- und Gewaltkartellen so wenig entgegensetzen können. Ich spüre, dass der alte Freund an der schlimmen Welt leidet, ohne in die Eindeutigkeitsfalle zu tappen oder mich dort hineinfallen sehen zu wollen. Und das ist eine Leistung, die selten geworden ist. Einfach zuhören, im Vertrauen sprechen, offen sein, zugewandt, ohne Unangenehmes zu umschiffen.

Ich fühle, dass ich mich verändere, wenn ich mich für den Frieden entscheide. Anders als beim Aufwach-Seufzen oder beim Nahostkonflikt gibt es die Freiheit dafür. Das soll jetzt um Gottes willen kein Ratschlag sein! Ich weiß, das Leben ist mit Ratschlägen umstellt wie die Ostukraine von russischen Invasoren, aber vielleicht muss ich hier, fern von der Front, gar nicht ständig standhalten. Vielleicht darf ich weich werden, darf mich der Einsicht beugen, dass ich kleines Menschenwesen, nicht die Wahrheit weiß, sondern, wenn überhaupt, nur meine kleine temporäre Wahrheit. Vielleicht kommt die Wahrheit ganz gut ohne mich zurecht. Ein verstörender, zugleich befreiender Gedanke.

Wir Seltenen sollten uns zusammenschließen, denke ich dann noch, gerührt von meiner Rührung, nachdem ich den Freund zum Bahnhof gebracht habe. Wir Seltenen sollten viele werden und die Welt retten.

schlafe ich rasch wieder ein, dankbar für die Gnade, und schiebe auch dies aufs Älterwerden, das sich immer neue Marotten zulegt, um mich an die Endlichkeit zu erinnern; man könnte es „Zipperlein“ nennen, klänge das nicht so – alt.Ambiguitätsintoleranz, schlimmer als zur Corona-ZeitZum Beispiel brauche ich ein festes Kissen zwischen den Knien, wenn ich auf der Seite schlafe, und viel Wärme um den Nacken, liege ich auf dem Bauch. Ich brauche eine schwere, im Winter unbedingt doppelte Decke, beim Aufstehen knacken die Knochen und so weiter. Wenn Sie nicht mehr ganz jung sind, kennen Sie das und seufzen jetzt vielleicht ein bisschen mit mir.Der Frieden in Europa ist auch nicht mehr ganz jung, hat auch seine Zipperlein. Das gefährlichste ist womöglich, dass der Krieg so lange her ist. Wir haben ihn nicht mehr in den Knochen und glauben, ihn beherrschen zu können – nicht mit der Lust auf Frieden, sondern mit Drohnen. Mit Muskelspielen. Meine Zipperlein bekämpfe ich mit Sport und Versuchen, weise zu werden.Wenn ich dann, gegen halb sieben in der Frühe, endgültig aufwache, seufze ich ein letztes Mal, nun nicht durch den Mund, sondern durch die Nase. Es ist keine Entscheidung, es kommt einfach, anders als Frieden, für den man sich, ahne ich, täglich neu entscheiden muss, so wie man sich gegen die Eindeutigkeitsfalle entscheiden muss, gegen die grassierende Ambiguitätsintoleranz, die schon schlimmer und länger wütet, als Corona es tat, seltsamerweise grassiert sie besonders virulent unter denen, die sich für kulturell gebildet halten.Dann nahte schon das Thema Gaza, Israel, IranNeulich habe ich mich ganz privat für den Frieden entschieden und konnte direkt spüren, körperlich, wie mir warm ums Herz wurde. Es geschah beim Treffen mit einem alten Freund, den ich selten sehe. Auch er ist älter geworden, seine grauen Haare färbt er nicht, und einen Moment bin ich versucht, ihn abzustempeln, als „anderer Meinung“ oder so. Wir sprechen über Wehrpflicht, und er, der sich als junger Mann für Zivildienst entschieden hatte, sagt, er wisse nicht, wie er sich heute entscheiden würde.Ich habe keine Lust auf Meinung, sie drückt wie eine lästige Pflicht; ich wehre mich innerlich gegen den Impuls, Anlauf zu nehmen zu einer Diskussion. Dann fällt mir auf, dass er gesagt hat, „ich weiß nicht“, sodass es gar keinen Grund gibt für Meinungszwang. Der Druck fällt ab von mir. Ich kann einfach zuhören und darüber nachdenken, was ich alles nicht weiß.Wir informieren einander über Berufliches, über schwere Krankheiten von Nahestehenden, erkundigen uns über den Werdegang erwachsen gewordener Kinder, kommen irgendwann am Thema Nahost nicht vorbei, eine weitere Eindeutigkeitsfalle, zumal wir in einem vollen Café sitzen und die Teller der Anderen mit den Satzfetzen um die Wette klappern, man muss fast brüllen, und wer brüllt, wird wütend und hört nicht zu.Das Leben ist mit Ratschlägen umstellt wie die Ostukraine von russischen InvasorenAber sogar Iran-Israel-Gaza führt uns an diesem Abend nicht an die Front, im Gegenteil. Wir seufzen gemeinsam, traurig ob der wiederholten Vergeblichkeit, Frieden zu schaffen, traurig darüber, dass Vernunft und Menschlichkeit den Interessen-, Macht- und Gewaltkartellen so wenig entgegensetzen können. Ich spüre, dass der alte Freund an der schlimmen Welt leidet, ohne in die Eindeutigkeitsfalle zu tappen oder mich dort hineinfallen sehen zu wollen. Und das ist eine Leistung, die selten geworden ist. Einfach zuhören, im Vertrauen sprechen, offen sein, zugewandt, ohne Unangenehmes zu umschiffen.Ich fühle, dass ich mich verändere, wenn ich mich für den Frieden entscheide. Anders als beim Aufwach-Seufzen oder beim Nahostkonflikt gibt es die Freiheit dafür. Das soll jetzt um Gottes willen kein Ratschlag sein! Ich weiß, das Leben ist mit Ratschlägen umstellt wie die Ostukraine von russischen Invasoren, aber vielleicht muss ich hier, fern von der Front, gar nicht ständig standhalten. Vielleicht darf ich weich werden, darf mich der Einsicht beugen, dass ich kleines Menschenwesen, nicht die Wahrheit weiß, sondern, wenn überhaupt, nur meine kleine temporäre Wahrheit. Vielleicht kommt die Wahrheit ganz gut ohne mich zurecht. Ein verstörender, zugleich befreiender Gedanke.Wir Seltenen sollten uns zusammenschließen, denke ich dann noch, gerührt von meiner Rührung, nachdem ich den Freund zum Bahnhof gebracht habe. Wir Seltenen sollten viele werden und die Welt retten.



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